mini|hochkant=1.5|St. Nikolaus Die Pfarrkirche St. Nikolaus in Raeren in der Deutschsprachigen Gemeinschaft von Ostbelgien ist ein römisch-katholisches Kirchengebäude. Es wurde zwischen 1720 und 1723 nach Plänen des Aachener Stadtbaumeisters Laurenz Mefferdatis im Stil des Barocks erbaut und steht unter dem Patrozinium des heiligen Nikolaus von Myra. Die Kirche gehört zum Pfarrverband Raeren–Eynatten–Hauset im Dekanat 05Dekanat 05 Eupen im Bistum Lüttich, abgerufen am 27. März 2022 des Bistums Lüttich und wurde 1986 unter Denkmalschutz gestellt.
Geschichte Inmitten des Zentrums von Raeren an der Grenze der zu jener Zeit benachbarten einzelnen Ortschaften Alt-Raeren und Neudorf existierte den Aufzeichnungen nach bereits seit 1489 für diese beiden Orte auf der Flur „Titfeld“ eine kleine gemeinsame Kirche, die der Mutterpfarre St. Stephan in Walhorn unterstand, wo auch die Toten aus Raeren begraben wurden. 1616 begann der erste Neubau, der die gemeinsame Raerener Kirche ersetzte. Angeschlossen war eine Friedhofsfläche, auf der ab 1633 die Toten begraben werden durften. Die Kirche wurde 1628 fertiggestellt und 1670 die Gemeinde zu einer eigenständigen Pfarre im Bistum Lüttich erhoben. Bereits 1720 war die knapp hundert Jahre alte Kirche baufällig und mittlerweile zu klein geworden, sodass auf Initiative des amtierenden Pfarrers Aegidius Momber ein neues Gotteshaus errichtet wurde. Als Architekt konnte der Aachener Stadtbaumeister Laurenz Mefferdatis gewonnen werden, der in der gleichen Zeit auch für den Bau der Pfarrkirche St. Nikolaus in Eupen verantwortlich war. Bedingt durch die räumlichen Vorgaben verzichtete Mefferdatis auf eine Ostung der Kirche und richtete sie parallel zur Hauptstraße auf einer ungefähren Nord-Süd-Achse aus. Dabei blieb jedoch der Turm des kleineren, vermutlich geosteten Vorgängerbaus als südwestlicher Eckpfeiler des Neubaus erhalten. Nach neun Jahren Bauzeit war der Rohbau vollendet und 1728 konnte die Kirche nach vorläufiger Benediktion für den regelmäßigen Gottesdienst genutzt werden. Die eigentliche Weihe beziehungsweise Konsekration fand erst 42 Jahre später, am 20. Juni 1770, durch den Generalvikar von Lüttich statt.
Pfarrer Tilmann Ganser, der Nachfolger von Aegidius Momber, der noch im Jahr der vorläufigen Benediktion gestorben war, sorgte für die Ausstattung und Ausschmückung der Kirche. Zudem ließ er 1732 das Pfarrhaus und 1753 die Sakristei erbauen. Nachdem mittlerweile der alte Kirchturm deutlich baufällig geworden war, plante Pfarrer Gansers Nachfolger, Johann Anton Vincken der Ältere, um 1788 eine Vergrößerung der Kirche und den Abbruch des Turmes. Doch zunehmende politische Unruhen, Planungsschwierigkeiten, sein eigener Tod im Jahr 1795 und der Beginn der Zeit der französischen Besatzung machten alle Pläne zunichte. Pfarrer Reuter als Nachfolger Vinckens wurde von den Franzosen aufgefordert, am 6. Juni 1796 die Kirche zu schließen. Erst nachdem er den Treueeid auf die Erste Französische Republik geschworen hatte, durfte sie wieder für die Bevölkerung geöffnet werden. Einige der örtlichen Kapläne, die den Eid verweigerten, wurden zur Deportation verurteilt.
Nachdem infolge des Wiener Kongresses von 1815 die deutschsprachigen Kreise Ostbelgiens dem Staat Preußen eingegliedert worden waren, wurde auch die Pfarre St. Nikolaus von der Diözese Lüttich losgelöst und zunächst dem Generalvikariat in Aachen und dem Erzbistum Köln unterstellt. Erst nachdem die deutschsprachigen Kreise Ostbelgiens infolge des Versailler Vertrages nach Belgien angeschlossen worden waren, kam 1920 auch die Pfarrkirche wieder zum Bistum Lüttich zurück.
