mini|Fünfsaitige kundi der Mangbetu, zweite Hälfte 19. Jahrhundert. Museum Rietberg, Zürich. Wie alle abgebildeten Harfen mit einem menschlichen Kopf am Halsende. Kundi (kùndi, nkundi) ist eine üblicherweise fünfsaitige Bogenharfe bei den Azande im Norden der Demokratischen Republik Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik und in einem angrenzenden Gebiet im Westen des Südsudan, die auch von den Mangbetu im Kongo und von anderen Ethnien in diesem Gebiet gespielt wird. Bei den Mbaka ist sie als kundu, ansonsten als nkundi, kunda, kondu und komba bekannt. Die kundi gehört wie die ngombi in Gabun und die adungu im Norden Ugandas in der auf Klaus Wachsmann (1964) zurückgehenden Klassifizierung zum Typ 2 der afrikanischen Bogenharfen. Bei diesem Typ wird der gebogene Saitenträger durch eine Tülle oder ein Loch in die Seite des Resonanzkörpers gesteckt.

Charakteristisch ist ein geschnitzter menschlicher Kopf am Ende des Saitenträgers; einige Harfen sind insgesamt anthropomorph gestaltet. Die kundi solistisch beim Gehen zu spielen ist eine wahrscheinlich vom Lamellophon sanzu übernommene Praxis. Der Name kundi mit Aussprachevarianten ist vom Azande-Wort kundhi hergeleitet, das sich aus ku („rein, einfach“) und -ndhi („spielen, glücklich sein“) zusammensetzt.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 122; Gerhard Kubik, 1994, S. 99. Das „i“ in kundi wird deutlich ausgesprochen.

Herkunft mini|hochkant|Altägyptische Sängerharfe (transportable Bogenharfe) der Dritten Zwischenzeit (um 1064–664 v. Chr.). Ein Harfner spielt vor dem Sonnengott Re-Harachte. Die ältesten Harfen waren dem ursprünglichen Musikbogen am nächsten stehende Bogenharfen, bei denen sich die Krümmung des schalenförmigen Resonanzkörpers in der Halsstange fortsetzt. Auf einem Rollsiegel und als piktographisches Zeichen tauchen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. v. Chr. in Mesopotamien die ersten Umrisse von Bogenharfen auf. Im Alten Ägypten sind sie ab der 4. Dynastie (um 2600 v. Chr.) bildlich überliefert. Auf einem weiteren mesopotamischen Siegel von 2350 bis 2170 v. Chr. ist die Bogenharfe neben einer sitzenden Schlangengöttin, weiteren Schlangen, Vögeln und einer knienden menschlichen Figur zu sehen, was auf eine wesentliche kultische Funktion der Harfe hindeutet.Bo Lawergren: Mesopotamien. III. Musikinstrumente. 1. Geschichte der Instrumente und ihrer Funktionen. b. 3000–2000 v. Chr. In: MGG Online, November 2016. Auch im Alten Ägypten besaßen die Harfen eine kulturelle Bedeutung, waren teilweise mit Elfenbein, Gold, Silber und Edelsteinen verziert und hatten mit Haroeris sogar einen Schutzgott. Die ältesten ägyptischen Bogenharfen bestanden aus einem Hals, der in einen schaufelförmigen Resonator überging. Mit Beginn des Neuen Reiches (Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.) wurden einige neue Bogenharfentypen eingeführt, darunter solche, die typologisch den zentralafrikanischen Harfen besonders nahekommen wie die Kellenharfe und die Schulterharfe,Bo Lawergren: Harfen. A. Antike. V. Regionale Darstellungen. 3. Ägypten. In: MGG Online, Juni 2015, Abb. 1 und 3. außerdem erscheint erstmals eine kleine Winkelharfe.Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ägypten. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1961, S. 30.

Mit Bezug auf die Grabungsergebnisse von Leonard Woolley in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Ägypten und Mesopotamien stellt der Musikhistoriker Francis Galpin (1929) Vergleiche der ägyptischen Bogenharfen mit der burmesischen saung gauk und mit heutigen afrikanischen Harfen an. Konkret hält er einen hakenförmigen Fortsatz an einer Harfe der Fang für ein Relikt der ägyptischen Schulterharfen und den Resonanzkörper aus einem Schildkrötenpanzer einer ugandischen Harfe, die er fälschlich als „Kundi“ bezeichnet, sieht er als Ersatz für den ovalen Holzkorpus bei einer altägyptischen Harfe.Francis William Galpin: The Sumerian Harp of Ur, c. 3500 B. C. In: Music & Letters, Band 10, Nr. 2, April 1929, S. 108–123, hier S. 110 (Tafel II), 119.

