Bei den Fliegermorden im Hessischen Hinterland 1944 wurden nach dem Absprung aus ihren abgeschossenen Maschinen am 27. Oktober 1944 ein US-amerikanischer und am 7. und 10. Dezember 1944 zwei britische Flieger ermordet. Die Taten ereigneten sich im ehemaligen Landkreis Biedenkopf, heute Landkreis Marburg-Biedenkopf, im so genannten Hessischen Hinterland.

Mord an Paul Joseph Roberts Jr. Opfer Paul Joseph Roberts Jr., 22 Jahre alt, First Lieutenant, ASN: 01289139, United States Army Air Forces, aus Los Angeles, Vereinigte StaatenUnited States v. Wilhelm Dietermann and Andreas Ebling, German Civilians, Deputy Theater Judge Advocate’s Office, War Crimes Branch, United States Forces, European Theater, Case No. 12-643; Beschluss über die Vollstreckung der Todesstrafe vom 29. November 1945; veröffentlicht von der Philipps-Universität Marburg

Tathergang Am Tattag (15. oder 27. Oktober)Foto des Grabsteins nennt als Todestag den 15. Oktober, ein Dokument des Militärgerichts den 27. Oktober wurde der aus seiner beschädigten Maschine mit dem Fallschirm abgesprungene Roberts bei Buchenau, heute Gemeinde Dautphetal, von Zivilisten aufgegriffen. Er wurde entwaffnet und zum Büro des Bürgermeisters verbracht. Dort teilte ihm Gendarmerie-Leutnant Karl Menge aus Biedenkopf, Leiter der Gendarmerie des Kreises, mit, dass er erschossen werde. Menge fragte seinen Untergebenen, den Polizisten Wilhelm Dietermann, ob ihm der Befehl des Reichsführers SS bekannt sei, wonach alliierte Flieger nicht gefangen genommen werden sollten, was Dietermann bejahte. Auf Menges Anordnung fesselte Dietermann Roberts’ Hände auf den Rücken und führte ihn auf der Straße in Richtung Friedensdorf. Bei Carlshütte wurden sie von einem Auto eingeholt, in dem Menge und ein weiterer Mann namens Andreas Ebling saßen. Gemeinsam wurde der Weg zu einem Steinbruch fortgesetzt. Hier übergab Menge Roberts’ Pistole an Dietermann mit der Aufforderung, Roberts zu erschießen. In diesem Moment soll Roberts, der die Situation erkannt hatte, Dietermann angegriffen haben. Dietermann schlug daraufhin Roberts mit dessen eigener Waffe nieder und erschoss ihn.

Prozess Wegen des Mordes wurde am 10. und 11. Oktober 1945 vor einem Militärgericht der US-Armee in Heidelberg ein Prozess gegen Ebling und Dietermann geführt. Beide plädierten auf nicht schuldig. Der Prozess endete mit einem Freispruch für Ebling. Dietermann wurde jedoch schuldig befunden, die Tötung eines kriegsgefangenen Angehörigen der US-Armee entgegen den Gesetzen des Krieges willentlich herbeigeführt oder unterstützt und sich daran beteiligt zu haben. Er wurde zum Tod durch Erhängen verurteilt. Am 9. November 1945 wurde die Strafe zunächst dahingehend abgemildert, dass das Todesurteil durch Erschießung vollzogen werden sollte. Dies wurde wiederum durch einen Beschluss des Hauptquartiers der US-Armee vom 29. November 1945 aufgehoben. Dietermann hatte im Prozess Notwehr geltend gemacht, da er sich gegen den für ihn überraschenden Angriff durch Roberts habe zur Wehr setzen müssen. Dies wurde vom Gericht zurückgewiesen, da Roberts gefesselt gewesen sei und sich zwei weitere Personen, nämlich Menge und Ebling, in unmittelbarer Nähe befunden hätten. Die Annahme, Dietermann habe sich auf diese Weise gegen den unbewaffneten und gefesselten Roberts zur Wehr setzen müssen, sei absurd. Die Tat stelle einen bewussten und gewollten Mord dar. Ein Grund für eine Strafmilderung sei nicht zu erkennen. Der Beschluss wurde am 12. Dezember 1945 durch den Militärgouverneur, General Joseph T. McNarney, bestätigt. Die Hinrichtung Dietermanns wurde durch Erhängen vollzogen.

Gedenken Das Grab von Roberts befindet sich auf dem Arlington National Cemetery.

Mord an John Scott und Neil McGladrigan Opfer John Scott, 24 Jahre alt, Sergeant, Royal Air Force, aus Lossiemouth, Morayshire, SchottlandEintrag für Scott auf der Website der Commonwealth War Graves Commission, abgerufen am 20. Februar 2022 Neil Francis Dallaway McGladrigan, 22 Jahre alt, Flight Sergeant, Royal Australian Air Force, aus Kallangur, Moreton Bay Region, Queensland, AustralienEintrag für McGladrigan auf der Website der Commonwealth War Graves Commission, abgerufen am 20. Februar 2022

