Niederaußem ist ein Ortsteil der Kreisstadt Bergheim im Rhein-Erft-Kreis im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Mit ihren rund 5.900 Einwohnern ist die Ortschaft einer der großen Ortsteile in Bergheim. Niederaußem war bis 1975 eigenständige Gemeinde und ist heute aufgrund des ab 1961 errichteten Kraftwerks Niederaußem auch überregional bekannt.
Geografie Geografische Lage Niederaußem liegt circa 18 km Luftlinie westlich von Köln in etwa 80 Metern Höhe über dem Meeresspiegel. Die höchste Niederaußemer Erhebung ist seit 2009, mit 128 Metern über N.N., die Bethlehemer Höhe im rekultivierten Tagebau Bergheim. Bis 2009 bildete die aus Abraum des Braunkohleabbaus aufgeschüttete Wiedenfelder Höhe mit 126,4 Metern den höchsten Punkt des Ortes. Durch Niederaußem floss der Bohnenbach, er ist heute kanalisiert. Der Gillbach entspringt am Kraftwerk Niederaußem, direkt an der Grenze zu Auenheim. Niederaußem liegt am Rand der Zülpicher Börde und auf den nördlichen Ausläufern des Villerückens, die ihrerseits zur Kölner Bucht gehören. Wirtschaftsgeografisch liegt Niederaußem im Rheinischen Braunkohlerevier.
Nachbarorte Mönchshöfe Rheidt-Hüchelhoven Büsdorf Auenheim Datei:Windrose klein.svg Glessen Wiedenfelder Höhe Bergheim Oberaußem
Klima Niederaußem liegt in der Übergangszone vom gemäßigten Seeklima zu Kontinentalklima mit milden Wintern und mäßig warmen Sommern. Die Jahresniederschläge liegen im guten Deutschlandmittel. Durch die Eifelbarriere liegt der Ort im Schutz und Regenschatten von Westwinden, die außerdem einen Föhneffekt bewirken können. Das Klima in Niederaußem wird zusätzlich von der Industrie beeinflusst. Im Winter kann die Temperatur daher etwas höher sein als in der Umgebung. Außerdem kann es zu Kühlniederschlag und Industrieschnee kommen, wobei Schneetage in Niederaußem eine absolute Seltenheit sind.
Geschichte Vor- und Frühgeschichte mini|Die Karte zeigt die Gaue im Rheinland. Die Grenzen zwischen Gillgau und Kölngau (linker Kartenrand) sind unklar
Verschiedene Funde belegen menschliches Leben in Niederaußem schon in der jüngeren Steinzeit (4000 v. Chr.). Im Bethlehemer Wald ist bis in die 1950er Jahre nach Christus ein Grabhügelfeld erhalten geblieben. Es fiel dem Tagebau zum Opfer.
Im Gallischen Krieg um 50 v. Chr. übernahmen die Römer auch die Gebiete des heutigen Niederaußem. In den fruchtbaren Böden am Gillbach legten sie Einzelhofsiedlungen an. In der Gegenwart werden immer wieder römische Überbleibsel gefunden. Beim Bau der Brikettfabrik Fortuna-Nord wurden römische Grabkisten gefunden. Beim Bau der Barbaraschule in den 1950er Jahren fand man eine römische Wasserleitung, die bei Neubauten im Oberdorf immer wieder sichtbar wird.
In fränkischer Zeit wurden aus den Einzelhofsiedlungen Gehöftgruppen. Aus derselben Zeit stammen nach heutiger Erkenntnis auch der Ortsname und Patrozinium Niederaußems sowie der Fronhof Holtrop.
Mittelalter mini|links|hochkant|Kirche St. Johann Baptist in Niederaußem
Ende des 9. Jahrhunderts fielen die Normannen auch über Niederaußemer Gebiet her. Der Ort lag damals im Grenzgebiet zwischen Gillgau, Kölngau und Jülichgau. Der Fronhof Holtrop wurde niedergebrannt. Das veranlasste die Herren von Holtrop den Hof in Form eines Wohnturms beim Wiederaufbau zu befestigen. Es entstand die erste Burg Holtrop. Zum Ende des ersten Jahrtausend regiert Otto I. auch über die Niederaußemer Gebiete. Er gibt seine herzögliche Gewalt jedoch an den Kölner Erzbischof Bruno I. ab. Dieser erwähnt Niederaußem als „Ouleshem“ (Außem) erstmals in einer Urkunde im Jahr 962. Im Jahr 1028 fällt die Lehnshoheit über Niederaußem dann durch eine Schenkung des Pfalzgrafen Ezzo an die Reichsabtei Kornelimünster. Nach einem Diplom Ottos II. im Jahr 973 besaßen die Erzbischöfe von Köln weiterhin die Macht über die Gebiete, in denen auch Niederaußem liegt. Diese Macht ging nach der Schlacht von Worringen jedoch an die Grafschaft Jülich über, aus der später das Herzogtum Jülich hervorgeht. Über die Jahre entwickelte sich Niederaußem vom kleinen Weiler zum Bauerndorf. Bereits 1304 entstand die Kirche St. Johann Baptist anstelle einer fränkischen Kapelle, aus der die heutige Pfarrkirche hervorging. Das 16. Jahrhundert ist für die Niederaußemer von Kriegen, Plünderungszügen und Reformation geprägt. Im Krieg um Geldern wurde auch Burg Holtrop durch Truppen Kaiser Karls V. zerstört. In den Jahren 1582 bis 1589 wurde das katholische Niederaußem kurzzeitig Protestantisch.
