Friedrich Kümmel (* 26. April 1933 in Essingen; † 1. März 2021Traueranzeige, faz.net vom 5. März 2022, abgerufen am 14. April 2022 in HechingenTraueranzeige, swp.de vom 6. März 2021, abgerufen am 14. April 2022) war ein deutscher Philosoph und Pädagoge.

Leben Friedrich Kümmel wurde in Essingen (Ostalb) als sechstes von acht Kindern geboren. Aus bäuerlichem Geschlecht stammend, absolvierte er nach der achtjährigen Volksschulzeit zunächst die alte seminaristische Lehrerausbildung: 1947–1952 das Lehrerseminar in Künzelsau und 1952–1954 die Ausbildung zum Volksschullehrer am Pädagogischen Institut in Schwäbisch Gmünd. Anschließend war er zweieinhalb Jahre als Lehrer im Volksschuldienst tätig, zuerst an einer Mittelschule in Stuttgart-Stöckach und dann an einer Einklassenschule im Waldenserdorf Serres.

Von 1956 bis 1961 folgte ein Zweitstudium an der Universität Tübingen mit den Fächern Pädagogik, Philosophie und Evangelischer Theologie. Seine akademischen Lehrer waren unter anderem Otto Friedrich Bollnow, Walter Schulz, Andreas Flitner und Hermann Diem. Der Abschluss erfolgte 1961 mit einer Staatsprüfung (der sog. „Höheren Prüfung für den Volksschuldienst“) und der gleichzeitigen Promotion in Philosophie mit einer Dissertation „Über den Begriff der Zeit“ (Tübingen 1962). Noch vor der Ablegung der Promotionsprüfung, schickte ihn sein Doktorvater O. F. Bollnow nach Göttingen, wo er für ein Semester bei Josef König studierte. Anschließend war Friedrich Kümmel sechs Jahre lang Wissenschaftlicher Assistent bei O. F. Bollnow und habilitierte sich 1967 für das Fach Philosophie mit einer Arbeit über „Platon und Hegel zur ontologischen Begründung des Zirkels in der Erkenntnis“ (Tübingen 1968)Schriftenverzeichnis - Philosophen, auf friedrich-kuemmel.de. Zum Wintersemester 1967/68 bekam Kümmel zuerst einen Ruf für Allgemeine Pädagogik an die Pädagogische Hochschule in Lörrach, kurz darauf den Ruf auf eine Professur für historische und systematische Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen. Nachdem er ein Semester lang an beiden Hochschulen unterrichten musste, blieb er schließlich in Reutlingen und vertrat dort in der Nachfolge von Professor Hirning ab 1971 die Philosophie. Nach Schließung der PH Reutlingen 1986 war er bis zu seiner Zurruhesetzung 1998 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg tätig.

Während der ganzen Jahrzehnte nahm Friedrich Kümmel parallel zu seiner Tätigkeit in der Lehrerbildung seine venia legendi an der Universität Tübingen wahr. Die damit verbundene Betreuung ausländischer Doktoranden führte zu Kontakten in Japan, Südkorea und Griechenland zu zahlreichen Aufenthalten in diesen Ländern. Durch die Übersetzung seiner Schriften ist er dort bekannter geworden als in seinem Heimatland, in dem er auf eine weiterreichende öffentliche Wirksamkeit über den Umkreis der „Nische PH“ hinaus bewusst verzichtete. Dementsprechend konzentrierte er sich zeitlebens auf die Lehrtätigkeit und behielt das Schreiben dem Ruhestand vor, das er seit 1998 mit großer Intensität und Produktivität betrieb. Darüber hinaus initiierte Friedrich Kümmel anlässlich des 100. Geburtstags von O. F. Bollnow (* 14. März 1903) die Gründung der Otto Friedrich Bollnow - Gesellschaft e.V. am 24. Juli 2004, deren Geschicke er viele Jahre lang als Vorstand maßgeblich prägte.

