Der Schandfleck ist ein Roman (Bauernroman), den Ludwig Anzengruber 1876 als 26-teiligen Fortsetzungsroman in dem von ihm selbst redigierten zweiwöchentlich erscheinenden Familienblatt Die Heimat veröffentlicht hat. Die erste Buchausgabe folgte 1877 im Wiener Verlag Rosner.

Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Leni Reindorfer, einer österreichischen Bauerntochter, der durch ihre – vom Ziehvater aus Scham geheim gehaltene – außereheliche Geburt große persönliche Herausforderungen auferlegt werden. So muss sie etwa damit fertigwerden, dass sie den Mann, den sie liebt, nicht heiraten kann, weil sich herausstellt, dass dieser ihr eigener Halbbruder ist. Leni verlässt ihr Zuhause und gestaltet ihr Schicksal selbst, findet am Ende aber auch Versöhnung mit ihrem Ziehvater, der entdecken muss, dass sein „Kuckuckskind“ sein im sozialen Sinne einzig wahres Kind ist.

Handlung Ort der Handlung ist das fiktive österreichische Bergdorf Langendorf, die Zeit zunächst die 1850er Jahre.

Kapitel 1–3. Joseph und Rosalia Reindorfer sind angesehene Bauern, die bereits zwei heranwachsende Kinder haben: den 16-jährigen Leopold und die 14-jährige Elisabeth. Die Handlung setzt mit der Geburt eines dritten Kindes ein, Magdalene („Leni“), die nicht Josephs Kind ist, sondern in einem Seitensprung mit Florian gezeugt wurde, dem leichtlebigen unehelichen Sohn des Nachbarn Matthias Herlinger. Rosel ist über ihre Schande vollkommen vernichtet und würde das Kind, dem sie nie mütterliche Gefühle entgegenbringen wird, am liebsten in einem Kloster aufziehen lassen. Joseph will jedoch jedes Gerede, das aus einer Abschiebung des Kindes entstehen würde, vermeiden. Auch möchte er seine Frau bestrafen, indem er ihr die Frucht ihrer Untreue an jedem Tag ihres verbleibenden Lebens leibhaftig vor Augen stellt.

Seine Bereitschaft, sich mit der Untreue seiner Frau und dem Kuckuckskind abzufinden, wird herausgefordert, als der Nachbar, Matthias, im Sterben liegt und sich vom Pfarrer überreden lässt, Florian als sein Kind anzuerkennen und zum Erben seines Betriebes, einer Mühle, einzusetzen. Florian, der bis dahin meist in der Stadt gelebt hat, reist an, lässt sich als Müller nieder und heiratet seine Geliebte Lois Kaufmann, mit der er zu diesem Zeitpunkt bereits einen Sohn hat, Flori.

Kapitel 4–11. Sechs Jahre später. Leni und Flori, die nicht wissen, dass sie Halbgeschwister sind, begegnen einander und werden Freunde. Als Joseph dies erfährt, verbietet er Leni den Umgang mit dem Nachbarssohn, was zur Folge hat, dass die Kinder sich nun nicht mehr offen, sondern nur noch heimlich treffen. Täglich sehen sie sich allerdings in der Dorfschule.

Weitere 13 Jahre später. Seit Leni und Flori nicht mehr zur Schule gehen, haben sie sich nur noch aus großer Ferne gesehen. Als sie sich zufällig erneut begegnen, erkennen beide, dass aus ihrer wechselseitigen Kindheitszuneigung Liebe geworden ist. Floris Vater, Florian, erfährt als Erster von dieser Romanze und ist zwar alarmiert, beschließt aber, ahnungslos zu tun und die undankbare Rolle desjenigen, der das Glück der beiden jungen Leute zerstören soll, ganz Joseph zu überlassen. Floris Mutter weiß nichts von der Vaterschaft ihres Mannes an Leni und glaubt, Joseph sei deshalb immer gegen den Umgang der Kinder gewesen, weil zwischen ihm und Florian irgendeine uralte Feindschaft bestehe. In solcher Naivität geht sie zu Lenis Eltern, um für eine Verbindung der beiden jungen Menschen zu bitten. Joseph weist sie ab.

Als Leni im Anschluss an diesen vergeblichen Vermittlungsversuch Joseph inständig darum bittet, ihr die Wahrheit zu sagen, warum sie Flori nicht heiraten soll, schenkt er ihr reinen Wein ein: Sie, Leni, sei nicht sein leibliches Kind und Flori sei ihr Halbbruder. Auch Flori erfährt wenig später die ganze Wahrheit.

Kapitel 12–15. Leni will unter diesen Umständen nicht mehr im Dorf bleiben und macht sich auf den Weg in die Kreisstadt, wo ein Onkel sie vorübergehend aufnimmt, aber nicht behalten kann. Dann besteigt sie einen Zug nach Wien, wo sie sich eine Stellung suchen will.

