Die ukrainische Nation ist eine Staatsnation auf dem Territorium der Ukraine, die auf dem Willen der Staatsbürgerschaft beruht, zu der Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen (vor allem Ukrainer,Insbesondere gab es abweichende Bezeichnungen für Personen, die man heute „Ukrainer“ nennen würde, wie „Kleinrussen“, „Ruthenen“ oder „Russinen“. Russen, Tataren, Ungarn, Rumänen und Polen) zählen. Auch der Begriff Willensnation wird für die Ukraine verwendet.NZZ vom 14. April 2010: Die Ukraine – eine fragile WillensnationWas ist Ukrainisch? Nationwerdung in der Ukraine, owep.de, 4/2014.

Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages betrachteten 2008 die Ukraine als „vergleichsweise junge[n] Nationalstaat, der im Rahmen des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahr 1991 seine volle staatliche Souveränität erlangte“. mini|rechts|Flagge der Ukraine

Nationalkulturen Russlands und der Ukraine im Konflikt Der Schweizer Slawist Ulrich Schmid wählte als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen über die ukrainische Nation die Entwicklung der „ukrainischen Nationalkultur“. Die Ukraine und Russland konstruieren ihm zufolge „ihre Nationalkulturen im Dialog und im Konflikt“. Die Russland stark prägende Ideologie der sogenannten Russischen Welt schuf Netzwerke zur Manipulation der Entwicklung der Ukraine,Agents of the Russian World: Proxy Groups in the Contested Neighbourhood, Chatham House, 14. April 2016. was in den wechselvollen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine und seit 2014 im russisch-ukrainischen Konflikt zum Ausdruck kam.

Wie andere junge Staaten stand die Ukraine vor der Herausforderung der Legitimation. Gleiches galt für die ukrainische Nation, „deren Formierung mit Verzögerungen und Rückschlägen verbunden war“ und laut Andreas Kappeler zumindest bis 2010 nicht konsolidiert gewesen sei.Andreas Kappeler: Das österreichische Galizien in heutigen ukrainischen Schulbüchern. In: Marija Wakounig u. a. (Hrsg.): Nation, Nationalitäten und Nationalismus im östlichen Europa. Festschrift für Arnold Suppan zum 65. Geburtstag. Wien / Berlin 2010, S. 147–162, S. 147. 2016 nannte Kappeler die Ukraine „eine zweisprachige politische Nation“."Die Ukrainer haben auf dem Maidan die Revolution von 1989 nachgeholt", Wiener Zeitung, 19. Februar 2016. Schon 1994 hatte sich für den Staat und die Demokratie ein Präzedenzfall ergeben, als sich Leonid Krawtschuk, der erste Präsident der Ukraine, nach einer verlorenen Stichwahl von seinem Posten zurückzog: Er klammerte sich nicht an die Macht, womit er die Tradition des Machtwechsels in der Ukraine begründete. Diese Erfahrung eines nach einer offenen Wahl abtretenden Präsidenten blieb in den Nachbarländern Russland oder Belarus bis mindestens 2022 unerfüllt."Mein größter Fehler ist, dass ich Russland geglaubt habe" Der erste Präsident der Ukraine, Leonid Krawtschuk, ist gestorben. An ihn erinnert sich der Journalist Konstantin Skorkin, Meduza, 11. Mai 2022.

Benedict Anderson betrachtet die Nation als „imaginäre Gemeinschaft“ – also eine Gemeinschaft, die nicht auf direkter Kommunikation aller Mitglieder beruht wie bei einem Stamm. Dies erkläre, warum bürgerlicher Nationalismus nicht dasselbe sei wie ethnischer Nationalismus, so Konstantin Skorkin vom Carnegie Center Moskau.Von Bandera bis Asow: Antwort auf die wichtigsten Fragen zum ukrainischen Nationalismus Woher kam er, wie er die moderne Ukraine beeinflusst – und wie die russische Propaganda ihn darstellt, Meduza, 17. April 2022.

