100pxMatteuccio94pxSenesino103pxAntonio Bernacchi110pxGiovanni Carestini94pxFarinelli101pxAngelo M. Monticelli100pxFelice Salimbeni97pxDomenico Annibali92pxGizziello104pxGiuseppe Aprile100pxGiuseppe Millico91pxLuigi Marchesi100pxGasp. Pacchierotti91pxGirol. Crescentini112pxGiov. Batt. Velluti

Als Kastraten werden Sänger bezeichnet, die vor der Pubertät einer Kastration unterzogen wurden, um den Stimmwechsel zu unterbinden und eine schöne Sopran- oder Alt-Stimme auch noch im Erwachsenenalter zu erhalten. Sie sangen sowohl im Rahmen von Kirchen- und Kammermusik als auch in Aufführungen der italienischen Oper. Im 17. bis frühen 19. Jahrhundert erreichten einige Kastraten, die durch früh einsetzende und gezielte Stimmschulung besondere Virtuosität erlangt hatten und in der Oper auftraten, große Bewunderung und Berühmtheit. Die Stimmen von Kastraten wurden von den meisten großen Komponisten der Zeit in zahlreichen Werken eingesetzt, unter anderem von Monteverdi, Alessandro Scarlatti, Händel, Mozart und Rossini.

Geschichte Praxis und Folgen der Kastration mini|Zu den Sängern in den Kirchen von Byzanz gehörten auch Kastraten

In der Spätantike, später in Byzanz und vor allem vom späten 16. bis ins 19. Jahrhundert in Italien wurden Knaben mit schönen Sopran- oder Alt-Naturstimmen zuweilen kastriert, mit dem Ziel, ihnen eine Laufbahn als erfolgreiche Sänger zu ermöglichen. In Italien nannte man die Kastraten in dieser Epoche musico (Musiker), virtuoso (Virtuose) oder sopranista (Sopranist). Frankreich war das einzige europäische Land, das im Barock nicht nur die Kastration, sondern auch die Kastraten selbst und den Kastratengesang offiziell und radikal ablehnte.Patrick Barbier: Historia dos Castrados. Lissabon 1991, S. 213–231. Deutschland und Österreich waren dagegen besonders im 17. und 18. Jahrhundert von der italienischen Musik und der Oper stark beeinflusst, sodass es auch dort Kastraten gab. Diese wurden nicht alle aus Italien „importiert“, sondern zuweilen auch vor Ort operiert. Das zeigt das Beispiel des Komponisten Joseph Haydn, den man in Wien beinahe „sopranisiert“ hätte, wenn nicht sein Vater die Erlaubnis dazu verweigert hätte. Auch riet damals selbst ein bei Hofe angestellter Kastrat von dem Eingriff ab.Das berichtete Haydn seinem Biographen Griesinger; der Begriff „sopranisiert“ ist original. H. C. Robbins Landon: Haydn. Molden, Wien u. a. 1981, S. 36.

Die Eltern oder Familien mussten für die Operation ihr Einverständnis geben, was vermutlich oft aus Hoffnung auf eine finanziell einträgliche Karriere für ihren Sohn geschah. Laut Barbier musste das meist 8- bis 12-jährige Kind selber um den Eingriff bitten.Patrick Barbier: Historia dos Castrados. Lissabon 1991, S. 32–33. Rosselli erwähnt eine Reihe von Fällen, in denen Knaben tatsächlich selber um eine Operation baten, aus Angst, ihre schöne Stimme zu verlieren; es sind sogar einige Bittbriefe erhalten, in denen Knaben an diverse Fürsten schrieben, damit diese für die Operationskosten aufkämen.John Rosselli: Castrati. In: Singers of italian Opera: the history of a profession. Cambridge University Press, 1995, Kapitel 2, S. 32–55, hier: 38–39, Google-Books (englisch) In manchen Familien gab es mehrere Kastraten. Ein bekanntes und extremes Beispiel ist die Familie des Komponisten Alessandro Melani, der vier Brüder und zwei Cousins hatte, die alle Kastraten waren, darunter Atto Melani.

