mini|Selbstportrait von Dea Trier Mørch (Linolschnitt um 1976) Dea Trier Mørch (* 9. Dezember 1941 in Kopenhagen; † 26. Mai 2001 ebenda) war eine dänische Grafik-Künstlerin und Schriftstellerin. Zugleich war sie eine Ikone der dänischen Frauenbewegung. Sie wurde 1976 mit dem Roman “Vinterbørn” (Winterkinder) international berühmt. Ihre vielfältigen und z. T. großformatigen grafischen Arbeiten (Plakate, Flugblätter und auch Buchillustrationen) konnte sie seit den späten 1970er Jahren in zahlreichen Ausstellungen mit großem Erfolg präsentieren. 2010 wurde ihr in Dänemark eine Briefmarke in der Serie Berühmte Dänen gewidmet.
Biografie Dea Trier Mørch wurde als Tochter der Architektin Elisabeth [Ibi] Trier Mørch (1910–1980) und dem ministeriellen Referatsleiter Florian Martensen-Larsen (1911–1998), Ritter des Dannebrogordens geboren. Den Vornamen bekam sie nach ihrer Tante mütterlicherseits Inger Dorthea (Dea) Trier Mørch (1918–2008). Dea hatte einen drei Jahre jüngeren Bruder Andreas (1944–2021).Andreas Trier Mørch, Architekt, Fotograf und Schriftsteller. Lebte in Kopenhagen. Ihre Schulzeit verbrachte sie bis zur 10. Klasse im Sortedam Gymnasium (heute Sortedamskolen) in Kopenhagen.Das Sortedam Gymnasium am Sortedam-See gelegen war Kopenhagens erste Schule mit Koedukation in allen Klassenstufen. Die Klassen sollten klein bleiben, der Unterricht in einer geborgenen und freien Schulatmosphäre stattfinden. Die Schüler kamen aus der ganzen Stadt und der Umgebung von Kopenhagen.Sortedam Gymnasium. In: Den Store Danske. Bereits mit 16 Jahren verließ sie die Schule und begann 1958 ein Studium der Malerei an der Kunstakademie Kopenhagen und schloss es 1964 ab. Bereits 1962 konnte sie in zwei Ausstellungen, sowohl in der Kunstakademie als auch im Schloss Charlottenborg, eigene Werke präsentieren. 1964 schuf sie die Dekoration für die Revue Gud bevare Danmark (Gott bewahre Dänemark).„Gud bevare Danmark“ sind die Schlussworte der jährlichen Neujahrsansprache der dänischen Königin Margrethe II. wie auch vor ihr ihres Vaters, König Frederik IX. Und 1967 kreierte sie das Bühnenbild für die Revue 1. Fiedel.Dea Trier Mørch. In: Danske Film (dänisch).
mini|Grabplatte von Dea Trier Mørch auf dem Friedhof von Holmen in Kopenhagen Bis 1967 setzte sie ihre Ausbildung an den Kunstakademien Warschau, Krakau, Belgrad, Leningrad und Prag fort. Reisen führten sie nach Polen und in weitere Länder des Ostblocks, später auch nach Amerika. Ihr erstes Buch, Sorgmunter Socialisme. Sovjetiske Raderinger (1968) (Sorgenfreier Sozialismus. Sowjetische Radierungen), illustriert mit ihren eigenen Arbeiten, gibt einen Überblick über ihre Reisen in der Sowjetunion. Ihre Begeisterung für die UdSSR und ihr Aufenthalt dort führten aber nicht dazu, dass sie stilistisch zum sowjetischen Sozialrealismus konvertierte. Für Dea Trier Mørch war „Sozialrealismus“ ein Ausdruck, von dem sie nicht zögerte, ihn „sentimental und schmutzig und unerträglich“ zu nennen. Das Ideal einer sozialistischen Kunst, einer proletarischen Kunst bewahrte sie sich trotz ihres deprimierenden Eindrucks von Kunst in der Sowjetunion.Rune Gade: Dea Trier Mørch beviser, at æstetisk raffinement og politiske intentioner kan følges ad (Dea Trier Mørch beweist, dass ästhetisches Raffinement und politische Intentionen sich vereinbaren lassen). In: „information“, Kopenhagen, 22. Januar 2019 (dänisch).
