Der Legende nach kamen Juden mit den römischen Legionen ins Rheintal nach ihrer Vertreibung im Jüdischen Krieg aus Judäa.Michel Krempper: Histoire des Juifs d'Alsace, S. 33 f. Nachweisbar sind jüdische Bewohner ab dem 11. Jahrhundert, zuerst in Straßburg, sie wurden als Aschkenasim bezeichnet.Michel Krempper: Histoire des Juifs d'Alsace, S. 53 f. Die jüdischen Gemeinden im Elsass spielten eine große Rolle in Frankreich: Am Vorabend der Revolution lebten ca. 20.000 Juden im Elsass, dies entsprach mehr als 50 % der gesamten jüdischen Bevölkerung; im 19. Jahrhundert wurden 250 Synagogen in Frankreich erbaut, davon 176 im Elsass.
Heiliges Römisches Reich mini|Straßburger Münster: die Synagoge symbolisiert das Judentum, genauer gesagt seine geistliche „Blindheit“, da das jüdische Volk aus christlicher Sicht die Göttlichkeit Jesu Christi nicht zu erkennen wusste
Im Fränkischen Reich sind Juden nachgewiesen, so war ein Jude namens Isaac unter der Delegation, die Karl der Große nach Bagdad sandte, Ludwig der Fromme stellte für drei Juden Schutzbriefe aus, Karl der Kahle hatte einen jüdischen Leibarzt.
mini|hochkant|links|Jude mit Judenhut im Codex Manesse Eine erste Erwähnung der jüdischen Gemeinde von Straßburg findet man bei Benjamin von Tudela im 12. Jahrhundert. Ein Votivstein, der an eine Schenkung an die Synagoge erinnert und aus derselben Zeit stammt, wurde vor mehr als einem Jahrhundert in der Nähe der Rue des Juifs gefunden. Im hohen Mittelalter waren die Juden angesehen als Zeugen der Passion Christi und als Bewahrer des Alten Gesetzes (des alten Bundes). Diese Rolle der Juden geht zurück auf Augustinus von Hippo.
Die ersten Belege für Juden in Straßburg stammen aus dem Jahr 1146, als sie während des Zweiten Kreuzzugs misshandelt wurden. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ist eine Spende von 5 Goldflorin dokumentiert, die für den Bau eines jüdischen Gotteshauses bestimmt war. Im Jahr 1182 wuchs die jüdische Gemeinde an, da König Philip II. die Juden aus Frankreich auswies. Die Gemeinde besaß eine Synagoge, eine Mikwe und einen Friedhof, den sie von der St. Peter Gemeinde gepachtet hatte für 1 Pfund (Livre) pro Jahr. Im Jahr 1325 kaufte sie das Grundstück für 136 Pfund. Ab 1236 wurden die Juden Kammerknechte genannt und standen unter der Protektion von Kaiser Friedrich II. Dafür mussten sie eine jährlich Abgabe von 200 Mark entrichten. Obwohl die Kammerknechte keine Leibeigenen waren, verfügte der Kaiser über sie nach Belieben. Neben den Abgaben an den Kaiser mussten die Juden auch Abgaben an den Bischof von Straßburg bezahlen. Wenig später verlangte auch die Stadt Straßburg Abgaben von ihnen. Da dies die Leistungsfähigkeit der Juden überstieg, stritten sich Bischof und Stadt, wer wie viel von den Juden erhalten sollte. Auch aus diesem Grund kam es zur Schlacht von Hausbergen am 8. März 1262, die mit einer Niederlage des Bischofs endete. Schließlich mussten die Juden 1000 Pfund an die Stadt und 12 Mark an den Bischof bezahlen. Im Jahr 1270 tauchte in Wissembourg zum ersten Mal die Anklage von Ritualmorden auf. Im Jahr 1338 kam es zu einer Revolte armer Menschen unter Führung von Hans Zimberlin, ein ehemaliger Gastwirt, genannt Armleder, in der die Juden angegriffen wurden. 1340 erhielten die Juden einen neuen Schutzbrief des Bischofs. All dies war hinfällig mit dem Ausbruch der Pest im Jahr 1349. Die Juden wurden als Brunnenvergifter denunziert und man verlangte ihre Ausweisung oder Ausrottung. Am 14. Februar 1349 wurden 2000 Juden in einem Autodafé verbrannt. Die Überlebenden wurden für 2 Jahrhunderte aus der Stadt verbannt. Ab 1369 durften sie sich vereinzelt wieder in Straßburg niederlassen.Michel Krempper: Histoire des Juifs d’Alsace, S. 63 ff. mini|hochkant|„Jude mit Geldbörse“, St.-Peter- und Paulskirche in Rosheim, mittelalterliches Spottbild
Auch in den kleineren Städten des Elsass verlief die Geschichte der Juden wie in Straßburg, zum Beispiel in Mülhausen. Hier findet man erste Belege für die jüdische Gemeinde im 13. Jahrhundert, die Gemeinde wuchs, konnte eine Synagoge bauen und wurde immer wieder angegriffen und schließlich 1477 vertrieben.Michel Krempper: Histoire des Juifs d’Alsace, S. 71 ff.
Eine herausragende Figur der Juden im Elsass war Josel von Rosheim (1476–1554), ein Rabbiner, der enormen Einfluss auf die Deutschen Kaiser Maximilian I., Karl V. und Ferdinand I. hatte. Es gelang ihm, die zunehmende Judenfeindlichkeit zumindest abzumildern. Er diskutierte auch mit Martin Luther, ohne ihn von seiner Judenfeindlichkeit abbringen zu können.Michel Krempper: Histoire des Juifs d’Alsace, S. 87 ff. Neben Luther waren auch die oberrheinischen Humanisten durchweg judenfeindlich: Jakob Winpfeling (1450–1528), Erasmus von Rotterdam (1464?–1536), Sebastian Brant (1457?–1521). Johannes Reuchlin (1455–1522) schätzte immerhin die jüdische Literatur, führte hebräische Studien an der Universität ein und rettete jüdische Bücher vor der Vernichtung.
Die Repression der Juden hielt an, solange das Elsass zum Deutschen Reich gehörte. Sie durften nicht in Städten wohnen, keinen Grund und Boden besitzen, viele Berufen waren ihnen verwehrt, sie mussten spezielle Abgaben bezahlen. Am Ende des 16. Jahrhunderts lebten nur noch 120 jüdische Familien im Elsass.Michel Krempper: Histoire des Juifs d’Alsace, S. 98 f.
Im Unterschied zum Deutschen Reich waren die Juden im Elsass nie gezwungen, in einem Ghetto zu leben. In den Judengassen, die man heute noch in vielen Orten findet, lebte eine Gemeinschaft, die sich freiwillig zusammengeschlossen hatte.Freddy Raphael: Les Juifs d'Alsace et de la Lorraine, S. 14 f.
Frankreich Mit dem Westfälischen Frieden 1648 kam das Elsass zu Frankreich, zuletzt Straßburg 1681. Die Situation der Juden in Frankreich hatte sich verschlimmert, nachdem Karl VI 1394 ihren Aufenthalt untersagt hatte. Als 1481 die Provence zum Königreich Frankreich kam, wurden auch hier die Juden ausgewiesen. Zunächst beließ Ludwig XIV. die Herrschaft und die Regeln im Elsass wie vorher. Erst 1651 beauftragte er den Gouverneur von Breisach, die Juden auszuweisen. Die Adligen des Elsass intervenierten dagegen, hauptsächlich, weil sie von den Juden hohe Abgaben erhielten und weil die Juden eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben als Viehhändler und Geldverleiher einnahmen. Tatsächlich stellte der König 1657 die Juden unter seinen Schutz durch eine Lettre Patente (Gesetzgebungsakt des Souveräns). 1681 wurde Aaron Wormser als Rabbiner des Elsass ernannt. 1689 lebten im Elsass 525 jüdische Familien, das waren ca. 2.600 Personen. 1721 wurde das Elsass aufgeteilt: 3 Rabbiner für das Oberelsass und 4 für das Unterelsass. Diese Aufteilung blieb bis zur Französischen Revolution erhalten. Bis zur Französischen Revolution besserte sich die Situation der Juden, so schaffte Ludwig XVI.1784 den Leibzoll ab und verabschiedete Erlasse, die die Sicherheit der Juden verbesserten. mini|Davidstern aus Jungholtz - 1770 - Polychromes Holz, Eisen - Unter dem Doppeladler das Datum auf Hebräisch Cerf Beer, ein reicher und einflussreicher Jude, drang beim König auf diese Verbesserungen. Ebenfalls 1784 verfügte Ludwig XVI. eine Volkszählung der Juden im Elsass. Diese Zählung diente dazu, die Steuererfassung besser kontrollieren zu können. Den Historikern liefert sie wertvolle Daten, auch über die Struktur der jüdischen Gesellschaft. So hat Bischheim mit 473 Juden die größte jüdische Gemeinde im Basse-Alsace (heute Departement Bas-Rhin) und Wintzenheim mit 430 die größte im Haute-Alsace (heute Departement Haut-Rhin). Die Juden durften normalerweise nicht in den Städten wohnen, daher die hohen Zahlen in den umliegenden Gemeinden. In dieser Zählung stellte sich heraus, dass 50 % der jüdischen Familien keinen Familiennamen führten, sie wurden nach dem Namen ihres Vaters oder ihrer Herkunft benannt. 1788 immatrikulierte sich der erste jüdische Student an der Universität Straßburg.mini|hochkant|Cerf Beer Im Elsass lebten ca. 25.000 Juden, von insgesamt 40.000 Juden in ganz Frankreich. Der Zuwachs beruhte hauptsächlich auf Zuwanderung aus dem Osten, besonders der Krieg in Polen vertrieb viele Juden.
