mini|Giorgio Bassani (1974) Die Gärten der Finzi-Contini (italienisch: „Il Giardino dei Finzi-Contini“) ist der Titel eines 1962im Verlag Giulio Enaudi Turin und 1980 als drittes Buch der Werkausgabe „Il romanzo di Ferrara“ bei Arnoldo Mondadori in Mailand publizierten Romans von Giorgio Bassani. Die deutsche Übersetzung von Herbert Schlüterbei Piper München erschien 1963. Der Roman handelt von der Freundschaft des Erzählers mit Micòl und Alberto Finzi-Contini in Ferrara vor dem Hintergrund der Rassengesetze und des Ausschlusses der Juden aus dem öffentlichen Leben zur Zeit des Faschismus.

Überblick Bei einem Ausflug im April 1957 erinnert sich der Erzähler an die Familie Finzi-Contini, über die er seit langem einen Roman schreiben will (Prolog).als Bearbeitungszeit gibt der Autor am Ende des Romans die Jahre 1958–1961 an. Er kennt die großbürgerliche Familie seit seiner Kindheit in den 1920er Jahren vom Besuch der Synagoge. 1929, am Ende der gymnasialen Unterstufe, verliebt er sich in die 13-jährige Micòl während einer kurzen Begegnung an der Mauer des großen Parks ihrer Eltern (Teil I). Die Liebe und Freundschaft mit den Finzi-Contini-Geschwistern beginnt neun Jahre später (Teil II). Nach den Rassegesetzen 1938 werden die Juden aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, u. a. aus den Vorlesungen der Universitäten oder Vereinen. Als die jüdischen Jugendlichen ihre Mitgliedschaft im Tennisclub verlieren, stellt ihnen die Familie Finzi-Contini ihren Tennisplatz zur Verfügung. Den Sommer über trifft sich hier täglich eine kleine Gesellschaft jüdischer und nichtjüdischer junger Leute. Den Kern bildet eine Vierergruppe. Der Erzähler, Micòl und Alberto haben ihre Universitätsstädte Bologna, Venedig und Mailand verlassen und bereiten jetzt in dieser Phase der akademischen Unsicherheit ihre Dissertationen vor. Der Vierte ist Albertos Studienfreund, der ca. 26-jährige nichtjüdische Giampiero Malnate, der als Chemiker bei einem Ferrareser Unternehmen arbeitet. Damit beginnt die Haupthandlung des Romans. Der Erzähler hält sich immer häufiger in der Villa der Finzi-Contini auf (Teil III) und ist von ihrem Lebensstil fasziniert: Von Micòl und ihren Spaziergängen durch den Park, von Albertos individueller moderner Salon-Einrichtung und von der Bibliothek des Professors. Er wird zunehmend in das Familienleben einbezogen, aber auch in das Beziehungsgeflecht der Protagonisten. V. a. die komplizierte, letztlich jedoch einseitige Liebesbeziehung zu Micòl belastet ihn (Teil IV). Diese Handlung spielt sich vor dem politischen Hintergrund der Radikalisierung des Faschismus und der zunehmenden kriegerischen Spannungen in Europa ab und endet im Sommer 1939 mit dem Abschied des Erzählers von der Familie Finzi-Contini.

Im Epilog wird das Schicksal der in einem deutschen Konzentrationslager ermordeten Familie Finzi-Contini skizziert.

Inhalt Die Familie des Erzählers und die Finzi-Contini Der Erzähler denkt während eines Ausflugs an das Grabmal der Finzi-Contini in Ferrara und dies erinnert ihn an sein lange gehegtes Vorhaben, einen Roman über seine Jugendzeit und seine Freundschaft mit der Familie zu schreiben (Prolog).

Im ersten Teil des Micòl Finzi-Contini gewidmeten Romans, dem als Motto ein Zitat aus Manzonis „Die Verlobten“ über die Unkenntnis des Herzens von Ereignissen der Vergangenheit vorangestellt ist, werden die Familiengeschichten und die Kindheitserlebnisse geschildert:

Seine Familie und die Finzi-Contini gehören beide dem jüdischen Großbürgertum Ferraras an, doch begegnen sie sich nur distanziert und haben unterschiedliche Lebensweisen. Der Vater des Erzählers hat Medizin studiert, den Beruf des Arztes aber nur in seiner Jugend ausgeübt. Seit dem Tod des Großvaters Raffaello verwaltet er das Landgut in Masi Torello und kümmert sich um die beiden Stadthäuser in der Via Vignatagliata. Er nimmt am öffentlichen Leben teil, treibt Sport und ist Mitglied des renommierten Klubs der Kaufleute. Der Erzähler wohnt mit seinen Eltern, den Geschwistern Ernesto und Fanny und dem Dienstpersonal in einer großen Villa, die allerdings dem Anwesen der Finci-Contini gegenüber bescheiden wirkt. Professor Ermanno Finzi-Contini residiert dagegen mit seiner Frau Olga Herrera, deren Mutter Regina und den Kindern Alberto und Micòl gesellschaftlich zurückgezogen im „magna domus“, einem im Laufe der Zeit aus den Ruinen einer Residenz zu einem mit Türmchen und Zinnen im neugotischen Stil ausgebauten Herrensitz. Dieser liegt inmitten eines „endlosen“, ca. zehn Hektar großen, durch eine Mauer von der Außenwelt abgeschlossenen Parks, dem „Barchetto del Duca“, den der Großvater Ermannos von den Marchesi Avogli gekauft hat.

Außer den benachbarten Plätzen in der italienischen Synagoge haben die beiden Familien keine Berührungspunkte. Eher steht eine „Glasscheibe“ zwischen ihnen. Der Vater des Erzählers ist Arzt, Freidenker, Kriegsfreiwilliger und Mitglied der faschistischen Partei seit 1919. Prof. Ermanno Finzi-Contini ist Geisteswissenschaftler. Politisch nicht engagiert, lehnt er es 1933 ab, in die faschistische Partei einzutreten, beruhigt aber die Stadtpolitiker mit einer Geldspende. Diese Unterschiede wirken sich auf das Leben der Kinder aus: Während der Erzähler das humanistische Gymnasium „G. B. Guarini“ besucht, erhalten Alberto und Micòl Privatunterricht, vielleicht auch, wie vermutet wird, weil der Erstgeborene Guido im Alter von sechs Jahren an spinaler Kinderlähmung gestorben ist und die Mutter befürchtet, ihre beiden anderen Kinder könnten sich auf einer öffentlichen Schule mit einer Krankheit infizieren. Der Vater des Erzählers verspottet dieses einsame, vornehm-zurückhaltende Leben Ermannos und Olgas als elitär. Sie seien im Grunde Neureiche, fühlten sich jedoch als Adlige.

Blickkontakte 1929 Beide Familien haben in der italienischen Synagoge in der Via Mazzini benachbarte Bänke und die Kinder begegnen sich dort an Festtagen, an Pessach und Yom Kippur (Teil I, Kap. 4). Dabei zwinkert die blonde Micòl dem Erzähler zu und ihre Blickkontakte drücken eine Vertraulichkeit aus, derselben Gruppe anzugehören: „Die Blicke des Einverständnisses, all die vertraulichen Zeichen, die mir Bruder und Schwester gaben.“zitiert nach Giorgio Bassani: „Die Gärten der Finzi-Contini“. Piper München, Zürich, 1983, S. 42. Der Erzähler beobachtet bewundernd die Ergriffenheit und das verklärte Gesicht des Professors beim Gebet, während sein Vater sich als „moderner Jude“ fühlt und kaum zwanzig hebräische Wörter kennt. Diese Begegnungen finden ihr Ende, als Ermanno 1933 die nur noch als Möbellager benutzte kleine spanische Synagoge herrichten lässt und seine Familie nicht mehr die italienische besucht.

Ein zweiter Treffpunkt der ungefähr gleichaltrigen KinderAlberto wurde 1915, Micòl 1916 und der Erzähler 1917 geboren. ist der Hof des „Guarini“-Gymnasiums. Auch hier winken sie sich zu, grüßen einander und schauen einander mit einem Lächeln an, wenn Alberto und Micòl jedes Jahr im Juni mit einer Kutsche zur Schule gebracht und dort als Privatschüler geprüft werden.

Zum ersten Gespräch des Erzählers und der ca. dreizehnjährigen Micòl mit dem nordischen „Blond der fille aux cheveux de lin“ kommt es im Juni 1929, als er nicht in die Obersekunda versetzt wird. Er hat Angst, nach Hause zu gehen und den Misserfolg seinem Vater mitzuteilen, denkt sogar an Selbstmord, treibt sich lange in der Stadt herum und fährt mit dem Fahrrad zur alten Wallanlage, der „Mura degli Angeli“ (I, 5 und 6). Auf der daran anschließenden, den „Barchetto del Duca“ abgrenzenden Mauer sieht er Micòl sitzen. Sie spricht ihm ihr Beileid über die Nichtversetzung aus und tröstet ihn, die Nachprüfung im Herbst sei kein Beinbruch. Sie fordert ihn auf, zu ihr hochzuklettern, doch er hat Höhenangst und redet sich mit der Gefahr heraus, dass sein teures Fahrrad gestohlen werden könnte. Sie steigt zu ihm hinunter und schlägt vor, das Rad in den unterirdischen Gewölben der Festungsanlage zu verstecken. Im dunklen Verlies träumt er davon, dass Micòl ihm nachfolgt und sie sich küssen, aber als er wieder den grasbewachsenen Wall erreicht, sitzt das Mädchen auf der Mauer und wird in den Garten zurückgerufen. Lächelnd zwinkert sie ihm zum Abschied zu.