Über ihre künstlerische Entwicklung und ihren Stil erzählte sie in einem Interview mit der dänischen Zeitung „information“, dass sie gestoppt worden war, abstrakt zu malen, obwohl ihr Professor an der Kunstakademie – Egill Jacobsen – in den Jahren zwischen 1940 und 1950 einer der wichtigsten Verfechter abstrakter Malerei gewesen war. „Ich denke, alle Künstler haben die Verpflichtung, Zeugen der Zeit zu sein, in der sie leben und ihr Zeugnis an die Menschen weiterzugeben, die es vielleicht schwer gehabt haben zu sehen und zu hören, was in der Welt passiert ist und wie die Welt ist“, erklärte Dea Trier Mørch 1968. Damit begründete sie den plakativen, am Realismus orientierten Stil ihrer grafischen Arbeiten.
Sie wurde Mitglied der Dänischen Kommunistischen Partei und war für ein paar Jahre Mitglied des zentralen Kulturausschusses. 1982 publizierte die Zeitung „Information“ ihren Essay Kunst und Kommunismus, in dem sie u. a. erklärte: „Der Parolenstil vom Ende der 60er bis hin zur Mitte der 70er ist nicht länger brauchbar. […] Die Kommunisten in Westeuropa müssen von der Auffassung wegkommen, dass ein sogenannter Dissident nicht gleich auch ein Feind des Sozialismus ist. […] Ich bin der Meinung, dass die DKP […] sich darauf festlegen sollte, dass solche Mittel wie Deportation, Zwangseinlieferung in eine Klinik oder Ausbürgerung nicht akzeptierbar sind.“ Der Essay erschien am 29. März und am nächsten Tag – dem 30. März – trat Mørch aus der Partei aus. Sie verließ die Partei zusammen mit einer Reihe anderer prominenter Kulturpersönlichkeiten aus Protest gegen die Kulturpolitik der Partei.Dea Trier Mørchs DKP-Mitgliedschaft. In: Leksikon.org (dänisch).
Seit 1968 gehörte sie zum Gründerkreis des sozialistisch orientierten Künstlerkollektivs Røde Mor (Rote Mutter), das sich 1969 etablierte. Seit den frühen 1970er Jahren lebte sie mit Troels Trier, einem der führenden Köpfe von Røde Mor, zusammen und heiratete ihn am 1. April 1977. Mit ihm hatte sie drei Kinder, von denen der Sohn Tobias Trier (* 13. Februar 1973) als Musiker bekannt ist und die jüngste Tochter Sara Trier (* 9. Januar 1975) als Schriftstellerin mehrere Bücher veröffentlicht hat.Dea Trier Mørch. In: Nordic Women's Literature (englisch). Die Ehe wurde bereits 1979 geschieden.
In den 1980er Jahren reiste sie zuerst nach Nordamerika, in die USA, dann nach Südamerika, dort insbesondere nach Chile und Kolumbien, wo sie sich an Wandmalerei-Projekten beteiligte. Diese Projekte setzte sie Anfang 1991 in Kuba und im Sommer desselben Jahres in Spanien fort.
Dea Trier Mørch starb an einer Krebserkrankung. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof von Holmen in Kopenhagen.Holmen ist eine ehemalige Marinebasis und liegt als künstliche Inselkette an der Nordspitze der Insel Amager in Kopenhagen. Der Friedhof liegt in „Den Indre By“ (Die Innere Stadt) von Kopenhagen in der Nähe des Botanischen Gartens und von Schloss Rosenborg.