Im Zugabteil wird sie von einem Fremden angesprochen, dem alten Haldbauer, der zu seinem Schwiegersohn reist, dem offenbar weithin bekannten „Grasbodenbauer“ in Föhrndorf. Dieser Grasbodenbauer habe, wie er berichtet, eine 11-jährige Tochter, die krank sei und, da die Mutter nicht mehr lebt, eine geduldige Wärterin und Gesellschafterin brauche. Leni will diese Arbeit gern übernehmen und begleitet ihn. Sie lernt den Grasbodenbauern, eigentlich Kaspar Engert, und die kleine Burgerl kennen, die eine exzentrische kleine Person ist, Leni aber auf Anhieb in ihr Herz schließt.

Burgerl lebt unter der liebevollen Betreuung mehr und mehr auf und beginnt sogar zu genesen. Zwischen Leni und Kaspar entsteht eine scheue Liebe, die sich lange Zeit keiner von ihnen eingestehen will. Auch als Heiner, der Großknecht, Leni den Hof zu machen beginnt und Kaspars Eifersucht weckt, will dieser nicht wahrhaben, was wirklich in ihm vorgeht. Zum Kirchweihfest schenkt er Leni ein Seidentuch und einen Korallenschmuck – kostbare Gaben, die eigentlich für eine Bäuerin angemessen wären. Das Gesinde beginnt zu tuscheln.

Kapitel 16–18. Während Leni bereits auf dem besten Wege ist, ihre Liebesenttäuschung zu überwinden, wird Flori davon vollständig aus der Bahn geworfen. Ein Flirt, den er mit Lenis Freundin, der Kleehuber Franzl, versucht, bringt ihm keinen Trost. Er entwickelt sich zu einem wilden Kerl, gerade wie sein Vater es einmal war, jagt Schürzen und sucht mit aller Welt Händel. Einer seiner Saufbrüder, der Kalkbrenner Jackerl, flüstert ihm die Idee ein, zum Leutenberger Urban nach Zirbendorf zu gehen. Dies sei der stärkste und wildeste Kerl weit und breit; ein Sieg in einem Zweikampf mit Urban werde, so meint der Kalkbrenner, die Selbstzweifel, die Flori so quälen, ein für alle Mal heilen.

Flori findet Urban und verabredet sich mit ihm für den folgenden Tag zu einem Zweikampf. Tatsächlich kommt es zu ihrer Schlägerei aber noch am selben Tag, nachdem Flori Zeuge wird, wie Urban das erst 13-jährige Everl Fehringer zur Liebe zu zwingen versucht. Flori rettet Everl, wirft sich in den Kampf mit Urban und stürzt – in voller Absicht – gemeinsam mit seinem Widersacher in eine Schlucht, wo beide den Tod finden.

Zur selben Zeit liegt auf dem Reindorferhof Rosel, Lenis Mutter, im Sterben. Joseph nutzt diese letzte Gelegenheit, die ihm noch bleibt, und verzeiht ihr den Ehebruch. Versöhnt nehmen die Eheleute Abschied voneinander. Nach der Beerdigung, die wegen Floris Tod zu einer Doppelbeerdigung wird, schließt Joseph auch mit Florian Frieden.

Kaspar erzählt Leni von seiner unglücklichen Ehe und gibt ihr damit einen Schlüssel zu seiner eigenen Problematik. Leni deutet an, dass auch sie in puncto Liebe ein gebranntes Kind ist. Von Lenis unerfüllter Liebe zu Flori erfährt Kaspar, als ein Zeitungsartikel von dem tödlichen Raufhandel in Zirbendorf berichtet und Leni bei der Lektüre in Tränen ausbricht. Auch Leni glaubt in diesem Augenblick, dass die Liebe ihr nie wieder möglich sein wird.

Kapitel 19–20. Florian Senior und seine Frau, die in tiefer Trauer um Flori sind, wollen Leni, die nun ja Florians einziges verbliebenes Kind ist, zu sich nehmen. Leni jedoch empfindet Joseph Reindorfer als ihren wahren Vater und will mit den Müllersleuten nichts zu tun haben.

