Die Geschichte der Gewerkschaften in Polen reicht bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück.Insbes. in den 1980er Jahren spielte die „Unabhängigen, selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarität“ (NSZZ Solidarność) eine zentrale Rolle.Heute wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Polen mit 13,4 bzw. 10,5 % angegeben.Seite "Poland" auf "worker-participation.eu" (s. Weblinks)

Geschichte

Wie in allen mitteleuropäischen Ländern gab es in Polen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aktive Gewerkschaften, besonders in den damaligen preußischen und habsburgischen Teilungsgebieten.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden alle gesellschaftspolitischen Organisationen, also auch die Gewerkschaften, von den deutschen Besatzern verboten. Viele Aktivisten wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet, andere starben im Widerstand.

Nach 1945 wurde die Betriebsstättengewerkschaft das konstitutive Grundelement des staatlich gelenkten Gewerkschaftsbundes Zrzeszenie Związków Zawodowych (ZZZ), ab 1984 Ogólnopolskie Porozumienie Związków Zawodowych (OPZZ).

Im September 1980 wurde die „Unabhängigen, selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarität“ (NSZZ Solidarność) auch als politische Massenorganisation mit bis zu zehn Millionen Mitgliedern gegründet und führte im Herbst 1980 zur Selbstauflösung des parteiabhängigen „Zentralrats der Gewerkschaften“ (Centralna Rada Związków Zawodowych – CRZZ).

Während des Kriegsrechts vom 13. Dezember 1981 bis Juli 1983 wurde die Solidarność verboten und der kontrollierte Neuaufbau staatsabhängiger Gewerkschaften eingeleitet. Aus den Betrieben heraus wurden Branchengewerkschaften geschaffen, zu deren Koordinierung 1984 ein „Gesamtpolnischer Gewerkschaftsverband“ (Ogólnopolskie Porozumienie Związków Zawodowych) als Dachorganisation eingerichtet wurde. Ihm wurde das gesamte Gewerkschaftsvermögen nicht nur des ehemaligen CRZZ, sondern auch der verbotenen Solidarność übertragen.

Der OPZZ blieb nach der Wende von 1989 der stärkste Gewerkschaftsbund, verzeichnete aber wie alle anderen Gewerkschaften einen dramatischen Rückgang der Mitgliederzahl. Vom OPZZ spaltete sich Anfang 2002 der neue Gewerkschaftsbund Forum Związków Zawodowych (FZZ) ab.

NSZZ Solidarność hatte im Herbst 1981 zehn Millionen Mitglieder. Sie zerfiel in rivalisierende Gruppen und konnte nach ihrer erneuten Legalisierung im April 1989 nicht ihre ursprüngliche Bedeutung und Mitgliederzahl wiedergewinnen. Von 1982 bis 2005 fiel der gewerkschaftliche Organisationsgrad von etwa 80 % auf unter 14 %.

Heute ist Polens Gewerkschaftslandschaft von den drei nationalen Dachverbänden, vielen autonomen Organisationen auf regionaler Ebene (z. B. „Sierpień 80“ und Solidarność 80) sowie ungebundenen Gewerkschaften in einzelnen Betrieben oder für einzelne Berufsgruppen (z. B. Krankenschwester) geprägt. Dabei konkurrieren oft mehrere Gewerkschaften in einem Betrieb.

Aktuelle Situation Gewerkschaftsbünde Die Gewerkschaften in Polen gehören zum größten Teil einem der drei Gewerkschaftsbünde an:alle Angaben aus: FES, Polen: Gewerkschaftsmonitor 2025 (s. Literatur), S. 6 Name des GewerkschaftsbundsMitgliederZugehörigkeit zu einemInternationalen GewerkschaftsverbandNiezależny Samorządny Związek Zawodowy »Solidarność«, Solidarność(Unabhängige selbstverwaltete Gewerkschaft »Solidarität«)Homepage Solidarność, abgerufen am 15. Mai 2026552.000IGB, EGBOgólnopolskie Porozumienie Związków Zawodowych, OPZZ(Bundesweiter Gewerkschaftsbund)Homepage OPZZ, abgerufen am 15. Mai 2026450.000IGB, EGBForum Związków Zawodowych, FZZ(Gewerkschaftsforum)Homepage FZZ, abgerufen am 15. Mai 2026300.000EGB

Darüber hinaus existieren Basisgewerkschaften wie die Inicjatywa Pracownicza (IP), Mitglied der Internationalen Konföderation der Arbeiter*innen (IKA).

