Amadis (LWV 63, später auch Amadis de Gaule betitelt) ist eine Tragédie lyrique (Oper) in einem Prolog und fünf Akten von Jean-Baptiste Lully (Musik) mit einem Libretto von Philippe Quinault nach Nicholas d’Herberay des Essarts’ erweiterter französischer Fassung des Ritterromans Amadis de Gaula von Garci Rodríguez de Montalvo. Die Uraufführung fand Mitte Januar 1684 im Palais Royal der Académie Royale de musique in Paris statt.

Handlung

Kurzfassung

Prolog. Die guten Zauberer Alquif und Urgande, die sich aus Trauer über den Tod des Helden Amadis selbst in eine Zauberstarre versetzt hatten, erwachen, da ein neuer, noch ruhmvollerer Held (König Ludwig XIV.) erschienen ist. Sie nehmen dies zum Anlass, Amadis’ Geschichte neu zu erzählen.

Erster Akt. Amadis, Sohn des gallischen Königs Périon, ist untröstlich, weil seine Geliebte Oriane dem Wunsch ihres Vaters nachkommen und einen anderen Mann heiraten will. Sein Halbbruder Florestan hingegen hat eine glückliche Beziehung mit Corisande. Oriane glaubt ihrerseits, dass Amadis längst eine andere Frau liebt.

Zweiter Akt. Die Zauberin Arcabonne und ihr Bruder Arcalaus schwören Amadis Rache für den Tod ihres Bruders Ardan Canile. Arcabonne leidet schwer unter ihrer Liebe für einen unbekannten Ritter, der sie kürzlich vor einem Ungeheuer rettete. Die Ausführung der Rache soll sie darüber hinwegtrösten. Die beiden benutzen den von ihnen verzauberten Florestan, um Amadis in eine Falle zu locken. Corisande wird von Dämonen entführt und Amadis ebenfalls verzaubert.

Dritter Akt. Florestan und Corisande werden mit anderen Gefangenen beim Grabmal des Ardan Canile gefangen gehalten. Arcabonne schwört, ihren toten Bruder zu rächen. Sein Geist widerspricht ihr jedoch. Er weiß bereits, dass sie ihn hintergehen wird. Als Amadis hereingeführt wird, erkennt Arcabonne in ihm ihren einstigen Retter. Sie lässt ihn und die anderen Gefangenen frei.

Vierter Akt. Arcalaus hat Oriane entführt, um Amadis zu quälen. Oriane glaubt noch immer an Amadis’ Untreue. Arcalaus zeigt ihr in einer Vision den scheinbar toten Amadis. Oriane erkennt, dass sie ihn noch immer liebt, und bricht zusammen. Die bösen Zauberer wollen nun Amadis wecken und ihm die scheinbar tote Oriane zeigen. Da erscheint die mächtige Zauberin Urgande in einem Zauberschiff und rettet ihren Schützling Amadis und seine Geliebte. Gute Dämonen besiegen die von Arcalaus herbeigerufenen Unterwelt-Dämonen.

Fünfter Akt. Urgande bringt das Paar zum Zauberpalast des Apollidon. Mit ihrer Hilfe klären sich die Missverständnisse auf, und beide schwören einander ihre Liebe und Treue. Auch Florestan und Corisande kommen hinzu. Amadis befreit die von Apollidon verzauberten Helden und Heldinnen aus der verbotenen Kammer des Palasts, in die nur die treueste Liebe vordringen kann.

Prolog

Der Ort, den Alquif und Urgande gewählt haben, um nach ihrer Verzauberung auszuruhen

rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des Prologs. Partiturausgabe von 1711

Es blitzt und donnert, und die Zauberer Alquif und Urgande und ihr Gefolge erwachen erleichtert aus ihrer Verzauberung, in die sie sich aus Trauer über den Tod des Amadis versetzt hatten. Sie verkünden, dass endlich ein neuer Held hervorgetreten sei, dessen Ruhm denjenigen von Amadis noch übertreffe. Dieser (König Ludwig XIV.) werde die Herren der Erde die große Kunst des Kriegs und des Regierens lehren. Jetzt könne auch Amadis’ Geschichte wieder ins Leben gerufen werden. Alle feiern mit Tanz und Gesang (u. a. Chor: „Suivons l’amour“).

Erster Akt

Der Palast von König Lisuart, dem Vater von Oriane

rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des ersten Akts. Partiturausgabe von 1711 mini|Der Palast des Vaters von Oriane, 1701

Szene 1. Amadis und Florestan, die Söhne des gallischen Königs Périon, unterhalten sich über die Liebe. Während Florestan mit Corisande, der Herrscherin von Gravesande, glücklich ist, leidet Amadis unter seiner Liebe zu Oriane, der Tochter des britischen Königs Lisuart (Amadis: „J’aime, hélas“). Obwohl Oriane seine Gefühle erwiderte, will sie dem Wunsch ihres Vaters nachkommen und den römischen Kaiser heiraten. Auch sein im Krieg erworbener großer Ruhm kann Amadis nicht über diese Enttäuschung trösten.

