Der Begriff Extremtraumatisierung ist eine Spezifizierung des Traumabegriffs in der Psychologie und anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Er fasst verschiedene extreme Erfahrungen katastrophalen bzw. lebensbedrohlichen Ausmaßes zusammen, die von den Betroffenen in der Regel nicht ohne Weiteres bewältigt werden können. Neben möglichen körperlichen Beschädigungen erfährt das seelische Gleichgewicht eine heftige Erschütterung ungeahnter Intensität. Kommt es nach einem Extremerlebnis zu einer psychopathologischen Reaktion, wird sie üblicherweise dem Syndrom einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (K-PTBS) zugeordnet. Die Erlebnisqualitäten einer erlittenen Extremtraumatisierung können auf dem Wege einer transgenerationalen Weitergabe direkt oder indirekt und mit verschiedenen Auswirkungen auf Angehörige der nachfolgenden Generationen übertragen werden. Mit den sozialen Folgen von Katastrophen befasst sich die Katastrophensoziologie, auch Massenpsychologie als Teilgebiet der Sozialpsychologie und Risikoforschung sind in das Thema involviert.
Der Begriff Der in den Sozialwissenschaften, in Psychiatrie und Umgangssprache etablierte Begriff geht auf Bruno Bettelheim und sein 1976 erstveröffentlichtes Buch Surviving and Other Essays zurück. Es erschien 1980 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Erziehung zum Überleben und trägt den Untertitel Zur Psychologie der Extremsituation.
Der Dorsch, ein Lexikon psychologischer Fachbegriffe, kennt weder den Begriff der Extremtraumatisierung noch jenen der Extremsituation und nahm stattdessen das Wort vom Extremerlebnis in seinen Stichwortschatz auf. Das könne durch ein „Extremereignis“ eintreten und infolge zu einer krankheitswertigen Störung von Erleben und/oder Verhalten führen. Es könne „die Illusion von Kontrolle zerstören“ und in psychische „Abläufe destruktiv eingreifen“. Dadurch sei es möglich, dass sich psychische Strukturen dauerhaft negativ verändern. Einer akuten Belastungsreaktion könne eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) folgen.
Der Begriff Extremtraumatisierung ist unspezifisch und bezieht sich auf sehr viele verschiedene und nicht miteinander vergleichbare Ereignisse. Er unterliegt nicht in gleicher Weise einer Profanierung, wie u. a. Gerd Rudolf das für den Traumabegriff in seiner Schrift Opferüberzeugungen oder Michael Linden in seiner Publikation Die Traumaschwemme beklagte. Allerdings habe sich der Begriff in der Psychotraumatologie eingebürgert, obwohl er umstritten und die Abgrenzung zur Traumatisierung schwierig sei. Unstrittig werden darunter unter vielem anderen Extremerfahrungen wie die Haft in Konzentrationslagern, organisierte Gewalt wie Folter und sog. Weiße Folter, aber auch Krieg und Bürgerkrieg, Geiselnahmen, schwere Naturkatastrophen und von Menschen verursachte Katastrophen verstanden.
Bei dem Konzept der Extremtraumatisierung handele es sich um „eine notwendige Erweiterung des PTSD-Modells“, so Ingrid Ingeborg Koop – Notfallpsychologin und Vorstandsmitglied der Stiftung Refugio. Einschränkend auf Flüchtlinge und Folterüberlebende schlägt sie als Definition vor:
Insofern sei Extremtraumatisierung in diesen Fällen „immer beides: individuelle Zerstörung und soziopolitischer Prozeß“.
