Als Marx’ Geldtheorie werden die Auffassungen bezeichnet, die Karl Marx über die Entstehung, das Wesen, die Funktionen, den Umlauf des Geldes und über die Zirkulationsgesetze des Metall- und Papiergeldes sowie über die Unterschiede zwischen Kredit- und Papiergeld in mehreren Schriften dargelegt hat.
Allgemeines Karl Marx analysierte erstmals in seinem Buch „Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie“ 1857/58 umfassend das Geld, legte ein Jahr darauf seine geldtheoretischen Erkenntnisse in Auseinandersetzung und in kritischer Würdigung der Arbeiten zahlreicher Denker (Edward Misselden, William Petty, John Locke, Pierre Le Pesant de Boisguilbert, George Berkeley, David Hume, James Steuart, Adam Smith, Ferdinando Galiani, Jean-Baptiste Say, David Ricardo, James Mill, Thomas Tooke, Robert Torrens, John Fullarton, John Gray, Frédéric Bastiat, Martin LutherNach Marx ist Luther „der älteste deutsche Nationalökonom“ (Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 891) u. a.) in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (1859) dar. Die Herausgeber der Marx-Engels-Werke nennen dieses Buch „die beste Monographie der ökonomischen Weltliteratur über das Geld im Kapitalismus.“Zur Kritik der Politischen Ökonomie (Vorwort der Hrsg.), in: Marx-Engels-Werke, Band 13, Berlin 1961, S. X Marx übernimmt den Kern der in beiden Publikationen enthaltenen theoretischen Aussagen über das Geld in die ersten drei Kapitel des ersten Bandes seines Hauptwerks „Das Kapital. Band I“ (1867). Insbesondere die drei genannten Werke, aber auch die beiden anderen Kapitalbände und die 1862/63 entstandenen „Theorien über den Mehrwert“Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, in: Marx-Engels-Werke, Band 26.1, Berlin 1973; Band 26.2, Berlin 1967 und Band 26.3, Berlin 1968 enthalten die theoretischen und empirisch gestützten Abhandlungen über das Geld, die von Theorienhistorikern und Wirtschaftshistorikern als „Marx’ Geldtheorie“ bezeichnet werden. In jüngerer Zeit werden selbst von marxistischen oder Marx-affinen Autoren Teile seiner wert- und geldtheoretischen Aussagen in Zweifel gezogen.
Geldbegriff Die Geldtheorie ist bei Marx logisch-genetisch verbunden mit der Werttheorie. Mit ihr beantwortet Marx die Frage, worin das Wesen und die Funktionen des Geldes bestehen und wie das Geld entstanden ist. Marx leitet das Wesen des Geldes historisch aus dessen Herkunft und logisch-historisch vom Wert ab. Ausgangspunkt ist die Warenanalyse. Aus ihr ergibt sich konsequent und stringent das Wesen des Geldes. Die Ware ist eine Einheit von Gebrauchswert und Wert. Der Wert der Ware bedarf einer Form, in der er ausgedrückt werden und erscheinen kann. Das geschieht auf der letzten Stufe einer logisch-historischen Entwicklung mittels der Geldform des Werts, der Geldware. Für Marx ist das Geld der „konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschheit wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dieses fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“Karl Marx, Marx-Engels-Werke (MEW), Band I, 1956, S. 375 Nach der Marxschen Werttheorie entwickelt sich das Geld aus dem Wert der Waren, es ist dessen äußere Gestalt. Mit Hilfe des Geldes erscheint der Wert im Preis. Der Preis ist der Geldausdruck des Wertes, den der Hersteller im Tausch realisiert. Der Tauschwert ist das Verhältnis zweier Waren. Der Wert einer Ware wird mit Hilfe einer anderen Ware, in Mengen dieser anderen Ware, ausgedrückt. Prinzipiell könnte das jede beliebige Ware sein. Die Funktion des Wertausdrucksmittels geht aber schließlich im Laufe eines historischen Prozesses auf eine besondere Ware über, auf die „Geldware“. Gold (und Silber) als Geldwaren besitzen selbst Wert, um den Wert der „gewöhnlichen“ Waren messen und ausdrücken zu können. Aus Marx' Warenanalyse lässt sich das Wesen des Geldes adäquat ableiten, nicht aber dessen Form.Young Bin Hahn, Die Geldtheorie von Marx und Keynes, 1999, S. 124 Geld ist für Marx nicht nur eine quantitative Größe, sondern bringt ein gesellschaftliches (qualitatives) Produktionsverhältnis zum Ausdruck, kann daher gerade kein bloßes Zeichen sein.Karl Marx, Das Kapital, Band I, in: Marx-Engels-Werke Band 23, Berlin 1972, S. 105. Geld ist Marx zufolge endogen und nicht neutral: Menschen verkaufen Ware gegen Geld () und verwenden das Geld zum Kauf einer anderen Ware ( ), so dass bei ihm der Geldumlauf durch den Warenumlauf bestimmt wird.Doris Neuberger/Udo Kern, Karl Marx – Aspekte seines Wirkens, 2019, S. 119
