mini|Byzantinisches Mosaik aus Karthago mini|Das sogenannte Solomonstor,Susan Raven: Rome in Africa. 3. Auflage. Routledge, London u. a. 1993, ISBN 0-415-08150-5, S. 215. das Haupttor des byzantinischen ThevesteAusführlich zur Beschaffenheit des Haupttores Denys Pringle: The Defence of Byzantine Africa from Justinian to the Arab Conquest. British Archaeological Reports, Oxford 1981, ISBN 0-86054-119-3 (Nachdruck 2001), S. 241.

Die byzantinische Herrschaft im Maghreb war eine Epoche der Geschichte Nordwestafrikas, die rund 175 Jahre umfasste. Sie begann in den Jahren 533/534 mit der Rückeroberung ehemals zum Weströmischen Reich gehörenden Territoriums durch das oströmisch-byzantinische Reich unter Justinian I. und fand ihr Ende während der Herrschaftszeiten von Justinian II. durch die Eroberung Karthagos (698) und der letzten byzantinischen Außenposten, vor allem von Septem (708/711), im Verlauf der islamischen Expansion.Der Zeitpunkt der Eroberung des letzten byzantinischen Außenpostens durch die Araber ist nicht geklärt, vgl. statt vieler nur Walter Kaegi: The Islamic conquest and the defense of Byzantine Africa. In: Susan T. Stevens, Jonathan P. Conant (Hrsg.): North Africa under Byzantium and Early Islam. Dumbarton Oaks Research Library & Collection, Washington (D. C.) 2016, ISBN 978-0-88402-408-8, S. 65–86, vor allem S. 70–71, der auf das Jahr 711 abstellt;andererseits Susan Raven: Rome in Africa. 3. Auflage. Routledge, London u. a. 1993, ISBN 0-415-08150-5, S. 229, die von einer Eroberung spricht und darauf hinweist, dass hierzu ausschließlich arabische und westgotische Quellen existieren. Dies deckt sich mit Walter E. Kaegi: Muslim Expansion and Byzantine Collapse in North Africa. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-1-107-63680-4, der auf S. 155 ausführt, dass Ceuta 641 letztmals in byzantinischen Quellen erwähnt wird.

Die Region war zunächst gemäß den typischen, seit 300 Jahren bestehenden spätrömischen Verwaltungsstrukturen gegliedert. Es befanden sich also zivile Befugnisse in der Hand eines Prätorianerpräfekten, dem Oberhaupt der obersten zivilen Verwaltungsbehörde im spätantiken Römerreich. Die militärischen Befugnisse oblagen hingegen einem magister militum per Africam. Diese Befugnisse wurden spätestens ab 591 gebündelt und das oströmische Nordafrika wurde Kernland eines von zwei Exarchaten, mit deren Gründung der oströmische Kaiser Maurikios (582–602) durch Bündelung und Dezentralisierung den Folgen einer imperialen Überdehnung entgegenwirken konnte. Eine weitere Veränderung dieser Verwaltungsstrukturen erfolgte bis zum Ende der byzantinischen Herrschaft nicht.

Die Rückeroberung dieser Region war von größter strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung und von allen Eroberungen im Westen am nachhaltigsten. Denn während sich in Teilen des oströmischen Italiens ab 568 das Langobardenreich etablierte und die oströmische Herrschaft in Südspanien Anfang des 7. Jahrhunderts zu Ende ging, blieben die im Maghreb zurückeroberten Gebiete bis zur Islamischen Expansion vollumfänglich in oströmischer HandVgl. etwa Franz Georg Maier: Grundlagen und Anfänge der byzantinischen Geschichte: Das Zeitalter des Justinian und Heraklios. In: Franz Georg Maier (Hrsg.): Byzanz. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1973, S. 46–89, hier S. 75. und wurden möglicherweise sogar noch erweitert.So etwa Francisco Aguado Blázquez: El África bizantina: reconquista y ocaso. S. 47. Damit war die Region der bedeutsamste Eckpfeiler oströmischer bzw. byzantinischerDie Bezeichnung hat sich wie folgt durchgesetzt: „oströmisch“ für die Zeit bis 600 n. Chr. und „byzantinisch“ für die Zeit danach. Macht im Westen.

