mini|Vorwort der Capsula eburnea. Deutsch. Beginn des 14. Jh.Handschriftencensus. Capsula eburnea, dt.Basel Universitätsbibliothek, Cod. B XI 8, Bl. 136r–v
Die Capsula eburnea („Elfenbein-Büchse“), auch Secreta Hippocratis genannt, ist ein spätantiker Kurztraktat aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Er dient zur geheimen Todesprognostik anhand von Hauteffluoreszenzen. Der Name „Capsula eburnea“ leitet sich von einem Vorwort ab, das diesem Kurztraktat meist beigegeben ist. In diesem Vorwort wird behauptet, im Grab des Hippokrates oder des Demokrit habe ein römischer Kaiser eine Elfenbein-Büchse gefunden, in der dieser Kurztraktat zur geheimen Todesprognostik verwahrt war.
Inhalt Dem Traktat vorangestellt ist die Auffindungslegende, in der die Capsula eburnea entweder Hippokrates oder Demokrit zugeschrieben wird. Es folgen 21 bis 24 Kapitel, anatomisch „von Kopf bis Fuß“ nach dem regionalen Auftreten von Hautausschlägen gereiht. Unter Einbezug weiterer Symptome wird abschließend eine Todesprognostik aufgestellt. Als Beispiel das erste Kapitel in der Übersetzung von Manfred Ullmann: Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. In: Bertold Spuler et al. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik, Erste Abteilung, Ergänzungsband VI, Erster Abschnitt, Brill, Leiden 1970, S. 34
Quelle und Überlieferung Als Quelle der Capsula eburnea von „Pseudo-Hippokrates“Vgl. auch Gundolf Keil: Ipokras. Personalautoritative Legitimation in der mittelalterlichen Medizin. In: Peter Wunderli (Hrsg.): Herkunft und Ursprung. Historische und mythische Formen der Legitimation. (Akten des Gerda-Henkel-Kolloquiums, veranstaltet vom Forschungsinstitut für Mittelalter und Renaissance der [...] Universität Düsseldorf, 13. bis 15. Oktober 1991). Jan Thorbecke, Sigmaringen 1994, S. 157–177. wird ein griechischer Text vermutet. Dieser griechische Text war zunächst im byzantinischen Raum verbreitet.
Die westeuropäische Überlieferung des Traktats ist durch zwei Übersetzungsstränge geprägt: Bereits im 4. oder 5. Jahrhundert wurde der griechische Text ins Lateinische übersetzt. Im 12. Jahrhundert wurde in der Übersetzerschule von Toledo durch Gerhard von Cremona eine jüngere lateinische Version nach arabischen Vorlagen erstellt. Diese jüngere lateinische Übersetzung setzte sich seit dem Hochmittelalter durch und wurde Grundlage für landessprachige Bearbeitungen.Gundolf Keil: Capsula eburnea. In: Lexikon des Mittelalters. Band 2 (1999), Sp. 1489
In arabischer Sprache war die „Capsula eburnea“ weit verbreitet.Rosa Kuhne Brabant: The arabic prototype of the “Capsula eburnea.” In: Quaderni di studi arabi. 5/6 (1987–1988), S. 431–441 Rhazes hat diese Schrift in ein an den Samanidenherrscher abū Şālih al-Manşūr ibn Ishāq (Almansur) gerichtetes Buch, den Liber Rasis ad Almansorem aufgenommen. Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. In: Bertold Spuler et al. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik, Erste Abteilung, Ergänzungsband VI, Erster Abschnitt, Brill, Leiden 1970, S. 132 Auch in den Inkunabeln des Liber Rasis ad Almasorem fehlt die „Capsula eburnea“ nichtArnold C. Klebs: Incunabula scientifica et medica. The Saint Catherine Press, 1938. Auch in: Osiris. Band 4, 1938, S. 270; Neudruck Hildesheim 1963 (Digitalisat): Razi. Liber Almansoris. Pachel und Scinzenzeler, Mailand 14. Februar 1481 (Klebs 826.1) Razi. Liber Rasis ad almansorem. Locatellus, Venedig 7. Oktober 1497, Blatt 153r.Locatellus, Venedig 7. Oktober 1497 (Klebs 826.2). Darin Blatt 153r: Liber pronosticoris hypocratis dictus capsula eburnea (Digitalisat) Razi. Liber Almansoris. Hamman, Venedig 19. Februar 1500 (Klebs 826.3) Avicenna hat über die „Capsula eburnea“ ein Rağazgedicht verfasst.Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. In: Bertold Spuler et al. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik, Erste Abteilung, Ergänzungsband VI, Erster Abschnitt, Brill, Leiden 1970, S. 33–34, 155, 344 Maimonides hat die „Capsula eburnea“ in seine Schrift „Aphorismi“ aufgenommen. Auch in den Inkunabeln diese Werkes ist sie enthalten.Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. In: Bertold Spuler et al. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik, Erste Abteilung, Ergänzungsband VI, Erster Abschnitt, Brill, Leiden 1970, S. 167Arnold C. Klebs: Incunabula scientifica et medica. The Saint Catherine Press, 1938. Auch in: Osiris. Band 4, 1938, S. 212–213; Neudruck Hildesheim 1963 (Digitalisat) Maimonides: Aphorismi. F. Benedictis für B. Hectoris, Bologna 29. Mai 1489 (Klebs 644.1) Maimonides: Aphorismi. Hamman, Venedig 10. Januar 1500, Blatt 41vHamman, Venedig 10. Januar 1500, Blatt 41v: Liber prognosticoris hypocratis dictus capsula eburnea. (Klebs 644.2) (Digitalisat)
Die hebräische Übersetzung der „Capsula eburnea“ fußt auf der in griechischer Sprache überlieferten Urfassung.Jesaja Muschel: Die pseudohippokratische Todesprognostik und die „Capsula eburnea“ in hebräischer Überlieferung. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin 25 (1932) H. 1, S. 43–60
In zwei Manuskripten aus dem deutschen Sprachraum konnte die isolierte Auffindungslegende der „Capsula eburnea“ nachgewiesen werden. Hier diente die Auffindungslegende als Vorsatz zur Anpreisung eines anderen Textes medizinischen Inhalts: Im Bamberger Arzneibuch aus dem 12. Jahrhundert als anpreisender Vorsatz zum Arzenîbuoch Ipocratis.Handschriftencensus. Bamberg Msc. Hist. 146 In der „Basler Liederhandschrift“, einem Manuskript des 13. bis 14. Jahrhunderts.„Basler Liederhandschrift“, Universitätsbibliothek Basel, B XI 8, Blatt 136r–v
In dem um 1280 entstandenen Arzneibuch Ortolfs von Baierland war eine Bearbeitung der „Capsula eburnea“ enthalten, die nach der im 12. Jahrhundert durch Gerhard von Cremona nach arabischen Quellen erstellten lateinischen Übersetzung verfasst war.Gundolf Keil: Capsula eburnea. In: Lexikon des Mittelalters. Band 2 (1999), Sp. 1489Im Handschriftencensus verzeichnete Handschriften mit dem Ortolfschen Arzneibuch oder mit Teilen dieses Werkes (Digitalisat) Beispiel für die „Capsula eburnea“ in Manuskripten des Ortolfschen Arzneibuchs: Benediktinerstift Admont Cod. 329, Anfang 15. Jahrhundert, Blatt 56ra–56vb: Von dem zaichen des todeßBenediktinerstift Admont Cod. 329, Anfang 15. Jahrhundert, Blatt 56ra–56vb: Von dem zaichen des todeß (Digitalisat) Beispiele für die „Capsula eburnea“ in Inkunabeln des Ortolfschen Arzneibuchs: Günther Zainer, Augsburg ca. 1477/78, Blatt 17: Von des todes zeychen an den siechen menschenGünther Zainer, Augsburg ca. 1477/78, Blatt 17: Von des todes zeychen an den siechen menschen (Digitalisat) Anton Koberger, Nürnberg 17. März 1477, Blatt 15: Von des todes zaichen an den siechen menschenAnton Koberger, Nürnberg 17. März 1477, Blatt 15: Von des todes zaichen an den siechen menschen (Digitalisat) Anton Sorg, Augsburg 11. August 1479, Blatt 17: Von des todes zeichen an den siechen menschenAnton Sorg, Augsburg 11. August 1479, Blatt 17: Von des todes zeichen an den siechen menschen (Digitalisat) Anton Sorg, Augsburg 18. März 1482, Blatt 12: Von des todes zeichen an den siechen menschenAnton Sorg, Augsburg 18. März 1482, Blatt 12: Von des todes zeichen an den siechen menschen (Digitalisat) Bartholomäus Ghotan, Lübeck 1484, Blatt 27: Van den tekenen des dodes an den mynschenBartholomaeus Ghotan, Lübeck 1484, Blatt 27: Van den tekenen des dodes an den mynschen (Digitalisat) Anton Sorg, Augsburg 9. Juni 1488, Blatt 33: Von des tods zaichen am siechen menschenAnton Sorg, Augsburg 9. Juni 1488, Blatt 33: Von des tods zaichen am siechen menschen (Digitalisat) Schobsser, Augsburg 1490
Eine althochdeutsche Übersetzung veröffentlichte 1916 Friedrich Wilhelm.Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Denkmäler deutscher Prosa des XI. und XII. Jahrhunderts. 2 Bände (Texte und Kommentare), Callway, München 1914–1916/18 (= Münchener Texte. Band 8), Abteilung B, S. 244–245.
