mini|Dramatheater Mariupol (2021) mini|Platzfassade (2021) mini|Platzfassade (2022) mini|Wiederaufbau (2025) mini|Nach Wiederaufbau (2025) Das Akademische Dramatheater der Oblast Donezk () ist das Schauspielhaus von Mariupol (Oblast Donezk, Ostukraine). Es wurde durch einen russischen Luftangriff am 16. März 2022 zerstört und nachfolgend wiederaufgebaut.

Geschichte 19. Jahrhundert Seit dem Jahr 1847 gab es gelegentliche Theateraufführungen in Mariupol, die zunächst in Scheunen abgehalten wurden. Für das Jahr 1878 lässt sich erstmals eine professionelle Schauspielertruppe in Mariupol nachweisen. Mit dem Kaufmann Vasil L. Schapovalov () fand sich bald ein wohlhabender Förderer, der den Konzertsaal () erbauen ließ. Dieser wurde am 8. November 1887 eröffnet und später in Wintertheater () umbenannt und konnte sich einen Namen machen, so dass er Künstler aus anderen Städten anzog, darunter Marko Kropywnyzkyj, Iwan Karpenko-Karyj oder Panas Saksahanskyj, Mychajlo Staryzkyj und Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold. Im Jahr 1884 hatte sich zudem ein Musik- und Theaterverein gegründet, der das Theater organisatorisch unterstützte.

20. Jahrhundert Anfang des 20. Jahrhunderts gab es bereits mehrere Bühnen. Das Gebäude ging an I. Uvarov über, der es vor allem auf russische Auftritte ausrichtete, wohingegen Ukrainer und Juden in anderen Theatern der Stadt auftraten. Im Jahr 1934 wurde das Theater in Alldonezker Musikdrama-Theater () umbenannt, aber diesen Namen behielt es nur bis 1937 bei. Die russische Ausrichtung wurde weiter aufrechterhalten, doch kam es im Jahr 1947 schließlich zur Schließung des russischen Theaters. Sieben Jahre später wurde es als Russisches Wandertheater der Oblast Donezk () nach Kamjanez-Podilskyj verlegt.

Am 2. November 1959 kam es nach mehr als zehnjähriger Schließung und Modernisierung zur Wiedereröffnung des Theaters. Es hieß nun indirekt nach Stalin, da Donezk in Stalino umbenannt worden war und sich somit auch der Name der Oblast geändert hatte, was aber mit der Entstalinisierung im Jahr 1961 wieder zurückgenommen wurde.

21. Jahrhundert Im Jahr 2007 wurde dem Theater der ehrende Titelzusatz „akademisch“ verliehen. Die mehr als ein Jahrhundert andauernde Geschichte des Theaters verbindet es mit zahlreichen Künstlern sowohl der Sowjetzeit als auch der Zeit der ukrainischen Unabhängigkeit.

Beim Kampf um Mariupol 2014 verschanzten sich angeblich prorussische Separatisten im Theater, so dass die Ukrainische Nationalgarde und das Regiment Asow dieses am 13. Juni 2014 erstürmten. Schon im Mai 2014 war es dort zu Schießereien gekommen.

