Andreas Jungherr (* 1981 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Politik- und Kommunikationswissenschaftler. Er ist Professor für Politikwissenschaft, insbesondere Digitale Transformation an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Gleichzeitig ist Jungherr Mitglied des Direktoriums des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt). Jungherrs Arbeiten befassen sich mit den Auswirkungen Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung auf Gesellschaft und Politik. Dabei hat er unter anderem zu den folgenden Themen veröffentlicht: Nutzung und Wirkung von Künstlicher Intelligenz in Demokratie und Öffentlichkeit, digitale Strukturveränderung von Öffentlichkeit, politische Beteiligung, politische Kommunikation und Wahlkämpfe. In seinen Arbeiten verwendet Jungherr unter anderem Methoden der Computational Social Science, deren Potentiale und Grenzen für die sozialwissenschaftliche Forschung er in seinen Veröffentlichungen testet und kritisch diskutiert.
Leben
Andreas Jungherr wurde in Frankfurt am Main geboren, wuchs aber in Bad Homburg vor der Höhe auf, wo er 2001 am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium das Abitur ablegte. Zwischen 2001 und 2009 studierte Jungherr Politikwissenschaft, Amerikanistik und Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Jahre 2014 wurde Jungherr mit seiner Arbeit The Use of Twitter in the Analysis of Political Phenomena an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg von Harald Schoen promoviert. Diese Arbeit erhielt 2015 den Dissertationspreis der Sektion Information Technology and Politics der American Political Science Association und wurde 2015 unter dem Titel Analyzing Political Communication with Digital Trace Data bei Springer veröffentlicht.Andreas Jungherr: Analyzing Political Communication with Digital Trace Data: The Role of Twitter Messages in Social Science Research. Springer, Cham 2015, ISBN 978-3-319-20318-8, doi:10.1007/978-3-319-20319-5.
Von 2009 bis 2014 arbeitete Jungherr als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Von 2014 bis 2016 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Politische Wissenschaft, Politische Psychologie an der Universität Mannheim. Von 2016 bis 2020 war Jungherr Juniorprofessor für Social Science Data Collection and Analysis am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz. Von 2018 bis 2019 war Jungherr Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich.
Von 2020 bis 2021 arbeitete Jungherr als Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitalisierung und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit 2021 ist er als Professor an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg tätig. Von 2021 bis 2023 war dort seine Denomination Professor für Politikwissenschaft, insbesondere Steuerung innovativer und komplexer technischer Systeme. Seit 2023 ist er in Bamberg unter der Denomination Professor für Politikwissenschaft, insbesondere Digitale Transformation tätig. Seit 2025 ist Jungherr Mitglied des Direktoriums des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt).
Werk
Künstliche Intelligenz
Jungherr untersucht die Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) in Demokratie, Öffentlichkeit und Wahlkampf.
In dem Aufsatz Artificial Intelligence and Democracy: A Conceptual Framework (2023)Andreas Jungherr: Artificial intelligence and democracy: A conceptual framework. In: Social Media + Society. Band 9, Nr. 3, 2013, doi:10.1177/20563051231186353, S. 1–14. identifiziert Jungherr unterschiedliche Bereiche, in denen KI und Demokratie in Kontakt kommen: politische Selbstbestimmung, Gleichheit, Wahlen und der geopolitische Wettbewerb zwischen politischen Systemen. Auch wenn die Anwendung von KI in vielen Bereichen noch am Anfang stehe, seien dort bereits frühe Einflüsse festzustellen und erforderten kritische Begleitung und informierte Design-Entscheidungen. Hier komme der Sozialwissenschaft eine besondere Bedeutung zu, sich in den entsprechenden Debatten informiert einzubringen.
In Artificial Intelligence and the Public Arena (2023)Andreas Jungherr, Ralph Schroeder: Artificial intelligence and the public arena. In: Communication Theory. Band 33, Nr. 2–3, 2013, doi:10.1093/ct/qtad006, S. 164–173. zeigen Andreas Jungherr und Ralph Schroeder wie Künstliche Intelligenz zu einer Stärkung zentraler Akteure, Gatekeeper und Staaten in der Kontrolle von Öffentlichkeit führen kann. Aktuelle Ängste vor Desinformation könnten so zu einer unkritischen Akzeptanz zentraler Kontrollbestrebungen führen, die ungewollt zu einer Schwächung pluraler und kritischer Stimmen in der Öffentlichkeit führen.
Aktuell arbeitet Jungherr für Cambridge University Press an einem Buch über relevante sozialwissenschaftliche Ansätze und Befunde, die bei der Entwicklung und Implementierung von KI-basierten Systemen in politischen und gesellschaftlichen Kontexten wichtig sind.
