Das Gastmahl des Nasidienus (cena Nasidieni) ist Gegenstand der Satire 2,8 des Horaz. Der Gastgeber ist Nasidienus Rufus, laut den Horazkommentaren der spätantiken Scholien ein realer, neureicher römischer Ritter, der aber nur aus dieser Satire bekannt ist und von manchen Interpreten deshalb für eine literarische Figur gehalten wird. Die Satire bildet den Abschluss des zweiten und letzten Buches von Horaz’ Satiren.

Das Gastmahl des Nasidienus

Die Satire des Horaz (Satiren bzw. sermones 2,8), veröffentlicht mit dem 2. Buch der Satiren um 30 v. Chr.,Susanne Sharland: Ghostly guests and venomous snakes: traces of civil war in Horace, “Satires” 2.8. In: Acta Classica. Band 54, 2011, S. 79–100 (PDF), hier S. 79, 87. handelt in Gedichtform von einem von Nasidienus Rufus ausgerichteten Festessen (cena), das in der altphilologischen Forschung auch mit dem stehenden Begriff „Gastmahl des Nasidienus“ (cena Nasidieni) bedacht wird.Vgl. etwa Sofia Foskolou: Eating With The Eyes: The Visual Appearance of Food in Horace’s cena Nasidieni (Satire II.8) and Juvenal’s cena Virronis (Satire 5). In: Sapiens ubique civis. Band 4, 2023, S. 183–200 (Digitalisat); Joseph F. O’Connor: “Cena Nasidieni” and Poetry’s Feast. In: The Classical Journal. Band 86, 1990, S. 23–34; Julius Helmbold: Das Gastmahl des Nasidienus (Horaz Sat. II 8). Erklärung, Übersetzung, Abhandlung über Zweck und Abfassungszeit. Münch, Mülhausen i. E. 1888 (Digitalisat). Der Komödiendichter Gaius Fundanius, der selbst an dem Essen teilgenommen hat, berichtet darin seinem Freund Horaz von dem Festmahl, das Nasidienus einen Tag vorher für Gaius Maecenas und dessen Freunde (amici, in diesem Fall Klienten des Maecenas) ausgerichtet hatte. Anwesend waren Nasidienus, Maecenas, die Dichter Fundanius, Lucius Varius Rufus und Viscus Thurinus, Lucius Cassius Nomentanus und Porcius, Freunde des Nasidienus, sowie Maecenas’ Witzemacher (scurrae) und Schmarotzer (parasiti) Vibidius und Servilius Balatro.

Nasidienus ließ erlesenste Speisen auftischen und erklärte seinen Gästen die Feinheiten dieser und jener Mahlzeit, was von diesen als arg belehrende, langweilige Prahlerei aufgenommen wurde. Die Gäste begannen auf das Signal des Vibidius hin, sich gehörig zu betrinken, während der Gastgeber weiter dozierte. Mitten in seine Erklärungen und sein Essen hinein fiel jedoch der über den Gästen aufgespannte Vorhang (aulaea) und wirbelte eine schwarze Staubwolke auf, woraufhin der Gastgeber, da sein so sehr durchgeplantes Essen nicht komplett beeindruckend gelaufen war, derart in Tränen ausgebrochen sein soll, als wäre sein ältester Sohn verstorben. Der Gast Balatro indes tröstete Nasidienus mit Hintersinn, indem er ihm erklärte, dass bei allem Aufwand sich ohnehin erst der Kern eines Menschen zeige, wenn er mit einem Missgeschick trotz aller anderen Planungen umgehen muss. Daraufhin bedankte sich Rufus sichtlich bewegt. Anschließend verlangte Vibidius nach mehr Wein; Balatro unterhielt die Gäste mit seinen Reden. Doch auch als das Essen fortgesetzt wurde, konnte Rufus nicht anders, als prahlerisch jeden weiteren Gang mit seinen Worten zu beschreiben, woraufhin die Gäste das weitere Essen boykottieren, als hätte die Hexe Canidia es angehaucht.

Deutungen des Gedichts

Die Satire der cena Nasidieni galt lange Zeit als eher schwaches oder jedenfalls recht einfaches Gedicht und es schien somit unverständlich, dass Horaz es an die letzte Stelle seiner Satiren setzte. In den letzten Jahrzehnten hat es jedoch verstärkte Aufmerksamkeit in der altphilologischen Forschung erfahren. Dabei stellten etwa Kirk Freudenburg und Susanne Sharland einen düsteren Unterton unter der anscheinend heiteren Oberfläche fest, der sich unter anderem in dem aufgewirbelten schwarzen Staub, der Bezeichnung der scurrae als umbrae (Schatten) sowie in der Präsenz der Hexe Canidia zeige.Kirk Freudenburg: Canidia at the Feast of Nasidienus (Hor. S. 2.8.95). In: Transactions of the American Philological Association. Band 125, 1995, S. 207–219; Susanne Sharland: Ghostly guests and venomous snakes: traces of civil war in Horace, “Satires” 2.8. In: Acta Classica. Band 54, 2011, S. 79–100 (PDF).

