mini|hochkant=1.4|Schematische Darstellung eines Superblocks im deutschsprachigen Raum (2021) Superblocks (auch Superilles (katalanisch), Supergrätzl (österreichisch), Quartierblock (schweizerisch) bzw. Superinseln oder Kiezblocks) bezeichnet ein Konzept der städtischen Verkehrsplanung und dient unter anderem der Verkehrsberuhigung von Wohnquartieren. Durch geeignete Mittel wird Kraftverkehr an der Durchquerung gehindert und zurück auf Hauptverkehrsstraßen geleitet. Befürworter argumentieren, dadurch werde die Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität für die Bewohner des Wohnquartiers sowie deren Gesundheit und Klimaresilienz gesteigert. Kritiker weisen auf Verkehrsverlagerungen und Probleme für Rettungs- und andere Dienste hin.
Grundlagen Namenserläuterung Als Superblock wird in der Stadtmorphologie die Ansammlung mehrerer Häuserblöcke bezeichnet, die in etwa die subjektiv wahrgenommene Nachbarschaft darstellen und ihrerseits beispielsweise durch größere Straßen begrenzt werden. Ausgehend davon werden unter dem Begriff Maßnahmenbündel der Mobilitäts- und Stadtplanung beschrieben, die im Wesentlichen der Abschwächung von urbanen Flächennutzungskonflikten und der Einhegung des motorisierten Individualverkehrs dienen, ohne dessen Nutzbarkeit wesentlich einzuschränken. Je nach Ausgangslage und verbundenen Zielsetzungen sind Umsetzungen mit kleinem bis mittleren baulichen Aufwand verbunden. mini|Kiezblock-Entwurf mit starken baulichen Eingriffen (Brüsseler Kiez, Berlin – Follert 2021) mini|Kiezblock-Entwurf mit geringen baulichen Eingriffen (Brüsseler Kiez, Berlin – Follert 2021)
Verkehrstechnik Innerhalb der Superblocks mini|Diagonalsperre: Häufiges Gestaltungselement zur Einschränkung der Durchfahrt für motorisierten Individualverkehr (MIV) mini|Diagonalsperre und Spielstraße eines Superblocks (Leipzig 2023) Zentrales Element der Superblocks sind Modalfilter (Fahrbahnbarrieren wie z. B. Diagonalsperren, Poller, Pflanzkästen), die nur bestimmten Verkehrsmitteln wie Fahrrädern und (Elektro-)Rollstühlen die Durchfahrt erlauben. Kraftfahrzeugen wird damit lediglich die direkte Einfahrt zum jeweiligen Zielort und anschließende Rückkehr zur Hauptstraße gewährt, ohne die Querung mehrerer Nebenstraßen zuzulassen. An neuralgischen Punkten können mechanisch umlegbare oder elektronisch versenkbare Poller Behörden- und Instandsetzungsfahrzeugen die Durchfahrt der Modalfilter ermöglichen.
Die durch die Modalfilter erzeugten Rundkurse für Kraftfahrzeuge können im Bedarfsfall zu Einbahnstraßen erklärt werden, um eine Einsparung notwendiger Fahrbahnbreiten und potentiell höhere Durchfahrtsgeschwindigkeiten zu ermöglichen. Aufgrund des damit möglicherweise erhöhten Verletzungsrisikos ist der Ansatz aus planerischer Sicht umstritten. Viele Superblocks sehen deshalb eine Angleichung der verschiedenen Maximalgeschwindigkeiten per Tempolimit oder die Umwidmung zum verkehrsberuhigten Bereich vor.
Als Orientierung schlägt das Ursprungskonzept der Superblocks eine Kantenlänge von 400 Metern vor. Ziel ist es, dass die Umfahrung eines Superblocks per Auto gleich lang wie Umrundung eines einzelnen Häuserblocks zu Fuß dauert, um die distanzabhängige Nutzung verschiedener Verkehrsmittel anzuregen. Fahrbahnverengungen und Gehsteig-Versatzstücke können ergänzend zur Verkehrsberuhigung und Verschiebung der Flächennutzung beitragen, ohne Fahrradfahrende zu behindern. Zur Anregung von Achtsamkeit weisen Kreuzungen in der Regel keine Ampeln auf. Parkraumbewirtschaftung und Anwohnerparken werden als komplementär zu den Zielsetzungen vieler Superblocks erachtet und können Teil eines Anreizsystems sein. Entgegen früherer Annahmen sind Superblocks auch für Städte mit nicht-quadratischem Straßenraster wie Straßenfächern oder historischen Mischformen geeignet.