Im Jahr 1847 war das Kirchengebäude nach Plänen des Raerener Architekten Pesch um zwei Achsen außen und dementsprechend um zwei Joche innen verlängert worden. Dabei wurde der vorher seitlich an der südwestlichen Ecke des Eingangsbereichs stehende Turm mit der Taufkapelle im Innern umgesetzt und axial gegenüber dem Chor neu sowie deutlich höher aufgebaut.
Um 1991 waren erneut großflächige Modernisierungen erforderlich, infolge derer unter anderem die Stützmauer im Vorfeld der Kirche erneuert, das gesamte Mauerwerk abgedichtet und trockengelegt, der Turm innen und außen saniert sowie die gesamte Kirchenbedachung neu gedeckt und mit einem neuen Dachreiter bestückt wurden.
Im Umfeld der Kirche existiert ein Ortsfriedhof, der sich in den kleineren von 1633 an der Ostseite der Kirche und den im 19. Jahrhundert eingerichteten großen und moderneren an der Südseite eingliedert. Auf dem kleinen Friedhof finden sich alte Gruften und Grabplatten, unter anderem von Angehörigen der Familie de Lassaulx-Heinsberg, einst Besitzer der benachbarten Knoppenburg,Raeren/Gedenksteine und Wegekreuze, Übersicht auf GenWiki, Nr. 1–6, abgerufen am 27. März 2022 und der Familie de Nys, der ehemaligen Eigentümer der Burg Raeren, sowie von alten Raerener Familien aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. Die Begräbnis- und Gedenkstätten vieler ehemaliger Priester finden sich dagegen auf dem großen Friedhof bei einem markanten großen Friedhofskreuz mit einem hohen rechteckigen und mehrfach gestuften Sockel, ebenso wie die Grabstätten des Bildhauers Leonhard Mennicken und des Kunstmalers André Blank, die beide Maßgebliches zur Gestaltung der Nikolauskirche beigetragen haben.
Auf der Abstützmauer unmittelbar vor dem Haupteingang ragt das Missionskreuz aus dem Jahr 1850 empor, das aus Blaustein besteht und eine Nische mit einem Marienbildnis sowie eine Tafel mit den eingemeißelten Jahreszahlen der Volksmissionen aufweist. Weitere historische Blausteinkreuze zieren den Fußweg von der Kirche zum Ortsteil Neudorf, darunter das unter Denkmalschutz gestellte Willem-Kule-Kreuz von 1581.Raeren/Gedenksteine und Wegekreuze, Übersicht auf GenWiki, Nr. 7–18, abgerufen am 27. März 2022
Baucharakteristik mini|hochkant|Eingangsfassade Die Raerener Pfarrkirche ist eine dreischiffige Hallenkirche, die ausschließlich aus Raerener Blau- und Bruchstein erbaut wurde. Das nordöstliche Seitenschiff hat sieben, das südwestliche fünf Achsen, was auf unterschiedliche Sanierungsmaßnahmen nach einem der Brände zurückzuführen ist. Die Achsen sind ebenso mit spitzbogigen Fenstern ausgestattet wie die dreiseitige Apsis, deren Gewände aus Blaustein, teils in Quaderform, bestehen. Das Kirchengebäude hat ein durchgehendes Satteldach, das über der Apsis in ein Walmdach übergeht. Dem Dach über der Apsis ist ein kleines, polygonales und mit Schiefer verkleidetes Glockentürmchen aufgesetzt.
Der 1847 versetzte quadratische Turm steht je zur Hälfte innerhalb und außerhalb der Eingangsfassade und gliedert sich getrennt durch stark profilierte Gesimse in drei unterschiedlich hohe Geschosse. Er ist mit einem achtseitigen mit Schiefer gedeckten Turmhelm mit flachen Aufschieblingen überdacht, dem ein schmiedeeisernes Kreuz aufsitzt. Der Turm ist 16 Meter höher als der abgerissene Vorgänger, der in keinem angemessenen Größenverhältnis zum Kirchenschiff stand. In der Vorderfassade des Turmes ist im Untergeschoss die doppelflügelige hölzerne Haupteingangstür mit einem spitzbogig verzierten Oberlicht sowie einem hohen und spitzen wulstigen Giebelaufbau eingelassen, über dem ein Rosettenfenster eingebaut ist. Das erste Obergeschoss des Turmes ist an seinen drei Außenseiten jeweils mit einem antiken Zifferblatt der Turmuhr und das zweite Obergeschoss an allen vier Seiten mit je einer spitzbogigen und mit Lamellen verkleideten Schallöffnung gestaltet.
