mini|hochkant|Michael John (2022)
Michael John (* 1954 in Linz, Oberösterreich) ist ein österreichischer Historiker und Ausstellungskurator.
Werdegang und Wirken John studierte nach Matura am Akademischen Gymnasium Linz (1971) von 1972 bis 1980 Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Wien, wo er sich im Laufe des Studiums der Wirtschafts− und Sozialgeschichte zuwandte und 1980 mit einer Arbeit über Wohnverhältnisse der Unterschichten in Wien um 1900 promovierte.
Anschließend arbeitete er zunächst (1981–1983) als Sozialarbeiter in Jugendzentren der Stadt Wien.
Seine wissenschaftliche Laufbahn begann 1984 als Vertragsassistent am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien (Projekt „Schmelztiegel Wien“), bis er 1985 an das Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz (Leitung damals Gustav Otruba bzw. ab 1985 interimistisch Rudolf Kropf) wechselte. Hier wirkte er zuerst als Vertragsassistent, ab 1993 als Universitätsassistent, und nach der Habilitation ab 2001 als außerordentlicher Universitätsprofessor. Er war dort 2015 bis 2018 Institutsvorstand sowie 2008 bis 2015 und ab 2018 bis zu seinem Ruhestand 2019 stellvertretender Institutsvorstand des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Kepler Universität Linz.
John war 2011–2019 auch dem Institut für Kulturwirtschaft und Kulturforschung (KUWI) der Kepler Universität Linz zweitzugeordnetPersonenseite John am Institut für Kulturwirtschaft der JKU, abgerufen am 6. Februar 2022., das er in dieser Zeit auch als Institutsvorstand leitete.
Er erhielt 2001 den Stiftungspreis der Stiftung „Pro Civitate Austriae“Infos zum Stiftungspreis der „Pro Civitate Austriae“, abgerufen am 25. Februar 2022. und 2002 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Geisteswissenschaft.
Er war auch Gastprofessor an der Universität Salzburg (1992) und übte Lehrtätigkeiten an der Central European University Budapest (1995), der Slowenischen Akademie der Wissenschaften Ljubljana (2001), und an der Universität Nova Gorica (School of Humanities, Cultural Studies) (2004) aus.Personenseite John Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der JKU, abgerufen am 6. Februar 2022.
Mitgliedschaft in Historikerkommissionen John war bzw. ist in folgenden öffentlichen Historikerkommissionen Mitglied und wurde dort begutachtend und/oder forschend tätig: 2018 bis heute: Heimopfer-Rentenkommission der österr. VolksanwaltschaftInfos zur Heimopferrente Österreich und zu Mitgliedern der Kommission, abgerufen am 13. Februar 2022.; 2017–2019: Untersuchungskommission zu Gründen und Bedingungen von Gewalt in Einrichtungen der Caritas Österreich der Diözese Linz; der Auftrag lautete: Klärung von Vorwürfen der physischen, psychischen und sexuellen Gewalt in den Jugendwohnheimen der Caritas OÖ. (Jugendwohnheim Steyr-Gleink, Schülerheim Windischgarsten, Kinderdorf St. Isidor (Leonding))Forschungsbericht, abgerufen am 20. Februar 2022. 2011–2013 Untersuchungskommission Wilhelminenberg, abgerufen am 13. Februar 2022.; der Auftrag der Stadt Wien lautete, jene Vorwürfe zu untersuchen, wonach es im Heim am Wilhelminenberg in Wien von 1948 bis zur Schließung 1977 zu organisierter Vergewaltigung und Kinderprostitution sowie anderen Formen schwerer physischer und psychischer Gewalt gekommen sein konnte; 2001–2014: Historikerkommission der VÖEST; der Auftrag lautete, Zwangsarbeit in den „Reichswerken Hermann Göring“ und deren Standorten in der/den „Ostmark“ 1938–1945 zu erfassen und zu dokumentieren; 1998–2013: Kommission für Provenienzforschung beim öst. Bundesministerium für Kunst; deren Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, die österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen hinsichtlich Objekten zu erforschen, die als Folge von NS-verfolgungsbedingten Entziehungen in das Eigentum der Republik Österreich gelangten. 1998–2003 Historikerkommission der Republik Österreich zu Fragen von „Arisierung“ und Vermögensentzug sowie Entschädigung und Rückstellung (Restitution) (siehe den Schlussbericht der Kommission, 2003, PDF);
Forschungsschwerpunkte John hat in seinen Forschungen als Historiker eine Reihe von Schwerpunkten wissenschaftlich bearbeitet und diese auch mit besonderem Engagement im Bereich einer sogenannten „angewandten Geschichte“ (vor allem durch Ausstellungsgestaltungen) zu vermitteln versucht. Folgende Forschungsthemen wurden durch ihn im Laufe seiner wissenschaftlichen Laufbahn bearbeitet und vertieft:
Städtische Wirtschafts- und Sozialgeschichte Hier beschäftigte sich John u. a. mit Wohnverhältnissen sozialer Unterschichten in Wien und mit der Bevölkerungsgeschichte in Linz. Hier steht auch immer die Dimension der Zuwanderung in die jeweiligen städtischen Räume zur Diskussion. Dieser Fokus auf einen städtischen Kontext (Stadt Steyr) war auch bei der Gestaltung der Oö. Landesausstellung 2021 in Steyr („Arbeit - Wohlstand - Macht“) bedeutsam, die John co-kuratierte.