Rassengesetze Mit dem zweiten Teil beginnt die 1938 und 1939 spielende Haupthandlung. Inzwischen sind der Erzähler, Alberto und Micòl 21–23-jährige Studenten. Der Erzähler studiert an der Philosophisch-Philologischen Fakultät der Universität Bologna, steht kurz vor seinem Abschluss und bereitet sich auf eine literaturwissenschaftliche Dissertation vor. Zu Beginn seines Studiums ist er im Einvernehmen mit seinem Vater Mitglied des faschistischen Studentenbunds geworden und hat 1936 an dem von der faschistischen Jugendorganisation GIL veranstalteten Wettbewerb „Litoriali für Kunst und Kultur“ in Venedig teilgenommen. Doch 1938, nach den Rassengesetzen und dem Verbot, die Vorlesungen zu besuchen, kritisiert er den Faschismus Mussolinis (II, 1). Während sein Vater anfangs die Rassengesetze bagatellisiert und meint, die Restriktionen gegen die Juden würden in Ferrara nicht angewendet werden, muss er spätestens nach seinem Ausschluss aus dem Klub der Kaufleute und der faschistischen Partei sowie nach dem Schul- und Universitätsverbot für seine Kinder diese Auffassung revidieren. Sein Sohn Ernesto kann, trotz unzureichender Französischkenntnisse, nur an der technischen Hochschule in Grenoble studieren und seine 13-jährige Tochter Fanny besucht jetzt eine israelitische Schule. Die Familie muss ihr Dienstpersonal entlassen und als Aushilfe die 60-jährige Ricca Cohen aus einem Altersheim einstellen.

Die Finzi-Contini reagieren auf den Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben mit ihrer Rückkehr in die italienischen Synagoge und mit der Öffnung ihres bisher verschlossenen Parks für Jugendliche, die vom Vizepräsidenten Marchese Ippolito Barbicinti aus dem Tennisclub „Eleonora d’Este“ ausgeschlossen worden sind, und ihre nichtjüdischen Freunde. Micòl und Alberto haben ihr Studium in Venedig bzw. Mailand unterbrochen: Sie hat ihre Dissertation an der Ca’ Foscari zuerst einmal aufgeschoben, während er wegen seiner angegriffenen Gesundheit pausiert und sich zu Hause mit seinen Hobbys beschäftigt. Später erfährt der Erzähler, dass Alberto an einer, von ihm und seiner Familie tabuisierten, bösartigen Geschlechtskrankheit leidet, an der er 1942 stirbt.

Vor diesem politischen Hintergrund entwickeln sich die Freundschaften der drei Protagonisten. Zwei Monate nach Verkündung der Rassengesetze rufen Alberto und Micòl den Erzähler während der Semesterferien an und laden ihn zusammen mit ein paar anderen jungen Leuten zum Tennisspielen ein. Kern der Gruppe sind Alberto und Micòl, der Erzähler und der ca. 26-jährige Chemiker Giampiero Malnate, Albertos Mailänder Studienfreund, der nach Dienstschluss dazukommt. Im Lauf der Zeit befreundet sich der Erzähler mit ihm, und sie diskutieren kontrovers über die politische Lage, das Münchner Abkommen über das Sudetenland und den Spanischen Bürgerkrieg. Malnate vertritt die kommunistische Perspektive, kritisiert die Nachgiebigkeit Englands und Frankreichs gegenüber Hitler und Mussolini und wirft dem Erzähler die Fehleinschätzung der Faschisten und des Rassenkults vor, was mit der Nähe seiner Familie zur faschistischen Partei erklärbar sei (III, 4, 5).

Sommer 1938 Täglich trifft sich die weiß gekleidete Tennis-Gesellschaft im Finzi-Contini-Park (II, 2 und 3), sie wird vom Kutscher und Hausmeister Perotti sowie den Dienstmädchen Circe und Gina bewirtet sowie von den Gärtnern Titta und Bepi ironisch beobachtet. In dieser Insel-Atmosphäre entwickelt sich allmählich ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen der Vierergruppe. Für den Erzähler steht seine Freundschaft mit Micòl im Vordergrund, während die Vernetzungen der drei anderen für ihn, wie er später bemerkt, schwer durchschaubar sind.