Hans-Michael Fiedler (* 27. Oktober 1943 in Jena; † 3. Februar 2019 in Adelebsen) war ein rechtsradikaler Aktivist, Publizist und Multifunktionär sowie Politiker der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD).
Leben Hans-Michael Fiedler wurde am 27. Oktober 1943 als Sohn von Hans (* 1914, Wolmirsleben) und Marianne (* 1917, Franzburg, † 2004 Alfeld) Fiedler in Jena geboren.Katharina Trittel, Sören Isele, Florian Finkbeiner: Vom „Wächter am Tor“ zum „einsamen Wolf“. Der Multifunktionär Hans-Michael Fiedler und die Transformation der radikalen Rechten in Südniedersachsen. FoDEx-Studie Rechtsradikalismus, Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2022. Sein Vater war U-Boot-Kommandant der Kriegsmarine und kam 1944 bei der Versenkung seines Bootes U 333 ums Leben.Rainer Busch, Hans-Jürgen Röll: Der U-Boot-Krieg 1939–1945, Bd. 1, Die deutschen U-Boot-Kommandanten. Mittler Verlag, Hamburg / Berlin / Bonn 1996, S. 64. Zusammen mit seiner älteren Schwester wuchs Hans-Michael Fiedler bei seiner Mutter im niedersächsischen Godenau bei Alfeld (Leine) auf. Dort absolvierte er im Februar 1964 sein Abitur. Anschließend begann Fiedler zunächst ein Studium an der dortigen Pädagogischen Hochschule, kam einem Rauswurf durch Exmatrikulation im August/September 1965 zuvor, nachdem er unter anderem aufgrund antisemitischer Äußerungen und einer Strafanzeige wegen Absingen des verbotenen Horst-Wessel-Liedes aufgefallen war.
Ab 1965 studierte Fiedler Volkskunde, Ur- und Frühgeschichte sowie Germanistik an der Georg-August-Universität Göttingen. Von 1970 bis 1975 arbeitete Fiedler als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Volkskunde. Ein begonnenes volkskundliches Dissertationsprojekt bei Kurt Ranke schloss er nie ab. Ab 1975 folgten publizistische Tätigkeiten als Redakteur, Lektor, Autor und Herausgeber. Fiedler blieb zeit seines Lebens ledig und kinderlos.
Politisches Wirken Über mehr als fünf Jahrzehnte engagierte sich Hans-Michael Fiedler im rechtsextremen Spektrum der Bundesrepublik. Er wirkte dabei sowohl im parteipolitisch organisierten Rahmen als auch in etlichen Zirkeln, Gruppierungen und Zusammenschlüssen. So war er unter anderem Mitglied in der Deutschen Reichspartei (DRP), im Bund Heimattreuer Jugend (BHJ), im Ostpolitischen Deutschen Studentenverband (ODS) und in der Pommerschen Landsmannschaft. Darüber hinaus war Fiedler eines der jüngsten Gründungsmitglieder der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und gehörte ferner dem Hilfskomitee Südliches Afrika (HSA),Eric Angermann: Hans-Michael Fiedler (1943–2019). Bildungsarbeit für die extreme Rechte. Beiheft der Hingeschaut, H. 2/2021, herausgegeben vom Antifaschistischen Bildungszentrum & Archiv Göttingen e. V., Göttingen 2021, S. 11. dem Thule-SeminarFriedrich Paul Heller, Anton Maegerle: Thule. Vom völkischen Okkultismus bis zur neuen Rechten. Stuttgart 1995, S. 124.Michael Bauerschmidt et al.: Fiedler, Hans-Michael. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch Deutscher Rechtsextremismus. Elefanten Press Berlin, Berlin 1996, S. 457–458, hier S. 457. sowie dem Studentenbund Schlesien (SBS) an. Ferner betätigte sich Fiedler als Referent bei Veranstaltungen der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP), beim Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes (DKEG), bei der Berliner Kulturgemeinschaft Preußen (BKP) und bei der Freien Wählergemeinschaft Die NationalenMichael Bauerschmidt et al.: Die Nationalen. In: Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch Deutscher Rechtsextremismus. Elefanten Press Berlin, Berlin 1996, S. 290–292, hier S. 291.. Auf nationaler Ebene unterhielt Fiedler Kontakte zum Bund Nationaler Studenten (BNS), zu den Jungen Nationaldemokraten (JN), zur Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) sowie zur Wiking-Jugend (WJ). Internationale Kontakte bestanden u. a. zur Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ), zur Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AfP), zum Deutsch-Österreichischen Institut für Zeitgeschichte (DÖIZ)Brigitte Bailer, Wolfgang Neugebauer: Volkstreue grüne Bewegung (VGB) / Deutsch-österreichisches Institut für Zeitgeschehen (DÖIZ). In: Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Wiener Verlag, Wien 1994, S. 237–246, hier S. 240. sowie zum französischen Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (GRECE).
