Postpartale Stimmungskrisen (von lat. post = nach; partus = Entbindung, Trennung, Geburt)Der Partus (lat.) ist der medizinische Begriff für Entbindung Prä-, peri- und postpartal bezeichnen die Situation der Mutter vor, während und nach der Niederkunft. Die Natio (lat.) ist die Geburt des Kindes. Postpartale Erkrankung = Erkrankung der Mutter; eine postnatale Erkrankung betrifft das Neugeborene. beschreiben psychische Zustände oder Störungen, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Wochenbett-Phase auftreten. Die Bandbreite der im Wochenbett auftretenden affektiven Zustände reicht von einer leichten Traurigkeit über Depressionen bis hin zu schweren psychotischen Erkrankungen.M. Lanczik, I. F. Brockington: Postpartal auftretende psychische Erkrankungen. In: Dt. Ärzteblatt. Band 94, 1997, S. A-3104–3108. Meist sind Frauen betroffen, in der neueren Forschung wird aber auch von postpartalen Depressionen bei Männern berichtet.Psychologie – Auch Väter werden nach einer Geburt depressiv. auf: Spiegel Online. 18. Mai 2010.
Formen Bisher unterscheidet man grob drei Arten postpartaler Störungen, welche oft fließend ineinander übergehen: das Postpartale Stimmungstief (umgangssprachlich Babyblues oder Heultage), die Postpartale Depression (PPD), auch Postnatale Depression (von lat. natus geboren) oder Wochenbettdepression, und die Postpartale Psychose (PPP).
Postpartales Stimmungstief Das Postpartale Stimmungstief, auch als „Babyblues“ bezeichnet, ist die mildeste Form des Krankheitsbildes. Es handelt sich hierbei um einen leichteren kurzfristigen Verstimmungszustand in den ersten Wochen nach der Geburt, der meist innerhalb von Stunden bis Tagen wieder abklingt.
Neben der subdepressiven Stimmungslage ist der Babyblues charakterisiert durch ausgeprägte Stimmungslabilität, Traurigkeit, häufiges Weinen, allgemeine Irritierbarkeit, übermäßige Sorgen (meist um das Kind), Erschöpfung, Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Appetitstörungen, Schlaf- und Ruhelosigkeit, und Konzentrationsschwierigkeiten. In der Regel wird der Babyblues nicht als krankheitswertig betrachtet und vergeht von selbst.Anita Riecher-Rössler: Die Depression in der Postpartalzeit. In: U. Demal, H. Katschnig, C. M. Klier (Hrsg.): Mutterglück und Mutterleid. Diagnose und Therapie der postpartalen Depression. Facultas, Wien 2001, S. 24.
Diese milde postpartale Verstimmung tritt sehr häufig auf. Im DSM-IV wird der Babyblues angegeben als vorübergehende Erscheinung, die 70 % aller Wöchnerinnen betrifft, als nicht krankheitswertig einzustufen und von der postpartal affektiven Episode zu unterscheiden ist.H. Saß, H.-U. Wittchen, M. Zaudig, I. Houben: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. Textrevision – DSM-IV-TR. Hogrefe, Göttingen 2003. Die Angaben schwanken in verschiedenen Studien zwischen 25 % und 80 %, diese Schwankungsbreite hängt vor allem mit methodischen Unterschieden der verschiedenen Studien zusammen. Als gesichert gilt, dass in der ersten Woche nach der Geburt viermal häufiger eine dysphorische Verstimmung auftritt als bei einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Geburt.M. W. O’Hara, E. M. Zekoski, L. H. Phillips, E. J. Wright: Controlled prospective study of postpartum mood disorders: comparison of childbearing and non-childbearing women. In: Journal of abnorm Psychology. 1990, S. 3–15.
Viele Experten bezeichnen den Babyblues als gesunde Reaktion auf die vielschichtigen Veränderungen durch die Geburt und die Mutterschaft. Es gibt aber auch Verhaltensforscher, die argumentieren, dass in vielen sogenannten „Naturvölkern“ der Babyblues nicht vorkomme und er eine Folge der Interventionen der modernen Industriegesellschaft rund um die Geburt sei, da dadurch ein ungestörtes Kennenlernen von Mutter und Kind nicht möglich sei.B. Salis: Psychische Störungen im Wochenbett. Möglichkeiten der Hebammenkunst. Elsevier Urban & Fischer, München, S. 4.