Populär- und Alltagskultur (Fußballsport, Konsum, Mobilität, Liebesbeziehungen, Jugendkultur) John widmete sich hier vor allem der Geschichte und der sozialen Bedeutung des Fußballs in Österreich und Deutschland. Daneben gab es Forschungen und Publikationen zur Geschichte des Konsums, der (Auto-)Mobilität, zu „Liebe/Beziehungsgeschichten“ und zur Jugendkultur. Hier kuratierte er auch Ausstellungen, etwa zum Thema „Fußball“ (Ausstellung 2008) oder (als wissenschaftlicher Co-Kurator) zum Thema „Stadt im Glück“ (eine Ausstellung zur Linzer Kultur- und Sozialgeschichte und zum städtischen Alltag, siehe Ausstellung 2009).
Geschichte des Judentums in Österreich und Mitteleuropa John hat sich ausführlich mit Forschungen zum Judentum in der Habsburgermonarchie beschäftigt. Im Rahmen der Forschungen zum Nationalsozialismus in Österreich gibt es auch Beiträge zur Auswirkung auf jüdisches Leben in Deutschland und Österreich (1933–1945). Dazu hat er zur Emigration der jüdischen Bevölkerung (v. a. nach dem Holocaust) nach Israel, nach den USA und in andere Weltgegenden Beiträge geliefert. Hervorzuheben ist hier auch seine Beschäftigung mit den „Gerechten unter den Völkern“ in Österreich, die jüdischen Menschen halfen, dem Nazi-Terror zu entkommen (s. die Ausstellung 2015–2021).
Nationalsozialismus: „Arisierung“, Raubkunst, Restitution, Zwangsarbeit John betrieb auch vertiefte Forschungen zum Nationalsozialismus, hier v. a. zur Geschichte von „Arisierungen“ in Deutschland und Österreich ab 1934; sowie zur Geschichte des nationalsozialistischen Kunstraubs ebendort, und zur Geschichte von Zwangsarbeit in Österreich und Deutschland. Hier gestaltete er auch Ausstellungen (s. die Ausstellung 2014 zu Zwangsarbeit in der VÖEST).
Migration und Zuwanderung John hat in verschiedenen Dimensionen Forschungen zu Migration und Einwanderung betrieben. Zu nennen sind hier Arbeiten zu Fragen der Zuwanderung nach Wien sowie zu Fragen der Migration innerhalb der und hinaus aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Er widmete sich auch Fragen der Arbeitsmigration aus der europäischen Peripherie (Türkei, Italien etc.) nach Österreich und Deutschland. Hier gestaltete John auch Ausstellungen, wie Gekommen und Geblieben: 50 Jahre Arbeitsmigration in OÖ. (Ausstellung 2014–2018), Crossing Borders (Ausstellung 2004), oder Migration – eine Zeitreise nach Europa (Ausstellung 2003).
Geschichte der Jugendfürsorge und der Heimerziehung in Österreich Seit 2003 widmete sich John (im Kontext der Versuche zur Bewältigung der dunklen Geschichte von Jugendheimen in Österreich) verschiedenen Heimen in Oberösterreich (Linz-Wegscheid, Steyr-Gleink u. a.) und auch in Wien: (Wilhelminenberg), zu Heimen der Volkshilfe Österreich in Wien und NÖ.Bericht im Standard zur Präsentation der Forschungsergebnisse, abgerufen am 25. Februar 2022. Hier wurde eine Reihe von individuellen und systemischen Übergriffen, Missbräuchen und Unterdrückungen dokumentiert. Hier gibt es auch eine Ausstellung (zur Geschichte des oö. Jugendwohnheimes Wegscheid, Ausstellung 2006).
