mini|hochkant|Afrikanerin mit Spiegel im Metropolitan Museum of Art Die Statuetten einer Afrikanerin mit Spiegel, auch bekannt als Schwarze Venus oder historisch „Negervenus“, sind mehrere etwa 30 Zentimeter hohe Figuren aus der zweiten Hälfte des 16. oder der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Bronzegussfiguren stammen wahrscheinlich aus Frankreich oder den Niederlanden und stellen Abgüsse eines heute nicht mehr vorhandenen Originals dar. Als ausführender Künstler wurden ursprünglich mehrere Bildhauer aus Venedig vorgeschlagen; heute wird entweder der französische Hofkünstler Barthélemy Prieur oder der Niederländer Johan Gregor van der Schardt genannt.
Die Darstellung einer schwarzen Frau in der Tradition einer Venus-Darstellung gilt für die Zeit der Spätrenaissance und des Manierismus als einmalig und wurde unter anderem als Vanitas-Darstellung verstanden, bei der die erotische Schönheit des unbekleideten Frauenkörpers den zu dieser Zeit als unattraktiv empfundenen Gesichtszügen der Schwarzen gegenübergestellt wurde. Insgesamt sind 13 Abgüsse der Figur dokumentiert, von denen sich einzelne etwa in der Sammlung des Grünen Gewölbes in Dresden,Inventarnummer IX 59. in der Skulpturensammlung im Liebieghaus in Frankfurt am Main, dem Kunsthistorischen Museum in Wien, dem Louvre in ParisInventarnummer OA 7265. oder im Metropolitan Museum of Art in New YorkInventarnummer 26.14.15. befinden.
Beschreibung Beschreibung der Figuren Es handelt sich bei allen Figuren um etwa 30 Zentimeter hohe Bronzestatuetten, wobei das Wiener Exemplar mit einer Höhe von 32,5 Zentimeter etwas größer ist als die anderen Figuren. Sie sind in der Ausführung bis auf Details weitgehend identisch und zeigen eine junge, unbekleidete Frau, die sich stehend in einem Handspiegel betrachtet. In der linken Hand hält sie ein kleines Tuch, ein weiteres ist eng um ihren Kopf geschlungen. In der erhobenen rechten Hand hält sie einen runden Spiegel an einem länglichen Griff, in dem sie sich selbst zu betrachten scheint. Anhand der Gesichtszüge ist sie als stereotypisch dargestellte Afrikanerin erkennbar und sie wirkt in die Betrachtung ihres Spiegelbildes versunken. Vor allem die mandelförmigen Augen sind fein ausgearbeitet und mit natürlich wirkenden Lidern ausgestattet. Das linke Bein ist als Standbein fest mit der kleinen, ovalen und eine Grasfläche andeutenden Plinthe verbunden, das rechte ist als Spielbein leicht erhoben und steht nur mit den Zehenspitzen auf dem Boden. Es ist angewinkelt und lehnt mit dem Unterschenkel an dem des Standbeins. Die Hüfte ist auf der Seite des Standbeins höher, wodurch sie eine Schräge bildet, die vom Unterkörper weiter ausgeführt wird. Brust und Schulter neigen sich wiederum im Kontrapost in die Gegenrichtung. Die Arme der Figur sind weit ausgreifend.
Die Dresdner Figur wird als barockisierte Version betrachtet, da sie durch eine Halskette, Ohrringe und einen Armreif sowie einen etwas mehr ausgeschmückten Spiegel ergänzt wurde und sich so von den anderen Statuetten unterscheidet. Sie befindet sich zudem auf einem runden und gedrechselten, hölzernen Fuß mit einem Durchmesser von 12,6 Zentimeter, aber auch andere Figuren haben teilweise einen entsprechenden Sockel.