Szene 2. Corisande und Florestan fallen sich nach längerer kriegsbedingter Trennung in die Arme.

Szene 3. Als Oriane hinzukommt, erzählt ihr Florestan von Amadis’ Liebesschmerz. Oriane hat jedoch erfahren, dass Amadis inzwischen ein Verhältnis mit der schönen Briolanie eingegangen ist. Sie glaubt Florestans und Corisandes gegenteiligen Beteuerungen nicht (Oriane: „Juste dépit, brisez ma chaîne“).

Szene 4. Zwei Gruppen von Kriegern führen zu Orianes Ehren Schaukämpfe vor (Divertissement mit Pauken und Trompeten). Die Sieger legen ihr die gewonnenen Waffen zu Füßen.

Zweiter Akt

Ein Wald, dessen Bäume mit Trophäen behängt sind; im Hintergrund eine Brücke und ein Pavillon

rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des zweiten Akts. Partiturausgabe von 1711

Szene 1. Die Zauberin Arcabonne sagt sich von der Liebe los, von der sie nur Leid erwartet (Arcabonne: „Amour que veux-tu de moi?“).

Szene 2. Sie erzählt ihrem Bruder Arcalaus, dass ein Ritter sie kürzlich vor einem Ungeheuer gerettet habe. Seitdem müsse sie ständig an ihn denken. Sie schäme sich dieser Gefühle. Arcalaus rät ihr, sich dunkler Magie zu bedienen, um ihre Liebesketten zu lösen. Er erinnert sie daran, dass sie gemeinsam ihren Bruder Ardan Canile rächen sollten, der von Amadis getötet wurde (Duett: „Irritons notre barbarie“). Arcabonne fühlt sich durch diese Aufgabe beruhigt.

Szene 3. Arcalaus beobachtet, wie Amadis in seine Richtung kommt. Er beschwört Dämonen, die ihm eine Falle stellen sollen (Arcalaus: „Dans un piège fatal“), und betritt den Pavillon.

Szene 4. Verzweifelt über seine unerwiderte Liebe, sucht Amadis Trost im dunklen Wald (Amadis: „Bois épais“).

Szene 5. Corisande fleht Amadis um Hilfe an: Eine Zauberin habe Florestan verhext und ihn in ihr Reich gelockt. Amadis, der keine Gefahr mehr fürchtet, ist sofort bereit, mit ihr nach seinem Bruder zu suchen. Beide eilen auf die Brücke zu.

Szene 6. Arcalaus stellt sich Amadis entgegen. Während sie kämpfen, wird Corisande von Amadis’ Leuten entführt.

Szene 7. Von Arcalaus herbeigerufene Dämonen (Arcalaus: „Esprits infernaux“) in Gestalt von Ungeheuern versuchen vergeblich, Amadis aufzuhalten. An ihrer Stelle erscheinen andere Dämonen in Gestalt von Nymphen, Hirten und Schäferinnen, die Amadis so verzaubern, dass er nur noch an Liebe denken kann (Chor: „Vous ne devez plus attendre“). Er hält eine der Nymphen für Oriane, legt seine Waffen nieder und folgt ihr bereitwillig.

Dritter Akt

Eine alte Palastruine mit dem Grabmal des Ardan Canile und mehreren Verliesen

rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des dritten Akts. Partiturausgabe von 1711 mini|Das Gefängnis, Paris 1684

Szene 1. Florestan, Corisande und weitere Gefangene sind in den Verliesen angekettet. Ihre Klagen beantworten die Wärter mit höhnischen Drohungen.

Szene 2. Fliegende Dämonen bringen Arcabonne herein. Sie lässt die Zellentüren öffnen, um die Gefangenen zu töten. Die meisten sind erleichtert, dass ihre Qualen auf diese Weise ein Ende finden sollen. Corisande und Florestan besingen ihre unerschütterliche Liebe. Ihr Trost besteht darin, dass sie auch im Tod nicht getrennt werden. Arcabonne verspricht ihrem toten Bruder die Erfüllung seiner Rache. Ein Stöhnen aus dem Grabmal antwortet ihr.

Szene 3. Der Schatten des Ardan Canile steigt aus dem Grabmal und verkündet, dass Arcabonne ihn hintergehen und ihr Versprechen brechen werde. Er werde sie in der Unterwelt erwarten, wohin sie ihm in Kürze folgen werde.

