mini|Drei adungu unterschiedlicher Größe Adungu ist eine meist sieben- bis neunsaitige Bogenharfe der Alur im Nordwesten von Uganda an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Seit den 1960er Jahren gelangte die adungu auch in andere Landesteile und wurde allmählich in drei bis vier unterschiedlichen Größen in Ensembles übernommen. Die adungu ist konstruktiv mit der fünfsaitigen Bogenharfe kundi der Azande in Zentralafrika verwandt (Typ 2 nach Klaus Wachsmann, 1964) und unterscheidet sich von der ennanga der Baganda im Süden von Uganda (Typ 1).

Herkunft mini|hochkant|links|Altägyptische Bogenharfe um 2000–1900 v. Chr. aus dem Mittleren Reich. Fünf Saiten, Rippe zur Saitenbefestigung, die Hautdecke fehlt. Metropolitan Museum of Art Die ältesten Darstellungen von Harfen in Afrika sind aus der altägyptischen 4. Dynastie (um 2500 v. Chr.) überliefert. Sie repräsentieren den bereits voll ausgereiften Typus der Bogenharfe mit einem kurzen spaten- oder schaufelförmigen Resonanzkasten, der mutmaßlich auf Vorläufer bis in die 1. Dynastie (Anfang 3. Jahrtausend) zurückgeht und eine eigenständige ägyptische Entwicklung ist.Hans Hickmann: Vorderasien und Ägypten im musikalischen Austausch. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 111, 1961, S. 23–41, hier S. 34. Curt Sachs (1928) erkennt im flach gekrümmten Bogen der mannshohen altägyptischen Harfen als Ausgangspunkt den Musikbogen, dessen angesetzter Resonanzkörper an das untere Ende des Saitenträgers angepasst wurde und von dessen Decke nun statt einer Saite mehrere Saiten in einer Ebene bis zum oberen Bereich des Trägerstabes führen.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Reimer, Berlin 1928 (Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965), S. 144. Gegen Ende der Zweiten Zwischenzeit (um 1600 v. Chr.) treten neue Harfenformen in Erscheinung, vor allem die naviforme Großbogenharfe, eine mannshohe Standharfe mit einem langen schlanken Korpus, der erst allmählich in den Saitenträger übergeht. Im thebanischen Grab TT367, das in die Regierungszeit von Amenophis II. (zweite Hälfte 15. Jahrhundert v. Chr.) datiert wird, ist überdies noch eine transportable kleinere Tiefbogenharfe der Sänger (Schulterharfe) und erstmals eine kleine Winkelharfe abgebildet.Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ägypten. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1961, S. 30. Letztere verdrängte die altägyptischen Bogenharfen, die allenfalls in der Volksmusik oder in umgebenden Gebieten weiterexistierten. Die ägyptische Winkelharfe gelangte später auf einem eigenen Weg nach Westafrika, wo sie in Gestalt der mauretanischen ardin als einzige Winkelharfe in Afrika überlebt hat. Die im Neuen Reich gespielte tragbare Schulterharfe besaß einen schlanken bootsförmigen Korpus und einen stark gekrümmten Hals.Arched Harp (shoulder harp) ca. 1390–1295 B.C. Metropolitan Museum of Art.

Die tragbaren Bogenharfen gelangten nach der auf Klaus Wachsmann (1964) zurückgehenden Theorie von Ägypten allmählich den Nil aufwärts nach Ostafrika und von dieser Route abzweigend auch nach Zentral- und Westafrika. Im Süden reicht ihr Verbreitungsgebiet kaum über den Äquator hinaus. Es schließt Uganda, das Zentrum der afrikanischen Bogenharfen ein. Hier besaßen Mitte des 20. Jahrhunderts von 25 Ethnien 12 eine eigene Harfentradition.Klaus P. Wachsmann: Harp Songs from Uganda. In: Journal of the International Folk Music Council, Band 8, 1956, S. 23–25, hier S. 23. Des Weiteren kommen Harfen im Norden und Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, in Darfur im Sudan, im Südsudan, in Gabun, in der Zentralafrikanischen Republik und im Norden von Kamerun vor. In Westafrika sind sie auf Gebiete südlich des Tschadsees beschränkt. Es gibt keine Überschneidungen zwischen den Verbreitungsregionen der Bogenharfen und der westafrikanischen Stegharfen, deren mutmaßlich älteste Vertreterin die drei- bis viersaitige bolon ist. Nach den unterschiedlichen Möglichkeiten, die Halsstange am Korpus zu befestigen, unterscheidet Wachsmann drei Haupttypen der afrikanischen Bogenharfen, die Rückschlüsse auf deren Verbreitungswege erlauben:Klaus Wachsmann, 1964, S. 84.