Umgebung Die Schaffung von Superblocks kann mit nach Verkehrsträgern separierten Hauptverkehrsstraßen (bspw. mit geschützten Radfahrstreifen) sowie Aufpflasterungen an den Einmündungen in die Superblocks einhergehen, um Verkehrsformen mit größeren Geschwindigkeitsunterschieden auf längeren Strecken voneinander zu trennen und eine risikoärmere Umrundung des Superblocks zu Fuß zu ermöglichen. Unterstützend können gesonderte Signalanlagen für den Radverkehr die Anbindung an Radschnellwege und die Beachtung angemessener Fußwege die Verknüpfung von Superblocks verbessern. Zur Weiterführung des Ansatzes zur Ressourceneffizienz können umrandende und beibehaltende Parkzonen für Carsharing oder Bus- und Tramhaltestellen ausgewiesen werden. Eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gilt erfahrungsgemäß als Grundvoraussetzung für die Akzeptanz.
Ebenfalls relevant für den Erfolg von Superblocks ist eine bereits bestehende „[städte-]bauliche Kompaktheit“ oder mit der Einrichtung einhergehende Anreize zur Ansiedlung von Nahversorgung und örtlicher Daseinsvorsorge wie beispielsweise Lebensmittelversorgung, Arztpraxen, Bildungs-, Freizeit- und Betreuungszentren.
Flächengestaltung mini|Mobile Hochbeete im Straßenraum (Bremen 2017) mini|Öffentliche Toilette und Parkflächen für Taxis, Carsharing und Fahrräder (Wuppertal 2020) Durch die Umwandlung zu Kiezblocks ist vielfach mit Freiflächen zu rechnen, die einer neuen Verwendung zugeführt werden können. Dies kann der Überschneidung von Modalfiltern, der Optimierung von Verkehrsführungen aber auch vorgreifenden Maßnahmen wie dem Rückbau von Parkplätzen für Kraftfahrzeuge geschuldet sein. Werden in Kreuzungsbereichen mehrere Modalfilter anstelle einer einzelnen Diagonalsperre genutzt, können diese zusammenhängende, neue Plätze und „Mini-Fußgängerzonen“ schaffen.
Die frei gewordenen Flächen können in vielen Fällen zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität (z. B. Sitzgruppen mit Tischen und Bänken, Hochbeete, Spielplatzelemente), Klimaschutzmaßnahmen (z. B. Entsiegelung, Bepflanzung, Erweiterung von Plätzen und Parkanlagen, White-Label-Paketboxen) und der dezidierten Unterstützung anvisierter Fortbewegungsmittel (z. B. Fahrradstationen und -abstellanlagen, Ladestationen) genutzt werden. Auch Gestaltungselemente zur Förderung lebenslangen Lernens, kultureller Bildung (z. B. Bücherschränke, Freiluftbühnen) und Sportförderung sind denkbar.
Weitere Ansätze Aufgrund der erwartbaren Verlagerung auf Fuß- und Radverkehr sowie entsprechender Änderungen im Kauf- und Aufenthaltsverhalten kann die Einführung von Superblocks auch in Strategien zur „Wiederbelebung der Innenstädte“ und Förderung von Kleingewerbe, Zivilgesellschaft (Begegnungsstätten) oder Infrastruktur für urbane Produktion und Reparaturkulturen (z. B. Bibliotheken der Dinge, FabLabs) eingebunden werden.
Wegen des integrativen Ansatzes und einer möglichen Steigerung des Nachbarschaftswahrnehmung werden auch weitere infrastrukturelle Elemente und die Förderung von Bürgerenergiegenossenschaften zur dezentralen Stromerzeugung (Energy Sharing) diskutiert. Bereits zwischen 2015 und 2023 richtete die Stadtregierung Barcelona sogenannte Care-Superblöcke (Superilles de les Cures) ein, um auch die ambulante und häusliche Pflegedienste gemäß lokaler und nachbarschaftlicher Nahversorgung zu organisieren. Durch das Programm waren jeweils 12 Pflegefachkräfte etwa 50 Pflegebedürftigen im gleichen Einzugsgebiet zugeordnet, was den Beschäftigten kürzere Arbeitswege und mehr -autonomie sowie den Klienten eine stabilere Bezugsgruppe und flexiblere Betreuung zugestand.
Geschichte Das Konzept der Superblocks geht maßgeblich auf den spanischen Biologen, Psychologen, Umweltingenieur und Energietechniker Salvador Rueda zurück, dem nach eigenen Angaben ab 1995 mehrere praktische und wissenschaftliche Arbeiten vorausgingen. In ihnen führte er die Paradigmen der Wissensökonomie („Dematerialisierung der Ökonomie“), der nicht-linearen Energie- und Stoffströme („neuer, entropischer Metabolismus“) und des Recyclings zum Ökosystemischen Urbanismus zusammen.
