Die Tour de France 2022 war die 109. Austragung des wichtigsten Etappenrennens im professionellen Straßenradsport. Das Rennen wurde am 1. Juli 2022 in Kopenhagen gestartet, das Ziel wurde nach drei Wochen am 24. Juli 2022 in Paris auf der Avenue des Champs Élysées erreicht. Die Grand Tour gehört zur UCI WorldTour 2022. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 42,106 km/h war dies die bisher schnellste Frankreich-Rundfahrt.

Gesamtsieger der Rundfahrt wurde der Däne Jonas Vingegaard (Jumbo-Visma), der im Jahr zuvor Platz zwei belegt hatte. Somit holte 26 Jahre nach dem Gesamtsieg von Bjarne Riis im Jahr 1996 zum zweiten Mal ein Däne das Gelbe Trikot. Neben der Gesamtwertung sicherte sich Jonas Vingegaard auch die Bergwertung und zwei Etappensiege. Gesamtzweiter wurde der Titelverteidiger Tadej Pogačar (UAE Team Emirates) mit einem Rückstand von zwei Minuten und 43 Sekunden. Der erst 23-jährige Slowene gewann jedoch zum dritten Mal in Folge das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers. Den dritten Podestplatz belegte der Tour-de-France-Sieger von 2018, Geraint Thomas (Ineos Grenadiers), mit einem Rückstand von sieben Minuten und 22 Sekunden.

Neben dem Gelben Trikot ging auch das Grüne Trikot des Siegers der Punktewertung an die Mannschaft Jumbo-Visma. Mit einem Rekord von 480 Punkten sicherte sich Wout van Aert souverän diese Sonderwertung. Zudem gewann der Belgier drei Etappen und wurde zum aktivsten Fahrer der Rundfahrt gewählt. Die Klasse des Ausnahmekönners zeigte sich auch darin, dass er bis zur 18. Etappe auch noch die Bergwertung hätte gewinnen können, am Ende hier Fünfter wurde. Der letzte Fahrer, der das Kunststück schaffte, beide Sonderwertungen innerhalb von einer Austragung zu gewinnen, war Eddy Merckx im Jahr 1969. Mit sechs Etappensiegen war das Team Jumbo-Visma zudem das erfolgreichste Team, wobei die Mannschaftswertung, die sich aus der Addition der Zeiten der drei schnellsten Fahrer pro Etappe ergibt, an die Ineos Grenadiers ging.

In Dänemark, das den Grand Depart, der 109. Austragung abhielt, konnte man sich neben dem Gesamtsieg auch über vier Etappensiege freuen. Neben den zwei Etappensiegen von Jonas Vingegaard, trugen sich auch Magnus Cort Nielsen (EF Education-EasyPost) und Mads Pedersen (Trek-Segafredo) in die Siegerliste ein. Mit sechs Etappensiegen waren die Belgier am erfolgreichsten, während das Gastgeberland Frankreich mit Christophe Laporte (Jumbo-Visma) nur einen Etappensieg feiern konnte.

Nairo Quintana wurde ursprünglich als Gesamtsechster gewertet, aber nachträglich wegen der Einnahme des Schmerzmittels Tramadol disqualifiziert, weil dessen Verwendung gegen die medizinischen Regeln der Union Cycliste Internationale verstößt. Die von Quintana bestrittene Einnahme des Medikaments stellt jedoch kein Dopingvergehen dar.

Teams und Fahrer

Nach dem Reglement der Union Cycliste Internationale waren die 18 UCI WorldTeams zum Start berechtigt und verpflichtet. Zudem qualifizierten sich automatisch die beiden besten UCI ProTeams des Vorjahres: Alpecin-Deceuninck (unter dem damaligen Teamnamen Alpecin-Fenix) und Arkéa-Samsic. Der Veranstalter vergab außerdem Wildcards an die französischen ProTeams B&B Hotels-KTM und TotalEnergies.

Aufgrund eines Beschlusses der UCI vom 1. März 2022 vor dem Hintergrund des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 durften die Fahrer aus Russland bzw. Belarus nicht unter Namen und Fahne ihrer Nation teilnehmen.

Am 29. Juni wurden die Fahrer im Rahmen einer Teampräsentation im Tivoli (Kopenhagen) vorgestellt, wobei für jedes Team acht Fahrer startberechtigt waren.

