Hans Peißker, auch Peisker, Peißger, Peusigker, Peisigker und Poißker geschrieben, manchmal auch Hans Doring genannt (* unbekannt; † 26. Januar 1536 in JenaMartin H. Jung: Philipp Melanchthon und seine Zeit. Göttingen 2010, S. 81. Heinz Scheible: Melanchthon. Vermittler der Reformation, München 2016, S. 101f.), war ein thüringischer Täufer und gemeinsam mit seiner Ehefrau Gastgeber einer kleinen Täufergemeinde, die sich in seinem Haus versammelte. Er starb als Märtyrer für seine Glaubensüberzeugungen.
Leben mini|Kleineutersdorf heute mit der Leuchtenburg im Hintergrund mini|Verhör Hans Peißker, Heintz Craut und Jost Muller(Ausschnitt aus dem Protokoll vom November 1535) Hans Peißker war ein Müller, dessen Mühle sich bei Kleineutersdorf in der Nähe von Orlamünde befand. Über sein Geburtsdatum und seine Herkunft schweigen die Quellen. Belegt ist aber, dass Peißker verheiratet war und mehrere Kinder hatte, darunter eine 16-jährige Tochter namens Margarethe (Marta?). Die Taufe empfing er von dem aus Hessen stammenden Täuferführer Melchior Rinck.Paul Wappler: Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526–1584. Gustav Fischer Verlag: Jena, 1913. S. 137; Die bei GAMEO/Artikel: Melchior Rinck (siehe „Rinck baptized Hans Peisker on 26 January 1536“) vorfindliche Angabe kann nicht stimmen. An diesem Tag wurde Peißker hingerichtet. Auf welche Weise Peißker mit der Täuferbewegung in Berührung kam, lässt sich aus den vorhandenen Quellen zu seiner Biographie nicht ermitteln.
Bekanntheit erlangte der Müller durch Informationen, die der im Dienst der Leuchtenburg stehende Schösser Peter Wolfram im Frühjahr 1535 von den merkwürdigen Vorgängen im Hause Peißkers erhalten hatte. Danach meide er den Umgang mit seinen Nachbarn und nehme samt seinem Gesinde nicht mehr am Leben seiner örtlichen Kirchengemeinde teil. Zwar habe in den vergangenen Wochen seine Frau einmal einen Kirchgang unternommen, aber doch wohl nur, um den äußeren Schein zu wahren. Der Müller äußere sich zudem kritisch zur kirchlichen Verkündigung und zu den in der Kirche gespendeten Sakramenten. Als besonders auffällig erschienen den Informanten auch „die seltsamen Gesänge und Zeremonien“ vor und nach den Mahlzeiten. Der Verdacht, Peißker sei ein Anhänger der sogenannten „Wiedertäufer“, erhärtete sich, als er eines Tages einem Bekannten gegenüber die Übernahme der Patenschaft für dessen neugeborenes Kind verweigerte. Er habe – so lautete seine Begründung – ein so enges Verhältnis zu Gott, dass er nicht mehr mit gutem Gewissen „ein Kind aus der Taufe heben“ könne.Paul Wappler: Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526–1584. Gustav Fischer Verlag: Jena, 1913. S. 138 Peter Wolfram meldete die erhaltenen Informationen schriftlich bei seinem Kurfürsten Johann Friedrich. Der Brief trägt das Datum Urbani [31. Mai] anno domini 35.Der Brief Peter Wolframs ist abgedruckt bei Paul Wappler: Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526–1584. Gustav Fischer Verlag: Jena, 1913. S. 395 unter der Nummer 53a.
