Sophrologie (von sophron („gesunden Sinnes, verständig“) und dem Suffix -logie, übersetzt etwa: „die Lehre von der Besonnenheit des Geistes“) ist eine Bewusstseinsschulung, die Körper und Geist aktivieren und das Erlebte integrieren soll.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 145–148 Die Sophrologie als therapeutische Methode wird der Alternativmedizin zugerechnet.
Der Begriff Sophrologie wurde 1960 vom kolumbianischen Neuropsychiater Alfonso Caycedo (1932–2017) geprägt. Er bezeichnet eine von ihm entwickelte Methode zur individuellen Schulung des Bewusstseins und der Werthaltungen der Existenz.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 96
Geschichte Begründer der Sophrologie war der kolumbianische Neuropsychiater Alfonso Caycedo, der diese Methode von 1960 bis 2001 in Madrid entwickelte.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 96 Er ergänzte in seiner Tätigkeit die klassischen Behandlungsmethoden der Psychiatrie mit spezifischen Techniken und dynamischen Entspannungen. Er war einer der letzten Schüler von Ludwig Binswanger, dieser beeinflusste den jungen Caycedo in seinem weiteren Werdegang maßgeblich, unter anderem auch zu seiner Reise nach Indien, Tibet und Japan (1965–1968).Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 31–39
mini|Einflüsse auf die Sophrologie
Am Anfang basierte die Sophrologie nach der Caycedo-Methode auf der Hypnose, von der sich Caycedo jedoch bald distanzierte, da diese das Bewusstsein modifiziert. Sein Ziel war es, das „reine Bewusstsein“ zu entdecken, ohne es zu verändern. Dafür integrierte er verschiedene westliche und östliche Denkweisen in seine Methode.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 41–91 So finden sich in der Sophrologie sowohl Elemente aus der existentiellen Phänomenologie, der Axiologie, als auch Aspekte aus dem japanischen Zen, dem tibetanischen Buddhismus und dem indischen Raja Yoga. Zwei westliche Entspannungsverfahren, das autogene Training nach Johannes Heinrich Schultz und die progressive Muskelentspannung von Edmund Jacobson, wurden zudem angepasst zu festen Bestandteilen der Sophrologie.
Caycedo hat den Begriff „Sophrologie“ anfänglich nicht juristisch geschützt. Heute wird zwischen „Sophrologie nach der Caycedo Methode“ und „Sophrologie“ unterschieden. Die „Sophrologie nach der Caycedo Methode“ lehrt die „authentische“ Sophrologie. Sie wird als Pädagogik der Existenz nicht im Bereich der Therapie, sondern in dem der Begleitung angesiedelt. Die theoretischen Grundlagen entwickelten sich seit der Entstehung der Sophrologie im Jahre 1960 bis 2001 stark. 1995 wurden mit dem Schutz der Marke „Sophrologie nach der Caycedo Methode“ die Grundlagen der Lehre definiert und benannt (juristische Basis, Semantik, Epistemologie und Methode).Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 33–39
Aus dieser Sophrologie entwickelten sich in Kombination mit anderen Methoden weitere Richtungen, mit jeweils anderer theoretischer oder praktischer Ausrichtung. Es handelt sich dabei um „Sophrologien“, deren Grundlagen auf den Prinzipien der „Sophrologie nach der Caycedo Methode“ (vor 1995) beruhen und deren Anwendungsbereich pädagogisch, sozial, therapeutisch oder analytisch ist. Unter „Sophrologie“ finden sich die analytische, die phänomenologische, die existenzielle, die therapeutische und die ludische Sophrologie, um nur die wichtigsten Richtungen zu nennen.https://www.inserm.fr/sites/default/files/2021-02/Inserm_RapportThematique_Sophrologie_2021.pdf, S. 9–10
