Die Geschichte des Mittelmeerraumes ist die Geschichte eines der ältesten Kulturräume der Menschheit. Der Mittelmeerraum ist eine interkontinentale Region, die das Mittelmeer mit den darin liegenden Inseln und die küstennahen Festlandregionen dreier Kontinente umfasst. Hier begann, neben anderen Regionen weltweit, schon in frühester Zeit eine Entwicklung von der vorgeschichtlichen in die geschichtliche Phase.Hans-Peter Hebel: Das Mittelmeer. Geschichte und Kultur. BücherWerkStatt, München 2013, S. 18 Eine wichtige Bedeutung nehmen dabei die klimatischen Räume ein: Das Mittelmeerklima zeichnet sich als Makroklima der Subtropen mit trockenen, heißen Sommern und regenreichen, milden Wintern und hohen Sonnenstundensummen aus. Dieses Klima wird auch als Winterregenklima der Westseiten bezeichnet.

Erste Hochkulturen entstanden vor etwa 5.000 Jahren am Nil und in der Levante. Sowohl die Landwirtschaft als auch die urbane Kultur haben sich von dort nach Europa verbreitet. Die moderne Wissenschaft, Philosophie und das demokratische Staatswesen haben hier ihre Wurzeln, so dass die Region heute als Wiege auch der abendländischen Kultur gilt.

Ur- und Frühgeschichte Zahlreiche paläoanthropologische Funde, beispielsweise aus der Höhle von Arago bei Perpignan, beweisen, dass schon der Homo erectus im Mittelmeerraum lebte. Vor etwa 75.000 Jahren war die Region vor allem im europäischen Teil und in der Levante von Neandertalern besiedelt; in der Levante lebten parallel zu den Neandertalern aber auch schon die Vorfahren der „Jetztmenschen“ (vergl. Archaischer Homo sapiens). Vor ca. 40.000 Jahren wanderten die Cro-Magnon-Menschen über Anatolien nach Europa ein, existierten einige tausend Jahre parallel zu den Neandertalern, verdrängten sie aber nach und nach auf die Iberische Halbinsel im Westen und die Krim-Halbinsel im Osten. Die jüngsten Neandertaler-Funde aus diesen Regionen werden auf ein Alter von etwa 30.000 Jahre datiert.

In dem sich über mehrere hunderttausend Jahre erstreckenden Zeitraum dehnten sich die polaren Eiskappen wiederholt aus, Gletscher bedeckten während der Eiszeiten die Hochgebirge. Der Meeresspiegel lag daher zeitweise um bis zu 150 Metern unter dem heutigen Niveau. Die Straße von Gibraltar schloss sich zeitweise.

Funde aus der Höhle von Franchthi in der Argolis in Griechenland – darunter melischer Obsidian und Reste von Hochseefischen (Thunfisch) – belegen frühe Seefahrt. Auch der epipaläolitische Fundort von Aetokremnos auf Zypern konnte nur über das offene Meer erreicht werden. Im Epipaläolithikum kam es zu saisonalen Siedlungen, seit dem Neolithikum wurde Landwirtschaft betrieben. Früheste diesbezügliche Spuren liegen in der Levante ab dem PPNA vor. Sehr viel später folgt das Alte Ägypten, wo ab etwa 5000 v. Chr. Ackerbau betrieben wurde. Vermutlich drangen frühe Viehzüchter aus der zunehmend trockeneren Sahara (Western Desert) in das Niltal ein. In Anatolien sind ebenfalls Fundplätze des PPNA und PPNB belegt, die Neolithisierung Zyperns erfolgte 8300 v. Chr. In Griechenland sind die ersten Ackerbauern vor 7.000 v. Chr. anzusetzen. Die ägäischen Inseln scheinen erst später zu folgen. Aus Knossos auf Kreta ist ein akeramisches Neolithikum belegt. Im westlichen Mittelmeerraum (Cardialkultur) datiert das früheste Neolithikum ebenfalls auf ca. 7000 v. Chr. Man nimmt an, dass sich die neolithischen Kulturen vor allem über die Küstenregionen des Mittelmeers verbreiteten und bereits um 6.600 v. Chr. die Schweiz erreichten. Ein Eichenholz-Einbaum dieser Cardial-Kultur wurde in La Marmotta, Bracciano (Italien), gefunden.S. Picozzi: Le palafitte di Trevignano. Il Subacqueo 5.23, 1977; http://www.stonepages.com/news/archives/001550.html, http://discovermagazine.com/2002/nov/cover

mini|hochkant=1.5|Die Karte zeigt die ungefähren globalen Zentren der Landwirtschaft und ihrer Ausbreitung: Fruchtbarer Halbmond und Ausbreitung um das Mittelmeer (9000 v. Chr.), China (7000 v. Chr.), Neuguinea (7000–6000 v. Chr.), Mexiko (3000–2000 v. Chr.), Südamerika (3000–2000 v. Chr.), Afrika südlich der Sahara (3000–2000 v. Chr., das genaue Gebiet ist unbekannt), Nordamerika (2000–1000 v. Chr.).J. Diamond, P. Bellwood: Farmers and Their Languages: The First Expansions. In: Science 300 (5619), 2003, S. 597–603.