Die 176 Teilnehmer stammten aus 27 Nationen. Das größte Kontingent stellte traditionell Frankreich, es nahmen 32 Franzosen an der Rundfahrt teil. Nach Frankreich folgten Belgien mit 18 Fahrern, Italien mit 14, Dänemark und die Niederlande mit je 10 Startern. Neun Rennfahrer kamen jeweils aus Australien, Deutschland und Spanien. Zudem waren sechs Österreicher und vier Schweizer bei der Tour de France 2022 am Start. 40 Fahrer nahmen zum ersten Mal an der Tour de France teil. An der Nachwuchswertung nahmen 27 Sportler teil, das entsprach rund 15 % des Feldes.

Der am 5. Juli 1982 geborene Philippe Gilbert (Lotto Soudal) war mit 39 Jahren der älteste Starter der Frankreich-Rundfahrt, er nahm zum 12. Mal an der Tour de France teil. Imanol Erviti (Movistar Team) und Pierre Rolland (B&B Hotels-KTM) hatten mit der 13. Tour-de-France-Teilnahme die meisten Starts aller Fahrer aus dem Feld vorzuweisen. Quinn Simmons aus dem Team Trek-Segafredo war wiederum der jüngste Fahrer im Teilnehmerfeld, er wurde am 8. Mai 2001 geboren und war damit zum Start der Rundfahrt 21 Jahre alt. Das höchste Durchschnittsalter aller 22 Mannschaften wies das Team Israel-Premier Tech auf, die Rennfahrer im Tourkader waren dort im Durchschnitt 33 Jahre alt. Das jüngste Team war die Mannschaft Team DSM mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren. Der durchschnittliche Rennfahrer der Tour de France 2022 war 29 Jahre alt.

Bei der Frankreich-Rundfahrt 2022 nahmen fünf bisherige Grand-Tour-Sieger teil: Chris Froome, Primož Roglič, Tadej Pogačar, Nairo Quintana, und Geraint Thomas. Außerdem nahmen 41 Fahrer teil, die bei der Tour de France einen Etappensieg erringen konnten. Peter Sagan hat mit 12 Etappensiegen zwischen 2012 und 2019 die meisten Etappen gewonnen. Er lag vor Chris Froome, der zwischen 2012 und 2017 sieben Etappen gewann, und vor Tadej Pogačar sowie Wout van Aert mit jeweils sechs Etappensiegen.

Favoriten Als Topfavorit auf den Gesamtsieg galten der Vorjahressieger Tadej Pogačar (UAE Team Emirates) und sein Landsmann Primož Roglič (Jumbo-Visma). Während der Titelverteidiger der unumstrittene Leader in seinem Team war, musste sich Primož Roglič die Kapitänsrolle mit dem Gesamtzweiten des Vorjahres, dem Dänen Jonas Vingegaard, teilen, der schließlich die diesjährige Ausgabe gewann. Mit Steven Kruijswijk, Sepp Kuss und Wout van Aert konnten die beiden auf ein starkes Team bauen. Tadej Pogačar hatte in der laufenden Saison mit der UAE Tour und Tirreno–Adriatico zwei Rundfahrten der UCI WorldTour gewinnen können. Zuletzt nutzte er seine Heimatrundfahrt (Slowenien-Rundfahrt), um sich auf die Tour de France vorzubereiten. Auch Primož Roglič hat mit Paris–Nizza und zuletzt dem Critérium du Dauphiné Rundfahrten der höchsten Kategorie gewonnen. Jonas Vingegaard musste sich bei Tirreno–Adriatico nur Tadej Pogačar geschlagen geben und überzeugte als Zweiter beim Critérium du Dauphiné.

Neben den beiden Slowenen stellten auch die Ineos Grenadiers mit Adam Yates, Daniel Felipe Martínez und Geraint Thomas, dem Gesamtsieger von 2018, mehrere Kandidaten auf den Gesamtsieg. Daniel Felipe Martínez gewann im Frühjahr die Baskenland-Rundfahrt, während sich Geraint Thomas vor wenigen Wochen den Gesamtsieg der Tour de Suisse sicherte. Auch das Team Bora-hansgrohe hoffte auf einen Podestplatz bei der dreiwöchigen Rundfahrt. Zwar stand der Sieger des Giro d’Italia 2022, Jai Hindley, nicht am Start, doch mit Alexander Wlassow, dem Gewinner der Tour de Romandie stellte das Team einen der konstantesten Fahrer der Saison.

Aus französischer Sicht ruhten die Hoffnungen auf David Gaudu (Groupama-FDJ) und Romain Bardet (DSM), der den Giro d’Italia in aussichtsreicher Position liegend krankheitsbedingt aufgeben musste. Mit dem Australier Ben O’Connor, der für das französische Team AG2R Citroën fährt, befand sich ein weiterer Fahrer mit Frankreich-Bezug im erweiterten Favoritenkreis.