Der chirurgische Eingriff war zwar keine große Operation, barg aber doch Risiken, da er oft unter nicht sterilen Bedingungen ausgeführt wurde und Antibiotika noch nicht bekannt waren.Charles Ancillon (1659–1715), Robert Samber: Eunuchism display’d, describing all the different sorts of eunuchs … Written by a person of honour [i. e. Charles Ancillon]. (Originalwerk ins Englische übersetzt von Robert Samber) E. Curll, London 1718, () (Originalwerk: Charles Ancillon: Traité des eunuques. 1707 [im Nachdruck: (publié par) Dominique Fernandez, Ramsay, Paris 1978, ISBN 2-85956-070-X.]) NLM Catalog. Daher wird vermutet, dass manche Jungen einen solchen Eingriff auf Grund von postoperativen Komplikationen nicht überlebten.John Rosselli: The Castrati as a Professional Group and a Social Phenomenon, 1550–1850. 1988, S. 152. Genauere Informationen existieren jedoch nicht, zumal die Operationen normalerweise heimlich vorgenommen wurden und es keine zeitgenössischen Erhebungen darüber gibt.Patrick Barbier: Historia dos Castrados. Lissabon 1991, S. 35–37. Laut Rosselli erweckt die Quellenlage den Eindruck, dass der operative Eingriff selber Routine war und normalerweise ohne größere Probleme ablief.John Rosselli: Castrati. In: Singers of italian Opera: the history of a profession. Cambridge University Press, 1995, Kapitel 2, S. 32–55, hier: 37; Google-Books (englisch)

mini|Anton Domenico Gabbiani: Drei Musiker am Medici Hof in Florenz, ca. 1685. Der rechte Sänger ist vermutlich der Kastrat Francesco de Castris genannt Cecchino. Auch am Cembalo sitzt ein Kastrat. Die Gesichter der beiden sind bartlos, wirken sehr jung und kindlich oder feminin.

Nach einer Kastration waren es nicht allein die Stimmbänder, deren Wachstum zurückblieb. Dem männlichen Körper fehlten in der entscheidenden pubertären Entwicklungsphase sowohl der wichtige Anstieg des in den Hoden gebildeten männlichen Geschlechtshormons Testosteron als auch die damit verbundenen körperlichen Veränderungen bei Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie hatten also beispielsweise keinen Bartwuchs, keine männliche Glatzenbildung und waren natürlich zeugungsunfähig. Da die Geschlechtshormone auch für die rechtzeitige Beendigung des Längenwachstums verantwortlich sind, wurden manche Kastraten übermäßig groß (= eunuchoider Hoch- oder Riesenwuchs).Eine Untersuchung von Farinellis sterblichen Überresten ergab eine Größe von ca. 1,90 m. Maria Giovanna Belcastro, Antonio Todero, Gino Fornaciari, Valentina Mariott: Hyperostosis frontalis interna (HFI) and castration: The case of the famous singer Farinelli (1705–1782). In: Journal of Anatomy, Juli 2011, (englisch)Kristina Killgrove: Castration Affected Skeleton Of Famous Opera Singer Farinelli, Archaeologists Say, 1. Juni 2015, Zusammenfassung der Ergebnisse der Exhumierung bei Forbes/Science (englisch) abgerufen am 4. Oktober 2019Auch Pacchierotti wurde exhumiert und war etwa 1,91 m groß. Alberto Zanatta, Fabio Zampieri, Giuliano Scattolin, Maurizio Rippa Bonati: Occupational markers and pathology of the castrato singer Gaspare Pacchierotti (1740–1821). In: Scientific Reports, Artikel Nr. 28463 (2016), nature.com (englisch) abgerufen am 4. Januar 2020 Eine weitere typische Folge der fehlenden Sexualhormone war eine relativ früh einsetzende Osteoporose.Maria Giovanna Belcastro, Antonio Todero, Gino Fornaciari, Valentina Mariott: Hyperostosis frontalis interna (HFI) and castration: The case of the famous singer Farinelli (1705–1782). In: Journal of Anatomy, Juli 2011 (englisch) Alberto Zanatta, Fabio Zampieri, Giuliano Scattolin, Maurizio Rippa Bonati: Occupational markers and pathology of the castrato singer Gaspare Pacchierotti (1740–1821). In: Scientific Reports, Artikel Nr. 28463 (2016), nature.com (englisch) abgerufen am 4. Januar 2020

