mini|hochkant=1.4|Plögerscher Gasthof in Potsdam Der Plögersche Gasthof ist ein Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Anna-Zielenziger-Straße/Friedrich-Ebert-Straße in Potsdam, unweit des Alten Marktes (Anschrift Anna-Zielenziger-Straße 7). Seine rekonstruierten Fassaden gehen auf ein 1754 durch den preußischen Baumeister Carl Ludwig Hildebrandt errichtetes palladianisches Bürgerhaus zurück, das zu den von Friedrich dem Großen veranlassten Potsdamer Bauten nach italienischen Vorbildern gehörte.
Benannt ist das Gebäude nach Johann Christoph Plöger, der den Ursprungsbau 1765 erwarb und darin den Gasthof „Zum Prinzen von Preußen“ betrieb. Ab 1819 diente das Gebäude als Potsdamer Kommandantur. Beim Luftangriff auf Potsdam im April 1945 und den Kämpfen um die Stadt schwer beschädigt, blieb die Ruine mit wesentlichen Teilen der Schaufassaden und des bauplastischen Schmucks erhalten, wurde jedoch 1958 abgerissen. An ihrer Stelle entstand von 1970 bis 1974 ein Neubau für das Institut für Lehrerbildung Potsdam.
Im Zuge der städtebaulichen Neuordnung der Potsdamer Mitte wurden die Fassaden des Plögerschen Gasthofs von 2021 bis 2024 unter Verwendung erhaltener Spolien rekonstruiert. Der Neubau wird kulturell, gewerblich und zum Wohnen genutzt.
Geschichte mini|Blick auf Schloßstraße und Fiakerplatz, heute Steubenplatz (1771, Johann Friedrich Meyer) mini|Blick in die Schloßstraße, links der Plögersche Gasthof (1839, Wilhelm Barth) mini|Blick auf die Nikolaikirche (Max Baur, nach 1945), links im Bild der schwer beschädigte Plögersche Gasthof mini|Neuer Block III im Rohbau (Februar 2023) Errichtung und Nutzung als Gasthof Der Plögersche Gasthof wurde 1754 durch den preußischen Baumeister Carl Ludwig Hildebrandt errichtet. Es reihte sich damit in eine Vielzahl von Bauwerken ein, die Friedrich der Große nach italienischen Vorbildern erbauen ließ. In diesem Fall war es der Palazzo Valmarana in Vicenza, der von Andrea Palladio entworfen und ab 1565 errichtet worden war. Der Name Plögerscher Gasthof geht auf Johann Christoph Plöger zurück, der das Haus 1765 erwarb und einen Gasthof mit dem Namen „Zum Prinzen von Preußen“ betrieb. Zwei prominente Gäste im Mai 1778 waren Herzog Carl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach und sein Begleiter Johann Wolfgang von Goethe.Hans-Joachim Giersberg, Adelheid Schendel: Potsdamer Veduten. Stadt- und Landschaftsansichten vom 17.–20. Jahrhundert. Staatliche Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, Potsdam 1984, S. 33.
Kommandantur ab 1819 Ab 1819 beherbergte das Gebäude die örtliche Kommandantur. Eine sichtbare bauliche Veränderung erfolgte 1888 mit der Errichtung eines Balkons über dem Rundbogenportal der Hauptfassade.
Kriegszerstörung, Abriss und Nachnutzung des Grundstücks Den Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 hatte das Haus mit Hitzerissen überstanden, brannte jedoch bei den anschließenden Kämpfen um die Stadt am Monatsende aus. Dabei blieben der Figurenschmuck und die beiden Schaufassaden nahezu unbeschädigt erhalten.Siehe: Potsdam, Kommandantur / Ruine 1958 bei AKG images, abgerufen am 16. Februar 2021. Das Gebäude galt als unbewohnbar, war aber wiederaufbaufähig und denkmalgeschützt. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Denkmalpflegern und verworfenen Aufbauplänen beschloss der Rat der Stadt Potsdam am 18. Juni 1958 die Beseitigung der Ruine, da sie angeblich „eine ständige Gefahr für die werktätige Bevölkerung“ und den Straßenverkehr darstelle. Der Beschluss war auf Drängen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) erfolgt, deren Propaganda wochenlang „die Enttrümmerung der ehem. faschistischen Wehrmachtskommandantur“ feierte.Zitate aus zeitgenössischen Dokumenten bei Hans Berg: Die verlorene Potsdamer Mitte. Eigenverlag, Berlin 1999, S. 23–27. Die Attikaskulpturen wurden gesichert und gelangten später in den Park Sanssouci in ein eigens dafür angelegtes Rondell. Anstelle des Häuserblocks entstand dort von 1971 bis 1977 ein Neubau für das Institut für Lehrerbildung Potsdam, der seit 1991 von der Fachhochschule Potsdam genutzt wurde.