Zerstörung 2022

In der durch russisches Militär eingekesselten Stadt kam es während der Belagerung von Mariupol am 16. März 2022 zu einem Luftangriff, bei dem das Schauspielhaus zu großen Teilen zerstört wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren mehrere hundert Menschen im Luftschutzkeller des Gebäudes untergebracht, da das Gebäude seit dem 25. Februar 2022 als einer der sechs Schutzräume der Stadt – neben dem Kulturpalast «Tschajka», der Kunstschule, der Philharmonie, dem Kulturzentrum «Liwobereschna» und dem Zentrum für zeitgenössische Kunst «Hotel Continental» – fungierte. Es kam zum Einsturz des mittleren Gebäudeteils, wodurch der Bunkereingang blockiert wurde, was die Rettung der Eingeschlossenen erschwerte. Wie viele Opfer es gab, blieb zunächst unklar. Die Regionalverwaltung ging Anfang April 2022 zunächst von mindestens 300 Opfern aus. Eine Bergung der Leichen war nicht möglich, da Spezialgerät benötigt wurde, um die schweren Trümmer der drei zerstörten Stockwerke zu beseitigen – was wiederum erst zum Theater gebracht werden konnte als sich die Gefechte gelegt hatten. Der italienische Kulturminister Dario Franceschini bot am Folgetag an, den Wiederaufbau des Theaters zu organisieren. Eine Rekonstruktion der Associated Press vom Mai 2022 schätzt die Anzahl Toten auf etwa 600.AP evidence points to 600 dead in Mariupol theater airstrike. In: Associated Press, 4. Mai 2022, abgerufen am 4. Mai 2022.Bombardierung des Theaters in Mariupol am 16.3. - Erschreckende Enthüllungen. In: Euronews, 4. Mai 2022, abgerufen am 4. Mai 2022. Der Vorfall ist Teil einer Reihe möglicher Kriegsverbrechen im Russisch-Ukrainischen Krieg. Da an eine Rückkehr vorerst nicht zu denken war, entschieden sich die ukrainischen Künstler Mitte Mai 2022, nach Uschhorod im Westen der Ukraine auszuweichen.Theater in Mariupol, tagesschau.de, 4. Januar 2026

Teilabriss und Wiederaufbau 2022–2025 Anfang Mai 2022 begannen die russischen und prorussischen Besatzer mit der Beräumung der Trümmer, nachdem zuvor schon mehrfach Begehungen der Ruine stattgefunden hatten. Aufgefundene Leichen wurden in den Monaten nach der Zerstörung anonym in einem Massengrab östlich von Mariupol bei Mangusch beerdigt, so dass die Ermittlung einer konkreten Opferzahl zusätzlich erschwert wurde. Im Juni 2022 wurde die Wiedereröffnung des Theaters im September angekündigt. Diese fand dann am 10. September 2022 im Gebäude des ehemaligen Pionierpalastes statt. Zu den Gästen zählte Iwan Iwanowitsch Ochlobystin. Als neuer Leiter wurde Igor Solonin eingesetzt, ein Zirkusdirektor aus Donezk. Zudem wurde der Wiederaufbau des Theatergebäudes binnen drei bis fünf Jahren angekündigt. Die Theatertruppe solle bis dahin Tourneen durch Russland unternehmen.

Durch die Abteilung für strategische Kommunikation der Streitkräfte der Ukraine wurde der Vorwurf geäußert, dass über noch vorhandene Leichen Beton gegossen würde. Zudem wurde berichtet, dass zur Verhinderung einer Geruchsentwicklung Bleiche genutzt werde.

Im Dezember 2022 wurde eine Sichtschutzwand um die Ruine des Theaters errichtet.Теперь вокруг руин драмтеатра в Мариуполе установлены высокие заграждения., BGC, 5. Dezember 2022 (russisch) Noch im selben Monat erfolgte der weitgehende Abriss der Ruine. Einzig die Westfassade mit dem Figurengiebel blieb stehen. Der Wiederaufbau wurde mit russischen Backsteinen anstelle von Steinen von der Krim umgesetzt. Laut russischer Schätzung sind 30 Prozent des Ursprungsbaus erhalten geblieben.

Im Dezember 2025 wurde das aufwändig instandgesetzte Theater mit einer Gala, die auch im russischen Fernsehen übertragen wurde, feierlich wiedereröffnet.

