mini|Polnischer Feuerwehrmann mit ukrainischem Kind im Arm mini|Provisorische Schlafplätze im Bahnhof Warszawa Centralna

Die massenhafte Flucht vor dem russischen Überfall auf die Ukraine begann mit dem Einmarsch russischer Truppen am 24. Februar 2022. Schon vor dem Einmarsch hatten sich andere europäische Länder auf eine mögliche Aufnahme von Flüchtlingen vorbereitet. Bereits in den ersten Tagen nach Beginn des Überfalls waren Hunderttausende auf der Flucht. Am 20. März 2022 waren etwa zehn Millionen Menschen, ein Viertel der Gesamtbevölkerung, auf der Flucht.faz.net Sie sind Binnenflüchtlinge oder in ein anderes Land geflüchtet, die meisten in ein Land westlich der Ukraine: Polen, Ungarn, Moldau, Rumänien und Slowakei.

Ukrainer dürfen in die Europäische Union für 90 Tage ohne Visum einreisen und erhalten dort nach einer Registrierung für drei Jahre eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung. Sie können (müssen aber nicht) Asyl beantragen. Die Bahnunternehmen in mehreren Staaten lassen ukrainische Flüchtlinge kostenlos mit dem Zug fahren. Viele der Betroffenen sind von Familienangehörigen aufgenommen worden, die bereits im Aufnahmestaat leben; andere sind in Flüchtlingsunterkünften oder Privatwohnungen von Hilfswilligen.

In der Ukraine befanden oder befinden sich auch Menschen ohne ukrainische Staatsbürgerschaft. Es gab Berichte über Menschen aus Afrika oder Asien, die beim Grenzübertritt Ungleichbehandlungen erlebt haben. Auch über eine Zurückweisung von Roma wurde berichtet. Die beschuldigten Nachbarländer der Ukraine weisen dies von sich. Die EU erklärte, dass ihre Grenzen auch für Menschen offen seien, die aus Drittländern stammen und in ihre Heimatländer weiterreisen wollen. Wer in der EU Schutz benötige, könne Asyl beantragen.

Schätzungen und Zählungen mini|Flüchtlinge und interne Vertriebene (IDPs) Stand 1. Juni 2022 (englisch)

Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) schätzte am 27. Februar 2022, es werde in zwei Monaten in der Ukraine 7,5 Millionen innerstaatliche Flüchtlinge geben. 18 Millionen Menschen würden vom Konflikt betroffen sein und 12 Millionen Menschen würden gesundheitliche Hilfe benötigen. Bis zu vier Millionen Menschen würden vor dem Krieg flüchten.

Auf der UNO-Flüchtlingskonferenz am 27. Februar 2022 wurde mitgeteilt, dass seit Kriegsbeginn über 368.000 Menschen aus der Ukraine geflohen seien. Nach UNHCR-Angaben waren seit dem 25. Februar 2022 bis zum 2. März 2022 mehr als 1 Million Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Zum 8. bzw. 15. bzw. 31. März bzw. 19. April 2022 überschritt die Zahl die Grenze von 2 bzw. 3 bzw. 4 bzw. 5 Millionen. Die weit überwiegende Mehrheit war nach Polen geflüchtet. Interaktive Grafik zum Verlauf, Tabelle zu Nachbarstaaten.

Hatte das UNHRC noch am 15. März von 1,85 Millionen Binnenvertriebenen berichtet, gab es laut UNHCR am 18. März bereits 6,5 Millionen inländische Flüchtlinge in der Ukraine.

Nach einer Untersuchung des Forschungs- und Analyseteams von Direct Relief verzeichneten bis zum 1. März 2022 die polnischen Städte Rzeszów und Lublin den größten Zuwachs an Flüchtlingen. Viele seien wegen der medizinischen Versorgung aus der Ukraine geflohen.

Stand 19. April waren laut UNHCR insgesamt 1,02 Millionen im Ausland lebende Ukrainer nach Kriegsbeginn in die Ukraine eingereist. Stand 20. April waren laut UNHCR mehr als 5,08 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen.

Stand 9. Mai 2022 schätzte die UN 5,4 Millionen Flüchtlinge und 7,7 Millionen Binnenflüchtlinge.