Städtebauliche Neuordnung der Potsdamer Mitte Die spätere Rekonstruktion der Fassaden des Plögerschen Gasthofs stand im Zusammenhang mit der seit der Wende verfolgten städtebaulichen Neuordnung der Potsdamer Mitte. Ausgangspunkt war ein Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 24. Oktober 1990, der eine „behutsame Wiederannäherung an den charakteristischen, historisch gewachsenen Stadtgrund- und -aufriß“ vorsah. Ende 1999 wurde das rund 30 Hektar große Gebiet förmlich als Sanierungsgebiet „Potsdamer Mitte“ festgelegt. Die Sanierungssatzung begründete dies mit städtebaulichen Missständen und dem Ziel, das Gebiet durch städtebauliche Sanierungsmaßnahmen wesentlich umzugestalten und zu verbessern.Landeshauptstadt Potsdam: Satzung über die förmliche Festlegung des Sanierungsgebietes „Potsdamer Mitte“ der Landeshauptstadt Potsdam vom 15. November 1999. Öffentlich bekanntgemacht am 16. Dezember 1999 (PDF).
Die Sanierungsziele wurden durch das am 1. September 2010 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Integrierte Leitbautenkonzept konkretisiert. Dieses formulierte grundlegende Gestaltungs-, Nutzungs-, Vermarktungs- und Verkehrsanforderungen für den zentralen Bereich der Potsdamer Mitte um den Alten Markt und unterschied zwischen Gebäuden mit Leitfunktion und zeitgenössischen Neubauten ohne Leitfunktion. Für die Blöcke III und IV nördlich des Alten Marktes wurde das Leitbautenkonzept 2016 weiter konkretisiert. In Block III, auf dem Areal des früheren Fachhochschulgebäudes, sollte nach dessen Abbruch auf Grundlage der historischen Parzellenstruktur und der straßenseitigen Gebäudekubaturen des Zustands vor der Zerstörung 1945 ein neues innerstädtisches Wohn- und Arbeitsquartier entstehen. Die Beschlussvorlage sah für Block III unter anderem das Eckgebäude Schloßstraße/Friedrich-Ebert-Straße, also den früheren Plögerschen Gasthof, als Leitfassade nach historischem Vorbild vor.
In den Jahren 2017/2018 wurde das Gebäude der Fachhochschule schließlich abgerissen. Der Abriss stieß bei Teilen der Potsdamer Bevölkerung auf Kritik und wurde von Protesten begleitet.Peer Straube: Fachhochschule in Potsdam ist weg. In: Potsdamer Neueste Nachrichten. 16. August 2018, abgerufen am 13. Februar 2022. Danach wurde auf dem Gelände mit archäologischen Ausgrabungsarbeiten begonnen. Unter den Resten des Plögerschen Gasthofs wurden neben Steinzeug aus dem 16. Jahrhundert auch Kellermauern der Vorgängerbauten entdeckt. Im Keller selbst wurden nur wenige Funde gemacht, was damit zusammenhängen könnte, dass der Plögersche Gasthof im Krieg nicht gänzlich zerstört wurde und viele Gegenstände vor der Sprengung im Jahr 1958 aus der Ruine geborgen wurden.Grabung unter dem Plögerschen Gasthof. In: Märkische Allgemeine. 7. März 2020, abgerufen am 13. Februar 2022.