Ausstellungsgestaltungen (Auswahl) und sonstige Beiträge zur „Angewandten Geschichte“ 1998: „Land der Hämmer“ Oberösterreichische Landesausstellung 1998 (Mitwirkung, Leitung Roman Sandgruber u. a.), Ausstellungsteil „Tradition – Innovation. Industrie im Wandel. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“, ehem. Reithoffer-Werke, Steyrsiehe: Tradition – Innovation. Industrie im Wandel. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Ausstellungskatalog. Im Rahmen der OÖ. Landesausstellung 1998 in den ehemaligen Reithoffer-Werken, Steyr. Verein Industrieforum Steyr. Michael John, Roman Sandgruber, Hrsg. – Steyr 1998. 2003: Migration – eine Zeitreise nach Europa (wiss. Leitung und Konzept, mit Manfred Lindorfer), Ausstellung im Museum Arbeitswelt SteyrBericht zur Ausstellung, abgerufen am 10. Februar 2022. 2004: „Crossing Borders“ (Kurator), Ausstellung im Museum Arbeitswelt SteyrKatalog zur Ausstellung, abgerufen am 6. Februar 2022. 2006: „WEGSCHEID – Von der Korrektionsbaracke zum sozialpädagogischen Jugendwohnheim: Eine Ausstellung“ (Kurator)Bericht zur Ausstellung, abgerufen am 6. Februar 2022., Wanderausstellung: Linz-Wegscheid und Hartheim/OÖ. 2008: „Fussball: Geschichten & Geschichte“ (Kurator), Ausstellung im Schlossmuseum Linz[siehe: Michael John (Hrsg.): Fussball: Geschichten & Geschichte (Begleitheft zur Ausstellung Fußball – Geschichten und Geschichte, vom 19. Mai bis 20. Juli 2008 im Schlossmuseum Linz), Oberösterreichische Landesmuseen, Linz 2008], abgerufen am 6. Februar 2022.Videoclips mit Interviews zur Ausstellung, abgerufen am 10. Februar 2022. 2009: Stadt im Glück (wiss. Mitarbeit, mit Thomas Philipp, Lydia Thanner, Andre Zogholy; Gestaltung Günther Auer), Ausstellung im Stadtmuseum Nordico der Stadt Linz im Rahmen von Linz 09Forschungsbericht und Texte zur Ausstellung, abgerufen am 10. Februar 2022.. 2014–2018: „Gekommen und Geblieben. 50 Jahre Arbeitsmigration in Österreich“ (kuratiert gem. mit Manfred Lindorfer und Marion Wisinger)Begleitheft zur Wanderausstellung, abgerufen am 6. Februar 2022.; Wanderausstellung in OÖ: Linz, Ried, Steyr u. a. Orte. ab 2014 (Mitwirkung als Mitglied der Historikerkommission Zwangsarbeit VÖEST): „Gegen den Willen und fern der Heimat“. Zeitgeschichteausstellung 1938–1945, Dauerausstellung, Linz: Konzernzentrale der VÖESTBericht in der Wiener Zeitung zur Ausstellung, abgerufen am 12. Februar 2022. 2015–2021: „Die Gerechten. Courage ist eine Frage der Entscheidung“ (kuratiert gem. mit Albert Lichtblau und Manfred Lindorfer); Wanderausstellung: WienHomepage der Ausstellung im Volkskundenmuseum Wien, abgerufen am 6. Februar 2022., LinzBeschreibung der Ausstellung in Linz, abgerufen am 6. Februar 2022., SteyrBeschreibung der Ausstellung in Steyr, abgerufen am 6. Februar 2022., u. a. 2021: Oberösterreichische Landesausstellung 2021: „Arbeit – Wohlstand — Macht“ (Kurator & wissensch. Leitung, gem. mit Herta Neiß).Presseinfo Land OÖ zur Ausstellung, abgerufen am 6. Februar 2022.
Publikationen (Auswahl) Michael John hat 21 Bücher als Autor, Co-Autor, Herausgeber oder Co-Herausgeber veröffentlicht, und zeichnet für mehr als 180 wissenschaftliche Artikel und Buchbeiträge in Deutsch und Englisch verantwortlich. Hier wird eine der Bandbreite des Schaffens von Michael John entsprechende Auswahl von 36 der mehr als 200 vorliegenden Publikationen dargestellt.
Bücher Hausherrenmacht und Mieterelend. Wohnverhältnisse und Wohnerfahrung der Unterschichten in Wien 1890–1923, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1982, ISBN 3-900351-17-1. Wohnverhältnisse sozialer Unterschichten im Wien Kaiser Franz Josephs, Europa Verlag, Wien 1984, ISBN 3-203-50870-2. (mit Albert Lichtblau) Schmelztiegel Wien – einst und jetzt. Geschichte und Gegenwart der Zuwanderung nach Wien, Böhlau Verlag, Wien 1990, ISBN 3-205-98106-5.