mini|Ein Beispiel für ein von Boys’ love inspiriertes Kunstwerk. Die schlanken, semi-androgynen körperlichen Merkmale der Charaktere sind typisch für bishōnen (wörtlich „schöne Jungs“), die in Boys’-love-Medien üblich sind.

Boys Love (ボーイズ ラブ, bōizu rabu, ein wasei-eigo) und die Abkürzung BL (ビーエル, bīeru) ist ein aus Japan stammendes Genre fiktionaler Medien, dessen Inhalt homoromantische bis homoerotisch-pornografische Beziehungen zwischen männlichen Charakteren sind. Es wird in der Regel von Frauen für Frauen geschaffen und unterscheidet sich von Bara, einem homoerotischen Medium, die sich an schwule Männer richtet, zieht aber auch ein männliches Publikum an und kann von männlichen Autoren produziert werden. Es umfasst ein breites Spektrum an Medien, darunter Manga, Anime, Hörspiele, Romane, Light Novels, Fanfictions, Videospiele, Fernsehserien, Filme, Fanartikel und Dienstleistungen. Boys Love entstand ab den 1970er Jahren aus älteren, mit Homoerotik befassten Genres, damals noch unter der Bezeichnung Shōnen-ai. Ab den 2000er Jahren gewann das Genre eine starke globale Präsenz durch internationale Lizenzierung und Vertrieb sowie durch die unlizenzierte Verbreitung von Werken durch Boys-Love-Fans im Internet. Boys-Love-Werke, -Kultur und -Fangemeinde wurden von Wissenschaftlern und Journalisten weltweit untersucht und diskutiert.

Boys love und BL sind die Oberbegriffe für diese Art von Medien in und außerhalb Japans, stehen aber auch in Konkurrenz zu anderen Begriffen, die je nach Kontext und Autor alternativ oder für Untergruppen des Genres verwendet werden. Insbesondere Yaoi kommt als alternativer Oberbegriff vor. In westlichen Fanszenen hat sich daneben ein Gegensatzpaar von Shōnen-ai für romantische Werke (fast) ohne Sexszenen und Yaoi für erotische bis pornografische Werke herausgebildet.

Begrifflichkeiten und Etymologie Das Genre wird von mehreren Begriffen geprägt, die verschiedene Unterthemen, regionale oder chronologische Varianten bezeichnen. Je nachdem, wer die Begriffe in welchem Kontext verwendet, kann die Bedeutung, die Verwendung und die Überschneidungen zwischen den Begriffen unterschiedlich ausfallen. So haben die Wörter Bedeutungsverschiebungen oder gänzlich andere Bedeutungen erfahren, als sie außerhalb Japans übernommen wurden. Autoren oder Fansites führen für das bessere Verständnis oft eigene Glossare.

Boys love (ボーイズ ラブ, bōizu rabu) Typischerweise wird der Begriff als Akronym BL (ビーエル, bīeru) oder alternativ als „boy's love“ geschrieben und ist eine wasei-eigo-Konstruktion, die von der wörtlichen englischen Übersetzung von shōnen-ai abgeleitet ist. Der Begriff tauchte in den 1990er Jahren für kommerzielle Veröffentlichungen des Genres auf, kann aber auch für nicht-kommerzielle Werke verwendet werden, und löste die Bezeichnung Shōnen-ai ab. 1994 wurde der Begriff durch die Zeitschrift Puff populär und wurde von den Verlagen als Genrebezeichnung übernommen, da man sich so von früheren Publikationen, deren Ästhetik und Vorurteilen abgrenzen konnte. Ab den 2000er Jahren erlangte er in Japan größere Bekanntheit auch über die Fan- und Verlagsszene des Genres hinaus.Kamm, 2010, S. 1–6.

Shōnen-ai (少年愛) Während der Begriff Shōnen-ai historisch gesehen Ephebophilie oder Päderastie bezeichnete, wurde er ab den 1970er Jahren verwendet, um ein neues Genre von Mädchenmanga zu beschreiben, in dem es um Romanzen zwischen androgynen oder effeminierten männliche Charakteren geht. Frühe Shōnen-ai-Werke wurden von der europäischen Literatur und den Bildungsromanen inspiriert, erzählen tragische Geschichten an exotischen (europäischen) Schauplätzen und enthalten oft Bezüge zu Literatur, Geschichte, Wissenschaft und Philosophie. Außerhalb Japans, so auch im deutschsprachigen Raum, wurde der Begriff ab 2000 verwendet, um Titel zu beschreiben, die sich mehr auf Romanzen als auf explizite sexuelle Inhalte konzentrieren.

