mini|hochkant|alternativtext=Schwarz-Weiß-Porträt von Matilda Coxe Stevenson. Sie trägt einen dunklen Mantel mit einer schwarzen Schleife im Brustbereich, ein graues Halstuch sowie eine weiße Blüte am Kragen. Ihre dunklen Haare trägt sie als nach oben stehende Lockenfrisur.|Stevenson um 1870 Matilda Coxe Stevenson (geb. Evans; * 12. Mai 1849 in San Augustine, Texas; † 24. Juni 1915 in Oxon Hill), auch bekannt unter dem Namen Tilly E. Stevenson, war eine US-amerikanische Wissenschaftlerin. Sie gilt als eine der ersten anerkannten amerikanischen Ethnologinnen, so war sie unter anderem Mitgründerin der Women’s Anthropological Society und wurde als erste Frau in einer bedeutenden Abteilung der Smithsonian Institution eingestellt. Ihre berühmtesten Werke sind Texte über die Zuñi. Dank ihrer Freundschaft zu We’wha, einem Stammesmitglied, sammelte Stevenson detaillierte Informationen über das Volk. Ihre darauf basierenden Schilderungen waren für ihre Anerkennung als Ethnologin bedeutsam und verhalfen ihr zu einem Treffen mit Präsident Grover Cleveland.
Frühe Jahre Matilda Coxe Stevenson wurde 1849 in San Augustine im US-Bundesstaat Texas als drittes von vier Kindern geboren.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 3. Die Familie lebte während Stevensons Kindheit abwechselnd dort, in Washington, D.C. sowie in Philadelphia.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 3–8. Diese verschiedenen Wohnorte hatten einen Einfluss auf Stevensons Bildung. So wurde sie in Texas von Privat-Erzieherinnen und auf speziellen Akademien auf die für Frauen damals übliche Rolle als Ehegattin sowie Mutter vorbereitet. Dagegen belegte sie in Philadelphia auf Regelschulen Fächer wie Geographie, Geschichte und Naturwissenschaften.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 10. Nachdem die Familie in Stevensons Jugend erneut nach Washington gezogen war, wurde sie von ihrem Vater, dem Anwalt und Journalisten Alexander Evans, in Jura sowie von dem Chemiker und Forscher William M. Mew in Naturwissenschaften unterrichtet, da in der Stadt damals nur Männern ein Studium möglich war.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 12.
Karriere
Anfänge Stevenson wollte eigentlich Mineralogin werden, lernte jedoch als junge Frau den autodidaktischen Anthropologen und Geologen James Stevenson von der Smithsonian Institution kennen, den sie 1872 heiratete.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 13–14. Sie war von den Schilderungen seiner Forschungsreisen nachhaltig beeindruckt und beschloss, ihn fortan zu begleiten. 1878, während einer gemeinsamen Expedition über die Indianerstämme Arapaho und Ute,Nancy J. Parezo: Hidden Scholars: Women Anthropologists and the Native American Southwest. University of New Mexico Press, Albuquerque 2008, ISBN 978-0-8263-1428-4, S. 39–41. brachte sich Stevenson selbst die Erstellung ethnographischer Studien bei.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 30. 1879 ernannte das neu gegründete Bureau of American Ethnology (kurz BAE), eine Abteilung der Smithsonian Institution, Stevenson zur freiwilligen Ethnologie-Helferin und somit ersten Mitarbeiterin.Nancy J. Parezo: Hidden Scholars: Women Anthropologists and the Native American Southwest. University of New Mexico Press, Albuquerque 2008, ISBN 978-0-8263-1428-4, S. 40. John Wesley Powell, Leiter des BAE, war von einem baldigen Verschwinden der Ureinwohner Nordamerikas überzeugt. Deswegen forderte er seine Angestellten auf, diese Völker genauestens zu studieren.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 31. Zudem erhielt Stevenson von ihrem Arbeitgeber die Erlaubnis, ihren Mann auf weitere Expeditionen zu begleiten, da sie sich bei der Arbeit auf Frauen und Kinder konzentrieren wollte, nach Ansicht ihrer Vorgesetzten ein angemessener Bereich für Wissenschaftlerinnen.Nancy J. Parezo: Hidden Scholars: Women Anthropologists and the Native American Southwest. University of New Mexico Press, Albuquerque 2008, ISBN 978-0-8263-1428-4, S. 40–41.