Um die Veröffentlichung seiner Schriften jenseits verlegerischer Zwänge zu garantieren, gründete Friedrich Kümmel am 1. Februar 2008 den Vardan Verlag HechingenWebsite des VARDAN-Verlags e. K.. Dieser gab ihm die Möglichkeit, die Buchauflagen dem tatsächlichen Bedarf anzupassen und die Preise im Interesse einer breiten Leserschaft niedrig zu halten. Die Sachgebiete des Verlags umfassen dabei Philosophie und Pädagogik in einer ganz bestimmten Ausrichtung, welche von Friedrich Kümmel selbst als „Logik der Disjunktion“ bezeichnet wurde. In editorischen Angriff genommen hat er die systematische Ausarbeitung dieser Art von Logik mit der Überarbeitung seiner Dissertationsschrift „Über den Begriff der Zeit“. Das 2010 als erweiterte Neuauflage erschienene Buch „Zeit und Freiheit. Über den Begriff der Zeit“Zeit und Freiheit. Über den Begriff der Zeit. Zweite, neubearbeitete und erweiterte Auflage. Vardan Verlag Hechingen 2010, 370 Seiten. führt entlang klassischer und zeitgenössischer philosophischer Fragestellungen die im Umgang mit der Zeit aufbrechenden existentiellen Aporien einer neuen Betrachtungsweise zu. Mit Hilfe des Gedankens einer disjunktiven Wirklichkeitsstruktur bzw. einer Logik der Disjunktion soll die in der Existenzphilosophie weitgehend unbearbeitet gebliebene logische Hintergrundproblematik des Widersprüchlichen mit ihren ins Leben schneidenden Konsequenzen auf eine neue Art bearbeitbar gemacht werden. So verstehen sich auch die letzten veröffentlichten Werke der Jahre 2017 bis 2020 sämtlich als „Studien zur Logik der Disjunktion“,Der Ort des Menschen in der disjunktiven Struktur. Studien zur Logik der Disjunktion; und: Auf dem Weg zum disjunktiven Denken. Studien zur Logik bei Parmenides, Heraklit und Protagoras. Band 1 und 2 die über eine durchgängig disjunktive Interpretation der Gedankengänge von Parmenides, Heraklit und Protagoras den „Ort des Menschen in der disjunktiven Struktur“ neu bestimmen und die alten abendländischen Weichen- und Fehlstellungen der platonischen und aristotelischen Tradition zu korrigieren suchen (dazu mehr im Kapitel „Werk“).

Aus erster Ehe mit Erika Kümmel (geb. Vetter) hatte Friedrich Kümmel drei Kinder. Seit 1989 war er in zweiter Ehe mit Rosemarie Bossenmaier-Kümmel verheiratet.

Werk

Philosophische Ausgangspunkte Als Schüler Otto Friedrich Bollnows liegen die geistigen Wurzeln von Friedrich Kümmel in den abendländischen Denktraditionen der Phänomenologie, der Hermeneutik, der philosophischen Anthropologie und der Lebens- und Existenzphilosophie. Erweitert wird dieses Feld durch zen-buddhistische und taoistische Einflüsse, wie sie insbesondere von der vom japanischen Philosophen Nishida begründeten Kyoto-Schule ausgehen. Aus diesem In- und Miteinander westlichen und östlichen Denkens erwächst Kümmels lebenslange Suche nach einer Erkenntnis, die befreit.

Ausgehend vom Verständnis einer Hermeneutik als „allgemeine Theorie des Verstehens“ (Schleiermacher) und als „Theorie der Geisteswissenschaften“ (Dilthey) wird der hermeneutische Zirkel des Verstehens von den Diltheyschülern Lipps, Misch und König nicht länger als eine zirkuläre Reflexionsbewegung gefasst, die auf derselben Ebene wieder ankommt, von der sie ausgegangen ist. Der Zirkel der Reflexion, der vom Gegenstand des noch zu Verstehenden ausgeht, gründet vielmehr in einer unbestimmten, nicht-gegenständlichen und transzendenten Voraussetzung seiner selbst und deckt erst damit wirklich das gesamte Feld der Erkenntnis ab. Zu bedenken ist hier also die phänomenologische Einsicht im Gefolge Husserls, dass die gegenständliche Welt in tieferliegende Schichten des Bewusstseins hineingebunden ist und Gegenstände in einem Feld konstituiert werden, in dem es keine Gegenstände gibt, jedenfalls nicht in der Form, in der wir sie kennen und handhaben können. Wenn es also darum geht, die auch von der Lebensphilosophie nachdrücklich beschriebene Tiefenstruktur menschlichen Daseins ernst zu nehmen, ohne dabei schon von vornherein auf rationale Denkformen zu verzichten, muss das Verhältnis von Leben und Wissen neu gefasst werden und einer Logik folgen, die in der Lage ist, die prinzipielle Nichtabbildbarkeit und Verschränktheit der beiden Bereiche angemessen beschreiben zu können. Georg Misch hat diese Aufgabe der Hermeneutik folgendermaßen beschrieben und das Zitat markiert gleichsam den Ausgangspunkt der Philosophie Kümmels:

„Denn dies ist nun das Letzte: daß aus der Idee der Lebensphilosophie die Aufgabe einer Erweiterung der logischen Fundamente entspringt, eine Aufgabe, die seit Kants Reformation der Wissenschaftslehre und Fichtes und Hegels Fortführung derselben die systematische Philosophie nicht mehr in Ruhe läßt. Es handelt sich hier zunächst darum, für die lebendige Art von Begriffen […] Raum zu schaffen in der Logik […]. Und zwar sogleich in der altersgrauen Lehre von den sogenannten logischen Elementen, dem Begriff, Urteil und Schluß: überall hier, im Urteil wie im Begriff, statt der traditionellen Uniformität die Unterschiede der Struktur aufzuweisen.“Georg Misch: Aufbau der Logik auf dem Boden der Philosophie des Lebens,S. 47 f.

Es geht also darum, die alte, dem Satz der Identität und des ausgeschlossenen Widerspruchs verpflichtete Logik durch den Aufweis von „Unterschieden der Struktur“ bzw. von „formalen Unterschieden“ (König) zu erweitern, um so einen formalen, logischen und denkerischen Zugang zur oben beschriebenen Mehrdimensionalität des Erkenntnisfeldes zu gewinnen. Dies bedeutet anders gesagt, die logischen Prinzipien in hermeneutische Kategorien zu übersetzen und umgekehrt deren eigene Logik freizulegen. Kümmel nimmt dabei die von Misch häufig gebrauchte Formel einer „Bestimmung des Unbestimmten“ auf und begreift sie im Sinne einer unaufhebbaren Zweipoligkeit, welche weder eine vollständige Bestimmung des Unbestimmten leisten noch auf Bestimmung überhaupt verzichten kann. Oder mit den Worten Kümmels:

„Die eine Balance herstellende Formel arbeitet jeden Sachverhalt nach beiden Seiten zugleich und nimmt, wenn man das darin liegende Bild der Doppelschleife ausformuliert, die Form eines sich selbst aufhebenden Paradoxes an. Die Bestimmung des Unbestimmten erzeugt ein unbestimmtes Über-sich-Hinaus eben dadurch, daß eine möglichst genaue Bestimmung vorgenommen wird. Bestimmtes und Bestimmbares erzeugt Unbestimmtes und Unbestimmbares in ein und demselben, sich nach zwei Seiten hin auslegenden Vorgang der Bestimmung.“Vortragsmanuskript: Möglichkeiten und Grenzen der Hermeneutik als Methode (PDF; 214 kB), S. 5, auf friedrich-kuemmel.de

Hinsichtlich der damit verknüpften Aufgabe der Ausarbeitung einer „hermeneutischen Logik“ bemerkt Kümmel weiter:

„Vergleicht man im Blick auf die Reichweite dieses Problem das bereits Getane mit dem, was noch zu tun ist, so neige ich zu der Feststellung, daß die „hermeneutische Wende“ in ihrem bisherigen Resultat unbefriedigend geblieben ist und eine dazu inverse Bewegung eingeleitet werden muss, die wiederum das Thema „Logik“ explizit aufnimmt […] Sollen die mit dem Erkenntnis- und Handlungsproblem in einer Situation durchgängiger Relativität zusammenhängenden Aporien eine angemessene Behandlung erfahren können, so muss gerade umgekehrt nach der Logik der Hermeneutik selbst gefragt und in ihrem Licht das Methodenproblem erneut aufgenommen werden.“Vortragsmanuskript: Möglichkeiten und Grenzen der Hermeneutik als Methode (PDF; 214 kB), S. 20, auf friedrich-kuemmel.de

Mit dieser, von Kümmel selbst kurz nach seiner Emeritierung formulierten Programmatik ist der weitere Weg seiner philosophischen Bemühungen vorgezeichnet. Die Idee einer existentiellen Hermeneutik Es ist letztlich die Erfahrung der „Existenz“ in ihrer Angst, Fremdheit und Einsamkeit, die, anders als Heidegger behauptet, hermeneutisches Verstehen abweist und sich der Erkenntnis verschließt. Bollnow hat diese Grenze klar gesehen, aus ihrer Tatsache jedoch ein unvermeidliches Scheitern des Menschen abgeleitet und folgendes Fazit gezogen: „Das Existentielle liegt jenseits der Möglichkeit eines eigentlichen Verstehens.“Studien zur Hermeneutik, Band I, S. 112. Für Kümmel kann ein solcher Verzicht freilich nicht das letzte Wort sein, da ja nur das Existentielle wirklich zum Menschen spricht.