Zwanzigeins e. V. ist ein deutscher Verein mit Sitz in Bochum, der sich für die Anerkennung und Vermittlung einer stellenwertgerechten Sprechweise deutscher Zahlwörter einsetzt. Der Verein schlägt vor, bei mehrstelligen Zahlen die Reihenfolge der gesprochenen Zahlwortbestandteile am Dezimal-Stellenwertsystem und an der Schreibreihenfolge auszurichten. Die Zahl 21 würde demnach beispielsweise als „zwanzigeins“ und 11 als „zehneins“ gesprochen.
Vereinsidee und Ziel
Vereinsidee
Ausgangspunkt der Vereinsarbeit ist die im Deutschen übliche Inversion bei vielen Zahlwörtern: Bei „einundzwanzig“ wird die Einerstelle vor der Zehnerstelle genannt, obwohl die Zifferndarstellung 21 und das dezimale Stellenwertsystem die Zehner- vor der Einerstelle anordnen. Der Verein bezeichnet die alternative Reihenfolge als „stellenwertgerecht“ beziehungsweise „unverdreht“.
Zwanzigeins e. V. will diese Form als zusätzliche, allgemein akzeptierte Sprechweise etablieren. Nach eigener Darstellung zielt der Verein nicht darauf, die herkömmliche Zahlensprechweise abzuschaffen; beide Formen sollen nebeneinander verwendbar sein. Der Verein fordert insbesondere, die Besonderheiten deutscher Zahlwörter im Mathematikunterricht ausdrücklich zu thematisieren und Schülerinnen und Schülern die stellenwertgerechte Form zum Ausprobieren und Lernen anzubieten. Der österreichische Lehrplan für Volksschulen sieht vor, die Besonderheiten der Zahlwortbildung zu berücksichtigen. In der Mathematikdidaktik gibt es den Vorschlag, eine stellenwertgerechte Form im Sinne einer Zahlen-Fachsprache während des Grundschulunterrichts einzusetzen, insbesondere bei der Vermittlung des dezimalen Stellenwertsystems.
Sprechweise „zehneins“
Das vom Verein veröffentlichte Positionspapier schlägt ein durchgängiges Zahlwort-System vor, das auch die Zahlen von 11 bis 19 einschließt. Danach lauten die Zahlwörter beispielsweise „zehneins“ für 11, „zehnvier“ für 14, „zwanzigeins“ für 21, „vierzigsechs“ für 46 und „zweihundertvierzigsieben“ für 247. Glatte Zehner wie „dreißig“ oder „vierzig“ bleiben unverändert.
Der Ausdruck „zehneins“ dient dabei zur Unterscheidung von anderen denkbaren Reformvarianten, die beispielsweise erst ab 21 eine stellenwertgerechte Reihenfolge verwenden würden. Nach Auffassung des Vereins wurde die vorgeschlagene Form so entwickelt, dass sie möglichst kollisionsfrei neben den herkömmlichen Zahlwörtern stehen kann.
Neben anderen Informationsangeboten entwickelte der Verein eine App, mit der verschiedene Zahlensprechweisen erprobt werden können. Beim Diktat in traditionell-inverser Form („einundzwanzig“) muss vor der digitalen Eingabe der Ziffern die Reihenfolge der Zahlwortteile gedanklich umgeordnet werden, während dies bei der stellenwertgerechten Ansage („zwanzigeins“) nicht erforderlich ist. Die App kann Bearbeitungsdauer und Fehlerzahl dokumentieren.
Studien
Die Vereinsinitiative stützt sich unter anderem auf Untersuchungen zur Verarbeitung mehrstelliger Zahlen. Ein Überblicksartikel aus dem Jahr 2014 kam zu dem Ergebnis, dass die Inversion deutscher Zahlwörter ein erschwerender Faktor beim mathematischen Lernen sein kann; behandelt werden insbesondere das Lesen, Schreiben und Verarbeiten mehrstelliger Zahlen. Ähnliche Befunde ergaben sich für das Niederländische, in dem die Zahlwörter wie im Deutschen eine Inversion aufweisen.