Laut der Menschenrechtsbeauftragten des ukrainischen Parlaments, Ljudmila Denissowa, wurden seit Beginn des russischen Überfalls mehr als 1,19 Millionen Bürger der Ukraine, darunter mehr als 200.000 Kinder, in die Russische Föderation deportiert.faz.net: Meldung von 6:28 Uhr

Humanitäre Korridore mini|Flucht von Zivilisten über den Fluss Irpin, Oblast Kiew, nach Brückeneinsturz, 8. März 2022 mini|Evakuierungen aus Kiew mit Bussen des Roten Kreuzes, 17. März 2022

Am 3. März 2022 erklärten Vertreter Russlands und der Ukraine, dass sie sich in Verhandlungen auf die Schaffung „humanitärer Korridore“ geeinigt hatten, um Zivilisten aus besonders umkämpften Kriegsgebieten herausholen zu können. Für den 5. März kündigte Russland daraufhin eine Feuerpause für die Städte Wolnowacha und Mariupol an, um es Zivilisten zu ermöglichen, diese Städte zu verlassen. Diese Korridore seien mit der ukrainischen Seite abgestimmt. Mehrere Versuche, Zivilisten über einen humanitären Korridor aus Mariupol nach Saporischschja zu evakuieren, wurden allerdings vom 5. März 2022 bis Stand 10. März abgebrochen, da die verabredete Feuerpause jeden Tag nicht eingehalten wurde.

Uneinigkeit gab es bei der Anlage der Fluchtrouten. So wollte Russland fast nur Fluchtrouten in sein eigenes Land und ins verbündete Belarus ermöglichen, die ukrainische Regierung lehnt dies jedoch ab, da laut der ukrainischen Seite kein ukrainischer Staatsbürger Interesse habe in Russland Schutz zu suchen. Am 10. März forderte Russland zudem Listen über die Personen und Fahrzeuge, die aus den Städten evakuiert würden.

Aus Städten und Dörfern im Gebiet Sumy sowie aus nordwestlichen Vororten von Kiew und aus Wuhledar wurden zahlreiche Menschen evakuiert. Derweil scheiterten mehrere Versuche, Menschen aus Mariupol zu evakuieren.

In den Tagen vor dem 15. März funktionierte die Teilevakuierung bei sieben von landesweit zehn Städten.

Am 25. März 2022 berichtete die Ombudsfrau für Menschenrechte des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denissowa, dass 402.000 Zivilpersonen, darunter 84.000 Kinder, gegen ihren Willen nach Russland verschleppt worden seien. Russland berichtete ähnliche Zahlen, erklärte aber, dass die Menschen freiwillig nach Russland gereist seien.

Anfang April 2022 befinden sich nach ukrainischen Angaben etwa 160.000 Zivilisten in Mariupol, nachdem weitere Evakuierungsversuche scheiterten. Westliche Medien bezeichnen die humanitäre Situation dort als „verheerend“; die Menschen hätten kaum Zugang zu Wasser, Lebensmitteln und Strom. Fluchtwege, die die russische Armee hätte öffnen wollen, waren am 1. April nach Angaben der Stadtverwaltung noch geschlossen. In der Nacht zum 2. April 2022 konnten nach Angaben des ukrainischen Präsidenten 3.000 Menschen aus Mariupol flüchten bzw. gerettet werden, obwohl dort keine organisierten Fluchtkorridore bestünden. Humanitäre Korridore gebe es in drei Regionen: in Donezk, Luhansk und Saporischschja. Nach Angaben von Behördenvertretern und Geflohenen waren viele Menschen zunächst in die von der russischen Armee besetzte Stadt Berdiansk gelangt und dort von einem Konvoi abgeholt worden. Nachdem am 1. April eine von beiden Seiten genehmigte Evakuierung durch einen Konvoi des Roten Kreuzes mit 54 ukrainischen Bussen und Privatfahrzeugen scheiterte, wurde für den folgenden Tag erneut ein Konvoi geplant.

Für den 20. April 2022 wurde ein humanitärer Korridor für Frauen, Kinder und ältere Menschen vereinbart, die mittels einer Fahrzeugkolonne aus Mariupol über Berdjansk nach Saporischschja gebracht werden sollen. Medien berichteten tags darauf, dass 80 Zivilisten in einem kleinen Konvoi aus Mariupol herausgebracht worden. Nach Angaben des Bürgermeisters von Mariupol, Wadym Bojtschenko, harrten tags darauf noch immer mehr als 100.000 Menschen in Mariupol aus. Von ukrainischer Seite wurde verlautet, der Korridor habe „nicht so funktioniert wie geplant“. (Zum weiteren Verlauf siehe: Belagerung von Mariupol.)