Die Angaben, welche Faktoren den Babyblues begünstigen, sind sehr uneinheitlich. Das Risiko scheint erhöht bei depressiven Erkrankungen in der Vorgeschichte und wenig sozialer Unterstützung.M. W. O’Hara: Postpartum Depression. Causes and Consequences. Springer-Verlag, New York 1995. Keine Rolle scheint der Geburtsmodus zu spielen. Die Häufigkeit bei Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben, unterscheidet sich nicht von der von Frauen, die spontan entbunden haben, auch der Geburtsort scheint keine Rolle zu spielen. Lediglich Frauen, die eine geplante außerklinische Geburt abbrechen mussten, wiesen eine bedeutsam erhöhte Babyblues-Rate auf, was damit erklärt werden kann, dass die Gebärende ihre Idealvorstellungen nicht in die Tat umsetzen konnte und dies zu Enttäuschung und Versagensgefühlen führt.F. Gröhe: Nehmt es weg von mir. Depression nach der Geburt eines Kindes. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003.
Die Hauptursache für den Babyblues scheint in der hormonellen Umstellung nach der Geburt zu liegen – die während der Schwangerschaft stark erhöhten Östrogen- und Progesteronspiegel fallen mit Geburt des Mutterkuchens ab und Prolaktin steigt an.A. Gregoire: Estrogens and Perinatal Disorders. In: N. Bergemann, A. Riecher-Rössler (Hrsg.): Estrogens Effects in Psychiatric Disorders. Springer, Wien 2005, S. 191–207. Es wird vermutet, dass Östrogen verschiedene Hirnfunktionen beeinflusst und einen stimmungsstabilisierenden, antipsychotischen Effekt hat;A. Riecher-Rössler: Was ist postpartale Depression. In: B. Wimmer-Puchinger, A. Riecher-Rössler (Hrsg.): Postpartale Depression. Von der Forschung zur Praxis. Springer, Wien 2006, S. 11–21. dieser Effekt fällt nun weg und führt damit eventuell zu Stimmungseinbrüchen. Damit werden auch ähnliche Phänomene im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus (Prämenstruelles Syndrom) und der Menopause erklärt.A. Gregoire: Estrogens and Perinatal Disorders. In: N. Bergemann, A. Riecher-Rössler (Hrsg.): Estrogens Effects in Psychiatric Disorders. Springer, Wien 2005, S. 191–207.
Postpartale Depression (PPD, Wochenbettdepression) Eine PPD kann jederzeit in den ersten zwei Jahren nach der Geburt entstehen. Typisch für die PPD ist eine schleichende Entwicklung; sie wird meist erst aufgrund von körperlichen Symptomen erkannt. 10–20 % der Mütter sind von PPD betroffen; auch rund 4 % der Väter leiden nach der Geburt unter PPD.The Lancet. Band 56. Risikofaktoren für die Entstehung einer postpartalen Depression sind unter anderem psychische Erkrankungen vor der Schwangerschaft (insbesondere Depressionen, Zwangsstörungen, Panikstörungen, generalisierte Angststörungen, soziale Phobien, Agoraphobie), bei nahen Verwandten aufgetretene psychische Erkrankungen, traumatische Erlebnisse und belastende Lebenssituationen wie finanzielle Armut, soziale Isolation oder eine geringe Qualität oder Unterstützung in der Partnerschaft.Idealisiertes Mutterbild statt Berichterstattung über postnatale Depression. www.derblindefleck.de mit Quellen.
Kennzeichen für die PPD sind Energiemangel, Traurigkeit, inneres Leeregefühl, Schuldgefühle, ambivalente Gefühle dem Kind gegenüber, allgemeines Desinteresse, Teilnahmslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Tötungsgedanken (auf sich, auf das Kind und/oder andere Familienmitglieder bezogen), sexuelle Unlust, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, extreme Reizbarkeit, Taubheitsgefühle, Zittern, Schwindel, Konzentrations- und Schlafstörungen, Ängste und Panikattacken.
Zwangsgedanken treten bei 54 % der Frauen mit postpartaler Depression auf.Lee Baer: The Imp of the Mind. Penguin Books, Plume, S. 20ff. und S. 140.
Postpartale Angstzustände können als eigenständige Kategorie gesehen werden, da diverse Angststörungen nicht zwangsläufig eine Depression bedeuten. Sie treten in den ersten zwei bis drei Wochen auf und umfassen schwere, wiederkehrende Angst- und/oder Panikgefühle, meist in Zusammenhang mit dem Wohlergehen des Babys. Unbehandelte Angstzustände können zu einer Depression führen.