Arbeitswert und Geld Im ersten Abschnitt des ersten Bandes des «Kapital» zeigt Marx, wie der Wert der Waren und das Geld logisch-historisch miteinander verknüpft sind.Der Abschnitt besteht aus drei Kapiteln. Im ersten (S. 49-98) beschäftigt sich Marx mit der Ware, ihrem Doppelcharakter, den Wertformen - siehe Wertformanalyse - und dem Fetischcharakter der Ware. Im zweiten (S. 99-108) behandelt er den Austauschprozess und im dritten Kapitel (S. 109-160) erläutert er unter der Überschrift »Das Geld und die Warenzirkulation« die Geldfunktionen und das Geldumlaufgesetz. Karl Marx: Das Kapital, Band I, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23, Berlin 1972, S. 49–160 Klaus Müller nennt vier Dimensionen des Werts.Vgl. Klaus Müller: Das Geld, Köln 2022, S. 17 ff. Die erste: Der Wert ist ein Produktionsverhältnis, ein Verhältnis der Warenproduzenten, das unter dinglichen Hüllen verborgen ist. Menschen gehen objektiv Beziehungen untereinander ein, indem sie füreinander produzieren. Würde der Wert erst im Tausch gebildet, wie zuweilen behauptet wirdMichael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert, 7. Auflage, Münster 2017, S. 208 f, 216, wäre er kein Produktions-, sondern ein Tauschverhältnis. Er ist aber ein Verhältnis, dass die privaten Produzenten in der Produktion eingehen, ein Produktionsverhältnis, das an der Oberfläche der Märkte als ein Verhältnis von Sachen erscheint. »Im Prinzip gibt es keinen Austausch von Produkten, sondern einen Austausch von Arbeiten, die zur Produktion zusammenwirken.«Karl Marx: Das Elend der Philosophie, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, Berlin 1977, S. 104 Und: »Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen es nicht, aber sie tun es.«Karl Marx: Das Kapital, Band I, S. 88 Die zweite Dimension ist die Wertsubstanz. Die Substanz ist die abstrakte Arbeit, die in Arbeitszeit gemessen wird. Die dritte Dimension ist die Wertgröße. Sie ist die Arbeitszeit, die gesellschaftlich nötig ist, um eine Ware herzustellen. Sie gibt an, welchen Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit der einzelne Produzent für die Herstellung seiner Ware aufwenden darf. Der Wert ist das in der Ware realisierte Quantum Arbeitszeit, »nicht Arbeitszeit als Arbeitszeit, sondern materialisierte Arbeitszeit; Arbeitszeit nicht in der Form der Bewegung, sondern der Ruhe; nicht des Prozesses, sondern des Resultats.«Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In. Marx-Engels-Werke (MEW), Band 42, Berlin 1983, S. 78 Sie entspricht dem Kehrwert der im jeweiligen Zweig dominierenden Arbeitsproduktivität.Zur prinzipiellen Möglichkeit, die Kennziffer zu ermitteln vgl. Klaus Müller: Das Geld. Von den Anfängen bis heute. Freiburg 2015, S. 64–69 In Arbeitszeit bestimmbar, ist die Wertgröße nichts Mystisches oder Gespenstisches, drückt aber zugleich das Gesellschaftliche, nicht das Individuelle aus. Der Wert der Ware kann nicht direkt als Arbeitszeit erscheinen, sondern muss sich eine Form geben, um sichtbar zu werden. Diese Form ist der Tauschwert – das ist die vierte Dimension –, der auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung in Geld übergeht. Marx zufolge ist das Geld, genauer die Geldform des Werts, das ungewollte Resultat der über Jahrtausende hinweg bewusst vorgenommenen Tauschhandlungen. »Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt und daher tatsächlich in Waren verwandelt werden. Die historische Ausweitung und Vertiefung des Austausches entwickelt den in der Warennatur schlummernden Gegensatz von Gebrauchswert und Wert. Das Bedürfnis, diesen Gegenstand für den Verkehr darzustellen, treibt zu einer selbständigen Form des Warenwerts und ruht und rastet nicht, bis sie endgültig erzielt ist durch die Verdopplung der Ware in Ware und Geld. In demselben Maße daher, worin sich die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, vollzieht sich die Verwandlung von Ware in Geld.«Karl Marx: Das Kapital, Band I, S. 101 f An anderer Stelle sagt Marx: »Die allmähliche Erweiterung des Tauschhandels, Vermehrung der Austausche und Vervielfältigung der in den Tauschhandel kommenden Waren, entwickelt daher die Ware als Tauschwert, drängt zur Geldbildung«.Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 13, Berlin 1961, S. 36 Das Geld ist die Ware, die den Wert aller Waren ausgedrückt, ist Äquivalentware.Karl Marx: Das Kapital, Band I, S. 79 Der in Geld ausgedrückte Wert der Ware ist ihr Preis. Der Wert tritt in Form einer bestimmten Menge der Geldware neben die »gewöhnliche« Ware.Karl Marx: Grundrisse, S. 63 »Dass der verselbständigte Wert im Geld selbst wieder nur einen relativen Ausdruck besitzt, weil das Geld selbst Ware ist […] ändert nichts an der Sache.«Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 26.3, Berlin 1968, S. 129 Das ist der logisch-genetische Zusammenhang zwischen dem Wert der Ware und dem Geld: Der Wert geht logisch und historisch dem Geld voraus. »Geld ist kein Ding, sondern eine bestimmte Form des Werts, unterstellt also wieder den Wert.«Karl Marx: Das Kapital, Band III, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 25, Berlin 1973, S. 870 Da das Geld dazu dient, den Wert auszudrücken, ihm eine Form zu geben, muss der Wert da sein, bevor es das Geld ist. Die Arbeitswerttheorie ist der logisch-genetische Schlüssel zum Verständnis des Geldes, seines Wesens. Marx enthüllt in seiner Wertformanalyse – siehe Marx’ Wertformanalyse – den Zusammenhang zwischen dem Wert und dem Geld. Er leistete, »was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen, also die Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform zu verfolgen. Damit verschwindet zugleich das Geldrätsel.«Karl Marx: Das Kapital, Band I, S. 62 Seine Wertformanalyse ist nicht nur ein logisch strukturiertes Modell. Sie widerspiegelt den Beginn der Geldgeschichte, besitzt somit wirtschaftshistorisch-praktische Bedeutung.
Die Entstehung des Geldes