Neuzeit mini|hochkant|Preußischer Meilenstein am Ortseingang Niederaußem
Das 18. Jahrhundert wurde für Niederaußem friedlicher und dramatische Kriege blieben aus. Zwischen 1727 und 1738 wurde Burg Holtrop zu einem barocken Schloss umgebaut. Die Bevölkerungszahlen stiegen stetig an. 1798 hatte Niederaußem 259 Einwohner.
Im Oktober 1794 besetzten französische Truppen das Rheinland. 1798 wurde Niederaußem dem Département de la Roer eingegliedert und gehörte 20 Jahre lang zu Frankreich, bis das Erftland am 5. April 1815 dem Königreich Preußen einverleibt wurde.
Die Wandlung vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zur Industriegemeinde vollzog sich ab dem frühen 19. Jahrhundert mit dem Fund der ersten Braunkohle. In unmittelbarer Umgebung taten sich die ersten Gruben auf und bei Oberaußem entstand zunächst die Brikettfabrik und später das Kraftwerk Fortuna in Bergheim-Fortuna. Da die neue Industrie Arbeiter brauchte, wechselten damals zahlreiche Menschen von der Landwirtschaft zur Kohle. Auch von außerhalb zog es Arbeiter an und Niederaußem wuchs.
20. Jahrhundert mini|links|Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Bau des Kraftwerk Niederaußem begonnen. mini|Kraftwerk Niederaußem 2011 mini|Wohnhäuser an der Ligusterstraße, im Hintergrund RWE-Kraftwerk Niederaußem
Das beginnende 20. Jahrhundert war in Niederaußem von enormem wirtschaftlichen Aufschwung durch die Braunkohleindustrie geprägt. 1904 erhielt der Ort einen Bahnanschluss. Mit dem Bau der Brikettfabrik Fortuna-Nord 1939/1941 (heute Kohleveredlungsbetrieb Fortuna-Nord) wurde das Niederaußem zum Industriestandort. Als Industriestandort wurde Niederaußem jedoch auch strategisch wichtiger Standort im Zweiten Weltkrieg. Besonders in den Jahren 1944 und 1945 wurde Niederaußem zum Opfer zahlreicher Bombenangriffe. Seinen Höhepunkt erreichte der Zweite Weltkrieg für die Niederaußemer im Februar 1945, als die Front auf Niederaußem zu rollte. Am 2. März 1945 um 14 Uhr wurde Niederaußem durch die Amerikaner eingenommen und besetzt. Die Bevölkerung musste bis zum 5. März in der Pfarrkirche ausharren, ehe ihnen erlaubt wurde, ihre Häuser wieder aufzusuchen.
Nach dem Krieg wurde die Industrie vor Ort erweitert. Der Tagebau Fortuna-Garsdorf, seinerzeit die größte Braunkohlengrube der Welt, wurde aufgeschlossen. Burg Holtrop fiel der Grube zum Opfer und wurde 1958 niedergelegt. Der Zuzug von Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten ließ die Einwohnerzahl weiter steigen. Der Baubeginn für das Kraftwerk Niederaußem 1961 ist ein weiteres Kapitel Niederaußemer Industriegeschichte. Es wurde etappenweise erweitert, zum letzten Mal zwischen 1997 und 2002 mit der BoA-Anlage (Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik). Heute ist das Kraftwerk Niederaußem eines der größten Braunkohlekraftwerke weltweit. Für die Gemeinde Niederaußem zahlte sich die Industrie aus. Dank großer Gewerbesteuereinnahmen war die Gemeindekasse gut gefüllt. Die Kommune gehörte zu den reichsten in Deutschland. Die Tennishalle, das Schwimmbad und einige Schulbauten zeugen von dieser Zeit. Am 1. Januar 1975 wurde die Gemeinde Niederaußem aufgelöst und in die Kreisstadt Bergheim eingegliedert.