Methode Die Sophrologie versteht sich sowohl als Wissenschaft als auch als Philosophie des Bewusstseins.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 71–74 Die Sophrologieausbildung war lange Zeit Ärzten vorbehalten.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme II, les champs d'application, Édition Ellébore, Paris 2015, ISBN 979-10-230-0040-5, S. 32–33. Aus Gründen der Qualitätssicherung der Ausbildung und zum Schutz der Marke wird heute zwischen „Sophrologie nach der Caycedo Methode“ und „Sophrologie“https://www.inserm.fr/sites/default/files/2021-02/Inserm_RapportThematique_Sophrologie_2021.pdf, S. 9–10 unterschieden. Eine Ausbildung als Sophrologe nach der Caycedo-Methodehttps://sophrologie-akademie.ch/de dauert vier Jahre. Die Grundausbildung oder der 1. fundamentale Zyklus wird in 9 verschiedenen Ländern angeboten.https://sofrocay.com/trouver-un-sophrologue/?wpv-wpcf-tipo_descripcion=ECOLE&wpv_aux_current_post_id=12000058&wpv_view_count=12000070&wpv_aux_parent_post_id=12000058&wpv_paged=6 Die weiterführende Ausbildung mit dem zweiten (radikalen) und dritten (existentiellen) Zyklus kann aktuell in Spanien und Frankreich gemacht werden.Sophrologie nach der Caycedo-MethodeSophrologie Akademie Die drei Zyklen beinhalten zwölf dynamische Entspannungen nach Caycedo (DEC) und die entsprechenden spezifischen Techniken. Diese Techniken verwenden dabei die Atmung, das Körperbewusstsein, die Visualisierung, sowie spezielle Körperhaltungen und Bewegungen.Interview: Sophrologie, was ist das? Yonamo Flash, https://www.youtube.com/watch?v=vG4T28lzz_0
Sophrologen nach der Caycedo-Methode nutzen über eine eigene Begriffswelt.Alfonso Caycedo: Dictionnaire abrégé de sophrologie et relaxation dynamique, vergriffen
In der Epistemologie des ersten (fundamentalen) Zyklus gibt es fünf Theorien, eine davon:
Theorie der Niveaus und Zustände des Bewusstseins
Diese sophrologische Theorie geht von drei Bewusstseinsebenen aus: Der Wach- und der Schlafebene sowie der sogenannten „sophroliminalen“ Ebene. Letztere sei ein Zustand zwischen Wach- und Schlafebene, der sich durch tiefe Entspannung und gesteigerte Erlebnisfähigkeit auszeichne. Die Behandlung ziele darauf ab, diesen sophroliminalen Zustand selbst herbeizuführen, zu verlängern und für eine positive Beeinflussung des Bewusstseins zu nutzen.Christiane Oppikofer: Bewusst Sein, Tobler Verlag, Altstätten 2002, ISBN 3-85612-131-5, S. 23–26 Die Klienten lernen so z. B. in Einzel - /oder Gruppensitzungen mit Stress, Ängsten, Emotionen oder (Geburts-)Schmerzen anders umzugehen.https://www.researchgate.net/publication/259165859_Mesure_des_impacts_de_la_sophrologie_caycedienneR_sur_le_stress Mesure des impacts de la sophrologie caycédienne® sur le stressYoutube: Sophrologie – schwierige Situationen meisternSophrology versus resistance training for treatment of women with fibromyalgia: A randomized controlled trial. In: J Bodyw Mov Ther. 2019 Apr;23(2):382-389. doi:10.1016/j.jbmt.2018.02.005. PMID 31103124.Luc Portmann, Jörg Schneider: Sophrologie … in der Romandie gut etabliert, in der Deutschschweiz noch unbekannt. In: Schweizerische Ärztezeitung, doi:10.4414/saez.2018.06547
mini|Die drei Zyklen und die zwölf dynamischen Entspannungen
Ein zentrales Element der Methode ist die Vivenz, dies ist ein Neologismus. Durch regelmäßiges Üben sollen sich die physischen, psychischen und mentalen Strukturen verstärken. Dabei sollen immer mehr Facetten des eigenen Bewusstseins und der eigenen Werte entdeckt und erobert werden, was es erlaube, den Blick auf die Welt zu transformieren.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 387–389
Dem Bewusstsein des eigenen Körpers kommt in der Sophrologie eine Schlüsselfunktion zu. Ein gut entwickeltes Körperschema ermögliche, die eigenen Bedürfnisse des Körpers besser wahrzunehmen und zu respektieren. Es erlaube dem Menschen, die Wahrnehmung der eigenen Welt zu transformieren und letztendlich das Leben weniger als Objekt zu erleiden. Das Körperschema sei wandelbar und abhängig von verschiedenen Faktoren wie zum Beispiel der physischen Verfassung, dem sozialen Verhalten, dem Geschlecht, den Emotionen oder den Werturteilen. Die Vivenz habe dabei zum Ziel das Bewusstsein des Körperbildes als erlebte Realität zu erweitern.