Einzelgewerkschaften, Branchenverbände Einzelgewerkschaften / Branchenverbände sind u. a.:alle Angaben aus: FES, Polen Gewerkschaftsmonitor 2025 (s. Literatur), S. 6, abgerufen am 15. Mai 2026 Name der GewerkschaftMitgliedschaft inDachverbandMitgliederZugehörigkeit zuEuropäischen / Globalen GewerkschaftsföderationenZwiązek Nauczycielstwa Polskiego, ZNP(Polnische Union der Lehrer_innengewerkschaft)OPZZ180.000EI, ETUCEOgólnopolski Związek Zawodowych Pielęgniarek i Położnych, OZZPiP(Nationaler Verband professioneller Krankenschwestern und Hebammen)FZZ75.000 -Krajowa Sekcja Oświaty i Wychowania, KSOiW(Nationale Sektion für Bildung und Erziehung)NSZZ »Solidarność«70.000EI, ETUCEKrajowy Sekretariat Górnictwa i Energetyki NSZZ »Solidarność«(Nationales Sekretariat für Bergbau und Energie der NSZZ »Solidarność«)NSZZ »Solidarność«80.000IndustriAll, IndustriAll EuropeNiezależny Samorządny Związek Zawodowy Policjantów, NSZZ Policjantów(Unabhängige selbstverwaltete Gewerkschaft der Polizeibeamt_innen)FZZ35.000 -Federacja Związków Zawodowych Pracowników PKP, FZZ Pracowników PKP(Gewerkschaftsbund der polnischen Eisenbahn PKP)FZZ32.000 -Porozumienie Związków Zawodowych, KADRA(Gewerkschaftsallianz KADRA, Bereich Bergbau und Energie)FZZ18.000IndustriAll EuropeFederacja Związków Zawodowych Metalowców i Hutników w Polsce, FZZ Metalowcy i Hutnicy(Föderation der Metallarbeitergewerkschaften und Metallurgen in Polen)OPZZ18.000IndustriAll Europe

Beteiligung polnischer Gewerkschaften an Interregionalen Gewerkschaftsräten Polnische Gewerkschaften sind an folgenden Interregionalen Gewerkschaftsräten beteiligtÜbersicht über bestehende Interregionale Gewerkschaftsräte, (Stand: Mai 2019), zuletzt abgerufen am 29. Juli 2026:

IGRLänderElbe / NeisseD, PL, CZPomerania (Mecklenburg-Vorpommern/Zachodnie Pomorze)D, PLViadrina (Berlin-Brandenburg/Lubuskie)D, PL

Siehe auch Liste der nationalen Mitgliedsorganisationen des EGB Liste polnischer Gewerkschaften

Literatur Magdalena Bernaciak, Coming full circle? Contestation, social dialogue and trade union politics in Poland, In: Steffen Lehndorff, Heiner Dribbusch, Thorsten Schulten (Hrsg.), Rough waters: European trade unions in a time of crises, Brüssel (ETUI, 2. Aktualisierte Auflage 2018), S. 161–183, freier download Daniel Blackburn (Hrsg.), Trade Unions of the World, London (The International Centre for Trade Union Rights), 8th edition, 2021, ISBN 978-0-9933556-2-2, S. 490–503 Jan Czarzasty, Adam Mrozowicki, Poland: Trade unions developing after a decline, in: Jeremy Waddington, Torsten Müller and Kurt Vandaele (eds.), Trade unions in the European Union: Picking up the pieces of the neoliberal challenge, Brüssel (ETUI, European Trade Union Institute) 2023, S. 833–869 freier download Friedrich-Ebert-Stiftung, Polen: Gewerkschaftsmonitor2019 (Juni), PDF, 7 S., 2020 (April), PDF, 7 S., 2021 (Juli), PDF, 9 S., 2022 (Juni), PDF, 10 S., 2023 (Juli), PDF, 11 S., alle abgerufen am 30. Oktober 20232025 (September), PDF, 10 S., abgerufen am 25. April 2026 Juliusz Gardawski, Adam Mrozowicki, Jan Czarzasty, Trade unions in Poland, Brüssel (ETUI) 2012 freier download Bernhard Pfitzner, Basisinformationen/Informationsquellen zu Gewerkschaften in Polen, Hannover 2023, 10 S., PDF

Weblinks

Homepage Solidarność, abgerufen am 15. Mai 2026 Homepage OPZZ, abgerufen am 15. Mai 2026 Homepage FZZ, abgerufen am 15. Mai 2026 Polen: Gewerkschaftsmonitor; FES Briefing, Seite der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Ausgaben des Monitors für 2019, 2020, 2021, 2022, 2023, 2025 (s. o.), zuletzt abgerufen am 25. April 2026 „Poland“ auf der Plattform „worker-participation.eu“ des Europäischen Gewerkschaftsinstituts, zuletzt abgerufen am 15. Mai 2026 „Polen“ auf der Seite „Internationales“ von labournet, abgerufen am 26. März 2022 Seite der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) zu Polen, abgerufen am 21. Mai 2026

Einzelnachweise