Szene 4. Wachsoldaten führen den gefesselten Amadis herein, den Arcabonne eigenhändig töten will. Sie muss jedoch feststellen, dass er der unbekannte Ritter ist, der sie damals vor dem Ungeheuer rettete. Kurz entschlossen löst sie ihm die Ketten und fragt ihn, welche Belohnung er sich wünsche. Er bittet um die Freiheit der anderen Gefangenen. Arcabonne gewährt ihm den Wunsch und führt Amadis mit sich fort. Die Befreiten feiern ihren Retter (Divertissement).

Vierter Akt

Eine liebliche Insel

rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des vierten Akts. Partiturausgabe von 1711

Szene 1. Arcalaus hat Oriane gefangen genommen, da er in ihrer Schönheit und Amadis’ Liebe zu ihr die Ursache für Arcabonnes und sein Unglück sieht. Sie soll zur Strafe fürchterlich leiden. Arcabonne erzählt ihm, dass sie in Amadis ihren einstigen Retter erkannt und sie sich in ihn verliebt habe. Dass er eine andere liebt, weckt in ihr heftige Eifersuchts-Gefühle, die ihren Hass noch übertreffen.

Szene 2. Oriane ist verzweifelt. Sie glaubt, Amadis habe sie vergessen.

Szene 3. Oriane versichert Arcalaus, dass sie Amadis hasse. Seinen Mut allerdings bewundere sie weiterhin.

Szene 4. Arcalaus zeigt Oriane in einer Vision den scheinbar toten Amadis, auf seinen blutigen Waffen ausgestreckt. Sofort zeigen sich wieder ihre wahren Gefühle für ihn (Oriane: „Que vois-je? […] Ô trop funeste sort“). Sie fühlt sich schuldig an seinem Unglück, will ihm in den Tod folgen und bricht schließlich ohnmächtig zusammen.

Szene 5. Arcalaus und Arcabonne genießen ihren Triumph und überlegen, wie sie das Leid der beiden noch verstärken und verlängern können. Arcabonne schlägt vor, Amadis aus seiner Verzauberung zu wecken und ihm die scheinbar tote Oriane zu zeigen.

Szene 6. Da nähert sich ein von Flammen umgebener Felsen. Die Flammen verschwinden und lassen ein Schiff in Form einer großen Schlange zurück, dem die mächtige und gute Zauberin Urgande mit ihrem Gefolge entsteigt. Urgande lässt Arcalaus und Arcabonne mit ihrem Zauberstab erstarren. Ihre Diener brechen den über Amadis und Oriane liegenden Zauber mit Blumen und Düften und bringen die beiden in das Schiff (zwei Anhänger Urgandes: „Cœurs, accablés de rigueurs inhumaines“). Bevor sie abreisen, löst Urgande die Verzauberung der bösen Geschwister wieder. Diese rufen Dämonen aus der Unterwelt zu ihrer Verteidigung herbei. Gute Dämonen der Luft erscheinen und besiegen die höllischen Dämonen. Arcalaus und Arcabonne entsagen hilflos dem Leben.

Fünfter Akt

Der verzauberte Palast des Apollidon mit dem Torbogen der treu Liebenden und der verbotenen Kammer, deren Tür verschlossen ist

rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des fünften Akts. Partiturausgabe von 1711 mini|Der Palast des Apollidon, 1701

Szene 1. Urgande hat Amadis und Oriane in den Zauberpalast in Sicherheit gebracht. Als Amadis erwacht, fürchtet er sich vor einer Begegnung mit seiner Geliebten. Urgande ermutigt ihn, ihr seine Gefühle zu zeigen.

Szene 2. Auch Oriane erwacht. Sie erblickt Amadis, versichert ihm ihre Liebe und ist sogar bereit, zugunsten ihrer vermeintlichen Rivalin Briolanie auf ihn zu verzichten. Nachdem die Missverständnisse ausgeräumt sind, schwören sich beide ewige Liebe.

Szene 3. Urgande verspricht dem Paar, sich bei Orianes Vater für ihre Verbindung einzusetzen. Eine so perfekte Liebe verdiene das Glück.

Szene 4. Auch Florestan und Corisande treffen ein. Urgande bereitet Amadis auf eine letzte Aufgabe vor, die nur er lösen könne: Er muss die von Apollidon verzauberten Helden und Heldinnen aus der verbotenen Kammer befreien. Oriane soll ihm furchtlos folgen, denn nur die treueste Liebe kann den Bogen durchqueren.

Szene 5 „dernière“. Die verbotene Kammer öffnet sich. Die bis zu diesem Moment verzauberten Helden und Heldinnen treten heraus und feiern ihre Befreier mit Tanz und Gesang.

Gestaltung

mini|Erste Seite der reduzierten Partitur, Paris 1711