Auch für das Englische wurden im Bereich der Zahlwörter von 11 bis 19, die nicht durchgehend stellenwertgerecht gebildet sind, nachteilige Einflüsse auf numerische Kompetenzen belegt. Einen Überblick zu neuro- und entwicklungspsychologischen Forschungen über die Zahlwortinversion veröffentlichten Peter Morfeld und Anita Summer.
Die Frage, ob die zusätzliche Verwendung einer stellenwertgerechten Sprechweise im Deutschen die genannten Schwierigkeiten verringern kann, ist Gegenstand fachlicher Diskussion. Kritisch wurde unter anderem eingewandt, dass mögliche Vorteile der neuen Sprechweise zunächst empirisch abgesichert werden müssten und ihre parallele Einführung zu Verunsicherung führen könne.
2025 veröffentlichten Sonja Kramer, Peter Morfeld und Anita Summer einen Beitrag zu einer Studie mit 506 Kindern der Schulstufen 1 bis 4 aus 30 österreichischen Grundschulen. Die Kinder absolvierten Zahlendiktate in traditioneller und stellenwertgerechter Sprechweise unter Nutzung der Zwanzigeins-App. Für die stellenwertgerechte Sprechweise wurden eine um 12 Prozent kürzere Bearbeitungsdauer und eine um 66 Prozent geringere Fehlerzahl berichtet.
Der Mathematikdidaktiker Michael Gaidoschik bezeichnete die verdrehte Zahlensprechweise als besondere Problematik für Kinder mit Rechenschwierigkeiten. Im Juni 2026 erschien in der Fachzeitschrift Lernen und Lernstörungen ein Beitrag von Vivien Hartwig, Anna Kuhl, Michael von Aster und Peter Morfeld. Die Studie untersuchte 40 rechenschwache Kinder und berichtete für eine stellenwertgerechte Zahlensprechweise eine im Mittel um mindestens 10 Prozent reduzierte Bearbeitungsdauer sowie eine um 68 Prozent verringerte Fehlerzahl.
Die Übertragbarkeit solcher Befunde auf allgemeine Mathematikleistungen ist Gegenstand weiterer Forschung. Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Fähigkeit zur Transkodierung zwischen Zahlwörtern und Ziffern mit späteren mathematischen Leistungen zusammenhängt.
Historie
Der Mathematiker und Hochschullehrer Lothar Gerritzen gründete Zwanzigeins e. V. am 14. Juni 2004. Nach dem Tod Gerritzens im März 2024 würdigte der Verein ihn als Initiator und langjährigen Vorsitzenden.
Gerritzen hatte die Reformidee bereits vor der Vereinsgründung öffentlich vertreten. So berichtete 2004 Spiegel Online über den Vorschlag einer Reform der Zahlensprechweise. 2005 berichtete die Deutsche Welle über die Initiative.
Auftritte in Presse und Medien
Die Initiative und ihr Gründer wurden seit den 2000er Jahren wiederholt in überregionalen Medien aufgegriffen. 2006 thematisierte Spiegel Online die Forderung erneut und stellte dabei die Diskussion über mögliche Effekte im Mathematikunterricht dar.
Weitere Beiträge erschienen unter anderem bei Focus und n-tv.
Der Fernsehsender ARTE veröffentlichte einen Animationsfilm über die Initiative.
Am 4. September 2023 fand im Radioprogramm WDR 5 ein Interview mit dem Vereinsvorsitzenden Peter Morfeld zum Thema Zwanzigeins statt. Das Live-Gespräch hat eine Dauer von etwa 13 Minuten. Literatur
(Volltext als PDF).
Weblinks
Offizielle Website von Zwanzigeins e. V. Positionspapier zur stellenwertgerechten Zahlensprechweise Informationen des Vereins zu Unterrichtsversuchen
Einzelnachweise
Kategorie:Verein (Bochum) Kategorie:Vereinsgründung 2004 Kategorie:Organisation (Mathematik)