Nachdem Superblocks in Barcelona seit den frühen 2000er-Jahren in der Stadtentwicklung Barcelonas Anklang fanden, fokussierte Rueda den Gestaltungsansatz 2012 auf die „Stadt als System der Proportionen“ im Sinne wiederkehrender städtebaulicher Erscheinungsformen und funktionaler Gesetzmäßigkeiten. 2014 leitete er daraus sieben Gestaltungsprinzipien ab:
Kontext urbanen Handelns: Alle Tätigkeiten sollen weder direkt noch indirekt ökologischen, ökonomischen oder sozial schaden. Landnutzung und Stadtmorphologie: Entfernungen wirken sich maßgeblich auf die Funktionalität, Synergien und Akzeptanz städtischer Infrastruktur aus. Sie sollen bei der Raumordnung beachtet werden, um sozialen Zusammenhalt zu steigern und dennoch Sozialsysteme zu entlasten. Urbane Funktionalität: Der öffentliche Raum soll sicher sein und gleichermaßen zu Mobilität und Lebensqualität beitragen. Mindestens 75 Prozent sollen der Ausübung von Bürgerrechten gewidmet sein. Urbane Komplexität: Die Förderung der Vielfalt von Institutionen, Individuen und deren Aktivitäten vermehrt das verfügbare Wissen. Urbane Räume und Dienstleistungen müssen darauf ausgerichtet sein (Smart Cities). Lokale Fertigung (Eigenproduktion) und eine Mischung von Wohn- und Gewerbeflächen im Verhältnis von 1:4 bis 1:3 in Gebäuden soll angestrebt werden. Stadtgrün und Biodiversität: Nachhaltigkeit und Artenvielfalt von Ökosystemen können nicht losgelöst von Bauwesen, Urbanistik oder Mobilität werden. Metabolische Effizienz: Städtische Stoff- und Energiekreisläufe wie Wassermanagement und Ressourcenwirtschaft sollen stets die größtmögliche Effizienz bei geringstmöglicher Beeinträchtigung des Ökosystems aufweisen. Sozialer Zusammenhalt: Die konfliktfreie Koexistenz verschiedener gesellschaftlicher Gruppen hängt vom Zugang zu Wohnraum und für den Alltag notwendiger öffentlicher Einrichtungen ab. Letztere sollten zu Fuß in maximal 10 Minuten erreichbar sein.
2017 entwarf Rueda die Superblocks als städtebauliches Modell, das neben dem heute dominierendem Fokus auf die Umgestaltung des Straßenlands auch Gebäude und Untergrund mit einbezieht. Ende des gleichen Jahres richtete Barcelona den ersten Superblock ein und dehnte den Ansatz 2018 auf weitere Häuserblöcke und Bezirke aus, was weltweit medial aufgegriffen wurde. Bis 2021 wurden durch Superblock Poblenou gut 27.500 Quadratmeter öffentlichen Raums erschlossen. 2020 kündigte Barcelona die Ausweitung der Superblocks auf weitere 21 Straßen an, was 334.000 Quadratmetern neuer Freifläche und 66.000 Quadratmetern neuer Grünfläche zur Folge haben soll. Dem Entschluss voraus ging eine Entscheidungsfindung per Participatory Budgeting. mini|Superblock mit provisorischer Begrünung, Radschnellweg und Modalfiltern (Poblenou 2016) alternativtext=Straße mit kreisrunden Asphaltausschnitten verschiedener Durchmesser, die durch Bäumchen und Bewuchs verschiedener Höhe geprägt sind – mittig ist der Straßenbelag in Breite eines gerade Fahrstreifens erhalten geblieben|mini|Superblock mit entsiegelten Flächen für Straßengrün (Barcelona 2024)
Verbreitung Überblick mini|Stadtmöbel bei der Eröffnung des ersten Superblocks in Leipzig (2023) mini|Low Traffic Neighbourhood (LTN) in Kingston, London (2020)
Neben der Verbreitung in Spanien (neben Barcelona beispielsweise Vitoria-Gasteiz) und ähnlichen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen sind Superblocks in verschiedenen Ländern und Städten verschiedener Bevölkerungsdichten umgesetzt worden. Auch in Städten ohne schachbrettartige Straßenform gibt es das Potenzial, Superblocks oder Miniblocks zu implementieren.
Deutschland und Europa Nach der Bildung erster Bürgerinitiativen in Deutschland schlossen sich mehrere von ihnen ab 2020 in der Kiezblock-Kampagne zusammen.
Berlin Die zugehörige Website listete für Berlin im Dezember 2024 72 Initiativen auf, die sich für die Einführung von Kiezblocks in ihren Wohnquartieren einsetzen. Inzwischen wurde in mehreren Berliner Bezirken die Umsetzung von Kiezblöcken begonnen.