Zuñi mini|277x277px|alternativtext=Schwarz-Weiß-Fotografie eines Sonnen-Priesters der Zuñi, der in einer kargen Wüstengegend steht. Er trägt ein graues Band um die Stirn, ein bis zu den Füßen reichendes, dunkles Gewand, ein nur teilweise sichtbares helles Hemd, eine weiße Halskette, an der zwei spitze Steine hängen, und dunkle Arbeitsschuhe. Seine schwarzen Haare trägt er als die Ohren verdeckende Bobfrisur.|Von Stevenson aufgenommener Sonnen-Priester der Zuñi, 1904 Aus diesem Grund begaben sich die Stevensons kurz darauf in die Region der Rocky Mountains im Südwesten des Landes. Matilda fungierte dabei als James’ offizielle Assistentin, jedoch unentgeltlich. Die nächsten 13 Jahre erforschten die beiden in der Gegend vor allem die Zuñi, wobei sie in Fachkreisen als erstes Ethnologen-Ehepaar der USA bezeichnet wurden. Matilda Stevenson galt dank ihrer akribischen Berichte über die Frauen und Kinder des Stammes unter männlichen Kollegen als äußerst ehrgeizig und gründlich.Barbara A. Babcock, Nancy J. Parezo: Daughters of the Desert: Women Anthropologists and the Native American Southwest, 1880–1980 : an Illustrated Catalogue. University of New Mexico Press, Albuquerque 1988, ISBN 0-8263-1087-7, S. 9. Sie beschäftigte sich allerdings auch mit anderen Gebieten, unter anderem mit religiösen Zeremonien der Zuñi, wobei sie in einem Essay darüber den Schwerpunkt auf die Stammes-Jungen legte.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 64. Daneben betrieb sie ethnobotanische Studien in den Pueblos und schrieb unter anderem über dort vorkommende Korbblütler- sowie Nachtkerzen-Arten.Matilda Coxe Stevenson: Ethnobotany of the Zuñi Indians. In: Bureau of American Ethnology (Hrsg.): Thirtieth annual report of the Bureau of American Ethnology, 1908–1909. Washington D.C. 1915, S. 31–102.
Stevenson verwendete für ihre Studien mehrere Quellen, eine für das BAE ungewöhnliche Praxis. Sie sammelte auf diese Art besonders viele Daten,Nancy J. Parezo: Hidden Scholars: Women Anthropologists and the Native American Southwest. University of New Mexico Press, Albuquerque 2008, ISBN 978-0-8263-1428-4, S. 42. weil sie aufgrund Powells Prognose so viele Aspekte der Zuñi-Kultur wie möglich für die Nachwelt bewahren wollte.Eliza McFeely: The Zuni and the American Imagination. Farrar, Straus and Giroux, New York 2015, ISBN 978-1-4668-9410-5, S. 41. Allerdings verhielten sich die Forscher diesbezüglich oft widersprüchlich. Mehrere Ethnologen, unter ihnen die Stevensons, sprachen mit den Indianern nur Englisch, forderten sie auf, Produkte von weißen Unternehmern zu erwerben, statt sie selbst herzustellen, sowie ihre Kinder auf Schulen der amerikanischen Regierung zu schicken.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 66. Stevenson selbst war der Ansicht, dass vor allem weiße Frauen verpflichtet seien, die Ureinwohner zivilisierter zu machen.Nancy J. Parezo: Hidden Scholars: Women Anthropologists and the Native American Southwest. University of New Mexico Press, Albuquerque 2008, ISBN 978-0-8263-1428-4, S. 46. Daneben galt sie trotz ihrer sorgfältigen Arbeit unter männlichen Kollegen auch als aufdringlich, arrogant und grob. Dies lag unter anderem an ihrer ungefragten Teilnahme an religiösen Zeremonien der Zuñi sowie ihrem unbefugten Betreten ihrer heiligen Stätten.Eliza McFeely: The Zuni and the American Imagination. Farrar, Straus and Giroux, New York 2015, ISBN 978-1-4668-9410-5, S. 57. Allerdings waren diese Methoden unter damaligen Wissenschaftlern üblich. Vor allem Mitglieder des BAE wie die Stevensons und Frank Hamilton Cushing nahmen während ihrer Aufenthalte in den Pueblos Gegenstände wie Geschirr, Kleidung sowie zeremonielle Objekte ungefragt an sich, letztere oft heimlich.Eliza McFeely: The Zuni and the American Imagination. Farrar, Straus and Giroux, New York 2015, ISBN 978-1-4668-9410-5, S. 11.