Bei seiner Methode, Kultureinflüsse weltweit, auch über weite Distanzen auf dem Seeweg zu verfolgen, untersuchte George P. Murdock (1959) die geschichtliche Ausbreitung von Nahrungsmitteln.George P. Murdock: Africa: Its Peoples and Their Culture History. McGraw-Hill, New York 1959. Mit einer ähnlichen diffusionistischen Theorie versuchte Arthur Morris Jones (1964) etwa afrikanische Xylophone auf einen indonesischen Ursprung zurückzuführen (wozu auch die angebliche Ausbreitung des indonesischen kemanak bis nach Westafrika gehört). Murdock erkannte einen afrikanischen „Yams-Gürtel“. Demnach breitete sich der aus Indonesien stammende Yams von Ostafrika in einem Streifen über Kenia, Uganda, den Norden des Kongo, Gabun, den Süden des Tschad und Kamerun bis nach Nigeria aus. Weil dies ungefähr das Verbreitungsgebiet afrikanischer Bogenharfen ist, spekuliert Bo Lawergren (1981) ohne Begründung über eine Verbindung dieser Harfen mit der burmesischen saung gauk und verweist hierzu auf die Existenz ähnlicher Stabzithern (zeze) und Xylophonstimmungen in Afrika und Indonesien.Bo Lawergren: Acoustics and Evolution of Arched Harps. In: The Galpin Society Journal, Band 34, März 1981, S. 110–129, hier S. 112. Eine auf dem Handelsweg per Schiff im 1. Jahrtausend aus Indonesien nach Afrika gekommene Harfe widerspricht allerdings allen Herkunftstheorien.Vgl. Roger Blench: Reconstructing African music history: methods and results. (Presented at the Safa Conference, Tucson, 17–21th May 2002) Cambridge, 12. Dezember 2004.

Klassifizierung nach Ankermann Eine erste Typologie der afrikanischen Harfen innerhalb der afrikanischen Saiteninstrumente stellte Bernhard Ankermann (1901) auf. Die Harfen als die fünfte Saiteninstrumentengruppe sind demnach durch einen mit einer Hautmembran bespannten Resonanzkörper aus Holz oder einer Kalebasse, einen daran befestigten Stab als Saitenträger und in einer senkrechten Ebene von der Membran abgehende Saiten charakterisiert. Die Untergruppe 5a bezeichnet Ankermann als „Baganda-Harfe“. Die von den Baganda im Süden von Uganda gespielte ennanga besitzt einen ovalen schalenförmigen Korpus, in den der gebogene Saitenträger vom Rand bis zur Mitte hineingelegt ist. Die Saiten sind an einem weiteren Stab (Aufhängeleiste) befestigt, der dicht unter der Hautdecke vom Saitenträger bis zum gegenüberliegenden Rand der Schale verläuft. Die gesamte Konstruktion stabilisiert sich durch die gespannten Saiten. „Das ganze Instrument sieht, wenn man sich die Haut wegdenkt, wie ein riesiger Löffel aus.“Bernhard Ankermann, 1901, S. 14f.

Hauptvertreter der Gruppe 5b, „A-Sandeh-Harfe“ (entsprechend „Azande“), ist die kundi. Für charakteristisch hält Ankermann den häufig wie bei einer Violine in den Seitenmitten eingebuchteten Korpus, der einschließlich der Unterseite vollständig mit Haut überzogen ist, und einen geschnitzten Kopf als oberen Abschluss des Saitenträgers. Alle Instrumente dieser Gruppe haben fünf Saiten.

Die Gruppe 5c mit Harfen aus dem Hochland von Adamaua im Norden von Kamerun und im Westen von Nigeria wird durch den trogförmigen langovalen Resonanzkörper, einen fast rechtwinklig gebogenen Saitenträger und sechs bis zehn Saiten von der ansonsten konstruktiv gleichen Gruppe 5b abgegrenzt.

Zur Gruppe 5d gehört die von Francis Galpin erwähnte Harfe der Fang. Die Form des Resonanzkörpers entspricht der Gruppe 5c. Der konstruktive Unterschied dieser Harfe gegenüber 5c besteht darin, dass der Saitenträger an einem an der oberen Stirnseite des Resonanzkörpers herausragenden Holzteil (Brett) festgebunden ist. Das hakenförmige Ende des Holzteils ist oft als menschlicher Kopf gestaltet. Diese Harfen besitzen acht bis zehn Saiten.Bernhard Ankermann, 1901, S. 16f.