Das literarische Werk mini|Umschlag des Romans Winterkinder von Dea Trier Mørch mit ihrem Linolschnitt. Der Umschlag der dänischen Ausgabe ist bis auf die Aufschriften identisch. mini|Umschlag des Romans Innenstadt vom Dea Trier Mørch mit ihrem Linolschnitt (deutsche Ausgabe von 1982). Dea Trier Mørch erste Veröffentlichung erschien 1968 und war ein Reisebericht über die Sowjetunion. 1970 folgte ein Reisebericht über Polen. Ihr erster Roman, Vinterbørn, erschien 1976 (deutsch 1979). Darin stellt sie eine Gruppe von Frauen vor, die sich um die Jahreswende 1974/75 in einer Kopenhagener Geburtsklinik befinden. Die Empfindungen der Mütter während dieser Zeit und der Vorgang der Geburt werden ebenso geschildert wie das Leben der Frauen außerhalb der Klinik nach der Entlassung. Das Buch beruht auf ihren Erfahrungen mit den Geburten ihrer drei Kinder in Kopenhagens Reichshospital. „Es ist allerdings nicht so sehr die Erfahrung der Einzelnen, die im Buch behandelt wird, sondern das soziale System. Die Ernährende und das Neugeborene werden in den Roman eingebunden. Der Roman und die [von Mørch geschaffenen] Illustrationen zeigen in all ihrer Prunklosigkeit, dass der Einzelne nur ein Glied der Gemeinschaft ist.“ Das Buch erzielte große Aufmerksamkeit und wurde in 22 Sprachen übersetzt. Der Erfolg des Buches muss allerdings auch vor dem Hintergrund der Frauen(rechts)bewegung seit den frühen 1960er Jahren gesehen werden. 1979 wurde das Buch von Astrid Henning-Jensen preisgekrönt (Silberner Bär in Berlin) verfilmt. In diesem und den folgenden Romanen tritt Mørchs radikale politische Haltung in Form von Solidarität mit anderen Frauen und dem Glauben an das Vorrecht des Kollektivs vor dem Recht des Individuums deutlich hervor. In ihren späten Büchern wurde sie im Ausdruck weniger dogmatisch, hielt aber ihren Fokus weiterhin auch auf die Allgemeinheit gerichtet und auf den Kampf für ein sinnvolles Leben.
Während das Buch über die Sowjetunion von der Zerbrechlichkeit des Individuums vor dem Hintergrund des großen Landes erzählte, handelt ein großer Teil ihrer Romane von der sozialen Gemeinschaft, in der eine in ihren Augen notwendige Solidarität zum Ausdruck kommt und die für sie zugleich ein Bollwerk gegen die Isolation des Einzelnen in der Gesellschaft darstellt. Sie erzählt von menschlichen Grundbedürfnissen, oft am Rande der Existenz. So auch in der Bildergeschichte En Trekant (Ein Dreieck) von 1977, in der sie sich mit einem jungen Paar beschäftigt, das in einer Zweizimmerwohnung lebt und wegen seines einjährigen Sohnes keine Zeit füreinander findet.
Zu Themenfindung und Arbeitsweise sagt Dea Trier Mørch im Klappentext des dänischen Originals von Die Morgengabe von 1984:
Im Roman Kastanienalleen (Kastanienallee) von 1978 (deutsch 1985), dessen Hintergrund und Inspiration die Kindheit der Verfasserin ist, wird das Beisammensein mit den Großeltern als dem beruhigenden Gegenpol zum unsicheren Familienverhältnis von drei Kindern beschrieben. Den indre by (1980; Innenstadt, deutsch 1982), ihr nächster Roman, erzählt von dem keineswegs einfachen Verhältnis zwischen der Arbeit einer Frau, ihrem Familienleben und ihrem politischen Engagement in der Kommunistischen Partei. Die Moral des Romans steht in Übereinstimmung mit Dea Trier Mørchs politischer Haltung: dass die Solidarität und Zusammengehörigkeit in der politischen Arbeit auch Ressourcen schafft, um sich mit dem zersplitterten Leben versöhnen zu können. In Aftenstjernen (1982; Abendstern, deutsch 1985) hingegen werden die Fürsorge eines Mannes für seine krebskranke, sterbende Mutter geschildert und der gewaltige Einschnitt in das Familienleben, den Krankheit und Tod mit sich bringen. In der Liebesgeschichte Morgengaven (1984; Die Morgengabe, deutsch 1985) behandelt Dea Trier Mørch das Verhältnis zweier Menschen zwischen den Herausforderungen in ihrem Künstlerleben und deren Auswirkungen auf ihr Liebesleben.Dea Trier Mørch. In: Dansk Kvindebiografisk Leksikon (dänisch).
Nach ihrer USA-Reise, etwa 1984, schrieb sie ihr nächstes Reisebuch Da jeg opdagede Amerika (Als ich Amerika entdeckte), das 1986 auf den Markt kam. Es ist eine sowohl kritische als auch faszinierende Erzählung über ein Land, das in den 1970er Jahren das Feindbild der politischen Linken in Dänemark abgegeben hatte. In den USA hatte sich Mørk am heimischsten in Harlem gefühlt, wo sie sich an Martin Luther Kings Kampf für die Rechte der Schwarzen erinnerte.