Die Französische Revolution wurde von den Juden in Frankreich freudig begrüßt, versprach doch die Losung „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ ihre Gleichberechtigung.
Auch im Elsass litten die Juden unter der Terrorherrschaft ab 1793. Im November wurde der Kult der Vernunft (culte de la raison) als neue Religion ausgerufen. Jede andere Religionsausübung wurde verboten, insbesondere kirchliche Taufen, Heiraten u. a.; die Kirchen, Tempel und Synagogen wurden geschlossen, die heiligen Bücher verbrannt, die Oberhäupter der israelischen Gemeinde in Straßburg wurden verhaftet, darunter Cerf Beer. Nach dem Sturz Robespierres im August 1794 besserte sich die Situation wieder.
Das Dekret von 1791 gewährte den Juden die volle Emanzipation. Im Elsass gab es Vorbehalte. Einerseits waren die Vertreter des Elsass in der Nationalversammlung, Broglie und Reubell, gegen die Gleichberechtigung der Juden, mit dem Argument, dies würde zu Unruhen unter der Bevölkerung führen. Andererseits wollten die Juden ihre Selbstverwaltung, besonders in religiösen Fragen, die sie mühsam erstritten hatten, behalten. Dies führte zu Protesten. Als Napoléon 1806 bei seiner Rückreise aus Austerlitz durch Straßburg kam, bemerkte er diese Widerstände und verurteilte sie scharf. Er drang darauf, dass sich die Elsässer einigten. Der jüdische Widerstand wurde durch den Rabbiner David Sinzheim besänftigt. Durch eine gewagte Interpretation der talmudischen Vorschrift „dina de malkhouta“ (das Gesetz des Königreichs ist das Gesetz) konnte er die Gemeinde mit den neuen Regeln zu versöhnen. 1807 und 1808 wurden schließlich von Napoléon die Gesetze zur Gleichstellung beschlossen. Die Juden des Elsass waren empört über das Gesetz gegen den Wucher, das sie besonders betraf, es wurde als „Berüchtigtes Dekret“ (décret infâme) bezeichnet. Ein Ziel dieses Dekrets war, die Juden von ihren angestammten Berufen wie Viehhändler oder Geldverleiher abzubringen und sie zu Handwerkern oder Angestellten (französisch: arts et metiers) auszubilden. Erst unter der Restauration 1818 wurde es aufgehoben. Ebenfalls 1807 wurde durch Napoléon das Namensrecht reformiert. Traditionelle Namen wie Judt Leibele waren nicht mehr zulässig, ebenso ein hebräischer Name wie Nephtali, der in Hirsch, Cerf oder Zivy geändert werden musste. 1830 unter Louis-Philippe wurde ein Gesetz zur Finanzierung der religiösen Kulte beschlossen. Erstmals war der jüdische Glaube mit dem christlichen gleichberechtigt. Der Staat bezahlte Rabbiner und Vorbeter. Dies und der zunehmende Wohlstand der Juden führte dazu, dass im 19. Jahrhundert 176 Synagogen gebaut oder renoviert wurden. mini|Synagoge Jungholtz - Gebetstafel für Napoléon III (1860) Nachdem die Juden sich auch in den großen Städten niederlassen konnten, zogen viele von ihnen vom Land in die Stadt. Dies und die Gewerbefreiheit führte dazu, dass die Juden wohlhabender wurden und die Ausbildung ihrer Kinder besser: Die Juden stiegen aus prekären Verhältnissen in das Bürgertum auf, z. B Albert Kahn oder die Komponistenfamilie Waldteufel, eigentlich Lévy, aus Straßburg, mit Émile Waldteufel als bekanntestem Mitglied. Auch in der Architektur der Synagogen machte sich diese Entwicklung bemerkbar. Die frühere Schlichtheit wurde durch aufwändige Bauten ersetzt, in Anlehnung an die Pracht der katholischen Kirchen. Im Zuge der Februarrevolution 1848 im Elsass kam es allerdings wieder zu Pogromen, die nur mit Hilfe von Truppen der französischen Armee niedergeschlagen werden konnten.