Digitalisierung in Gesellschaft und Politik
Retooling Politics: How Digital Media are Shaping Democracy
In dem Buch Retooling Politics: How Digital Media are Shaping Democracy (2020) diskutieren Jungherr und seine Co-Autoren Gonzalo Rivero und Daniel Gayo-Avello die Auswirkungen der Digitalisierung und digitaler Medien auf die Politik.Andreas Jungherr, Gonzalo Rivero, Daniel Gayo-Avello: Retooling Politics: How Digital Media are Shaping Democracy. Cambridge University Press, New York 2020, ISBN 978-1-108-41940-6, doi:10.1017/9781108297820. Hierbei konzentrieren sich die Autoren auf die Bereiche: Struktur von Informationsräumen, Ansprache von Menschen durch politische Akteure, die Wirkung von Kommunikation, politische Koordination für Aktivismus oder Protest, politische Organisationen, die Rolle von Daten in der Politik und Auswirkungen auf Demokratie allgemein. Die Autoren betonen, dass es wichtig sei, um die Wirkung digitaler Medien auf Politik und Demokratie verlässlich einzuschätzen, genau hinzusehen und sich nicht von übertriebenen Erwartungen ablenken zu lassen:
Das Buch wurde in wissenschaftlichen Zeitschriften gut besprochen. So zog Regina Lawrence in ihrer Besprechung im International Journal of Press/Politics die Bilanz:
Digital Transformations of the Public Arena
In dem Buch Digital Transformations of the Public Arena (2021) diskutieren Andreas Jungherr und Ralph Schroeder die durch die Digitalisierung ausgelösten strukturellen Änderungen von Öffentlichkeit.Andreas Jungherr, Ralph Schroeder: Digital Transformations of the Public Arena. Cambridge University Press, New York 2021, ISBN 978-1-00-906554-2, doi:10.1017/9781009064484. Dabei verstehen sie die Public Arena als die Medieninfrastrukturen, die die Veröffentlichung, Verbreitung, den Empfang und die Anfechtung von Informationen ermöglichen und einschränken. Diese Infrastrukturen vermittelten dabei das Verhältnis zwischen Bürgern bzw. der Zivilgesellschaft einerseits und politischen Eliten bzw. dem Staat andererseits. Die Autoren zeigen in dem Buch auf wie die Digitalisierung Medieninfrastrukturen in China, Deutschland und den USA verändern und dadurch die Formen und Dynamiken von Diskursen und politischem Wettbewerb beeinflussen.
Digital Media in Politics and Society
In seiner öffentlichen Vorlesungsreihe Digital Media in Politics and Society (2022-) stellt Andreas Jungherr wichtige Konzepte, Befunde und Untersuchungsansätze der sozialwissenschaftlichen Arbeit zur Rolle digitaler Medien in Politik und Gesellschaft vor. Die Vorlesungsreihe wird durch einen Podcast begleitet und jährlich erweitert.
Computational Social Science
In vielen empirischen Arbeiten nutzt Jungherr Methoden der Computational Social Science. Theocharis und Jungherr definieren Computational Social Science als
In seiner Arbeit hat Jungherr die vielfältigen Erkenntnispotentiale für verschiedene Bereiche der Politik- und Kommunikationswissenschaft der Computational Social Science mit unterschiedlichen Datenquellen aufgezeigt:
Event-Detection auf Basis von Aufmerksamkeitsverschiebungen auf digitalen Plattformen über Daten des Microblogging-Dienst Twitter.Andreas Jungherr, Pascal Jürgens: Forecasting the pulse: how deviations from regular patterns in online data can identify offline phenomena. In: Internet Research. Band 23, Nr. 5, 2013, doi:10.1108/IntR-06-2012-0115, S. 589–607.Andreas Jungherr, Pascal Jürgens: Stuttgart’s Black Thursday on Twitter: Mapping Political Protests with Social Media Data. In: Rachel Gibson, Marta Cantijoch, Stephen Ward (Hrsg.): Analyzing Social Media Data and Web Networks. Palgrave Macmillan, New York 2014, doi:10.1057/9781137276773_7, S. 154–196. Gegenseitige Abhängigkeit von Medienberichterstattung und Aktivität in digitalen Kommunikationsräumen über Daten des Microblogging-Dienst Twitter.Andreas Jungherr: The logic of political coverage on Twitter: Temporal dynamics and content. In: Journal of Communication. Band 64, Nr. 2, 2014, doi:10.1111/jcom.12087, S. 239–259. Öffentliche Meinung und politische Unterstützung über Daten des Microblogging-Dienst Twitter.Andreas Jungherr, Pascal Jürgens, Harald Schoen: Why the Pirate Party won the German election of 2009 or the trouble with predictions: a response to Tumasjan, A., Sprenger, T.O., Sander, P.G. & Welpe, I.M. ‘Predicting elections with Twitter: what 140 characters reveal about political sentiment’. In: Social Science Computer Review. Band 30, Nr. 2, 2012, doi:10.1177/0894439311404119, S. 229–234.Andreas Jungherr, Harald Schoen, Pascal Jürgens: The mediation of politics through Twitter: An analysis of messages posted during the campaign for the German federal election 2013. In: Journal of Computer-Mediated Communication. Band 21, Nr. 1, 2016, doi:10.1111/jcc4.12143, S. 50–68.Andreas Jungherr, Harald Schoen, Oliver Posegga, Pascal Jürgens: Digital Trace Data in the Study of Public Opinion: An Indicator of Attention Toward Politics Rather Than Political Support. In: Social Science Computer Review. Band 35, Nr. 3, 2017, doi:10.1177/0894439316631043, S. 336–356. Politische Beteiligung über Daten der E-Petitionsplattform des deutschen Bundestags.Andreas Jungherr, Pascal Jürgens: The political click: political participation through e-petitions in Germany. In: Policy & Internet. Band 2, Nr. 4, 2010, doi:10.2202/1944-2866.1084, S. 131–165.Andreas Jungherr, Pascal Jürgens: E-Petitionen in Deutschland: Zwischen niedrigschwelligem Partizipationsangebot und quasi-plebiszitärer Nutzung. In: Zeitschrift für Parlamentsfragen. Jahrgang 2011, Nr. 3, 2011, doi:10.5771/0340-1758-2011-3-523, S. 521–534. (online).