Drei Bogenharfentypen mini|Typ 1: ennanga, mit dem Hals auf dem Rand der Schale liegend. 19. Jahrhundert. Metropolitan Museum of Art Beim Typus „Löffel in der Tasse“ liegt der gebogene Hals (Saitenträger) mit seinem unteren Ende lose am Rand des flachen schalenförmigen Korpus und ragt bis etwa zur Mitte des Bodens. Auf der Höhe der Hautdecke ist ein als Aufhängeleiste für die Saiten dienender Stab in den Hals eingesteckt und mit seinem anderen Ende am gegenüberliegenden Rand der Resonanzschale befestigt. Die aus drei Teilen bestehende Konstruktion ist nur durch die gespannten Saiten stabil. Zu diesem ausschließlich in Uganda vorkommenden Typus gehören unter anderem die ennanga der Baganda, die ekidongo der Nyoro, die kimasa der Basoga, die fünfsaitige opuk agoyaOpuk agoya (arched harp or bow harp). Musical Instruments Museums Edinburgh. (oder lotewrokuma) der Acholi und die ebenfalls aus einem Schildkrötenpanzer als Resonator bestehende tum der Langi. Aufgrund des relativ begrenzten Verbreitungsgebiets schließt Gerhard Kubik (1982), dass dieser Typus bereits vor langer Zeit und unabhängig von den anderen Typen in der Region angekommen war. Wie der „Löffel in der Tasse“-Typus durch den Sudan in den Süden kam, ist unklar, vermutlich geschah dies bereits vor der Luo-Einwanderung im 16. Jahrhundert nach Kenia. Die Luo sind wie viele andere nilotische Völker überwiegend keine Spieler von Harfen, sondern von Leiern (wie der tom). Die mündliche Überlieferung lässt sich im Fall der ennanga bis zu Kabaka Nakibinge (reg. um 1494–1524) zurückführen, dem sie auf den Ssese-Inseln im Victoriasee vorgespielt wurde.Gerhard Kubik, 1982, S. 28f.

mini|Typ 2: fünfsaitige Bogenharfe kundi der Azande mit ausgeprägtem Flaschenhals. Königliches Museum für Zentral-Afrika in Tervuren, Belgien. Das Bild vom „Korken in der Flasche“ für den zweiten Typus beschreibt einen hölzernen Korpus, der an einem Ende eine tüllenförmige Öffnung besitzt, in die das untere Ende des Halses gesteckt wird. Dies ergibt eine feste Verbindung. Bei manchen Formen ist die Verbindungsstelle deutlich abgesetzt und bildet im Profil eine Kante in der Umrisslinie, bei anderen wurde der breite Ansatz mit einer Haut umwickelt oder gelegentlich als menschlichen Kopf geschnitzt. Der auch als tanged type (englisch, „der mit einer Tülle versehene Typ“) bekannte Typus kommt im zentralen Afrika nördlich des Äquators vor. Typische Harfen sind die kundi der Azande im Norden der Republik Kongo, die domu der Mangbetu im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo sowie in Uganda die kinanga der Bakonjo im Ruwenzori-Gebirge, die ore oder orodo der Madi in Norduganda und Südsudan und die adungu der Alur.Klaus Wachsmann, 1953, S. 394, 399.