21. Jahrhundert Niederaußem wuchs weiter, die Tagebaue wurden ausgekohlt und rekultiviert. Der letzte Tagebau auf Niederaußemer Gebiet war 2012 komplett renaturiert. Durch Rationalisierungsmaßnahmen gingen beim Bergbau- und Kraftwerksunternehmen RWE/Rheinbraun zahlreiche Arbeitsplätze verloren. Die einstige Bindung zwischen Unternehmen und der Niederaußemer Bevölkerung verlor sich. Ein deutliches Anzeichen dafür wurden Proteste gegen Pläne zur Erweiterung des Kraftwerks.
Geplant wurde die Besiedlung des Baugebietes „Im Euel“, wo 2008 ein Einkaufszentrum eröffnet wurde. Vorgesehen war als Pilotprojekt eine umweltfreundliche „Wärmepumpensiedlung“; überdies sollten die Häuser ihre Energie aus Solaranlagen beziehen.
Wappen mini|hochkant=0.5|Ortswappen von Niederaußem
Aus den 1960er Jahren stammt das Niederaußemer Wappen. Der Holtroper Adler, in Anlehnung an die niedergelegte Burg Holtrop, soll die Geschichte des Ortes symbolisieren. Der schwarze Balken steht für den Bergbau und der Blitz für die Energieproduktion. Heute wird das Wappen von zahlreichen Vereinen und Einrichtungen vor Ort genutzt. Außerdem ist das Wappen Bestandteil der Niederaußemer Flagge. Die Fahnen und Banner, die das Niederaußemer Wappen auf rot-weißem Grund zeigen, sind auch für Privatpersonen zu erhalten und schmücken den Ort bei öffentlichen Anlässen und Feierlichkeiten, sowie in besonderem Maße während des Schützenfests.
Religion mini|hochkant|Niederaußem hat zwei katholische Kirchen. Die Kirche St. Paulus (hier im Bild) ist die Filialkirche von St. Johann Baptist.
Der zum Erzbistum Köln gehörende Ort war bis zum Zweiten Weltkrieg katholisch geprägt. Der Christliche Glauben ist in Niederaußem tief verwurzelt, zahlreiche Wegkreuze, Bilderstöcke aber vor allem das lebendige Gemeindeleben zeugen ebenso davon, wie die aufwendig gestaltete Fronleichnamsprozession, die alljährlich durch den Ort zieht. Niederaußem gehört zu den wenigen Orten seiner Größe, die zwei katholische Kirchen besitzen. Neben der Kirche St. Johann Baptist wurde als zweite katholische Kirche die Kirche St. Paulus im Neubaugebiet an der Paulusstraße errichtet. 2005 war Niederaußem mit großem Engagement am XX. Weltjugendtag in Köln beteiligt. Eine große Anzahl an Pilgern war im Ort untergebracht und am Kraftwerksparkplatz war ein zentraler Umsteigeort für Pilger auf dem Weg zu den Papstmessen. Die Busse pendelten direkt zwischen Niederaußem und dem Marienfeld.
Durch die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten entstand auch eine evangelische Gemeinde mit heute ca. 2100 Gläubigen. 1955 wurde die Erlöserkirche gebaut. Ein besonderes Zeichen der gelebten Brüderlichkeit zwischen den Konfessionen erlebte man während der großen gemeinsamen Feierlichkeiten zu 700-jährigen urkundlich belegtem Bestehen der Christlichen Kirchen in Nieder- und Oberaußem im Jahr 2006.
Mit der steigenden Migrantenzahl wird auch der Islam in Niederaußem praktiziert. Die nächstgelegene Moschee befindet sich im Ortsteil Quadrath-Ichendorf.
Infrastruktur Verkehr Straße mini|links|Alte Landstraße (die einstige Hauptstraße Niederaußems) mini|Dormagener Straße (B 477)
Historisch gesehen bildet die Alte Landstraße die einstige Hauptverkehrsader und „Nord-Süd-Achse“ Niederaußems. Heute hat der Ort, bedingt durch die Industrie, die relativ hohe Einwohnerzahl und die verkehrsgünstige Lage, ein hohes Verkehrsaufkommen.
Die B 477 führt direkt durch das Ortszentrum und bildet dort als Dormagener Straße die neue „Nord-Süd-Achse“ Niederaußems. Über diese Straße hat Niederaußem Anschluss an die Bundesautobahn 61. In fünf Kilometern Entfernung liegt die Autobahnauffahrt Bergheim/Elsdorf. Nach Osten wird der Verkehr über die Oberaußemer Straße (L 91) in Richtung Köln, Pulheim, Glessen und Oberaußem geleitet. Die Auenheimer Straße und die Werkstraße erschließen den Niederaußemer Westen und führen den Verkehr in Richtung Bedburg, Grevenbroich und Auenheim. Diese Straßen werden von der L 279, die an den Mönchshöfen entlang verläuft, entlastet. Es ist geplant, diese Straße in Richtung Osten zu erweitern und somit eine direkte Verbindung zur B 59 bei Stommeln zu schaffen, welche die Asperschlagstraße sowie Büsdorf und Fliesteden umgeht.