Dabei behielten sie aber eine relativ hohe oder mittlere Sprechstimme, die vermutlich etwa der eines hohen Tenors glich.Aussagen über die Sprechstimme von Kastraten sind rar und widersprüchlich. Horace Walpole behauptete 1740 nach einer Begegnung mit Senesino, dieser habe gesprochen „wie eine schrille kleine Pfeife“ („… we thought it a fat old woman; but it spoke in a shrill little pipe, and proved itself to be Senesini“). Dies scheint aber zumindest zweifelhaft, einerseits weil Senesino kein Sopran, sondern ein Alt war, und eine schrille Stimme somit unwahrscheinlich ist; andererseits weil Walpole offensichtlich eine sehr negative Einstellung oder Abneigung gegen den Kastraten hegte, und daher offenbar besonders gehässige Worte wählte. Je nach Veranlagung neigten sie im fortgeschrittenen Lebensalter zur Leibesfülle, teils mit deutlich wahrnehmbarem Brustansatz (Gynäkomastie).

Doch auch eine überstandene Kastration bot keine Gewähr für eine Karriere als berühmter und hochbezahlter Sänger. Da der Eingriff vor Einsetzen der Pubertät, üblicherweise zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr, vorgenommen werden musste,Christian von Deuster: Wie sangen die Kastraten? Historische Betrachtungen. 2006, S. 133–152; hier: S. 136. war nicht abzusehen, wie sich die vorhandene Singstimme und das musikalische Talent des betroffenen Knaben weiterentwickeln würden.

Nur die wenigsten Kastraten machten eine große Karriere auf der Opernbühne. Diese begeisterten mit „überirdischer Stimme“ ihr Publikum über die Maßen. Die meisten Kastraten waren jedoch im Dienst der Kirche, und es kam auch vor, dass sie sowohl in der Kirche als auch in der Oper sangen. Andere suchten eine Anstellung an den Höfen kultivierter und musikliebender Adliger (auch in Deutschland). Nicht selten wirkten sie auch als Musiklehrer oder Gesangslehrer (manchmal, aber nicht immer, nach einer großen Karriere, wie Pistocchi oder Bernacchi).John Rosselli: The Castrati as a Professional Group and a Social Phenomenon, 1550–1850. In: Acta Musicologica. Band 60, fascicule 2, Mai-August 1988, S. 143–179, hier: S. 158–173.

Manchen Kastraten gelang die erhoffte Karriere als Sänger nicht, und solche Männer ohne Geschlechtsreife hatten vermutlich ein schweres Leben. Relativ häufig traten Kastraten in den geistlichen Stand ein oder gingen als Mönch in ein KlosterIn der damaligen Zeit lebten ohnehin wesentlich mehr Europäer bzw. Italiener (sowohl relativ gesehen, als auch in absoluten Zahlen) in Klöstern als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. (u. a. Filippo Balatri, auch Pistocchi oder Giovanni Antonio Predieri (1679–1746)).John Rosselli: The Castrati as a Professional Group and a Social Phenomenon, 1550–1850. In: Acta Musicologica. Band 60, fascicule 2, Mai-August 1988, S. 143–179, hier: S. 173.

mini|Neapel war mit seinen vier Konservatorien ein Zentrum der Kastraten-Ausbildung (Gemälde von Gaspar van Wittel)

Die Ausbildung Es reichte nicht, einfach einen stimmbegabten Jungen zu kastrieren, damit ein großer Sänger aus ihm wurde. Um das zu erreichen, war eine fundierte musikalische und gesangliche Ausbildung notwendig, die auch finanziert werden musste. Manche Kinder wurden von vornherein von einem adligen Mäzen unterstützt, der sich seine eigenen Kastratensänger als Zierde seiner Hofmusik ausbilden ließ (Beispiel: Filippo Balatri).Patrick Barbier: Historia dos Castrados. Lissabon 1991, S. 39.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren. Das Leben des Kastraten Filippo Balatri. München 2001. Die Herzöge von Mantua und Modena oder der Großherzog der Toskana beriefen bedeutende Sänger (und Sängerinnen) an ihre Höfe und verliehen ihnen Titel wie virtuoso di camera, mit denen sich die Sänger auch bei Auftritten in den Opernhäusern anderer Städte schmückten. Auch deutsche Adlige wie z. B. die Kurfürsten von Bayern, Sachsen, von der Pfalz, oder der König von Preußen „kauften“ über Unterhändler junge Kastraten in Italien, um sie an ihrem eigenen Hofe ausbilden zu lassen.Patrick Barbier: Historia dos Castrados. Lissabon 1991, S. 38.

mini|hochkant=0.5|links|Nicola Porpora war Lehrer von bedeutenden Kastraten