Baubeschreibung In seiner Gestalt vor der Zerstörung 2022 handelte es sich bei dem Theaterbau um ein langgezogenes Gebäude mit einer klassizistischen Front zum Theaterplatz hin. Der mit kapitellgeschmückten Säulen gestaltete Portikus wurde von einem Dreiecksgiebel mit einer Figurengruppe bekrönt. Diese zeigte Musiker, die Werktätige unterhalten. Ähnlich wie bei anderen Theaterausbauten der Nachkriegszeit, etwa beim Anhaltischen Theater in Dessau, entstand durch den Umbau in den 1950er Jahren ein wuchtiger Gebäudekomplex, der zahlreiche Fensterachsen aufwies und dessen höchster Gebäudeteil wie ein Vierungsturm über dem Gebäude thronte. Bei diesem wurde aber die Längsausrichtung hervorgehoben, indem er eine Dacherhöhung im Basilika-Stil erhielt, die mit einem eigenen Dreiecksgiebel mit verblendeten Rundbogenfenstern sowie durch angedeutete Arkadengänge betont wurde, was das klassizistische Gesamtbild verstärkte. Dieser Bereich des Theaters wurde 2022 am stärksten zerstört und fast dem Erdboden gleichgemacht. Die Ostfassade, die ebenfalls mit Säulen und einem Dreiecksgiebel verziert wurde, blieb ebenso wie der Westteil schwer beschädigt stehen. Im Zuge des Wiederaufbaus bis 2025 blieb nur die Westfassade des Gebäudes erhalten.

Umfeld Westlich des Theaters befindet sich der Theaterplatz (), östlich der Zentralplatz von Mariupol () mit einer großen Springbrunnenanlage und Skulpturen. Die abgehenden Straßen sind durch Häuser mit Ecktürmen – etwa die „Mariupol-Zwillinge“ im Norden oder die „Asowstahl-Häuser“ im Westen – betont. An der Nordwestseite des Platzes entstand seit 2007 die Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche sowie direkt neben dieser 2017 eine Alexander-Newski-Kirche. Am Theater erinnerte eine Gedenktafel an eine Rede von Grigori Iwanowitsch Petrowski.

Der Neubau des Theaters in den 1950er Jahren berührte den einstigen Standort der Maria-Magdalena-Kirche nicht, die in den 1930er Jahren zerstört wurde und sich an der Nordseite des Schauspielhauses befand. Neben dieser befand sich ein Friedhof für die Priester, den die – in den 1940er Jahren folgenden – deutschen Besatzer für ihre Toten nutzten. In den Jahren 1941 bis 1943 wurden dort mehrere hundert Menschen bestattet – hauptsächlich Deutsche und Rumänen. Es sind aber auch Piloten abgeschossener russischer Flugzeuge nachgewiesen worden. Nach der Übergabe von Lageplänen durch Rumänien im Jahr 2011 kam es zur Erforschung der Gräber in den Jahren 2017 und 2018. Die deutschen Toten wurden nach Charkiw gebracht, die russischen zu einem Heldenfriedhof. Als man die Fundamente der Kirche wiederentdeckte, schuf man für diese eine Schutzbedeckung, die sie sichtbar ließ, und stellte daneben ein Kirchenmodell auf. Auch diese Installationen wurden durch den Luftangriff 2022 zerstört.

Programm Auf dem Theaterprogramm standen bis 2022 nationale und internationale Stücke, zudem hat das Theater an allen ukrainischen Theaterfestivals teilgenommen und im Jahr 2019 das Theatertorfestival () begründet. Durch die Schließung anderer Theater war es das einzige in der Großstadt und der Region, so dass es auch in andere Städte wie Donezk reiste, um dort Vorführungen zu veranstalten.

Siehe auch

Liste beschädigter und zerstörter Kulturstätten in der Ukraine infolge des russischen Angriffskrieges seit 2022

Weblinks

Offizieller Internetauftritt (ukrainisch) Донецкий академический областной драматический театр, г. Мариуполь (russisch, mit Galerie von Künstlern, die mit dem Theater in Verbindung standen; Archiv)

Einzelnachweise

Kategorie:Theater (Ukraine) Kategorie:Erbaut in den 1880er Jahren Kategorie:Bauwerk des Neoklassizismus in der Ukraine Kategorie:Konzerthaus in der Ukraine Kategorie:Kriegsverbrechen im Russisch-Ukrainischen Krieg Kategorie:Zerstört im Russisch-Ukrainischen Krieg Kategorie:Rekonstruiertes Bauwerk