Flüchtlingshilfe Die Ukrainische Staatsbahn, Ukrsalisnyzja / Укрзалізниця (UZ / УЗ), hat zu Beginn des Russisch-Ukrainischen Kriegs die Pflicht für Reisende, eine Fahrkarte zu besitzen, aufgehoben, um Flüchtlingen die Fahrt aus den Gefahrenzonen zu erleichtern. Diese Befreiung von der Fahrkartenpflicht wurde Ende März 2022 wieder aufgehoben.schr/kad/jst/ho/sbb/an: Ukraine-Krieg bringt neue Herausforderungen für die Eisenbahn. In: Eisenbahn-Revue International 5/2022, S. 237–243. Zahlreiche Eisenbahnen in Europa hatten Sonderregelungen getroffen, um den Flüchtenden die unentgeltliche Fahrt zu ermöglichenschr/bei: Ukraine-Krieg: Europäische Bahnen helfen Flüchtenden. In: Eisenbahn-Revue International 4/2002, S. 182–184.: Deutschland Deutsche Bahn (DB): Seit 1. März 2022 Sonderfahrkarte helpukraine zum Nutzen ihres gesamten Nah- und Fernverkehrs.Erhältlich in DB-Reisezentren und -Agenturen. Die Fahrkarte wird auch in Zügen nach Dänemark, Belgien. Frankreich (ICE, TGV, Thalys), Polen, Tschechien, Österreich, Luxemburg, in die Niederlande, die Schweiz und nach Italien über den Brenner anerkannt. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gab am 1. März 2022 alle öffentlichen Verkehrsmittel zur unentgeltlichen Nutzung frei. Österreich: Der öffentliche Verkehr wurde für die Inhaber eines ukrainischen Passes unentgeltlich freigegeben. Polen: Polnische Eisenbahn (PKP) Schweiz: Die Alliance Swisspass gab die Nutzung des öffentlichen Verkehrs für Inhaber eines ukrainischen Passes vom 21. März bis 31. Mai 2022 unentgeltlich frei. Slowakei: Slowakische Eisenbahn (ZSSK) Tschechien: Tschechische Eisenbahn (ČD)

Situation in einzelnen Ländern Europäische Union Ukrainer können durch das Assoziierungsabkommen von 2014 für 90 Tage ohne Visum in die EU einreisen. Allerdings benötigen sie einen biometrischen Pass. Dieser wurde jedoch erst 2015 in der Ukraine eingeführt, wodurch erst 19 der 44 Millionen Ukrainer solch einen besitzen. In der Praxis wird Ukrainern daher meist auch mit anderen Identifikationsdokumenten die Einreise gewährt.

Am 4. März 2022 aktivierte die Europäische Union erstmals den Mechanismus der Richtlinie für den Fall eines „Massenzustroms“. Dadurch erhalten alle geflüchteten Ukrainer nach einer entsprechenden Meldung vor Ort automatisch für drei Jahre einen Aufenthaltsstatus und eine Arbeitserlaubnis in der EU. Darüber hinaus wird ihnen damit der Zugang zu Sozialhilfe und medizinischer Versorgung, Bildung für Minderjährige und unter bestimmten Bedingungen außerdem die Möglichkeit zur Familienzusammenführung gewährt. Die EU-Kommission mobilisierte zudem 90 Millionen Euro an Hilfsgeldern für die Versorgung von Flüchtlingen. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson nannte dies eine „historische Entscheidung“.

Ende Februar bat die Europäische Kommission die Mitgliedstaaten außerdem, die Einreise mitreisender Heimtiere der Flüchtenden zu erleichtern.

Die Regelung zur Massenzustromlinie für alle Ukrainer wurde mehrfach um ein Jahr verlängert, zuletzt bis zum 7. März 2027. Auf Bitten der Ukraine hin einigte die EU sich Mitte Juli 2026 darauf, die Regelung danach nur noch mit eingeschränkter Wirkung weiter zu verlängern: Männer im wehrfähigen Alter sollen nicht mehr unter ihrem Schutz stehen, es sei denn, sie sind nachweislich durch die ukrainischen Behörden berechtigt, die Ukraine zu verlassen. Für andere Bevölkerungsgruppen aus der Ukraine soll der Schutz bis zum März 2028 verlängert werden. Die formelle Entscheidung hierzu steht noch aus und wird für den August erwartet.

Deutschland Laut Bundesinnenministerium sind (Stand November 2022) 1.027.789 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland registriert. Das sind 13 Prozent der rund 7,9 Millionen Menschen, die laut UNHCR-Schätzung vom 22. November seit dem 24. Februar aus der Ukraine ins Ausland geflüchtet sind.dpa: Raketenangriffe auf Dnipro – Ukrainisches Getreide für die Ärmsten (faz.net vom 27. November 2022)zum Vergleich: rund 119.000 in Frankreich, rund 173.000 in Italien und rund 154.000 in Spanien

Hilfe bei der Flucht mini|alt=Viele Menschen hinter einer Absperrung, auf der anderen Seite Helfer mit Westen und Megaphonen|Empfang von Flüchtlingen am Berliner Hauptbahnhof. Viele Berliner boten dort freiwillig einen Schlafplatz in ihrer Wohnung an.