Nach Maraike Bückling entsteht durch die Körperhaltung der Eindruck eines leichten Schwankens, der auch aus anderen Blickwinkeln vorhanden ist. Er entsteht durch die sowohl durch das im Knie gebeugte rechte wie auch das gestreckte linke Bein, wodurch sich die Figur von der Seite betrachtet nach vorne zu neigen scheint. Verstärkt wird der Eindruck durch den nach vorn weisenden rechten Arm mit dem Spiegel, ausgeglichen durch den nach hinten weisenden linken Arm. In der Rückenansicht „dominiert der s-förmige Schwung, der den ganzen Körper von den Beinen über das gebogene Rückgrat bis zur Wendung des Kopfes durchzieht.“
mini|Afrikanerin mit Spiegel im Metropolitan Museum of Art, Gesichtsdarstellung Bückling stellt zudem in ihrer Beschreibung die Proportionen des Körpers als Besonderheit heraus: „Der gestreckte Rumpf mit schlanker Brust- und Schulterpartie ruht auf langen, fülligen Beinen. Der Unterkörper, mit hoch ansetzenden Hüften, ist mit einem kleinen, sich vorwölbenden Bauch versehen. Lange Arme begleiten den Körper. Auf überlangem, leicht gebogenen Hals sitzt der im Vergleich zum Hals und zum Körper sehr kleine, kugelige Kopf.“ Dieser findet ihrer Ansicht nach ein Pendant in dem runden Spiegel, in den der Blick gerichtet ist. Die Gesichtszüge sind zudem kleinteilig und detailliert, wodurch die afrikanischen Gesichtszüge besonders deutlich erkennbar und unterstrichen werden. Nach Herbert Beck verleiht die langgestreckte Proportionalität „allen Partien Festigkeit“ und „Umriß und Körpervolumen stehen in einem ausgeklügelten Verhältnis zueinander“, wodurch eine „vollrunde, ausgreifende Komposition“ entsteht, „die von allen Seiten befriedigende Ansichten bietet“. Nach seiner Darstellung entfaltet „die Statuette ihren Sinnenreiz im Gegenspiel von Gestik und Körperdrehung, Plastizität und Feingliedrigkeit, tänzerischer Anmut und dem Ausdruck melancholischer Versunkenheit“.
Material, Oberfläche und Patina Die Statuetten sind in ihrer Form weitgehend gleich und unterscheiden sich vor allem durch die Nachbehandlung nach dem Guss und die leicht unterschiedliche Färbung der Figuren. Alle bekannten Statuetten wurden aus Bronze hergestellt, einer Metalllegierung aus Kupfer und Zinn in einem Hohlgußverfahren, danach wurden sie künstlich patiniert. Das Original der Figur gilt als verschollen. Die Bronze als Gussmaterial gibt den gegossenen Figuren eine für Bronzestatuen typische goldgrünliche Färbung, die auch hier vorhanden ist. Über dieser Bronze befindet sich bei den Statuetten eine rötlichbraune Patina, die bei den Figuren teilweise abgegriffen ist und die Farbe der Bronze stellenweise durchschimmern lässt. Hinzu kommen Lichtreflexe, die der Figur eine „farbig changierende Oberfläche“ geben.
Nach Bückling gilt die Frankfurter Figur mit ihrer goldfarbenen Patina durch einen dunklen, rötlichbraunen und abgegriffenen Lacküberzug, der die Bronze durchschimmern lässt, als einzigartig, und nur die New Yorker Figur gleiche ihr „in der Feinheit der Oberfläche“.
Die verschiedenen Nachbildungen (Repliken) unterscheiden sich vor allem im Grad der Nacharbeiten, der Patina und dem aktuellen Zustand. Größenunterschiede sind teilweise auf unterschiedliche Gussformen zurückzuführen, da nicht alle Figuren aus der gleichen Werkstatt stammen und einige der Figuren wahrscheinlich später von bereits vorhandenen Figuren abgeformt wurden. Die Tabelle weiter unten gibt einen Überblick über die Einzelfiguren und ihren Zustand (Stand 1991, nach Bückling 1991).
Geschichte Zuordnung Keine der Figuren der Afrikanerin mit Spiegel ist mit einer Signatur oder einem anderen Hinweis auf die Herkunft gekennzeichnet, wodurch es keine direkten Hinweise auf einen Bildhauer, eine Werkstatt oder auch nur eine Nationalität gibt. Das Original und die Abgüsse wurden wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 16. oder der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frankreich oder den Niederlanden gefertigt. Zunächst galt sie als Werk eines italienischen Meisters und wurde unter anderen Giovanni da Bologna, Benvenuto Cellini, Bartolomeo Ammanati, Alessandro Vittoria oder Danese Cattaneo zugeordnet. Nach einem Ausstellungskatalog, in dem die Figur 1979 als Neuerwerbung des Liebieghauses vorgestellt wurde, wurde sie als aus Venedig stammend eingeordnet.
Mittlerweile wird sie alternativ dem französischen Hofkünstler Barthélemy Prieur oder dem Niederländer Johan Gregor van der Schardt zugeschrieben, die beide zeitweise in Italien gearbeitet haben. Das Metropolitan Museum gibt keine Zuordnung an, klassifiziert die Statuette allerdings als „wahrscheinlich niederländisch“.