Die postpartale Depression ist wegen der Gefahr eines Suizids (Selbstmordes) dringend behandlungsbedürftig. Eventuell kann eine stationäre Behandlung notwendig sein.Luc Turmes: Enquete Schwangerschaft, Geburt und frühkindliche Entwicklung. Wien, April 2008.
Extrem selten (laut einer Studie 1–2 pro 100.000 depressive MütterS. Oddo, A. Thiel, D. Klinger, J. Würzburg, J. Steetskamp, C. Grabmair, F. Louwen, A. Stirn: Postpartale Depression: Ein interdisziplinärer Therapie- und Forschungsansatz. In: Journal für Gynäkologische Endokrinologie. Band 18, Nr. 3, 2008, S. 12.) begehen Mütter mit PPD den sog. Infantizid, d. h., sie töten ihr eigenes Kind. Der sogenannte Neonatizid, die Tötung des Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt, steht dagegen nach heutiger Erkenntnis nicht im Zusammenhang mit einer postpartalen Depression.Säuglingstötungen: "Die Frauen sehen ihr Kind als störendes Objekt". Interview mit Theresia Höynck in Spiegel Online. 28. April 2012.
Postpartale Psychose (PPP) Die Wochenbettspsychose oder auch paranoid-halluzinatorische Puerperalpsychose ist die schwerwiegendste psychiatrische Komplikation im Wochenbett. Sie hat meist einen abrupten Beginn und sollte umgehend zu einer notfallmäßigen Einweisung in eine psychiatrische Klinik führen. Die schwere paranoid-halluzinatorische Symptomatik mit Angst-, Erregungs- und Verwirrtheitszuständen hat eine günstigere Prognose als psychotische Erkrankungen zu einem anderen Zeitpunkt im Leben. Es kann zu einer vollständigen Ausheilung kommen, kann aber ähnlich den manisch-depressiven Erkrankungen einen phasischen Verlauf nehmen. Laut ICD-10 sind die meisten dieser postpartalen Psychosen diagnostisch als akut-polymorphe psychotische Störungen einzuordnen.M. Lanczik, I. F. Brockington: Postpartal auftretende psychische Erkrankungen. In: Dt. Ärzteblatt. Band 94, 1997, S. A-3104–3108.
Eine bis drei von 1000 Müttern (0,1 bis 0,3 %) sind von einer postpartalen Psychose (PPP) betroffen. Die PPP entsteht vorwiegend in den ersten 2 Wochen nach der Entbindung oder kann sich aus einer Depression entwickeln.
Mischformen
Die drei Formen der PPP zeigen sich oft als Mischformen mit anderen Zuständen:
Manie: Es zeigen sich eine starke Antriebssteigerung, motorische Unruhe, Verworrenheit, Größenwahn, gehobene Stimmungslage mit Euphorie, Enthemmung und ein vermindertes Schlafbedürfnis. Eine Gefährdung resultiert in diesen Fällen durch falschen Umgang mit dem Kind bzw. eine Störung der allgemeinen Urteilsfähigkeit.
Depression: Es äußern sich Angstzustände, Antriebs-, Bewegungs- und Teilnahmslosigkeit.
Schizophrenie: Zeigt sich durch Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die betroffene Frau glaubt Stimmen zu hören oder Dinge zu sehen, die nicht existieren.
Ursachen
Die Ursachen einer postpartalen Stimmungskrise erklärt man multifaktoriell, die Faktoren können verschiedene Gewichtungen haben.
Evolutionäre Funktion Postpartale Stimmungskrisen seien laut Evolutionsbiologen konsistent mit der Theorie des Elternaufwands. Sie könnten der Mutter signalisieren, dass ihr ein Fitnessverlust droht, beispielsweise wenn die Umstände ungünstig sind. Zudem könnten die Krisen der Mutter helfen, Unterstützung beim Elternaufwand zu erhalten.The Functions of Postpartum Depression. (PDF; 175 kB)
Biologische Ursachen Die große körperliche Anstrengung während der Geburt (⇒ physische Erschöpfung); Die plötzliche körperliche Veränderung von Bauch, Brüsten, Stoffwechsel und Verdauung nach der Geburt; Das mögliche (Un-)Gleichgewicht der Hormone: das plötzliche Abfallen des Progesteronspiegels kann depressionsartige Gefühle verursachen, und das Abfallen des Östrogenspiegels kann zu erheblichen Schlafstörungen führen.