Tanbi (耽美, wörtlich: Ästhetizismus) Das Subgenre konzentriert sich auf die Verehrung der Schönheit und auf Romanzen zwischen älteren Männern und schönen Jugendlichen. Tanbi als Begriff und Konzept ist älter als die in den 1970er Jahren aufkommenden männlichen Liebesromane, die ursprünglich Erzählungen über Homosexualität von Autoren wie Yukio Mishima, Yasunari Kawabata und Jun’ichirō Tanizaki beschrieben. June (ジュネ, Japanische Aussprache: [d͡ʑu͍ ne]) Abgeleitet von dem gleichnamigen Manga-Magazin, das 1978 zum ersten Mal erschien, wurde der Begriff ursprünglich verwendet, um Werke zu beschreiben, die dem Kunststil der in diesem Magazin veröffentlichten Mangas ähnelten. Dieser war geprägt durch die Tanbi-Ästhetik und durch Geschichten von tragischen Schicksalen, die durch die Liebe zwischen zwei Männern „geheilt“ werden. Der Begriff wird auch verwendet, um Amateurwerke zu beschreiben, die männliche Homosexualität darstellen und keine abgeleiteten Werke sind, wie es bei Yaoi üblich ist. In den 1990er Jahren wurde der Begriff weitgehend zugunsten von Boys Love aufgegeben. Es wird vermutet, dass Verleger, die auf dem June-Markt Fuß fassen wollten, den Begriff Boys Love prägten, um das Genre vom June-Verlag zu distanzieren.

Yaoi (やおい) Der Begriff Yaoi wurde in den späten 1970er Jahren geprägt und ist ein Portmanteau aus yama nashi, ochi nashi, imi nashi (山[場]なし、落ちなし、意味なし), was so viel bedeutet wie „kein Höhepunkt, keine Pointe, keine Bedeutung“. Ursprünglich von den Künstlern von Ani-paro, Fan-Parodien zu bekannten Animeserien, selbstironisch verwendet, war der Begriff zuerst nicht fest mit homosexuellen Geschichten für Frauen verbunden, sondern bezog sich allgemein auf meist pornografische Geschichten mit Mangel an Narration und Erzähltechnik. Erst mit der Zeit verengte sich die Bedeutung auf gleichgeschlechtliche Liebe. Es handelt sich auch eine subversive Anspielung auf die klassische japanische Erzählstruktur von Einleitung, Entwicklung, Wendung und Schluss. Außerhalb Japans, so auch im deutschsprachigen Raum, wird der Begriff Yaoi für Titel verwendet, die in erster Linie sexuell explizite Themen und Inhalte enthalten. Er kann aber sowohl in Japan als auch in Teilen der westlichen Fanszene als Überbegriff für das gesamte Genre an Stelle von Boys Love eingesetzt werden.Suzuki, Kazuko (2015). „What can we learn from Japanese professional BL writers?: A sociological analysis of yaoi/BL terminology and classifications“. Boys Love Manga and Beyond: History, Culture, and Community in Japan., S. 93–118. Yaoi kann von westlichen Fans auch als Bezeichnung für Anime- oder Manga-basierte Slash-Fiction verwendet werden.

Der Begriff „Bishōnen Manga“ wurde in den 1970er Jahren gelegentlich verwendet, verlor aber in den 1990er Jahren an Bedeutung, als die Werke dieses Genres eine breitere Palette an Protagonisten als die traditionellen heranwachsenden Jungen zeigten.

Im Westen, darunter auch im deutschsprachigen Raum, etablierten sich vor Boys Love zunächst Yaoi und Shōnen-ai. Sie bilden dabei ein Gegensatzpaar als Bezeichnungen für erotische bis pornografische Werke (Yaoi) und für romantische Werke (fast) ohne Sexszenen (Shōnen-ai), unabhängig davon, ob die Werke von Fans oder kommerziell produziert wurden.

Historische Entwicklung Vor 1970: Die Ursprünge des Shōnen-ai mini|Mari Mori, deren tanbi-Romane den Grundstein für viele der gängigen Genre-Tropes von shōnen-ai und yaoi legten. Homosexualität und Androgynität haben in Japan eine lange Geschichte, die bis in die Heian-Zeit (794–1185) zurückreicht, wie Praktiken wie shudō (衆道, gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Samurai und ihren Gefährten) und kagema (陰間, männliche Sexarbeiter, die als Kabuki-Schauspielerlehrlinge dienten) zeigen. Während der Meiji-Ära (1868–1912) wandelte sich das Land von der Toleranz gegenüber Homosexualität im Zuge der Verwestlichung hin zu einer feindseligen gesellschaftlichen Haltung gegenüber Homosexualität und der Einführung von Anti-Sodomie-Gesetzen.