David Becker, der sich als Experte der Psychotraumatologie nahezu ausschließlich mit Extremtraumatisierungen befasste – zunächst während der Militärdiktatur in Chile und nach seiner Rückkehr nach Deutschland mit der Ausbildung von Traumatherapeuten speziell für Extremtraumatisierte – steht dem Traumabegriff ambivalent gegenüber:
Auch kritisiert er die übliche Art der Begutachtung von Folteropfern, die aus seiner Sicht „zerstörerische Folgen“ hätte. Diese beschreibt er im zweiten Teil seines Buches, in dem er überdies eine in seinem Verständnis „fatale Psychologisierung der Flüchtlingsproblematik in Deutschland“ beklagt. Brandon Hamber vom südafrikanischen Centre for the Study of Violence and Reconciliation argumentierte auf einer Tagung von medico international im Juni 2000: „Wenn man das Ganze allein vom psychologischem Standpunkt aus betrachtet, ist es unmöglich, all den verschiedenen Formen von Schmerz und von Verlustgefühlen, die die Überlebenden der Gewalt empfinden, gerecht zu werden“.
Extremtraumatisierende Ereignisse NIPE – ein österreichisches Netzwerk für interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung – kennzeichnet extremtraumatische Situationen durch Unabwendbarkeit Ungewisse Dauer, ständige Lebensbedrohung Unvorhersagbarkeit, Unkontrollierbarkeit und Vollkommene Hilflosigkeit. „Diese Faktoren“, so NIPE, „prägen Ausmaß, Symptomatik und Verarbeitungsformen der Traumatisierung“.
Mit interkulturellen Aspekten von Psychotherapie befassen sich überdies auch Vertreter der transkulturellen Psychiatrie und der Ethnopsychoanalyse.
Jenseits von Naturkatastrophen werden unter den Begriff der Extremtraumatisierung sehr verschiedene Ereignisse subsumiert, zu denen so Unterschiedliches gehört wie Menschenrechtsverletzungen – wie sie etwa vom Hochkommissar für Menschenrechte und von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch angeprangert werden –, aber neben Staatsterrorismus auch zivile Terrorakte, organisierte Gewalt und menschengemachte Katastrophen.
Im Jahr 1997 stellte das National Institute of Mental Health eine international besetzte Expertengruppe zusammen, die mit der Aufgabe betraut wurde, die Folgen von Gewalt und Traumata auf die psychische Gesundheit zu beschreiben, den Stand wissenschaftlicher Erkenntnis zu diesem Thema zusammenzutragen und Forschungsempfehlungen auszusprechen. Aus dem vorgelegten Bericht entstand unter dem Titel The Mental Health Consequences of Torture ein Buch, das von den Auftraggebern zugleich jenen gewidmet wurde, die die Schrecken der Folter überlebten als auch jenen, die mitwirken, sie zu beenden. Unter anderem ist je ein Kapitel Flüchtlingen und Asylsuchenden gewidmet, aber auch den Veteranen von bewaffneten Konflikten und ehemaligen Kriegsgefangenen, den Überlebenden von Kriegen und dem Holocaust, Opfern von Massengewalt und zivilem Terror ebenso wie anderen Opfern, die Gewalt und Traumata ausgesetzt waren, Folter und Menschenrechtsverletzungen erleiden mussten oder Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren. Der Sammelband gibt wesentlichen Aspekten extremtraumatisierender Ereignisse Raum und sei gleichermaßen wichtig für Kliniker, Forscher und Politiker.
Folgen Die möglichen Folgen einer Extremtraumatisierung sind – auch in Abhängigkeit vom konkreten Geschehen – vielfältig. Persönliche Beschwerden, die sich anschließen und in der Regel Krankheitswert erreichen, werden in körperliche, emotionale und kognitive Symptome unterschieden, wie unter vielen anderen Aida Alayarian aus ihren psychoanalytischen Behandlungen von Flüchtlingen mitteilt. Bei Katastrophenopfern stellen sich die Folgen zum Teil ähnlich dar, hinzu kommen weitere Aspekte. Psychische Folgen von Katastrophen werden meist gesondert und neben möglichen körperlichen Verletzungen oder finanziellen, materiellen und sozialen Schäden betrachtet. Speziell zum Katastrophenmanagement legte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen zusammenfassenden Bericht über die psychosozialen Konsequenzen von Katastrophen vor. Man kam u. a. zu dem Schluss, weitere Forschung sei nötig, vorliegende Forschungsergebnisse seien im Hinblick auf interkulturelle Anwendungsmöglichkeiten zu evaluieren, bei den Folgen dürften Komorbiditäten nicht außer Acht bleiben und vulnerablen Opfergruppen wie Kindern, älteren Menschen und physisch Kranken müsse besondere Beachtung zuteilwerden. Unter den Folgen von Geiselnahmen finden sich mitunter solche, die unter dem wissenschaftlich nicht fundierten Begriff des Stockholm-Syndroms zusammengefasst werden.