Zwischen den Musikinstrumenten der nilotischen Völker Nordugandas (einschließlich der adungu der Alur) und denen der Bantu (ennanga der Baganda, kimasa der Basoga) im Süden Ugandas bestehen allgemein beträchtliche Unterschiede in Form und Spielweise.

mini|Typ 3: Detail aus Tafel XXXI im Syntagma musicum von Michael Praetorius, 1619. Zeigt vermutlich eine Bogenharfe der Kele in Gabun mit acht Saiten (eine Saite hängt abgerissen). Beim dritten Typus, genannt shelved type („der mit einem Brett versehene Typus“), besitzt der Resonator ein Brett, an welches der Saitenträger angebunden oder gelegentlich gesteckt ist. Das Basisbrett ist das Kriterium für diesen Typus, auch wenn es vereinzelt die Form eines menschlichen Kopfes annehmen kann. Die Verbreitungsregion erstreckt sich am Atlantischen Ozean entlang von Gabun bis in den Süden von Kamerun und enthält zwei isolierte Vorkommen im Bereich von Ghana und der Elfenbeinküste.Klaus Wachsmann, 1964, Karte S. 85; Gerhard Kubik, 1982, S. 29. Eine diesem Typus zugehörige Bogenharfe ist in der musikwissenschaftlichen Schrift Syntagma musicum von Michael Praetorius (1619) abgebildet. Auf Tafel XXXI ist neben einem Pluriarc auch erstmals eine zentralafrikanische Bogenharfe zu sehen. Die Darstellung eines aus mehreren Brettern gefügten Korpus wurde vermutlich einer bei den Kele (Bakele, Kélé-Sprecher) an der Küste von Gabun beobachteten achtsaitigen Bogenharfe nachempfunden. Dort waren 1470 portugiesische Seefahrer gelandet und hatten bald Handelsbeziehungen aufgenommen. Gerhard Kubik (2000) schließt aus Praetorius’ Abbildung, dass sich der Typ 3 in Gabun eventuell weit vor dem 17. Jahrhundert aus dem Typ 2 durch die Übernahme lokaler Formen in Gabun und im Kongo, vor allem vom Pluriarc, entwickelt haben könnte.Gerhard Kubik: Central Africa. An Introduction. In: Ruth M. Stone (Hrsg.): The Garland Handbook of African Music. 2. Auflage, Routledge, New York 2000, S. 341.

Diffusionstheorie Gemäß der Typologie Wachsmanns konkretisiert Gerhard Kubik (1982) die mutmaßliche Ausbreitung der Harfe in Afrika. Von Ägypten aus könnte sich die Harfe nilaufwärts durch das Reich von Kusch (um 600 v. Chr. – um 350 n. Chr.) nach Süden ausgebreitet haben und in einem Vorläufer des „Löffel in der Tasse“-Typs im Verlauf des 1. Jahrtausends den Süden von Uganda erreicht haben, woraus sich später die ennanga und ihre Verwandten entwickelten. Der „Korken in der Flasche“-Typ, zu welchem die adungu gehört, entwickelte sich demnach aus Instrumenten, die von Kusch aus zunächst nach Westen zum Tschadsee gelangten. Halbwegs auf dieser Route fand Franz Födermayr (1969) bei den Bilia im Rückzugsgebiet der Ennedi-Berge (im Nordosten des Tschad) die fünfsaitige Bogenharfe krding.Bogenharfe krding (Bäle-Bilia). Dia aus der Sammlung Franz Födermayr, 1969. Eine weitere fünfsaitige Harfe auf dieser Route ist die aus Nubien stammende kurbi (auch al-bakurbo) der Baggara in Darfur, über die 1972 berichtet wurde. Mit der fortschreitenden Austrocknung der Savanne gab es Bevölkerungsverschiebungen nach Süden und darüber gelangte dieser Harfentyp in sein heutiges Verbreitungsgebiet einschließlich Nordwestuganda.Gerhard Kubik, 1982, S. 30.

Bei dieser Diffusionstheorie gibt es einige Unterschiede zwischen den altägyptischen und den schwarzafrikanischen Bogenharfen, die sich spieltechnisch und konstruktiv von jenen entfernt haben: Ein afrikanischer Harfenspieler hält sein Instrument anders als im Alten Ägypten mit dem Hals vom Körper weg. Die altägyptischen Harfen besaßen nach allgemeiner Ansicht feste Stimmpflöcke, um die um den Hals gewickelten Saiten am Abrutschen zu hindern, aber keine beweglichen Stimmwirbel wie bei sämtlichen heutigen Harfen in Afrika. Wann und woher die Stimmwirbel erstmals eingeführt wurden, ist unklar.Vgl. Curt Sachs: Altägyptische Musikinstrumente. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1920, S. 12.