Literatur Johann Christian Gottlieb Ackermann: Hippokrates Buch aus der Elfenbeinernen Kapsel. Divi Hippocratis de capsula eburnea aphorismi. In: Philipp Ludwig Wittwer (Hrsg.): Archiv für Geschichte der Arzneykunde in ihrem ganzen Umfange. Nürnberg 1790, S. 48–55 (Digitalisat). Karl Sudhoff: Die pseudohippokratische Krankheitsprognostik nach dem Auftreten von Hautausschlägen, „Secreta Hippocratis“ oder „Capsula eburnea“ benannt. In: Archiv für Geschichte der Medizin. Band 9, 1915/1916, S. 79–116. Mit Textausgabe. Henry E. Sigerist: Die Prognostica Democriti im Cod. Hunterian. T. 4 13 S. IX/X. In: Archiv für Geschichte der Medizin. Band 13, 1921, S. 157–159. Jesaja Muschel: Die pseudohippokratische Todesprognostik und die Capsula eburnea in hebräischer Überlieferung. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin. Band 25, 1932, Heft 1, S. 43–60. Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. In: Bertold Spuler et al. (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik, Erste Abteilung, Ergänzungsband VI, Erster Abschnitt. Brill, Leiden 1970, S. 33–34, 155 und 344. Rosa Kuhne Brabant: The arabic prototype of the “Capsula eburnea”. In: Quaderni di studi arabi. Band 5/6, 1987–1988, S. 431–441. Frederick S. Paxton: „Signa Mortifera“. Death and Prognostication in Early Medieval Monastic Medicine. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 67, Nr. 4, (Winter) 1993, S. 631–650, hier: S. 639 ff. Gundolf Keil: Capsula eburnea. In: Lexikon des Mittelalters. Band 2. 1999, Sp. 1489. Gundolf Keil: Capsula eburnea. In: Gundolf Keil, Kurt Ruh et al. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York, Band 11 (2004), Sp. 310–314. Valeria Di Clemente: Capsula eburnea. In: Testi medico-farmaceutici tedeschi nell’XI e XII secolo. Edizioni dell’Orso, Alessandria 2009, ISBN 978-88-6274-177-4, S. 81–91. Valeria Di Clemente: La ricezione della Capsula eburnea in bassotedesco medio. In: Filologia germanica. 6, 2014, S. 67–89. Valeria Di Clemente: La ricezione della Capsula eburnea nell’Inghilterra medievale. I Secreta Ypocratis del ms. Londra, British Library, Add. 34111, ff. 231r–233v. In: Euno Edizioni, Leonforte (EN). 2021, ISBN 978-88-6859-208-0, S. 1–80. Sonia Colafrancesco: Come le ginocchia divennero guance. Il caso del secondo pronostico della Capsula eburnea inglese medievale (Wie aus den Knien Wangen wurden. Der Fall der zweiten Vorhersage in der mittelalterlichen englischen Capsula eburnea). In: Medioevo Europeo. Florenz, Band 5, Nr. 1, 2021, S. 51–64.
Weblinks Portal Biblissima: Handschriften und Inkunabeln der lateinischen Fassung in französischen Bibliotheken (mehrheitlich als Digitalisat zugänglich) Manuscripta Mediaevalia: Textzeugnisse. Lateinische Textzeugnisse in italienischen Bibliotheken (Manus Online) Incunabula Short Title Catalogue: Suchergebnisse
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