Obwohl Fiedlers politische Vita immer wieder aktionistische Momente aufwies – so beteiligte er sich wiederholt an zum Teil gewalttätigen Demonstrationen, wirkte zu Beginn der 1970er Jahre an der Aktion Widerstand (AW) mit und fiel als Rädelsführer turbulenten Protests auf dem Schlesiertreffen 1985 in Hannover aufNiedersächsisches Ministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 1985. Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover 1986, S. 104. – war für ihn sein politisches Engagement im vorpolitischen Raum von größerer Bedeutung; denn sein Wirken war zeitlebens von dem Bestreben geprägt, eine theoretische Schulung und Intellektualisierung des nationalistisch gesinnten Lagers voranzutreiben. Seine umfangreichen Aktivitäten konzentrierten sich ganz auf diese „nationale Bildungsarbeit“, die sich insbesondere an Jugendliche/Heranwachsende richtete und durch Fiedlers rege Referententätigkeit sowie etliche Seminar- und Schulungsveranstaltungen vorangetrieben wurde (siehe dazu den Abschnitt Engagement für eine nationale Bildungsarbeit).
Fiedlers rechtsradikale Agitation und eine durch ihn angestrebte Intellektualisierung des politisch rechtsgerichteten Lagers fanden zudem ihren Ausdruck in einer ausgeprägten publizistischen Betätigung. Erste Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelte er bereits als Gymnasiast: So war er nicht nur an der Herstellung einer Alfelder Schülerzeitung beteiligt, sondern gründete federführend bereits zu Beginn der 1960er Jahre mit Missus – Blätter für Politik, Kultur und die Pflege des monarchischen Gedankengutes seine erste eigene Zeitschrift. Nachdem er 1975 die Hochschule verlassen hatte, nahm er eine Tätigkeit als Redakteur bei der einschlägigen Monatszeitschrift Nation Europa (NE) auf, übernahm für das Coburger Periodikum ab 1978 Lektoratsarbeiten und veröffentlichte bis in die 1990er hinein auch eigene Texte in NE. Zuvor war Fiedler bereits 1976 Redaktionsmitglied beim Deutschen Studenten-Anzeiger (DStA)Margret Feit: Die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik. Organisation – Ideologie – Strategie. Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York, S. 79. gewesen, welcher 1961 als Nachfolgeblatt der früheren Zeitschrift Student im Volk gegründet worden war.Margret Feit: Die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik. Organisation – Ideologie – Strategie. Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York, S. 32 ff. Fiedler selbst beschreibt den DStA als „größte rechte Studentenzeitung, in hoher Auflage an den Hochschulen verteilt. Berichtet regelmäßig über den Fortgang nationaler Theoriearbeit und ihre wissenschaftliche Basis (Anthropologie, Ethnologie, Intelligenzforschung usw.). Der DStA ist ferner das Kampfblatt der nationalistischen Bewegung an der Hochschule und liefert Material und Berichte über positive Gruppen.“Nachlass Hans-Michael Fiedler FoDEx, Ordner 3.2, Blatt 97. O. V.: Politisch-theoretisches Rüstzeug. In: Festschrift: 25 Jahre Hochschulgruppe POMMERN zu Göttingen. 19.12.1951–11.12.1976. Ein Leistungsbericht junger Deutscher, o. S. 1978 verließ Fiedler den DStA und gründete seine eigene Zeitschrift, den Deutschen Hochschul-Anzeiger (DHA), die „nationale Stimme an der Uni“Peter Dudek, Hans-Gerd Jaschke: Revolte von Rechts. Anatomie einer neuen Jugendpresse. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1981, S. 20.. Der DHA war dem Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB) eng verbunden und hatte sich zum Ziel gesetzt, „unsere gesamtdeutschen und nationalistischen Ansichten auch jenseits der Ghettomauern des ‚rechten‘ Lagers zu popularisieren.“Nachlass Hans-Michael Fiedler FoDEx, Ordner 3.2, Blatt 141. Rundschreiben „Nationale Bildungsarbeit“ vom 15. Januar 1980. Der DHA informierte nach eigener Aussage „über das gesamtdeutsche Bewusstsein und das Freiheitsstreben der deutschen Jugend, […] das Treiben marxistischer und liberalistischer Gruppen [und] anderswo nur verzerrte oder verschwiegene Fakten der Geschichte“.Nachlass Hans-Michael Fiedler FoDEx, Ordner 6.1, Blatt 40. Werbeanzeige des Deutschen Hochschul-Anzeigers. Bereits im Jahr seiner Gründung fand der DHA Erwähnung im Verfassungsschutzbericht.Bundesminister des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 1978. Drei Kronen Druck, Bonn 1979, S. 48.