Angesichts dieses rechtlichen und kulturellen Wandels haben Künstler, die männliche Homosexualität in ihren Werken darstellten, dies in der Regel durch einen Subtext getan. Die Illustrationen von Kashō Takabatake in an Jungen gerichteten Comic-Magazin Nihon Shōnen bildeten die Grundlage dessen, was zur Ästhetik des Bishōnen werden sollte: Jungen und junge Männer, oft in homoerotischen Kontexten, die durch ihre „ambivalente Passivität, Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Weichheit“ definiert sind. Der 1961 erschienene Roman Koibitotachi no mori der tanbi-Autorin Mari Mori, in dem es um die Beziehung zwischen einem Professor und seinem jüngeren Geliebten geht, gilt als einflussreicher Vorläufer des Shōnen-ai-Genres. Moris Werke wurden von der europäischen Literatur, insbesondere der Gothic-Literatur, beeinflusst und legten den Grundstein für viele der gängigen Elemente von Shōnen-ai und Yaoi: westliche Exotik, gebildete und wohlhabende Charaktere, erhebliche Altersunterschiede zwischen den Paaren und phantasievolle oder sogar surreale Szenarien.

1970er und 1980er Jahre: Von Shōnen-ai zu Yaoi mini|links|Moto Hagio, ein Mitglied der Gruppe der 24er und eine wichtige Figur des shōnen-ai-Genres. Hideko Mizunos ab 1969 erschienener Mädchenmanga Fire!, die erotisierte männliche Homosexualität in der amerikanischen Rock-’n’-Roll-Kultur darstellte, gilt in als einflussreiches Werk zu Beginn der nächsten Phase des Genres. Der zeitgenössische japanische homoerotische Liebesmanga entstand in den 1970er Jahren als Untergenre des Mädchenmanga. In dieser Zeit wurden auch die ersten Manga im Magazin Barazoku veröffentlicht, die erste kommerzielle Schwulenzeitschrift Japans, und hatten großen Einfluss auf die Entwicklung des Shōnen-ai. Eine neue Generation von Shōjo-Manga-Künstlerinnen trat in Erscheinung, zu denen vor allem die Gruppe der 24er zählte. Die 24er-Gruppe trug wesentlich zur Entwicklung des Shōjo-Manga bei, indem sie eine größere Vielfalt an Themen und Stoffen in das Genre einführte, die sich von japanischer und europäischer Literatur, Kino und Geschichte inspirieren ließen. Mitglieder der Gruppe, darunter Keiko Takemiya und Moto Hagio, schufen Werke, die männliche Homosexualität darstellten: Sunroom nite (1970) von Takemiya gilt als das erste Werk des Genres, das als Shōnen Ai bekannt werden sollte, gefolgt von Hagios 11-gatsu no Gymnasium (1971). An den Innovationen beteiligt war auch Hagios Redakteur bei Shōgakukan, Yamamoto Junya, sowie die Zeichnerin Ōshima Yumiko. Takemiya, Hagio, Toshie Kihara, Ryōko Yamagishi und Kaoru Kurimoto gehörten zu den bedeutendsten Shōnen-ai-Künstlern dieser Ära; zu den bemerkenswerten Werken gehören Tōma no Shinzō (1974–1975) von Hagio, der erste Boys Love als Serie, und Kaze to Ki no Uta (1976–1984) von Takemiya. Die Werke dieser Künstler zeigen in der Regel tragische Romanzen zwischen androgynen Bishōnen an historischen europäischen Schauplätzen. Mit den erstmals erprobten expliziten Sexdarstellungen spielte Shōnen Ai eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Shōjo-Mangas in den 1970er, an dessen Ende schließlich auch heterosexuelle Beziehungen expliziter wurden. Auch Innovationen in Zeichenstil, Erzähltechniken und Seitenlayout wurden besonders in diesem Genre erprobt. Mit der Verarbeitung von Einflüssen literarischer Vorlagen in den Shōnen-Ai-Geschichten, so stammten die Topoi der Internate und Jungenschulen unter anderem aus Geschichten von Hermann Hesse, war das Genre auch daran beteiligt, dass Shōjo-Mangas mit höherer literarischer Qualität entstanden.