Auf Malta und auf der iberischen Halbinsel entstanden während der Jungsteinzeit etwa zeitgleich die ersten Megalithanlagen und Tempel.

mini|Palast von Knossos, Bronzezeit Die Metallzeiten lösten die Steinzeit regional unterschiedlich ab. Zuerst verbreitet sich Kupfer, danach Bronze. Im metallreichen Spanien begann um 2300 v. Chr. die Bronzezeit (El-Argar-Kultur). Zahlreiche befestigte Siedlungen wurden angelegt. Erste Staaten entstanden mit den Pharaonen-Dynastien gegen 3000 v. Chr. in Ägypten. Fast gleichzeitig bildeten sich an der Levante- und Ägäisküste erste Stadtstaaten. Die Großreiche der Frühzeit – Assyrien, Babylonien und die Hethiter – dehnten sich zeitweilig in den mediterranen Raum aus.

Die erste Hochkultur in Europa bildete sich auf Kreta aus: Die minoische Kultur entstand um 3000 v. Chr. und erreichte als möglicherweise erste Thalassokratie tausend Jahre später ihren Höhepunkt. Es wurden für die damalige Zeit und für europäische Verhältnisse gewaltige Paläste gebaut, die Besiedlung war sehr dicht und es muss Wohlstand geherrscht haben. Der Grund für das Ende dieser Kultur im 15. Jahrhundert v. Chr. ist umstritten; ältere Theorien, wonach der Vulkanausbruch auf Santorin sie unmittelbar ausgelöscht hat, sind widerlegt. Dagegen gilt heute eine Eroberung Kretas durch mykenische Griechen als sehr wahrscheinlich.

Späte Bronzezeit bis Antike

mini|Die griechische und phönizische Kolonisation mini|Weiteste Ausbreitung der keltischen Kultur im 3. Jahrhundert v. Chr. mini|Das antike Rom war die größte Metropole seiner Zeit mini|Das Forum Romanum, Zentrum des Römischen Reiches

Späte Bronzezeit (ca. 1600 – 1200/900 v. Chr.) Die späte Bronzezeit (um 1600 bis ca. 1100 v. Chr., im östlichen, um 1300 bis ca. 900/800 v. Chr. im westlichen Mittelmeerraum) war durch zunehmende Bevölkerungsdichte und Staatenbildung sowie verstärkte Handelsaktivitäten besonders im östlichen Teil des Mittelmeerraumes geprägt. Überbevölkerung und die Sicherung der Handelsverbindungen waren die Hauptgründe für die einsetzende Kolonisation, die von den Ursprungsgebieten in Griechenland und den phönizischen Städten der Levante letztlich in alle Teile des Mittelmeerraumes und in den Schwarzmeerraum betrieben wurde. Den Beginn machten Mykener, ihnen folgten die Phönizier, die als Handels- und Seefahrervolk um 1000 v. Chr. an der Ostküste des Mittelmeeres in Erscheinung traten und ihre Stützpunkte und Siedlungen bis nach Nordafrika und Spanien ausdehnten.

Der ausgedehnte Handelsverkehr besonders im östlichen Mittelmeer wird gewöhnlich mit den folgenden Modellen erklärt:A. Bernard Knapp: Thalassocracies in Bronze Age Eastern Mediterranean trade: Making and breaking a myth. In: World Archaeology, 24/3, 1993, S. 332. Zentralisierte politische Kontrolle oder Thalassokratie (Kreta, Kanaan), Kontrolle durch einzelne Zentren (Enkomi, Knossos, Ugarit) und die Vernetzung dieser Zentren durch Botschafter und Abgesandte, Freier Handel durch Privatpersonen, Zeremonieller Handel oder Austausch von Geschenken im Sinne von Mauss.