Klassifizierung nach Wachsmann Für die heutige Theorie zu den möglichen Ausbreitungsrouten der Bogenharfe von Ägypten nach Subsahara-Afrika bildet eine von Klaus Wachsmann 1964 aufgestellte Typologie die Grundlage.Klaus Wachsmann: Human Migration and African Harps. In: Journal of the International Folk Music Council, Band 16, 1964, S. 84–88; deutsch: Völkerwanderungen und afrikanische Harfen. In: Erich Stockmann (Hrsg.): Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, S. 246–251. Wachsmann orientiert sich genauer am wesentlichen Konstruktionsmerkmal: der Verbindung zwischen Saitenträger und Resonanzkörper. Die sich hieraus ergebenden drei Bogenharfentypen werden im Artikel zur nordugandischen Bogenharfe adungu näher ausgeführt.

Den ersten Typus, zu dem die ugandische ennanga gehört, nennt Wachsmann nach dem von Ankermann gebrauchten Bild „Löffel in der Tasse“. Der zweite Typus, „Korken in der Flasche“, der bei Ankermann den Gruppen 5b und 5c entspricht, unterscheidet sich wesentlich vom ersten Typus durch eine hervorstehende Tülle wie bei der kundi oder zumindest einem Loch wie bei der adungu in der Schmalseite des Korpus, in das der Saitenträger gesteckt wird. Beim dritten Typus, shelved type („der mit einem Brett versehene Typus“), ist der Saitenträger ebenfalls seitlich in den Resonator eingesteckt und zusätzlich an einem vom Boden des Korpus ausgehenden und an der Schmalseite herausragenden Brett festgebunden. Das Brett endet in einem nach unten zeigenden Haken. Eine solche Bogenharfe ist erstmals im 1619 veröffentlichten Syntagma musicum von Michael Praetorius abgebildet und stellt ein Instrument der Kele (Bakele, Kélé-Sprecher) in Gabun mit acht Saiten dar, das portugiesische Seefahrer Ende des 15. Jahrhunderts in Gabun vorfanden. Eine entsprechende Abbildung bei Ankermann ist mit „Harfe der Fang“ betitelt. Diese achtsaitige Harfe der Fang in Gabun heißt ngombi, auch ngonfi.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 124.

Während frühe Formen des „Löffel in der Tasse“-Typus Gerhard Kubik (1982) zufolge wahrscheinlich im 1. Jahrtausend auf direktem Weg den Nil aufwärts bis in ihr heutiges kleines und isoliertes Gebiet im Süden von Uganda gelangten, nahmen die Vorläufer der heutigen Harfen mit Tüllen (zweiter Typus, „Korken in der Flasche“) vermutlich vom Reich von Kusch (um 600 v. Chr. – um 350 n. Chr.) in Nubien eine andere Route nach Westen über Darfur und den Tschadsee in ihr heute größeres Gebiet südlich der Sahelzone, wo sie wegen dessen Ausdehnung deutlich später als der zurückgedrängte erste Typus angekommen sein müssen.Gerhard Kubik, 1982, S. 30. Mögliche Stationen auf dieser Route sind die aus Nubien stammende fünfsaitige kurbi (auch al-bakurbo) der Baggara in Darfur, über die Mahi Ismail (1972) berichtetMahi Ismail: Musical Traditions in the Sudan. (African music: Meeting in Yaoundé (Cameroon) 23–27 February 1970. Organized by UNESCO) In: La Revue Musicale, Paris 1972. und die gelegentlich anstelle der einsaitigen Fidel umkiki zur Liedbegleitung verwendet wird.Artur Simon: Sudan, Republic of. 1. Music of the Muslim peoples. (iv) Kordofan and Darfur. In: Grove Music Online, 2001. Des Weiteren fand Franz Födermayr (1969) eine fünfsaitige Bogenharfe namens krding bei den Bilia im Rückzugsgebiet der Ennedi-Berge (im Nordosten des Tschad.Bogenharfe krding (Bäle-Bilia). Dia aus der Sammlung Franz Födermayr, 1969.

Verbreitung Die kundi kommt in mythischen Erzählungen vor, in denen der Ursprung der Azande mit der Unterwerfung fremder Völker unter einzelne Clans begründet wird, woraus sich demnach erst die Herrschaftsstrukturen des Azande-Volkes ergaben. Es heißt, dass eines Tages aus der Richtung, aus der die Stimmen der Ahnengeister zu hören waren, ein Mann mit einer Harfe in der Hand erschien und später auf dieser Harfe spielte. Die Harfe wird als eines der kulturellen Merkmale und Bräuche erwähnt, die seit dem Zusammenschluss der Clans das Volk der Azande ausmachen.E. E. Evans-Pritchard: The Origin of the Ruling Clan of the Azande. In: Southwestern Journal of Anthropology, Band 13, Nr. 4, Winter 1957, S. 322–343, hier S. 325f.