Beiderseits des Turmes ist auf Höhe der Seitenschiffe jeweils ein Nebeneingang, wobei beide im Stil des Haupteingangs gehalten sind. Über ihrem Spitzbogenoberlicht ist eine kleine Figurennische mit einer Heiligenfigur in die Wand eingelassen.
Die Sakristei stammt aus dem Jahre 1753 und ist in Verlängerung der Apsis angebaut. 1947 wurde sie unter Pfarrer Mommer um zwei Räume nach Osten hin vergrößert sowie 1980 neu ausgestattet. In der Wand der Sakristei ist der stark beschädigte Gedenkstein des Wilhelm von Wicherding († 1727) eingelassen, der sich als Besitzer des benachbarten Guts Bergscheid besonders um den Bau der Kirche verdient gemacht hatte. Die lateinische Inschrift ist zum großen Teil unlesbar oder zerstört und das Wappen unkenntlich.
Innenarchitektur mini|Innenraum Das Innere der Kirche vermittelt vor allem durch die Umbaumaßnahmen von 1847 einen langgestreckten schlanken, aber auch hellen Eindruck, der durch die zahlreichen Fenster in den Achsen und die Verwendung von Weiß bis zu hellen Blautönen an Wänden, Decken und Säulen noch verstärkt wird. Das heute sechsjochige Mittelschiff weist seitlich der Seitenschiffe rundbogige Arkadenreihen auf, die auf schweren, runden Steinsäulen ruhen, von deren quadratischen Kämpferplatten aus die Kreuzrippengewölbe zu den Gewölbeschlusssteinen ziehen. Der 1931 um etwa 70 cm nach vorn verlängerte einjochige Chor hat ein sechsteiliges Rippengewölbe mit großem dekoriertem Schlussstein, das fließend in die dreiseitige Apsis übergeht, an deren Konsolen Puttenköpfe angebracht sind. Ebenfalls um 1931 wurde zudem das Kircheninnere mit einer bunten und figurativen Ausmalung durch den Aachener Kirchenmaler Jan Kalff aufgefrischt.
Auffällig ist, dass vor der Orgelempore im zweiten Joch des linken westlichen Seitenschiffes auf dem dortigen Schlussstein als einzigem eine Symbolik aufgetragen ist, die die drei göttlichen Tugenden Glaube (Kreuz), Hoffnung (Anker) und Liebe (Herz über Kelch) zeigt. Diese Darstellung soll daran erinnern, dass sich hier das Parterregeschoss des ehemaligen Turmes befand, in dem die Taufkapelle untergebracht war.
Nachdem der ursprüngliche Fußbodenbelag im Laufe der Zeit stark abgenutzt worden war, wurde er 1938 durch neue Blausteinplatten ersetzt, die zuletzt 1990 aufwendig restauriert wurden.
Die Bleiverglasungen in den Kirchenfenstern beruhen mehrheitlich auf Stiftungen und wurden Anfang des 20. Jahrhunderts im Jugendstil angefertigt. Zunächst entstanden so im Jahr 1909 fünf Fenster des Kaplans Hennes für das rechte Seitenschiff mit Bildern zu den fünf Geheimnissen des freudenreichen Rosenkranzes und 1913 folgten vier Fenster für das linke Seitenschiff mit Darstellungen zu den Sakramenten der Taufe, der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung, ebenfalls von Kaplan Hennes, dessen Porträt neben dem des Pfarrers Peter Mommer und weiterer Stifter in das linke obere Fenster eingearbeitet ist. Das Fenster am rechten Seitenaltar wurde durch einen Krippenbrand im Jahr 1971 in Mitleidenschaft gezogen und musste ausgetauscht werden. Zwanzig Jahre später wurden die meisten Fenster neu verbleit.
Ausstattung Altäre Hauptaltar mini|hochkant|Hochaltar Der Altar stammt aus dem Jahr 1697 und war bereits in dem Vorgängerbau der heutigen Kirche aufgestellt. Die hohe Rückwand ist zweigeteilt und wird im unteren Bereich von den beidseitigen Zugängen zur Sakristei flankiert, auf denen links die Statue des Pfarrpatrons Nikolaus von Myra und rechts die des hl. Johannes Nepomuk steht; beide wurden 1697 in der Werkstatt Derich Schwarz in Aachen angefertigt. Mitten vor der Altarrückwand steht der Tabernakel und darauf das Expositorium mit Engelsfiguren links und rechts. Auf der Vorderseite der Altarmensa ist plastisch in neugotischem Stil des 19. Jahrhunderts das Lamm Gottes mit Kreuzfahne dargestellt. Im Altarstein sind seit 1770 Reliquien der Märtyrer Victorian und Vitalis beigesetzt.