Dass Kaspar Leni auch zu Weihnachten reiche Geschenke macht, wie sie einer Bäuerin würdig wären, vermehrt den Klatsch und die Witzeleien des Gesindes bis zum Unerträglichen. Um dem Gerede Einhalt zu gebieten, konfrontiert der alte Haldbauer seinen Schwiegersohn und legt ihm nahe, Leni zu heiraten. Leni hält den Ansturm widersprüchlicher Gefühle, die sich ihrer nun bemächtigen, nicht mehr aus und versucht, vom Hof zu fliehen. Kaspar fängt sie aber ab und bittet sie um ihre Hand. Dass Leni, wie sie ihm nun berichtet, unehelich geboren ist, ändert an seinem Entschluss, sie zu seiner Bäuerin zu machen, überhaupt nichts. Der Schicklichkeit wegen übersiedelt Leni, gemeinsam mit Burgerl, bis zur Hochzeit auf den Haldbauernhof zu Kaspars Schwiegervater.

mini|Josef mit dem Jesuskind (eine österreichische Darstellung) Kapitel 21–24. Kaspar besucht Leni dort heimlich. Ihre Vorfreude darüber, dass Kaspar bald ihren Ziehvater Joseph Reindorfer kennenlernen wird, nimmt Kaspar als Aufforderung, seinen künftigen Schwiegervater aufzusuchen, um bei ihm direkt um Lenis Hand anzuhalten. Die beiden Männer verstehen sich prächtig, auch wenn Joseph bedauert, Leni, um seine leiblichen Kinder nicht zu benachteiligen, keine Mitgift geben zu können. Als Joseph erkennen lässt, dass er Lenis außereheliche Geburt nicht nur als Rosels, sondern vor allem auch als seinen eigenen „Schandfleck“ empfinde, hält Kaspar ihm entgegen: „Mein Gott, du bist nit schlechter wie der heilig’ Joseph, der Nährvater.“ (S. 290)

Auf dem Reindorferhof haben Leopold und Sepherl inzwischen geheiratet und den Hof übernommen. Da Sepherl dem Schwiegervater die frühere Ablehnung nachträgt, wird Josephs Position dort von Tag zu Tag schlechter. Als Leni und Kaspar ihn einladen, zu ihrer Hochzeit nach Föhrndorf zu kommen, untersagen die Kinder ihm die Reise. Sie nehmen ihm übel, dass er sich mit dem reichen Grasbodenbauer getroffen hat, ohne sie einzubeziehen, und fürchten, dass ein Kontakt zu einem so mächtigen Schwiegersohn Josephs Position erneut stärken würde. Später unterschlägt Sepherl auch die Briefe, die Leni ihrem Vater schickt. Als die Situation unerträglich wird, flieht Joseph zu seiner inzwischen ebenfalls verheirateten Tochter Elisabeth. Doch auch diese will ihn nicht haben.

Zu Fuß macht Joseph sich schließlich auf den langen Weg nach Föhrndorf zu Leni und Kaspar, die inzwischen verheiratet sind. Er wird dort liebevoll aufgenommen, stirbt jedoch bereits am Tag nach seiner Ankunft an der Erschöpfung. Ein Jahr später bringt Leni ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn, der auf den Namen „Joseph“ getauft wird.

Figuren Leni Magdalene Reindorfer ist nicht das leibliche Kind von Joseph Reindorfer, erweist sich im Laufe der Romanhandlung aber als sein „wahres“ Kind. Ihre herausragenden Charakterzüge, der von Kaspar Engers Schwiegervater während der gemeinsamen Zugreise schon nach kürzester Bekanntschaft bemerkt werden, sind ihre Fähigkeit zur Affektkontrolle und ihr unermüdliches Streben, sich anderen Menschen angenehm zu machen. Nachdem Leni erfährt, dass Flori ihr Halbbruder ist, verwandeln ihre Gefühle für ihn, die anfangs echte Verliebtheit sind, sich in geschwisterliche Zuneigung. Einen Rückschlag lebt sie, als Flori umkommt. Da trauert sie erneut um den verlorenen Geliebten und glaubt, nie wieder lieben zu können.

Adolphine Bianka Ernst hat Leni aufgrund ihrer außerordentlichen Charakterfestigkeit mit der Figur der Anna Birkmeier in Anzengrubers Schauspiel Der Pfarrer von Kirchfeld verglichen. Doch sei Leni „viel feiner organisiert, zurückhaltender, weniger impulsiv.“

Joseph Reindorfer Der Reindorfer ist zum Zeitpunkt von Lenis Geburt mit seinen 55 Jahren bereits ein alternder Mann. Die eigenen Kinder stehen ihm von Anfang an nicht sehr nahe. Umso mehr bemüht Leni sich um seine Anerkennung und Liebe. Obwohl er an ihrer außerehelichen Geburt unschuldig ist, empfindet er sie als unheilbaren „Schandfleck“ auf seiner Mannesehre. Anstatt sie abzuschrecken, wecken seine Zurückweisungen in Leni jedoch den Wunsch, ihm zu gefallen. Je älter sie wird, umso deutlicher erkennt Joseph, was er an ihr hat, und beginnt schließlich, Leni mit echter Wärme zu begegnen. Hans Rohl hat die Figur des Joseph Reindorfer aufgrund der tragischen Fehleinschätzung, die ihn bei den eigenen Kindern unterläuft, mit Shakespeares König Lear verglichen.