mini|Alexander Calder bei der Vorführung (1951) Cirque Calder, im anglo-amerikanischen Sprachraum Calder’s Circus, war das erste Hauptwerk des US-amerikanischen Künstlers Alexander Calder. Der 1926–1931 in Paris entstandene Miniaturzirkus unterscheidet sich deutlich von Calders weitaus bekannteren Mobiles und Stabiles. Die kaum 15 cm großen, grob gearbeiteten Zirkusfiguren übten ihre Faszination erst durch die Animation ihres Schöpfers aus. Jede Aufführung war einzigartig, womit der Cirque der Kunstform Performance Art zugeschrieben wird. Neben seiner Spontanität verschafften auch Komik und Direktheit dem Amerikaner Zugang zur Avantgarde der französischen Kunstmetropole. Zu seinen Vorstellungen kamen angesehene Künstler und Literaten wie Fernand Léger, Piet Mondrian, Joan Miró, Man Ray und Jean Cocteau. Dokumentiert sind etwa siebzig Inszenierungen, die meisten in Paris und etwa dreißig in den Vereinigten Staaten. Die letzte Aufführung fand 1961 in Frankreich in Saché statt. Aufbewahrt wird die ca. siebzig Exponate umfassende Zirkustruppe im Whitney Museum of American Art in New York City.

Beschreibung Der Cirque Calder besteht aus über 70 ca. 15 cm hohen Miniaturfiguren und -tieren und fast 100 Accessoires wie Netze, Fahnen, Teppiche und Lampen sowie über 30 Musikinstrumenten, Schallplatten und Krachmachern. Als Materialien verwendete Calder Draht, Holz, Metall, Stoff, Garn, Papier, Pappe, Leder, Schnüre, Gummischläuche, Korken, Knöpfe, Strasssteine, Pfeifenreiniger und Kronkorken. In ihrer bewusst grob behauenen und unfertigen Erscheinung und ihrer zum Teil recht bizarren Kleidung oder Ausstattung wirken die Figuren allein schon durch ihr Äußeres spaßig und humorig. Das Besondere jedoch sind die Ideen, mit denen Calder seiner Truppe Leben einhauchte. Einige Beispiele sind:

Der Sprechstallmeister Monsieur Loyal, im englischen Sprachraum Ringmaster, beeindruckte in Frack und Zylinder. Seine Arme konnten bewegt werden und für seine Ankündigung ein Sprachrohr zum Mund führen. Mit der im Hintergrund angeblasenen Trillerpfeife sorgte er für Aufmerksamkeit. Der kleine Clown Trumpeteer hatte einen Ballon im Mund. Er wurde lebendig, wenn Calder durch einen Schlauch so lange Luft in den Ballon blies, bis dieser die vor ihm stehende Bärtige Dame umwarf und zerplatzte. Ein anderer Clown tauchte zunächst in einem langen dunklen Mantel auf. Aufmerksamkeit erregte er dann, wenn Calder seine Kleidung Schicht für Schicht auszog, bis er sich als mageres Drahtmännlein in einem dünnen Overall entpuppte. Beim Elefanten führte ein Schlauch längs durch den gesamten Körper und hing vorne als Rüssel in seinem Futtertrog. Blies Calder in den Schlauch, stiebten winzige Papierschnipsel wie eine Fontäne zu allen Seiten. Im Körper der Bauchtänzerin Fanni war eine Helix verborgen. Mittels einer Kurbel setzte Calder die Mechanik in Bewegung – und die Figur ließ ihre Hüften kreisen. Das fliegende Trapez bestand wie im Zirkus aus zwei Trapezen. Die von Calder in Schwingung gebrachten Artisten waren mit Drahthaken ausgestattet, die ähnlich wie Hände greifen konnten. Missglückte ein Flug, fielen die Drahtfiguren in ein locker gespanntes Netz. Ein Dompteur ließ seine Peitsche knallen. Nachdem Calder den aus Draht und einem orangefarbenen Stoffkopf gefertigten Löwen aus seinem Käfig genommen hatte, „führte dieser einige Akrobatik vor und ließ dann, auf einem Sockel sitzend, zwei oder drei Kastanien fallen, die ich schnell mit Sägemehl bedeckte“. Da „Moschus-Parfüm zu teuer“ war, gab Calder seinen Plan, Gerüche hinzuzufügen, auf.