Weitere Fahrer, die im Kampf um das Gesamtklassement eine Rolle ausrechneten, waren Enric Mas (Movistar), Jack Haig, Damiano Caruso (beide Bahrain Victorious), Jakob Fuglsang, Michael Woods (beide Israel-Premier Tech), Nairo Quintana (Arkéa-Samsic), Rigoberto Urán (EF Education-EasyPost), Guillaume Martin, Ion Izagirre (beide Cofidis), Louis Meintjes (Intermarché-Wanty-Gobert Matériaux), Giulio Ciccone (Trek-Segafredo) und Alexey Lutsenko (Astana Qazaqstan).

Sprinter Mit Caleb Ewan (Lotto Soudal), Fabio Jakobsen (Quick-Step Alpha Vinyl), Jasper Philipsen (Alpecin-Deceuninck), Dylan Groenewegen (BikeExchange-Jayco), Mads Pedersen (Trek-Segafredo), Alexander Kristoff (Intermarché-Wanty-Gobert Matériaux), Bryan Coquard (Cofidis) und Alberto Dainese (DSM) standen gleich mehrere ausgewiesene Top-Sprinter am Start. Dazu kamen mit Danny Van Poppel (Bora-hansgrohe) und Hugo Hofstetter (Arkéa-Samsic) weitere mögliche Etappensieger. Im Kampf um das Grüne Trikot war zudem mit Wout van Aert zu rechnen, der ebenfalls zu den Siegesanwärtern in einem Massensprint zählte. Zwei weitere Fahrer, die Chancen auf den Sieg in der Punktewertung hatten, waren Michael Matthews (BikeExchange-Jayco), der vor allem im hügeligen Terrain gut zurechtkommt, und Peter Sagan (TotalEnergies), der zuletzt mit einem Etappensieg bei der Tour de Suisse aufzeigte. Für Peter Sagan wäre es bereits der achte Sieg in der Sonderwertung gewesen. Nicht am Start der Rundfahrt stand Mark Cavendish (Quick-Step Alpha Vinyl), der in der Selektion gegenüber Fabio Jakobsen das Nachsehen hatte und so den Rekord an Tour-de-France-Etappensiegen, den er sich mit Eddy Merckx teilt, nicht verbessern konnte.

Bergfahrer mini|Magnus Cort war der erste Träger des Bergtrikots 2022 Wie in den meisten Jahren war es auch 2022 schwer zu sagen, wer in den Kampf um die Bergwertung eingreifen wird. Meist ergab sich dieser erst im Verlauf der Rundfahrt, wobei oft Gesamtklassement-Fahrer, die bereits viel Zeit verloren haben, das gepunktete Trikot als neues Ziel anvisieren. Mit Thibaut Pinot (Groupama-FDJ) hatte jedoch bereits im Vorfeld ein Fahrer Interesse an der Sonderwertung bekundet. Zudem war damit zu rechnen, dass Fahrer aus kleineren französischen Mannschaften im Kampf um die Bergwertung mitmischten. Obwohl es bei der 109. Austragung der Tour de France keine doppelten Punkte auf den Schlussanstiegen gab, bestand weiterhin die Möglichkeit, dass das Bergtrikot an einen der besten Gesamtklassement-Fahrer gehen wird.

Weitere interessante und abwesende Fahrer In den beiden Zeitfahren galten der Weltmeister Filippo Ganna, Wout van Aert, Stefan Küng und Stefan Bissegger als aussichtsreiche Kandidaten auf einen Etappensieg und das erste Gelbe Trikot. Besonders auf dem längeren Zeitfahren der 20. Etappe war jedoch auch mit dem Olympiasieger Primož Roglič, Tadej Pogačar und Geraint Thomas zu rechnen.

Aufgrund der 5. Etappe, auf der die berühmten Pavé-Sektoren (Kopfsteinpflaster-Abschnitte) absolviert wurden, hatten viele Mannschaften Klassiker-Spezialisten in ihren Aufstellungen. Fahrer wie der Paris–Roubaix-Sieger Dylan van Baarle, der Cyclocross-Weltmeister Thomas Pidcock (beide Ineos Grenadiers), Wout van Aert und Christophe Laporte (beide Jumbo-Visma) hatten aller Voraussicht nach jedoch die Aufgabe, ihre Team-Leader sicher über das Pflaster zu begleiten. Anders verhielt es sich bei dem Sieger der Flandern-Rundfahrt, Mathieu Van der Poel (Alpecin-Deceuninck), der auf eigene Interessen fahren durfte.