Teilweise wurde für weitgehend frei agierende Händler argumentiert. Auch George Bass hat sich, gestützt auf die Analyse der Funde aus dem Schiffswrack von Kap Gelidonya, gegen eine mykenische Thalassokratie ausgesprochen.George F. Bass: Cape Gelidonya: A Bronze Age shipwreck. In: Transactions of the American Philosophical Society 57/58, 1967, S. 165; George F. Bass: A Bronze Age shipwreck at Ulu Burun (Kaş): 1984 campaign. In: American Journal of Archaeology 90, 1986, S. 269–296, hier S. 296. Nach Bass wurde der spätbronzezeitliche Metall-Handel, von Sardinien bis in die Levante, weitgehend von den Phöniziern dominiert.George F. Bass: Cape Gelidonya and Bronze Age maritime trade. In: H. A. Hoffner (Hrsg.): Orient and Occident. Alter Orient und altes Testament 22. Verlag Butzon und Bercker, Kevelaer 1973, S. 29–38, hier S. 36. Er nahm phönizische Gießereien auf Zypern an, in denen die typischen ochsenhautförmigen Barren produziert wurden. In der Tat zeigen ägyptische Wandmalereien als Überbringer der Ochsenhautbarren fast ohne Ausnahme Nordsyrer.S. Wachsmann: Aegeans in Theban Tombs. Orientalia Lovaniensia Analecta 20. Peeters, Leuven 1987.

In mehreren Inschriften des assyrischen Königs Tiglat-pileser III. wird das „Obere Meer des Sonnenuntergangs“ erwähnt, der Begriff wird anscheinend sowohl für den Vansee als auch das Mittelmeer verwendet.H. F. Russell: Shalmaneser’s campaign to Urartu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia according to the Assyrian sources. In: Anatolian Studies 34, 1984, S. 171–201, hier S. 193. Es scheint, dass der Begriff „Oberes Meer“ nach der Zeit Tiglat-pilesers vom Vansee auf das Mittelmeer übertragen wurde.H. F. Russell: Shalmaneser’s campaign to Urartu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia according to the Assyrian sources. In: Anatolian Studies 34, 1984, S. 171–201, hier S. 194 Salmanasser III. bezeichnet das Mittelmeer als das „Obere Meer von Amurru“. Die Assyrer besaßen keine eigene Mittelmeer-Flotte, sondern bedienten sich phönizischer und zypriotischer Schiffe.

Antike miniatur|Das antike Griechenland um 550 v. Chr. miniatur|Das Römische Reich um 117 Seit der archaischen Zeit, also ab 800 v. Chr., trat das antike Griechenland ebenfalls als Handelsmacht auf und bereitete den Phöniziern zunehmend Konkurrenz. Die Griechen siedelten bis zur Rhône (Massilia) und der Krim und errichteten Kontore und Faktoreien bis nach Ägypten.

Die Toskana war das Siedlungsgebiet der Etrusker, die auch die reichen Eisenvorkommen von Elba kontrollierten. Diese Kultur entwickelte sich aus der örtlichen Villanovakultur, später unter starkem griechischen und syrischen („orientalischen“) Einfluss. In Mittelitalien begann mit der Gründung von Rom der zunächst langsame, aber stetige Aufstieg der Römer, die sich gegen 500 v. Chr. endgültig von den Etruskern emanzipierten und die Republik gründeten. Der Süden der Apenninhalbinsel war durch die griechischen Kolonien geprägt („Magna Graecia“). Zur selben Zeit dehnte sich das persische Großreich bis Ägypten und zum Bosporus aus und unterwarf die Phönizier sowie die Ägypter. Die Zeit der großen persischen Expansion fiel zusammen mit der Blüte von Griechenland, das in mehreren Schlachten die persischen Invasionen abwehren konnte (490 bis 479 v. Chr.). Athen, neben Sparta der führende griechische Stadtstaat, hatte sich zur Abwehr der persischen Bedrohung zunächst mit Sparta und anderen Poleis zusammengeschlossen, begründete jedoch 477 v. Chr. zum Zweck der Befreiung der kleinasiatischen Griechen den attischen Seebund, der sich bald zu einem Machtinstrument Athens entwickelte (Thalassokratie).

Während die Griechen in weiten Teilen der nördlichen Mittelmeerküste Kolonien anlegten, bauten die Phönizier – nachdem (Tyros) seine Unabhängigkeit verloren hatte – Karthago in Nordafrika zur neuen Machtbasis aus und legten auch in Spanien (Cádiz), Marokko, Korsika und Sardinien Handelsniederlassungen an. Sizilien war wegen seiner reichen Ressourcen und seiner Lage zwischen den damaligen Großmächten umkämpft.

Auf der iberischen Halbinsel entwickelten die Iberer eine zunehmend hierarchische Gesellschaft (Befestigungen und Oppida). Viele Forscher nehmen eine keltische Zuwanderung aus dem Norden an. Diese Kelten vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung, Strabos Keltiberer. Keltische Eroberungszüge (Brennus) führten auch nach Ober- und Mittelitalien und Griechenland (Plünderung des Orakels von Delphi). Nordwestafrika war durch nomadische und sesshafte Berberstämme dominiert, an der Küste lagen griechische und phönizische Kolonien.