mini|hochkant|links|Die Kunstreiterin May Wirth (1920) mini|120px|Die Trickreiterin Ella „Madame“ Bradna (1907) Den Miniaturzirkus bevölkerten außerdem Bodenakrobaten, Stehaufmännchen, abgerichtete Hunde, Schlappseil-Artisten, ein Schwertschlucker, der Sultan von Senegambien, der Speere und Äxte schleuderte, Don Rodriguez Kolynos, der eine todesmutige Rutschpartie auf einem Drahtseil riskierte, und etliche weitere Akteure. Einige von ihnen waren Zirkuslegenden nachempfunden, wie Rigoulot der Starke, der sein Können als Gewichtheber zeigte. Die Bewegung beeinflusste Calder mittels einer Kordel. Lockerte er diese, beugte sich die Drahtfigur nach vorne und ergriff mit ihren Drahthaken die Langhantel. Das Straffen der Kordel bewirkte, dass der Gewichtheber sich zunächst aufrichtete, dann, so schien es, ächzend das schwere Gewicht hob und es beim Nach-hinten-Beugen auf Überkopfhöhe stemmte. Die Kunstreiterin mit der großen Schleife soll dem einstigen Barnum & Bailey „bareback riding star“ May Wirth aufs Haar geglichen haben. Calders Pegasus-Wagen, mit Hunden, die um die Räder kreisen, war wohl dem Gespann von Ella „Madame“ Bradna, einer weiteren Attraktion von Barnum & Bailey, nachempfunden. Bei seinem rauchenden Clown sollen manche Besucher die behaarten Beine des legendären Pariser Clowns Albert Fratellini erkannt haben.

Entstehungsgeschichte Calders Weg zum Zirkus und zur Kunst mini|Seeing the Circus with ‚Sandy‘ Calder, The National Police Gazette, 23. Mai 1925 Die Kunst zu seinem Beruf zu machen, war eine Entscheidung, die Calder erst im Frühjahr 1923 traf. Zunächst hatte er sich für die Fachrichtung Maschinenbau interessiert, sein Studium im Juni 1919 abgeschlossen, dann bei einem Hydraulikingenieur gearbeitet und nebenbei Abendkurse im Zeichnen besucht. Zum Richtungswechsel animierte ihn ein Ingenieur in Vancouver. Nach New York zurückgekehrt, schrieb er sich in der dortigen Art Students League ein und belegte eine Reihe von Zeichen- und Malkursen. Seine erste bezahlte Arbeit als Illustrator fand Calder 1924 bei The National Police Gazette.

Einer der Aufträge führte ihn zum Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus, wo er im Frühjahr 1925 zwei Wochen lang die Artisten und Zirkustiere zeichnete. Das Ergebnis veröffentlichte die Illustrierte am 23. Mai 1925 unter dem Titel „Seeing the Circus with ‚Sandy‘ Calder“ (Zirkusbesuch mit „Sandy“ Calder). Im darauf folgenden Winter entstanden hunderte Pinselzeichnungen von Tieren im Bronx Zoo und im Central Park Zoo. Auf einer Florida-Reise suchte Calder das Winterquartier des Zirkus in Sarasota auf, war fasziniert von den Zelten und hielt sie in einigen Skizzen fest. Ebenfalls von 1925 datiert sein erstes Ölgemälde zum Thema: The Flying Trapeze. Es zeigt eine Darbietung weiblicher und männlicher Luftakrobaten am Fliegenden Trapez. Die Zirkusränge sind voll besetzt, alle Gesichter dem Geschehen zugewendet. Ein großes Netz füllt die gesamte Bildbreite aus und sorgt zusammen mit der Trapezkonstruktion für einen inneren Rahmen. Der Blick des Betrachters wird auf die Zirkusnummer gelenkt.

In New York hatte Calder ein Zimmer in der Wohnung von Alexander Brook, Direktor des Whitney Studio Clubs, gemietet. Anfang 1926 baute er dort den Humpty-Dumpty-Zirkus der Kinder aus: Er setzte die Spielsachen in Bewegung, ließ „einen Elefanten im Kreis gehen“ und erfand einen Mechanismus, der „einen Clown auf seinen Rücken heben“ konnte. Etwa zu dieser Zeit keimte in ihm der Wunsch nach einem Aufenthalt im fernen Europa: „Paris seemed the place to go“ (Paris schien der richtige Ort zu sein), sollte er später in seinen Aufzeichnungen festhalten. Am 20. Juli 1926 erreichte er London und setzte nach einem viertägigen Zwischenstopp seine Route über Le Havre nach Paris fort. Dort traf er sich mit dem Vater eines Studienkollegen und checkte im selben Hotel ein wie er. Die Kreativität der im Quartier du Montparnasse ansässigen Künstlerszene sollte schon bald ihren Einfluss auf den noch wenig erfahrenen Künstler ausüben.