Ausgangslage

Die schnelle Etablierung der oströmischen Herrschaft im heutigen Maghreb war die Folge des sich immer stärker herausbildenden politischen Vakuums in den afrikanischen Provinzen des ehemaligen Westreiches und des germanischen Nachfolgestaates der Vandalen, welches vor allem durch die Auflösung regionaler Macht- und Verwaltungsstrukturen geprägt war.

Das ehemals weströmische Nordafrika im ausgehenden 5. und beginnenden 6. Jahrhundert mini|hochkant=1.4|Die administrative Gliederung des Imperium Romanum nach 395 Mit der Reichsteilung von 395 wurden alle römischen Gebiete in Afrika westlich der Großen Syrte Teil des weströmischen Reiches. Im Einzelnen waren es die in der Dioecesis Africae zusammengefassten Provinzen Tripolitanien, Byzacena, Zeugitana (auch Proconsularis provincia oder Africa proconsularis genannt), Numidia, Mauretania Sitifensis und Mauretania Caesariensis sowie (als Teil der Dioecesis Hispaniae) Mauretania Tingitana. Diese Provinzen konnten zumindest in Teilen als das Herzstück des westlichen Reiches angesehen werden, da sie Italien mit Getreide versorgten und einen großen Teil der Steuereinkünfte des Westreiches erwirtschafteten. Ab 429 wurden sie durch das Übersetzen der Vandalen bei Septem von den politischen Wirren der Völkerwanderung erfasst. Spätestens nach der Ermordung des Kaisers Valentinian III. 455 stand keine Region in Afrika mehr unter weströmischer Herrschaft.

Das Vandalenreich mini|Das durch Sezessionen und Angriffe der Berber geschwächte Vandalenreich wenige Jahre vor der oströmischen Eroberung In Teilen des weströmischen Nordafrika hatte sich 439 mit der Eroberung Karthagos durch die Vandalen unter ihrem König Geiserich ein de facto unabhängiges, von überwiegend germanischen Kriegern beherrschtes Reich etabliert, welches mit seiner schlagkräftigen Flotte den westlichen Mittelmeerraum beherrschte und neben Korsika und Sardinien die Balearen und die Westspitze Siziliens unter seine Kontrolle bringen konnte.Zum Vandalenreich siehe Helmut Castritius: Die Vandalen. Etappen einer Spurensuche. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2007, ISBN 978-3-17-018870-9; Andy Merrills, Richard Miles: The Vandals. Wiley-Blackwell, Oxford/Malden (MA) 2010, ISBN 978-1-4051-6068-1; Roland Steinacher: Die Vandalen. Aufstieg und Fall eines Barbarenreichs. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-608-94851-6; Konrad Vössing: Das Königreich der Vandalen. Geiserichs Herrschaft und das Imperium Romanum. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8053-4761-7. Dies war überaus folgenreich für Westrom, da Africa eine reiche und stark urbanisierte Provinz war; neben der Olivenproduktion war vor allem die Funktion der Provinz als Kornkammer Westroms, speziell Italiens, von zentraler Bedeutung.Zusammenfassend Ralf Bockmann: Africa. In: The Oxford Dictionary of Late Antiquity. Band 1. Oxford University Press, Oxford 2018, ISBN 978-0-19-881624-9, S. 29–31, hier S. 29.

441 scheiterte ein oströmischer Versuch, die Flotte der Vandalen zu schlagen und deren Herrschaft zu beseitigen. Vielmehr musste das weströmische Reich 442 in einem Vertrag die vandalische Herrschaft östlich von Numidien anerkennen.Jonathan Conant: Staying Roman. Conquest and Identity in Africa and the Mediterranean, 439–700. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2012, ISBN 978-0-521-19697-0, S. 275. Das Königreich der Vandalen wurde 468 Ziel einer erneuten, diesmal großangelegten gemeinsamen Unternehmung des Westreiches unter Anthemius und des Oströmischen Reiches unter Leo I. Dieser Vandalenfeldzug scheiterte jedoch katastrophal, vor allem weil es dem Vandalenkönig Geiserich gelang, die große (gesamt-)römische Flotte in Brand zu setzen. Nach vandalischen Plünderungsfahrten entlang der Küste des oströmischen Illyricums (und möglicherweise dem Scheitern eines weiteren, kleineren römischen Feldzugs im Jahr 470) garantierte der oströmische Kaiser Zenon der Familie Geiserichs 475 in einem Vertrag (foedus) den Besitz der Provinz Africa und der Inseln; anschließend gab es jahrzehntelang keine Auseinandersetzungen mehr zwischen dem Vandalenreich und dem oströmischen Reich.Averil Cameron: Vandal and Byzantine Africa. In: Averil Cameron, Bryan Ward-Perkins, Michael Whitby (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Band 14: Late Antiquity. Empire and Successors. AD 425–600. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-32591-9, S. 553.