Symptome und Krankheitsbild Die pathologische Reaktion werde „typischerweise“ unter der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS, F 43.1, ICD-10) klassifiziert, so die an der Universität Ulm im Jahr 2010 promovierte Psychologin Nicole Leißner. Das Klassifizierungssystem ICD ordnet dieser Störung als einer verzögerten Reaktion auf ein Ereignis „mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß“ typische Symptome wie u. a. Flashback genannte, sich aufdrängende Erinnerungen zu, darüber hinaus Albträume, emotionale „Stumpfheit“, Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit, Vermeidungsverhalten und den Verlust der Empfindung von Freude. „Meist“ fänden sich vegetative Übererregung mit Vigilanzsteigerung, erhöhter Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen neben Angst und Depression, nicht selten verknüpft mit Suizidgedanken.
Für extremtraumatisierte Asylbewerber ergänzt Leißner Schmerzen, ein „breites Spektrum körperlicher Stressreaktionen“, dissoziative Symptome (siehe auch: Dissoziative Identitätsstörung), Überaktivität und Rückzug, Desorientiertheit und Verzweiflung. Zahlreiche Komorbiditäten, die „eher die Regel als die Ausnahme“ sind, seien diagnostizierbar, weshalb Leißner die „Angemessenheit des Konzeptes der Posttraumatischen Belastungsstörung“ als zu kurz gegriffen in Frage stellt. Die Beschwerden Extremtraumatisierter gingen über die Kriterien dieser Störung hinaus und seien beispielsweise „muskoskelletaler Art“. Überdies fänden sich Anpassungs-, Ess- und Somatisierungsstörungen. Die genannten Symptome werden für die untersuchte Stichprobe quantifiziert, also in der gefundenen Häufigkeit ihres Auftretens benannt.
In ihrem World Mental Health Report trägt die WHO Daten aus elf Studien zu posttraumatischen Belastungsstörungen bei Menschen zusammen, die verschiedene katastrophale Ereignisse erlebt haben. Aida Alayarian berichtet darüber und widmet sich insbesondere dem Symptom der Dissoziation, das bei diesen Patienten nicht immer als pathologische Reaktion anzusehen sei, sondern oft als eine gesunde Reaktion auf krankmachendes Geschehen. In diesem Sinne könne diese innerseelische Antwort als angemessene Abwehr gegen Fragmentierung verstanden werden. Alayarian hält Dissoziation für das wichtigste Konzept in der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Gesunde Dissoziation sei mit Resilienz verbunden, ungesunde verweise auf eine erhöhte Vulnerabilität. Ihre Überzeugungen untermauert sie mit mehreren Fallbeispielen.
Für die Gruppe der Holocaustüberlebenden trugen die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages weitere Symptome zusammen. Gottfried Fischer, der als Begründer der Psychotraumatologie gilt, war der Überzeugung, dass nach Extremtraumatisierung „nahezu alle Traumaopfer Belastungssymptome entwickeln“.
Nachdem die schwerwiegenden Folgen extremer Traumata, die Bundeswehrsoldaten bei ihren Auslandseinsätzen erleiden, nicht mehr zu übersehen waren, richtete die Bundeswehr unter der Schirmherrschaft von Reinhold Robbe eine Anlaufstelle für Betroffene ein, der sie den Namen Angriff auf die Seele gab. Dort werden neben der posttraumatischen Belastungsstörung weitere neun krankheitswertige Phänomene explizit als „Einsatzfolgestörungen“ benannt: Abhängigkeitserkrankungen Angststörungen Anpassungsstörung Depression Dissoziative Störungen Essstörungen Moralische Verletzungen Schlafstörungen Somatoforme Störungen