Jenseits seiner eigenen Zeitschriften publizierte Fiedler Artikel in Mut und verfasste einen Beitrag im Deutschen Soldatenjahrbuch / Deutschen Soldatenkalender. Fiedlers polit-publizistisches Engagement wird dadurch abgerundet, dass er als „Geburtshelfer“ der von Hans-Dietrich Sander 1990 herausgegebenen Staatsbriefe gilt.Franziska Hundseder: Braune Blätter. In: Die Zeit, 11. Mai 1990. Abseits von Zeitschriften veröffentlichte er unter Pseudonym zwei Monografien, die sich mit der sog. „deutschen Frage“ beschäftigten. Erwähnenswert ist darüber hinaus sein lyrisches Werk.
Sein gesamtes publizistisches Engagement diente nicht nur der Vermittlung seiner politischen Positionen und der Vernetzung innerhalb des rechtsradikalen Spektrums, sondern auch der Werbung für die eigenen Gruppierungen und der Ressourcenakquirierung. Auf Seminaren setzte sich Fiedler intensiv mit der Thematik bspw. von Schülerzeitungen und den Chancen einer „nationalen“ Publizistik auseinander, mit dem Ziel, als „Blockadebrecher“Wolfgang Benz: Die „Blockadebrecher“. Rechtsextreme Schüler- und Jugendzeitschriften. In: ders. (Hrsg.): Rechtsradikalismus. Randerscheinung oder Renaissance? Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1980, S. 210–221. in einem metapolitischen Sinne zu wirken.
Zuletzt nutzte er einschlägige Publikationen ebenfalls seit den 1980er Jahren dazu, Informationen über den politischen Gegner, die er systematisch sammelte, zu veröffentlichen, weshalb er als der Begründer der so genannten „Anti-Antifa-Arbeit“ gilt.Hartmut Power, Raimund Hethey: Über einen Erfinder der „Anti-Antifa“ den NPD-Funktionäre Hans-Michael Fiedler. In: Der Rechte Rand. Sonderheft Faschisten machen mobil. Angriffsziel: Antifa, März 1994, S. 41–44.
Beginn der politischen Aktivität in jungen Jahren Fiedlers aktives politisches Engagement begann während seiner Schulzeit. Als Gymnasiast gründete er 1961 mit Gleichaltrigen den Deutschen Monarchistischen Bund (DMB) in Alfeld. Diese reichs-nationalistisch, antimarxistisch ausgerichtete Vereinigung setzte sich für die Wiedereinführung der Monarchie ein und forderte u. a. die Wiederherstellung eines Großdeutschlands in den Grenzen von 1938. Im Jahr 1962 wurde aus der DMB-Gruppenstruktur heraus die Zeitschrift Missus – Blätter für Politik, Kultur und die Pflege des monarchischen Gedankengutes gegründet. Während der Frühphase des Publikationsorgans übernahm der damalige DMB-Angehörige – und später führende Aktivist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) – Hans-Jürgen Krahl den Posten des Chefredakteurs. Nach dessen baldigem Ausscheiden wurde Missus fortan von Hans-Michael Fiedler als presserechtlich Verantwortlichem geführt, maßgeblich gestaltet und bis ins Jahr 1988 von ihm im Eigenverlag herausgegeben. Missus entwickelte sich zusehends zu einer Theoriezeitschrift für das politisch rechtsgerichtete Lager der Bundesrepublik. Die Auflage variierte zwischen wenigen hundert und etwa 1.000 Exemplaren. Ab 1983 konnte die Zeitschrift durch die Missus-Schriftenreihe ergänzt werden, in der Aufsätze von bekannten Szenegrößen wie Fiedlers langjährigem Freund Jürgen Rieger, Alain de Benoist oder Hans-Dietrich Sander veröffentlicht wurden.
Parteipolitisches Engagement