Johan Gregor van der Schardt arbeitete als Bildhauer in Italien und kam 1569 nach Wien, wo er für Maximilian II. arbeitete und unter anderem mit dem Goldschmied Wenzel Jamnitzer in Nürnberg zusammenkam. Durch sein Wirken in Nürnberg könnte van der Schardt als mögliches Vorbild eine Zeichnung Albrecht Dürers verwendet haben, die eine unbekleidete, allerdings weiße Frau mit einem Tuch um den Kopf, einem Spiegel in der Rechten und einem Handtuch in der Linken zeigt. Ähnlichkeiten der Afrikanerin bestehen zu anderen Bronzefiguren van der Schardts, etwa dem Götterpaar Merkur und Minerva sowie den Vier Jahreszeiten.
Barthélemy Prieur dagegen war Hofbildhauer am Hof von Heinrich IV. und wurde bekannt für mehrere Großplastiken, vor allem Grabdenkmäler, sowie Kleinbronzen. Maraike Bückling argumentiert die Zuordnung zu Prieur vor allem mit Ähnlichkeiten in der Oberflächenmodellierung und der ausgreifenden Gliedmaßen zu verschiedenen Kleinplastiken des Künstlers wie dessen Bronzestatuetten von Henri IV. und der Maria de’ Medici sowie einer Serie von ihm zugeordneten Kleinbronzen, vor allem den Darstellungen einer Magd und eines Kavaliers, sowie eines Meermädchens, die in den Proportionen mit der Afrikanerin übereinstimmen.
Original und Repliken Neben denen in Dresden, in Frankfurt am Main und im Metropolitan Museum of Art in New York gibt es weitere Statuetten dieses Typs, dokumentiert sind 13 Figuren. Davon befinden sich neben den genannten je eine im Kunsthistorischen Museum in Wien, im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig, im Louvre in Paris, im Musée des Beaux-Arts d’Orléans, im Musée de Grenoble sowie zwei in Privatbesitz, der Verbleib von drei weiteren ist ungewiss.
In einer Beschreibung zum Inventar zum Bronzenzimmer des Grünen Gewölbes von 1733 wurde die Statuette wie folgt beschrieben:
Darüber, welche Figuren die ältesten und ursprünglichsten sind, herrscht Uneinigkeit. Bei allen bekannten Exemplaren handelt es sich laut Maraike Bückling und Ursel Berger um Nachgüsse, während das Original verschollen ist. Nach Bergers Ansicht kommt die im Vergleich zu den anderen Figuren etwas größere Version im Wiener Kunsthistorischen Museum dem Original wahrscheinlich am nächsten. Sie geht davon aus, dass alle anderen Figuren Abgüsse von einer dem Wiener Exemplar nahekommenden Version sind. Maraike Bückling sieht dagegen die Figur im Frankfurter Liebieghaus zusammen mit der in New York und einer weiteren in privater Hand als ursprünglichste Figuren, die direkt aus der Werkstatt Prieurs kommen. Sie begründet dies mit der Sorgfalt der Nacharbeiten und der sehr ähnlichen Patinisierung dieser Figuren sowie der Ausgestaltung des Gesichts.
Bückling sieht die Wiener Figur als eine von einer der ursprünglichen Versionen der Figur nachgebildeten Replik, wodurch sie auch die von den Originalen abweichenden Größen erklärt, die die Wiener Figur massiger erscheinen lässt. Sie schließe sich diesen „hinsichtlich der Körpermodellierung eng an“, unterscheide sich aber vor allem durch die parallel zueinander verlaufenden Schraffierungen und auch durch „zahlreiche, unscharfe, fast grob belassene Detailformen.“ Sie sieht es als Möglichkeit an, dass auch die Wiener Figur aus der Werkstatt Prieurs kommt, aber nicht direkt von ihm stammt. Alle weiteren Figuren unterschieden sich etwas stärker von den bisher benannten. So besitzt die Braunschweiger Figur weniger stark ausgearbeitete und europäischer wirkende Gesichtszüge; sie „besitzt ein ovales Gesicht mit hoher Stirn, pausbackigen Wangen, einem kleinen, spitzen Kinn, einem kleinen herzförmigen Mund mit hochgewölbter Oberlippe sowie einer schlanken, zierlichen Nase.“ Die Dresdner Version mit ihren zusätzlichen Verzierungen und Modellierungen schließt Bückling aus dem Künstlerkreis um Prieur aus und auch die Pariser Figur und die Version in Orléans ordnet sie späteren Bearbeitern zu. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Kopien aus dem 17. Jahrhundert. Über die weiteren Versionen macht sie keine Aussagen.
Provenienzen