Vorgeschichte mini|Britischer Bomber Avro Lancaster I mit Merlin-XX-Triebwerken im Flug Am Abend des 6. Dezember 1944 führte ein Bomberverband des RAF Bomber Command den Luftangriff auf Gießen am 6. Dezember 1944 aus. Durch deutsche Nachtjäger wurden mehrere britische Maschinen abgeschossen. Zwei Bomber des Typs Avro Lancaster der No. 57 Squadron der Royal Air Force mit den Kennzeichen PD264 und NG199 stürzten nahe der Ortschaft Erdhausen (heute zu Gladenbach gehörend) im damaligen Kreis Biedenkopf ab. Die Mehrzahl der Besatzungsmitglieder kam dabei ums Leben. Drei Besatzungsmitgliedern der PD264, Warrant Officer John Forward, Flight Sergeant Neil McGladrigan und Sergeant John Scott, gelang der Absprung mit dem Fallschirm. Forward wurde gefangen genommen und überlebte den Krieg in einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Er kehrte nach Kriegsende nach Großbritannien zurück. Da er angab, er habe Scott und McGladrigan abspringen sehen, wurde in dem zur amerikanischen Besatzungszone gehörenden Absturzgebiet die Suche nach den für tot gehaltenen Fliegern aufgenommen. Die sterblichen Überreste der Flieger wurden schließlich aufgefunden, exhumiert, und nach erfolgreicher Identifikation auf einem Friedhof in Gladenbach beigesetzt. Später erfolgte ihre Überführung auf den Hanover War Cemetery.

Tathergang Die PD264 stürzte am 6. Dezember 1944 gegen 20:15 Uhr nahe Erdhausen auf freies Feld und ging in Flammen auf. In dem Wrack wurden die Leichen von vier Fliegern gefunden. Die örtliche Gendarmerie sicherte das Wrack und nahm die Suche nach abgesprungenen Fliegern auf.

Mord an John Scott Am Nachmittag des folgenden Tages, dem 7. Dezember 1944, erhielt Bezirksoberwachtmeister Konrad Mangold an seinem Dienstort in Erdhausen die Nachricht, dass John Scott in der Nähe von Wommelshausen (heute Ortsteil von Bad Endbach) aufgegriffen worden sei.Albert Schlierbach, Nikolaus 1944 im beschaulichen Salzbödetal, Verschiedene Ansichten einer wahren Begebenheit (Zeitungsausschnitte) Engelsdorfer Verlag Leipzig 2022, ISBN 978-3-96940-282-5, 69 S. Er machte seinem Vorgesetzten Karl Menge telefonisch Meldung und erhielt den Auftrag, den Briten gefangen zu nehmen. Mangold führte Scott zu Fuß nach Weidenhausen, als Menge und Gendarmeriemeister Karl Schmidt mit Motorrädern erschienen. Menge verlangte, Scott an Ort und Stelle zu erschießen, was Mangold ablehnte. Scott wurde daraufhin zum Büro des Bürgermeisters Ludwig Michel in Weidenhausen verbracht und in eine Gewahrsamszelle gesperrt. Dort soll Scott von Michel mit einem Stock geschlagen und misshandelt worden sein.

Menge gab unter Androhung von Konsequenzen Mangold nochmals den Befehl, Scott zu erschießen. Daraufhin wurde der Gemeindearbeiter Thomas genötigt, ein Grab in der Nähe des Weidenhausener Friedhofs vorzubereiten. Um 19:00 Uhr führten Bürgermeister Michel und Mangold Scott zu dem Grab in einem Unterholz, Michel hielt eine Taschenlampe, und Mangold erschoss den Gefangenen.

Mord an Neil McGladrigan Ebenfalls am 7. Dezember wurde McGladrigan in der Nähe von Mornshausen aufgegriffen und dem Gendarmen Otto Koch aus Eckelshausen übergeben. Da kein geeigneter Haftraum zur Verfügung stand, brachte Koch den Gefangenen ins Bürgermeisteramt in Mornshausen und bewachte ihn über die Nacht. Er soll ihn gut behandelt haben. Am nächsten Morgen erstattete Koch seinem Vorgesetzten Menge Bericht und brachte McGladrigan zur Polizeistation Biedenkopf. Am folgenden Tag, dem 9. Dezember, einem Samstag, wollte Koch den Gefangenen per Bahn nach Wetzlar in ein Durchgangslager für Kriegsgefangene bringen, doch der Bahntransport kam aus unbekannten Gründen nicht zustande. Anschließend telefonierte Menge mit Mangold. Er gab die Anweisung, McGladrigan an Mangold und einen weiteren Polizisten zu übergeben und ihn von diesen erschießen zu lassen. Mangold überbrachte diesen Befehl seinem Vorgesetzten, Gendarmeriemeister Schmidt in Gladenbach, der den Hilfspolizisten Ludwig Will zu Mangolds Unterstützung abstellte. Am Sonntagnachmittag, dem 10. Dezember, hob Will ein Grab in einem Waldstück etwa drei Kilometer nördlich von Gladenbach in Richtung Runzhausen aus. Zwischen 21:30 und 22:00 Uhr trafen Mangold und Will mit Koch und McGladrigan zusammen. Zu dritt führten sie McGladrigan zu der vorbereiteten Stelle im Wald. Mangold schoss dem Gefangenen mit seiner Pistole in den Kopf, während Will eine Taschenlampe hielt. Dieser Schuss war möglicherweise nicht sofort tödlich. Daraufhin wurde von Will ein weiterer Schuss abgefeuert. McGladrigans Leiche wurde dann in dem vorbereiteten Grab beerdigt.

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