Die Erforschung des (eigenen) Bewusstseins nimmt in der Sophrologie einen wichtigen Platz ein. Die Frage nach dem „Sein“ und dem Bewusstsein gleiche einer Geschichte des menschlichen Denkens. Es gebe Menschen, welche die Existenz eines Bewusstseins negieren. Augustinus von Hippo verwendete das Wort „Bewusstsein“ zum ersten Mal.Patrick-André Chéné: Sophrologie, Tomme I, Édition Ellébore, Paris 2014, ISBN 979-10-230-0019-1, S. 111–114 Caycedo definiert das Bewusstsein als eine Kraft, welche die Integration aller physischen, psychischen und mentalen Elemente des „Seins“ erlaube. Für ihn stellt Bewusstsein somit die unsichtbare Verbindung oder das Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele dar.
Alfonso Caycedo beschreibt verschiedene Entwicklungsstufen des Bewusstseins, ähnlich wie der Philosoph Jean Gebser. So postulieren sowohl Caycedo wie auch Gebser folgende Entwicklungsstufen:
Das archaische Bewusstsein: Das Ursprungsbewusstsein, der Mensch sei noch ganz und gar eingeschlossen, undifferenziert und eins mit dem Kosmos, dem All oder mit Gott. Das magische Bewusstsein sei mehr im Vitalbereich begründet. Im magischen Bereich sind die Dinge immer alle gleichzeitig vorhanden. Der Mensch ist noch „ichlos“ und lebt im Clan. Die magische Struktur entspricht dem Kindesalter. Das mythische Bewusstsein sei mehr psychisch beheimatet, es sei das „Einander-sich-Ergänzende“. Zum ersten Mal erhalte der Mensch ein reflexives Bewusstsein dessen, was Zeit ist. Er lebe als Mensch noch mehr im „Wir“ der Sippe Das mentale/rationale Bewusstsein sei mehr im Denken begründet. Ratio kommt von teilen, „Ratio“ bedeute nicht nur Denken, Überlegen und Verstand, sondern vor allem „Teil“ und impliziere auch ein einspuriges, final gerichtetes Denken. Dieses Bewusstsein beherrsche seit Descartes das Denken der heutigen globalen Gesellschaft. Heute zeichne sich eine neue Bewusstseinsstufe ab: Caycedo nennt es das sophronische Bewusstsein, Gebser das integrale Bewusstsein.Hämmerli, Rudolf (Hrsg.): Jean Gebser: Einbruch der Zeit, Novalis, Schaffhausen 1995, ISBN 3-7214-0662-1, S. 26–31 Das sophronische Bewusstsein sei ganzheitlich und harmonisch auf die Innen- und Außenwelt gerichtet und trage menschliche Werte in den Lebensalltag hinein. Der Mensch sei fähig, in seiner individuellen Entwicklung (Ontogenese) alle Entwicklungs-Schichten (Phylogenese) des Bewusstseins zu durchleben und ganzheitlich zu integrieren.Christiane Oppikofer: Sophrologie pour la vie, Édition Ambre, Genf 2021, ISBN 978-2-940594-30-6, S. 175–181
Der phänomenologische Standpunkt der Sophrologie versteht sich laut Christiane Oppikofer als Kritik einer erkenntnistheoretischen Einstellung, die nur das gelten lassen wolle, was naturwissenschaftlich, physikalisch-mathematisch erfassbar ist. In der Sophrologie übernehme Caycedo diese Einstellungsänderung, insbesondere „Die erste Person-Perspektive“, die sich von der „Dritte Person-Perspektive“ unterscheide. Die naturwissenschaftlich-objektivierende Auffassung eliminiere das Subjekt aus der Wissenschaft. Tatsächlich sei aber jedes Phänomen eine Erscheinung von etwas für jemanden. Es bekomme damit Bedeutung und werde emotional bewertet. In der Sophrologie werde insbesondere die Art untersucht, wie das alltägliche Leben subjektiv, also für uns als Subjekte erscheine. Ziel der Sophrologie sei, das eigene Bewusstsein zu entdecken, zu erobern und zu transformieren: