Marina Wladimirowna Owsjannikowa ( ; geborene Tkatschuk, ; * 19. Juni 1978 in Odessa, Ukrainische SSR, Sowjetunion) ist eine russische Redakteurin, die für den Fernsehsender Perwy kanal (Erster Kanal) gearbeitet hat.
Owsjannikowa erlangte internationale Bekanntheit durch einen Anti-Kriegs-Protest in einer Live-Sendung am 14. März 2022, kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Dabei wies sie auf die vom Perwy kanal verbreitete Propaganda der Staatsführung hin. Owsjannikowas Aktion war einer der Proteste gegen den Überfall auf die Ukraine von oder in russischen Medien.
Leben und Karriere Marina Owsjannikowa ist die Tochter eines Ukrainers und einer Russin. Ein Jahr nach ihrer Geburt zog die Familie nach Russland.
1985 zogen ihre Eltern mit ihr in die sowjetische Teilrepublik Tschetscheno-Inguschetische ASSR, von wo sie Anfang der 1990er Jahre aufgrund der beginnenden Tschetschenienkriege flohen. „[…] в Чечне жила с 1985-го по 1993-й или 1992-й. Мы уехали оттуда, когда началась стрельба, убежали, когда снаряды начали взрываться под нашими окнами.“ Ende der 1990er-Jahre zog sie mit ihren Eltern nach Krasnodar, […] в конце 90-х Марина Овсянникова приехала вместе с родителями из Грозного в Краснодар. (dt. […] Ende der 1990er Jahre kam Marina Owsjannikowa mit ihren Eltern aus Grosny nach Krasnodar.) wo sie die Staatliche Universität des Kubangebiets absolvierte und anschließend unter anderem beim Sender „Kuban TV“ arbeitete. Später zog sie nach Moskau um und absolvierte die Russische Präsidentenakademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung. Danach arbeitete sie beim Perwy kanal (Ersten Kanal) für die staatliche Fernseh- und Rundfunkgesellschaft Russlands. Dort war sie für den Bereich „Auslandsnachrichten“ zuständig; sie stand mit den internationalen Nachrichtenagenturen und Sendern in Kontakt, verfolgte die westlichen Nachrichten, recherchierte, nahm Interviews mit Politikern und Experten aus dem Ausland auf und produzierte Beiträge für das Programm.
Marina Owsjannikowa war mit Igor Owsjannikow verheiratet, der als Regisseur bei RT arbeitet.«Не завидуйте!» Социальные сети разделились в оценке поступка Марины Овсянниковой. Новые Известия, 15. März 2022.Муж женщины, выбежавшей с плакатом во время эфира на Первом канале, работает на Russia Today. In: 93.ru, 14. März 2022, abgerufen am 15. März 2022. Sie hat einen Sohn und eine Tochter (geboren 2005 und 2011)Journalistin Owsjannikowa will Russland nach Protest im Live-TV nicht verlassen. Der Standard, 17. März 2022, abgerufen am 17. März 2022. und wohnte in der Satellitenstadt „Neu-Moskau“. Einem Interview mit Yuga.ru aus dem Jahr 2002 zufolge war Marina Owsjannikowa während ihres Studiums Freiwasser-Wettkampfschwimmerin.
Protestaktion Ablauf Owsjannikowa arbeitete bei Perwy kanal im Wochenwechsel (eine Woche Arbeit, eine frei). Am Sonntag, den 13. März 2022, dem letzten Tag einer freien Woche, kaufte sie Papier und Stifte und malte in ihrer Küche ein Protestplakat. / Print-Artikel: »Natürlich habe ich Angst«, In: Der Spiegel Nr. 12 vom 19. März 2022. Am 14. März 2022 lief Owsjannikowa während eines Beitrags über die Invasion in der Ukraine in den Hauptnachrichten Wremja ihres Senders an einem stets anwesenden Polizisten vorbei ins Studio, stellte sich hinter die Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa und hielt ihr ausgerolltes Plakat in die Kamera. Zunächst war das Plakat teilweise durch die sitzende Nachrichtensprecherin verdeckt. Owsjannikowa korrigierte daraufhin ihren Standort und blieb aus Zuschauersicht rechts hinter der Sprecherin mit dem vollständig sichtbaren Plakat stehen. Das Plakat zeigte neben kleinen ukrainischen und russischen Flaggen die englischen und russischen Aufschriften:
Dazu rief sie: «Остановите войну! Нет войны!» („Beendet den Krieg! Kein Krieg!“) Die Studioaufnahme wurde fünf Sekunden nach dem Beginn des Auftritts durch einen Einspieler-Beitrag unterbrochen. Owsjannikowa begab sich aus dem Studio zu ihrem Arbeitsplatz. Die vielen Vorgesetzten, die zu ihr kamen und fragten, ob sie es gewesen sei, wollten es nicht so recht glauben. Der halbstaatliche Perwy kanal ist der populärste Sender in Russland.Russlandanalysen 118 (PDF; 295 kB) der Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen, 17. November 2006. Eine Aufzeichnung der Nachrichtensendung vom 14. März 2022 stand nicht zum Download zur Verfügung, was für diesen Fernsehsender ungewöhnlich ist. Livesendungen werden seither um bis zu zwei Minuten versetzt übertragen.