1881 lernte Stevenson We’wha kennen. We’wha gehörte zu den Lhamana, die trotz ihres männlichen Geschlechts bei den Zuñi bis auf wenige Ausnahmen hauptsächlich typische Frauenaufgaben übernahmen. Stevenson war bald von We’whas Selbstbewusstsein beeindruckt und besuchte das Pueblo in den nächsten 15 Jahren häufig,Matilda Coxe Stevenson: The Zuni Indians: Their Mythology, Esoteric Fraternities, and Ceremonies. BiblioLife, Charleston 2015, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 37. wodurch zwischen den beiden eine enge Freundschaft entstand. Durch ihre Gespräche verbesserte sich We’whas Englisch zudem stetig, Stevenson fand so eine für die Anfertigung ihrer Aufzeichnungen wichtige Bezugsperson.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 46. 1885 gründete Stevenson die Women’s Anthropological Society of America (kurz WASA) mit, eine rein weibliche Wissenschaftsorganisation, zu deren Präsidentin sie wenig später gewählt wurde.Gwyneira Isaac: Re-Observation and the Recognition of Change: The Photographs of Matilda Coxe Stevenson. In: Journal of the Southwest. (Hrsg.). University of Arizona, Tucson 2004, S. 411–455 . Anfangs waren fast alle Mitglieder nur an Wissenschaft Interessierte, darunter etliche Ehefrauen hochrangiger Politiker. Allerdings schrieben sich bald darauf auch Fachfrauen wie die Astronomin Maria Mitchell ein. Für diese Personen war die WASA wichtig, da bei anderen etablierten Wissenschaftsorganisationen nur Männer zugelassen waren.Darlis A. Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 72–75.
Weil Stevensons Berichte über die Zuñi unter Kollegen auf großes Interesse stießen, bat sie We’wha, traditionelle Zuñi-Tonwaren für das National Museum of American History in Washington anzufertigen und auch persönlich in die Stadt zu kommen. Stevenson wollte We’wha einflussreichen Personen vorstellen, um an Fördergelder für Expeditionen sowie neue WASA-Mitglieder zu gelangen.Eliza McFeely: The Zuni and the American Imagination. Farrar, Straus and Giroux, New York 2015, ISBN 978-1-4668-9410-5, S. 44. 1886 wohnte We’wha für einige Monate bei der Wissenschaftlerin, deren Plan aufging. Die Mitglieder der gehobenen Gesellschaft waren von We’wha angetan, wodurch Stevenson in Fachkreisen noch bekannter wurde. Es kam auch zu einem Treffen von Stevenson und We’wha mit dem damaligen Präsidenten Grover Cleveland. Diesem war We’wha ebenfalls sympathisch, worauf er Stevenson in einem Gespräch die Wichtigkeit ihrer Forschung bestätigte.Darlis Miller: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 80.
Spätere Karriere