Dabei muss Nasidienus Rufus nicht unbedingt eine reale Person zur Entstehungszeit des Gedichts sein. Bereits früh wurde die Theorie geäußert, dass er eine verdeckte Anspielung bzw. Parodie auf den namensähnlichen Quintus Salvidienus Rufus sein könnte, einen frühen Verbündeten und Freund Oktavians, der diesen jedoch zuletzt verriet und deshalb 40 v. Chr. hingerichtet wurde. Da Horaz in den Kreisen Oktavians, des späteren Kaisers Augustus, verkehrte, könnte die Anspielung hier gut wahrgenommen worden sein.Susanne Sharland: Ghostly guests and venomous snakes: traces of civil war in Horace, “Satires” 2.8. In: Acta Classica. Band 54, 2011, S. 79–100 (PDF), hier S. 88–90.

Ilaria Marchesi fühlte sich sogar an das berühmte Festessen erinnert, bei dem Simonides, der Erfinder der Mnemotechnik, nur knapp dem Tod entrann, als alle anderen Teilnehmer unter einer einstürzenden Decke zerstampft wurden.Ilaria Marchesi: In Memory of Simonides: Poetry and Mnemotechnics chez Nasidienus. In: Transactions of the American Philological Association. Band 135, Nr. 2, 2005, S. 393–402 (doi:10.1353/apa.2005.0021).

Von der cena Nasidieni beeinflusst ist das heute ungleich bekanntere Gastmahl des Trimalchio, eine Episode aus dem Satyricon des Petronius (1. Jahrhundert n. Chr.).Susanne Sharland: Ghostly guests and venomous snakes: traces of civil war in Horace, “Satires” 2.8. In: Acta Classica. Band 54, 2011, S. 79–100 (PDF), hier S. 84: „widely recognised as owing much to Horace, Satire 2.8“.

Geschlecht der Nasidieni

Der Gentilname Nasidienus ist überaus selten. Abgesehen von der Horaz-Satire ist er nur noch einmal aus einer Inschrift aus dem antiken Köln für einen Legaten der Legio XIII Gemina bekannt.

Literatur

Zur Person des Gastgebers

Ervin Roos: Die Person des Nasidienus bei Horatius. In: Humanistiska vetenskappssamfundet i Lund: Scripta minora. Nr. 3, 1958/1959.

Altphilologisches zu Horaz 2,8 Robert J. Baker: Maecenas and Horace “Satires II.8”. In: The Classical Journal. Band 83, 1988, S. 212–232. Ruth Rothaus Caston: The Fall of the Curtain (Horace S. 2.8). In: Transactions of the American Philological Association. Band 127, 1997, S. 233–256. Kirk Freudenburg: Canidia at the Feast of Nasidienus (Hor. S. 2.8.95). In: Transactions of the American Philological Association. Band 125, 1995, S. 207–219. D. Lowe: Burnt offerings and Harpies at Nasidienus’ dinner-party (Horace, Satires 2.8). In: C. Deroux (Hrsg.): Studies in Latin Literature and Roman History XV. Brüssel 2010 (Collection Latomus), S. 240–257. Frances Muecke: Horace: Satires II. Warminster 1997. Joseph F. O’Connor: “Cena Nasidieni” and Poetry’s Feast. In: The Classical Journal. Band 86, 1990, S. 23–34. Ellen Oliensis: Ut arte emendaturus fortunam: Horace, Nasidienus, and the Art of Satire. In: Thomas Habinek, A. Schiesaro (Hrsg.): The Roman Cultural Revolution. Cambridge 1997, S. 90–104. Ellen Oliensis: Horace and the Rhetoric of Authority. Cambridge University Press, Cambridge 1998, S. 57–62 Susanne Sharland: Ghostly guests and venomous snakes: traces of civil war in Horace, “Satires” 2.8. In: Acta Classica. Band 54, 2011, S. 79–100 (PDF).

Weblinks

Horaz, Satire 2,8 auf The Latin Library (Latein) Englische Übersetzung von John Conington, 1874

Anmerkungen

Kategorie:Horaz Kategorie:Satire Kategorie:Gedicht Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (1. Jahrhundert v. Chr.) Kategorie:Literatur (Latein) Kategorie:Literarisches Werk der Antike Kategorie:Essen und Trinken (Literatur) Kategorie:Essen und Trinken (Römisches Reich)