Videoerklärung Am Tag vor der Aktion hatte Owsjannikowa ein Video mit einer persönlichen Erklärung aufgenommen, das sie nach der Aktion auf Facebook veröffentlichte. Darin bekundete sie ihre Scham, über Jahre für die russische Staatspropaganda beim Fernsehsender Perwy kanal (Ersten Kanal) gearbeitet zu haben, und rief zum offenen Protest gegen den Krieg auf. Ein Ausschnitt des Wortlauts wird in einer dpa-Übersetzung, hier aus der Süddeutschen Zeitung, wie folgt wiedergegeben:
In der Videobotschaft trug sie eine Halskette mit in verschiedenen Farben aneinander gereihten Elementen: Auf Rot, Weiß und Blau (Farben Russlands) folgten Gelb und Blau (Farben der Ukraine).
Folgen März 2022
Owsjannikowa wurde festgenommen. Eigenen Angaben zufolge wollten ihr die Beamten, die sie befragten, lange nicht glauben, dass sie keinen Kontakt in den Westen hatte und dass sie „selbst entschieden habe zu protestieren“. Bei den Vernehmungen wurde sie mit ihren Forderungen nach einem Anwalt vertröstet, und es war ihr währenddessen untersagt, selbst Kontakt zu einem Anwalt aufzunehmen.
Die Rechtsanwälte Owsjannikowas teilten mit, dass eine Voruntersuchung wegen „Herabsetzung der russischen Streitkräfte“ eingeleitet worden sei. Ihre Mandantin werde unter Vorenthaltung anwaltlicher Vertretung festgehalten.Brandon Marrow: The woman who protested the war in Ukraine on Russian state TV is missing. In: The Week, 15. März 2022. Am Abend des 15. März 2022 wurde berichtet, sie sei von einem Moskauer Gericht zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel (etwa 250 Euro) verurteilt worden. Anschließend wurde sie freigelassen. Sie habe vor Gericht ihre Schuld bestritten und den Vorwurf erneuert, Russland begehe in der Ukraine als Aggressor ein Verbrechen. Sie wurde zunächst nicht nach dem neuen russischen Mediengesetz verurteilt, das bis zu 15 Jahre Haft für die Behauptung von „Falschnachrichten“ über das russische Militär vorsieht. Weil sich die Verurteilung wegen „Organisation einer nicht erlaubten öffentlichen Aktion“ auf ihr Video, nicht aber den Auftritt in der Nachrichtensendung bezog, war zunächst unklar, ob es zu einer weiteren Anklage kommen würde.Andrew Roth, Pjotr Sauer: Marina Ovsyannikova: Russian journalist fined for live broadcast protest. In: The Guardian, 15. März 2022.
In mehreren Interviews äußerte sich Owsjannikowa besorgt um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder. Sie habe aber nicht vor, aus Russland zu fliehen; sie sei Patriotin. Jedoch erklärte sie, dass sie nicht sehr politisiert gewesen sei, sich aber ihre Unzufriedenheit über die Einschränkungen der politischen Teilhabe und die der Pressefreiheit in Russland über viele Jahre aufgestaut habe. Der Beginn des Krieges gegen die Ukraine sei der Punkt gewesen, an dem es für sie „kein Zurück mehr gab“. Für Owsjannikowa „war der Protest in erster Linie eine pazifistische Aktion“, weil es „im Interesse Russlands und der Welt“ sei, den Krieg „so schnell wie möglich zu beenden“. Sie hoffe, dass ihr Protest nicht umsonst gewesen sei und dass die russische Bevölkerung ihre Augen öffne und Kriegspropaganda genauer hinterfrage.