Begriffsklärung Menschen, die sich zu „ihrer“ ukrainischen Nation bekennen, werden oft als „Nationalisten“ bezeichnet. In der politischen Umgangssprache bezeichnet dieses Wort eine Ideologie der nationalen Intoleranz und der Aggressivität.Otto Dann: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990. 2. Auflage, C.H.Beck, München 1994, S. 18. In diesem Sinne steht Nationalismus im Gegensatz zum positiv zu wertenden Patriotismus. In der Sozialpsychologie und der Geschichtswissenschaft wird diese Unterscheidungsmöglichkeit aber auf empirischer Grundlage bestritten.Nikolaus Westerhoff: Die Mär vom guten Patrioten. In: Süddeutsche Zeitung, 14./15. Juli 2007; Adam Rutland et al.: Development of the positive-negative asymmetry effect: in-group exclusion norm as a mediator of children’s evaluations on negative attributes. In: European Journal of Social Psychology, 37 1, 2006, S. 171–190; Dieter Langewiesche: Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert. Zwischen Partizipation und Aggression; Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 24. Januar 1994. Bonn 1994, S. 16 (online, Zugriff am 22. Februar 2019); Christian Jansen mit Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus, Frankfurt am Main 2007, S. 18 und 34 f. Von der Extremismusforschung werden nicht alle Ausprägungen des Nationalismus als extremistisch betrachtet, sondern nur Varianten des Ultranationalismus, der generell dem Rechtsextremismus zugeordnet wird.Uwe Backes: Extremistische Ideologien. In: Eckhart Jesse, Tom Mannewitz (Hrsg.): Extremismusforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden 2018, S. 99–160, hier S. 112 f.; Astrid Bötticher, Miroslav Mareš: Extremismus. Theorien – Konzepte – Formen. München 2012, S. 315.

Wenn, wie es Putinisten tun, die aktuelle ukrainische Regierung als „nationalsozialistisch“ verunglimpft wird, dann wird ihr also nicht Nationalismus vorgeworfen, sondern Ultranationalismus im Sinne der o. g. Definition von Historikern und Sozialpsychologen. Konkret wirft Timofei Sergeitsev in einem Beitrag für RIA Novosti der ukrainischen Regierung und der Mehrheit der Ukrainer vor, den Vorstellungen des „Nationalsozialisten“ Stepan Bandera zu folgen.

Laut der aus der Ukraine stammenden, in Basel lebenden Kulturwissenschaftlerin Kateryna Botanova verläuft die Grenze zwischen (aus der Sicht des Westens) akzeptablen und nicht akzeptablen politischen Strömungen in der Ukraine nicht zwischen Patriotismus und Nationalismus und auch nicht zwischen Nationalismus und Nicht-Nationalismus, sondern „zwischen denen, die für demokratische Werte, Rechte und Freiheiten einstehen, und denen, die diese Rechte möglichst stark beschneiden wollen, meistens unter dem Vorwand wachsender Bedrohung: durch äussere Aggression, durch Migranten, durch die fünfte Kolonne – die Liste lässt sich beliebig verlängern.“

Geschichte des Selbstverständnisses von Ukrainern als Nation mini|rechts|Kiewer Rus um das Jahr 1000 mini|rechts|Karte der Kiewer Rus zum Zeitpunkt der Mongoleninvasion 1237 Sowohl Ukrainer als auch Russen beziehen sich positiv auf die mittelalterliche Rus. Bereits im 14. Jahrhundert jedoch hatte Polen Gebiete im Westen der heutigen Ukraine erobert, die erst 1939 Teil der Sowjetunion wurden. Bis 1686 war die orthodoxe Kiewer Metropolie dem Patriarchen von Konstantinopel zugeordnet; erst im Jahr 1686 wurde sie unter russischem Druck dem Moskauer Patriarchen unterstellt. Die der römisch-katholischen Kirche zugehörigen „unierten“ Ukrainer, die auf die von Polen am Ende des 16. Jahrhunderts initiierte Union von Brest zurückgehen, stellen noch heute die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung Galiziens und der Karpato-Ukraine. Im Rahmen Polen-Litauens standen die Russinen (die Volksgruppe der Russinen ist nicht identisch mit dem Volk der Russen), wie sich die Menschen selbst nannten, unter „westlichen Einflüssen wie dem Stadtrecht, dem politischen System der polnischen Adelsrepublik, der Renaissance, Reformation und Gegenreformation […], die das Moskauer Russland kaum erreichten“. Diese Einflüsse trugen Kappeler zufolge „zur Herausbildung einer frühen ukrainischen Nation“ bei.