In den 94 Jahren seiner Existenz war das Reich der Vandalen durch dynastische Auseinandersetzungen um die Herrschaft geprägt sowie vor allem durch den Gegensatz zwischen der nizänischen römischen Bevölkerung und den zwar romanisierten, aber der arianischen Glaubensrichtung des Christentums anhängenden Vandalen. Zudem hatten diese erhebliche Schwierigkeiten, die Landesgrenzen gegen die Berber zu verteidigen beziehungsweise die unter vandalischer Herrschaft stehenden Berber unter Kontrolle zu halten,Denys Pringle: The Defence of Byzantine Africa from Justinian to the Arab Conquest. British Archaeological Reports, Oxford 1981, ISBN 0-86054-119-3 (Nachdruck 2001), S. 97. was Großgrundbesitzer und auch Kleinbauern dazu veranlasste, ihre Höfe zu befestigen.Vgl. Averil Cameron: Vandal and Byzantine Africa. In: Averil Cameron, Bryan Ward-Perkins, Michael Whitby (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Band 14: Late Antiquity. Empire and Successors. AD 425–600. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-32591-9, S. 556. Entgegen älterer Auffassung war die Zeit des Vandalenreiches jedoch keine Ära des schwerwiegenden wirtschaftlichen Niedergangs, vielmehr blieben die Handelsbeziehungen bestehen,Averil Cameron: Vandal and Byzantine Africa. In: Averil Cameron, Bryan Ward-Perkins, Michael Whitby (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Band 14: Late Antiquity. Empire and Successors. AD 425–600. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-32591-9, S. 552. wenngleich wohl durch die Eigenstaatlichkeit des Vandalenreiches und dessen aggressive Außenpolitik vor allem unter Geiserich eingeschränkt.Averil Cameron: Vandal and Byzantine Africa. In: Averil Cameron, Bryan Ward-Perkins, Michael Whitby (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Band 14: Late Antiquity. Empire and Successors. AD 425–600. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-32591-9, S. 557.

Die römisch-berberischen Gebiete Numidien und die Provinzen des antiken Mauretanien verblieben nach 439 zunächst unter weströmischer Herrschaft.Jonathan Conant: Staying Roman. Conquest and Identity in Africa and the Mediterranean, 439–700. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2012, ISBN 978-0-521-19697-0, S. 284. Hierbei billigte der weströmische Kaiser die Aushebung von Privatarmeen durch Großgrundbesitzer, weil er sich so Angriffe auf vandalisches Gebiet erhoffte.Jonathan Conant: Staying Roman. Conquest and Identity in Africa and the Mediterranean, 439–700. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2012, ISBN 978-0-521-19697-0, S. 275. Die so geforderte Entwicklung der Großgrundbesitzer zu Warlords begünstigte nach der Ermordung des weströmischen Kaisers Valentinian III. den Zerfall dieser Provinzen in diverse Kleinreiche, die in der Öffentlichkeit des übrigen Mittelmeerraumes und insbesondere in der Region um Karthago als berberisch wahrgenommen wurden.Jonathan Conant: Staying Roman. Conquest and Identity in Africa and the Mediterranean, 439–700. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2012, ISBN 978-0-521-19697-0, S. 252. Numidien und die küstennahen Gebiete der mauretanischen Provinzen wurden unmittelbar danach von den Vandalen erobert, lösten sich aber nach dem Tod des Vandalenkönigs Hunerich ab 484 teilweise wieder aus den Staatsverband des vandalischen Reiches. In den mauretanischen Provinzen hielten sich römisch-berberische Gebiete durchgängig, vor allem ein Regnum Maurorum et Romanorum mit Hauptstadt Altava, dessen Bedeutung bis in die 570er Jahre weiter zunahm.