In der oppositionellen Zeitung Nowaja gaseta wurde sie in einem Kommentar als Nationalheldin bezeichnet, die die Ehre des Landes gerettet habe. Ihr Name werde in politische Lehrbücher und in die russische Geschichte eingehen und zitiert werden, während die Enkel vieler heutiger Regierungsmitglieder sich nur ungern an ihre Vorfahren erinnern werden.Александр Минкин: Etwa eine Woche nach ihrem Protest rief sie in einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC zu Demonstrationen auf. Am 25. März 2022 wurde sie wegen „Diskreditierung der Armee“ angeklagt. Nach Angaben des zuständigen Gerichts sollte sich Owsjannikowa wegen Verstoßes gegen Artikel 20.3.3 des „Gesetzes gegen Falschnachrichten“ verantworten, das im März 2022 in Kraft trat. Die Verhandlung war für den 14. April 2022 angesetzt.
Engagement der Axel Springer SE
Im April 2022 engagierte der Medienkonzern Axel Springer SE sie als freie Korrespondentin für die Marken Die Welt und den Fernsehsender Welt. Danach gelang ihr die Ausreise nach Deutschland, und sie hielt sich ab Anfang Mai 2022 in Berlin auf.Deniz Yücel: „Das ist der Krieg des russischen Volkes“. In: Die Welt. 9. Mai 2022, abgerufen am 10. Mai 2022 (Interview mit Marina Owsjannikowa). Die Anstellung bei der deutschen Zeitung endete jedoch nach weniger als drei Monaten.Marina Owsjannikowa berichtet nicht mehr für Welt. In: Medieninsider, 5. Juli 2022. Ukrainische Aktivisten hatten gefordert, dass die Mediengruppe Die Welt Marina Owsjannikowa wieder entlässt. Der ukrainische Politologe Anton Schechowzow bezeichnete ihre Berufung als „schwere Beleidigung für die Ukraine und alle Journalisten, die von den russischen Invasoren getötet wurden“. Schechowzow und andere ukrainische Kritiker vermuten in ihrem Auftritt in der russischen Nachrichtensendung eine inszenierte Aktion der russischen Propaganda, um im Westen Sympathien für Russen zu wecken und von dem von ihnen verursachten menschlichen Leid in der Ukraine abzulenken. Beim Women’s Forum in Berlin am 21. Juni 2022 beteuerte Owsjannikowa drei Monate nach ihrer Protestaktion hingegen: „Ich bereue nichts“, und „Das Gute wird über das Böse siegen. Und ich werde weiter dafür kämpfen.“Russische Journalistin nach Kriegsprotest: „Ich bereue nichts“, ORF.at, 21. Juni 2022, abgerufen am 21. Juni 2022.
Das ukrainische Zentrum für strategische Kommunikation und Informationssicherheit erhob den Vorwurf, Owsjannikowa nutze ihre im Westen erlangte Anerkennung und Glaubwürdigkeit, um beim westlichen Publikum für die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland zu werben. Kritisiert wurde auch, eine Person, die jahrelang für die russischen Staatsmedien gearbeitet habe, könne nicht glaubwürdig für freien Journalismus einstehen. Auch Vertreter der oppositionellen russischen Medien betrachteten ihre Beschäftigung in Deutschland als fragwürdiges Signal, solange unabhängige Journalisten, die seit Jahren kritische Berichterstattung in Russland betreiben, im Ausland oft nur geringe Unterstützung erführen.Farida Rustamova: Supporting Independent Journalists Has Never Been More Important. In: The Moscow Times, 12. April 2022, abgerufen am 21. Juli 2022 (englisch). Am 21. April 2022 verlieh die deutsche Weimer Media Group (WMG) Owsjannikowa den Preis für Medienfreiheit. Aufgrund von Protesten des Nationalen Rates der Ukraine für Fernsehen und Rundfunk wurde sie jedoch anschließend aus der Liste der Preisträger ausgeschlossen.
Rückkehr nach Moskau und Flucht
Anfang Juli 2022 kehrte Owsjannikowa nach Moskau zurück, nachdem ihr Ex-Mann einen Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder begonnen hatte.