Ulrich Schmid zufolge fallen allerdings die Ursprünge einer ukrainischen Nationalbewegung erst ins frühe 19. Jahrhundert, in den Zeitgeist der Romantik. In dieser Zeit begannen Historiker, Intellektuelle und Künstler, sich für ukrainische Kultur und Geschichte zu interessieren – ohne diese aber in einen Gegensatz zur russischen zu stellen. Es handelte sich um eine kulturelle Nationalbewegung, die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entschieden politisch wurde. Träger dieser Nationalbewegung war zunächst eine sehr kleine Gruppe ukrainischer Intelligenzler, zunächst in Galizien (siehe: Ukrainische Nationalbewegung in Galizien), dann auch im Zarenreich. Für Andrii Portnov hingegen waren die Ukrainer unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg „die größte slawische Nation ohne eigenen Staat“. Träger der ukrainischen Kultur dieser Nation war während Jahrhunderten die ländliche einfache Bevölkerung, während die Eliten mehrfach gewechselt hatten.

Der ukrainische Historiker Mychajlo Hruschewskyj schuf mit seiner Geschichte der Ukraine-Rus in zehn Bänden (1898 und 1937) eine weitere wichtige Grundlage für die ukrainische Nationalbewegung. Der Auffassung eines einheitlichen russischen Stromes der Geschichte stellte Hruschewskyj die These einer getrennten Entwicklung der Völker der Russen und Ukrainer entgegen. Auf dieser Grundlage formierten sich in Kiew nationalistische Kräfte, die, auch als Reaktion auf den Holodomor, eine Unabhängigkeit von Russland einforderten.

Ukrainischer Unabhängigkeitskrieg (1917–1921) und Ukrainische Volksrepublik Als Frucht ukrainischer Unabhängigkeitsbestrebungen im Russischen Kaiserreich, in das die Gebiete der heutigen Ukraine zum großen Teil bis zu dessen Zerfall 1917 eingegliedert waren, existierte bereits vor der Einnahme der Siedlungsgebiete von Ukrainern durch die Rote Armee 1920 für circa zwei Jahre ein eigenständiger Staat, der sich als ukrainischer Nationalstaat verstand, nämlich die Ukrainische Volksrepublik. Auch die von Ukrainern bewohnten Gebiete, die bis 1918 zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehört hatten, wurden unabhängig und vereinigten sich 1919 mit der Ukrainischen Volksrepublik. Im April 1920 verzichtete die Ukrainische Volksrepublik zugunsten Polens auf Ostgalizien und Wolhynien, die beide eine überwiegend ukrainische Bevölkerung hatten, um im Gegenzug Unterstützung für den Kampf gegen die Rote Armee zu erhalten. Letzterer gelang es dennoch, den Einbezug der Wohngebiete von Ukrainern, die damals östlich der Grenze zur Zweiten Polnischen Republik lagen, in den Herrschaftsbereich der Sowjetunion zu erreichen.

Kateryna Butanova bilanziert das Ende der UVR mit den Worten: „Im Unterschied zu den meisten Nachbarn in Ostmitteleuropa konnten die Ukrainer ihre Staatsbildung nicht vollenden, und das ukrainische Territorium wurde unter vier Ländern aufgeteilt (Polen, Sowjetrussland, Rumänien und die Tschechoslowakei), in denen die Ukrainer aufs Neue unterdrückt und in ihren Rechten beschnitten wurden.“

Ukraine und Ukrainer zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg Jan Claas Behrens stellt für die Zeit zwischen 1921 und 1939 zusammenfassend fest: „Ukrainer und Ukrainerinnen lebten […] in der Zwischenkriegszeit entweder als Minderheit im polnischen Nationalstaat oder als Titularnation in der Sowjetunion, wo politische Entscheidungen in Moskau und nicht in der Ukraine getroffen wurden.“

Ukrainer in der Zweiten Polnischen Republik