Fassadenrekonstruktion bis 2024 Von 2021 bis 2024 wurde die palladianische Fassade des Plögerschen Gasthofs schließlich unter Verwendung von Spolien rekonstruiert. Der Wiederaufbau wurde durch die Potsdamer Wohnungsgenossenschaft 1956 eG durchgeführt; die Planung erfolgte durch das Berliner Architekturbüro Springer Architekten, geleitet von Jörg Springer.Neuer Plögerscher Gasthof – Springer Architekten Am Bau des gesamten Blocks III waren insgesamt sechs verschiedene Bauherren beteiligt, die aufgrund der räumlichen Gegebenheiten sowohl beim Aushub der Baugrube als auch beim Rohbau zusammenarbeiteten. Für den Plögerschen Gasthof wurde eine kulturelle und gastronomische Nutzung vorgesehen. Im Obergeschoss sollten ein Veranstaltungsraum und Büroräume entstehen; unter dem Dach vier Maisonette-Wohnungen mit jeweils ca. 100 Quadratmetern Wohnfläche.Potsdam: „My Keng“-Betreiber eröffnet neues Restaurant in rekonstruiertem Barock-Palais In: Märkische Allgemeine. 12. Januar 2024, abgerufen am 21. April 2024. Da die Friedrich-Ebert-Straße aufgrund der Straßenbahn heute breiter ist als ursprünglich, wurde beim rekonstruierten Gebäude vom historischen Stadtgrundriss abgewichen. Das Gebäude rückte leicht nach Osten und die Zeile wurde etwas kürzer als historisch.Anna-Zielenziger-Straße 6 / Anna-Zielenziger-Straße 7 (LOS 09) potsdamermitte.de 3. Oktober 2021, abgerufen am 20. Juni 2022. Gleiches gilt für das benachbarte Ensemble Acht Ecken.
Der Verein Stadtbild Deutschland, der sich unter anderem für Baukultur, Denkmalschutz, traditionelle Architektur sowie den Wiederaufbau von vormals zerstörten Bauwerken mit einem hohen mit hohem Einzel- oder Ensemblewert einsetzt, wählte die Rekonstruktion des Plögerschen Gasthofs zum Gebäude des Jahres 2024. Im Juni 2026 erhielt der Neue Plögersche Gasthof beim 22. Deutschen Naturstein-Preis, der vom Deutschen Naturwerkstein-Verband (DNV) in Zusammenarbeit mit dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) vergeben wird, in der Kategorie „Öffentliche Gebäude und Gewerbebauten“ eine besondere Anerkennung. Die Jury würdigte die Arbeit als „architektonisch und baukünstlerisch überaus gelungene, glaubwürdige Umsetzung einer Rekonstruktionsaufgabe“.Neuer Plögerscher Gasthof Potsdam In: Deutscher Naturstein-Preis 2026. Dokumentation, Deutschen Naturwerkstein-Verband e. V. (Hrsg.), Juni 2026, S. 24 f. (online als PDF; 6,31 MB)
Architektur mini|hochkant=1.4|Ansicht des Plögerschen Gasthofs zur NS-Zeit Der ursprüngliche Plögersche Gasthof war ein dreigeschossiges, unterkellertes Gebäude. Von seinem Vorbild weicht das Gebäude insofern ab, als dass der Palazzo Valmarana in Vicenza nur eine einzige straßenseitige Schaufassade besitzt, während es sich beim Plögerschen Gasthof um ein Eckhaus mit dementsprechend zwei Schaufassaden handelt. Hans Kania verwies zudem auf Unterschiede in der Fassadengliederung: Während der Palazzo Valmarana stärker in die Höhe entwickelt sei, ergebe sich beim Potsdamer Bau, bedingt durch zwei zusätzliche Fensterachsen an der Hauptfassade, eine breitere Fassadenwirkung. Zudem träten die Verkröpfungen des Architravs beim Plögerschen Gasthof stärker hervor. Auch die kolossalen Pilaster seien in Vicenza eher reliefartig behandelt, während sie beim Plögerschen Gasthof deutlicher vor die Fassadenebene treten.Hans Kania: Die Architektur der Stadt Potsdam im 18. Jahrhundert. Berlin 1909, S. 20.
Das ursprüngliche Bauwerk wurde aus Mauerziegeln errichtet, wogegen die tragende Konstruktion der Rekonstruktion aus Stahlbeton besteht. Die Fassade wird durch vierzehn Pilaster in Kolossalordnung vertikal gegliedert, davon acht an der der Anna-Zielenziger-Straße zugewandten Fassade und sechs an der der Friedrich-Ebert-Straße zugewandten Fassade. Sie beginnen an der Unterkante der Fenster des erhöht liegenden Erdgeschosses und schließen auf Höhe der Oberkante der Fenster des ersten Stockwerks mit Kapitellen ab, deren Originale von den Bildhauern Johann Melchior Kambly und Matthias Müller geschaffen wurden.Heinrich Ludwig Manger: Baugeschichte von Potsdam. 1789, S. 185–187. Der Sockel des rekonstruierten Gebäudes ist mit Bucher Sandstein verkleidet; die Gesimse, Ornamente und Kapitelle sind aus Königgrätzer Sandstein gefertigt.