Erste künstlerische Erfolge mit Drahtskulpturen

„In meinem ersten Jahr in Paris traf ich einen Serben, der sagte, er sei im Spielzeughandel tätig, und der mir versicherte, mit der Erfindung von mechanischem Spielzeug gut leben zu können. Da ich nicht viel Geld hatte, war ich interessiert.“ In seiner 1952 veröffentlichten „Kleinen Geschichte meines Zirkus“ schildert der Neuankömmling die ersten Schritte zum Cirque Calder. Ab Herbst 1926 entstanden zumeist Tierfiguren – Pferde, Ente mit Schlange, eine Kuh etc. – aus Draht, Holz und Stoff, einige von ihnen beweglich. Auf Anregung des spanischen Bildhauers José de Creeft stellte Calder seine Stücke im Frühjahr 1927 im Salon des Humoristes aus. Mit dem Vorschlag eines Freundes, Figuren komplett aus seinem Hauptmaterial Draht zu fertigen, begann die Ära der von ihm selbst so bezeichneten „Drahtskulptur“ (sculpture en fil de fer bzw. wire sculpture). Sie brachte Alexander Calder auf dem Montparnasse den Namen „Drahtkönig“ (le roi du fil de fer) ein.

Der Kunsthistoriker James Johnson Sweeney sah in den filigranen Gebilden „dreidimensionale, mittels Drahtlinien in den Raum gezeichnete Formen – ganz so, als ob das Hintergrundpapier einer Zeichnung weggeschnitten worden wäre und nur die Linien zurückgelassen hätte“. Ihr künstlerischer Ausdruck blieb auch in Calders Heimat nicht unbemerkt. So organisierte die Weyhe Gallery, New York im Februar/März 1928 die erste Einzelausstellung. Calder selbst schuf die ausschließlich aus Draht geformte Fensterdekoration, eine nach unten hängende und den Ausstellungstitel „Wire sculpture by Calder“ (Drahtskulptur von Calder) präsentierende Luftakrobatin. Es folgten weitere Ausstellungen in New York und Paris, im April 1929 auch in Berlin: in der auf expressionistische Kunst spezialisierten Galerie Neumann-Nierendorf.Alexander Calder: Skulpturen aus Holz und aus Draht, 1.–15. April 1929. Die Kritik war überaus positiv. Der Publizist Adolf Behne fasste treffend zusammen: „Er lässt aus seiner Plastik weg, was seit Thutmes in Aegyptien als das A und O aller Plastik galt: die Masse, die Körperlichkeit. An die Stelle des Tones, Holzes, Steines, Erzes setzt er die – Luft, einfach die Luft […]. Und er macht die Luft räumlich durch sauber hingestellte Konturen aus Draht. […] Bei Calder ist manches von den plastischen Experimenten der russischen Konstruktivisten wieder munter geworden. Aber der Calderische Konstruktivismus ist ohne Mechanismus … er spielt.“

Vom Zirkus zum Cirque Calder mini|The Barnum & Bailey Greatest Show on Earth, Poster von 1895 mini|Humpty Dumpty Circus, ab 1903, Philadelphia History Museum (2016) Unmittelbar vor seiner Abfahrt nach Europa hatte Calder ein zweites Zirkusbild gemalt. Das mit der Widmung „To the Hayeses June 27, 1926 from Uncle Sandy“ (Für die Hayes', 27. Juni 1926, von Onkel Sandy) versehene Ölgemälde trägt den Titel Circus Scene. Zu sehen ist ein großes Durcheinander unter einem riesigen Zeltdach: Vorne haben sich drei Elefanten auf Befehl ihres Dresseurs aufgerichtet. In der Mitte bietet eine junge Frau ihre Akrobatik auf dem Rücken eines galoppierenden Schimmels dar. In einer dritten Manege wird ein bizarrer Seiltanz vorgeführt. Jede freie Stelle ist ausgefüllt mit Clowns, echten und falschen Tieren. Links im Vordergrund sorgt eine Kapelle für die musikalische Untermalung. Ein Fotograf hält die Kunststücke im Bild fest. Mit diesem Geschenk hatte Calder sich von den Kindern seiner in Berkeley, Kalifornien, lebenden Schwester Margaret „Peggy“ und ihrem Mann Kenneth Hayes verabschiedet.

Die in einem europäischen Zirkus undenkbare simultane Vorstellung in drei Manegen war im Zirkus der Ringling Brothers ganz einfach „The Greatest Show on Earth“ (die größte Show der Welt). Unter einem riesigen Zirkusdach herrschten ein dichtes Gedränge und ein schier unglaubliches Getöse. Das visuelle Spektakel und die Theatralik der Auftritte sieht L. Joy Sperling auf einige von Calders Darbietungen übertragen – wenn beispielsweise der Schwertschlucker sich bei Schlucken des Spießes dreht und windet oder der sich aufspielende Löwe von seinem Dompteur kurzerhand erschossen wird.