Überwachung und Festnahme Infolge der schriftlichen Anzeige des Steuereintreibers Wolfram wurde Peißker und sein Mühlen-Anwesen unter geheime Beobachtung gestellt. Mühlen waren in der Reformationszeit beliebte Versammlungsorte von religiösen Dissidenten. Sie lagen in der Regel außerhalb von Stadtmauern und Ortschaften, was die Überwachung ihrer Bewohner und Besucher erschwerte.Erich Geldbach: Der etwas andere Melanchthon. Unzeitgemäße Anmerkungen zum Melanchthon-Jahr. In: Zeitschrift für Theologie und Gemeinde (ZThG). Nr. 3 (1998). S. 102 Aber nicht nur ihre Lage machte sie zu Orten täuferischer Zusammenkünfte. Der Theologe Anselm Schubert weist darauf hin, dass außer den Kirchen auch viele Mühlen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert hinein Gesuchten und Verfolgten Asyl bieten konnten. Sie galten als Freistatt und wurden deshalb auch „Freimühlen“ genannt. Flüchtlinge fanden hier Schutz, selbst wenn ihr Aufenthaltsort den obrigkeitlichen Behörden bekannt war.Anselm Schubert: Täufertum und Kabballah. Augustin Bader und die Grenzen der Radikalen Reformation (Hrsg. Verein für Reformationsgeschichte). Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2008. S. 134f Peißkers Mühle scheint keine Freimühle gewesen zu sein, denn am Sonntagmorgen, dem 21. November 1535, verhafteten die „von den Behörden bestellten Häscher“ den Müller, seine Tochter und um die 16 weitere Personen, die sich über Nacht in der Mühle aufgehalten hatten.Erich Geldbach: Der etwas andere Melanchthon. Unzeitgemäße Anmerkungen zum Melanchthon-Jahr. In: Zeitschrift für Theologie und Gemeinde (ZThG). Nr. 3 (1998). S. 102 Verschont blieben die Ehefrau Peißkers, „weil die mit grossem schwangern leib beladen“, sowie die „andern kinder, die etzwas jung und noch unvorstendig“ waren.Eingenommenen Bericht und anzeigung der eilf mannes und füf weibespersonen, welche Suntags nach Elisabeth [21. November] im Dorf Kleinen Ewderßdorff … gefengklichen angenommen. Abgedruckt bei Paul Wappler: Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526–1584. Gustav Fischer Verlag: Jena, 1913. S. 396f
Ausführlich werden im Verhaftungsprotokoll Einzelheiten der Gefangennahme und des Gefangenentransports beschrieben. Danach stimmten die Versammelten noch vor der eigentlichen Festnahme den Choral „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ anDie erste Strophe entstammt dem 13. Jahrhundert; die Strophen 2–4 wurden von Martin Luther hinzugefügt. und ließen sich „mit frohlichem gemuet“ gefangen nehmen. Auch sei Peißkers Abschied von Ehefrau und Kindern merkwürdig verlaufen. Die Eheleute hätten sich mit Schwester und Bruder angeredet sowie sich gegenseitig getröstet. Peißker habe außerdem seine Frau ermahnt, „in irem glauben vest und bestendig zu bleiben“ und die gemeinsamen Kinder im Glauben zu unterrichten. Zum Schluss hätten sie sich „mit allen frewden geletzet“.=„Mit allen Freuden verabschiedet“; siehe dazu den Artikel Letzen in: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (bearbeitet von Elmar Seebold). De Gruyter: Berlin / New York 2002 (24. durchgesehene und überarbeitete Auflage). S. 571, Sp II Bei der Durchsuchung des Peißkerschen Wohnhauses fiel ein Kessel mit Fleisch auf, der mit anderen Nahrungsmitteln bei der Feuerstelle stand. Bei einfachen Bauern hätten die vorgefundenen Speisen für rund 30 Personen ausgereicht.Eingenommenen Bericht und anzeigung der eilf mannes und füf weibespersonen, welche Suntags nach Elisabeth [21. November] im Dorf Kleinen Ewderßdorff … gefengklichen angenommen. Abgedruckt bei Paul Wappler: Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526–1584. Gustav Fischer Verlag: Jena, 1913. S. 396f Auf dem Weg zur Leuchtenburg hätten die 16 Gefangenen gebetet und ohne Unterlass gesungen. Beim Durchzug durch die Dörfer habe Hans Peißker immer wieder die Einwohner zur Umkehr gerufen: „Liebes Volk, tut Buße, denn des Herrn Tag ist nahe bei uns!“ Kurz nach der Ankunft auf der Leuchtenburg erfolgte ein erstes Verhör der Verhafteten. Auf die dort gestellten Fragen gaben sie nur ausweichende Antworten. Zu ihren Anschauungen seien sie nicht durch besondere Lehrer der Täuferbewegung gekommen. Sein „lebendiger Vater“ – so Hans Peißker – „der Schöpfer Himmels und der Erden“ habe ihn darin unterwiesen. Auch die Namen und Wohnorte anderer Teilnehmer an den Täufertreffen wollte er nicht verraten: „Es seien Kinder Gottes, ihr Fleisch sei von der Erden, und sie wohnen in der Hand Gottes zwischen Himmel und Erde.“Paul Wappler: Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526–1584. Gustav Fischer Verlag: Jena, 1913. S. 139f
Liste der in der Mühle bei Kleineutersdorf verhafteten Täufer und Täuferinnen Die Namen der 16 bei Kleineutersdorf festgenommenen Täuferinnen und Täufer sind überliefert und finden sich in dem bereits erwähnten Verhaftungsprotokoll. Nr.NameHerkunftBemerkungen01Hans PeißkerMühle bei KleineutersdorfGastgeber der Versammlung, Vater der Marta Peißker02Jorge KnoblauchEmseloh (heute Ortsteil der Stadt Allstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz)Ehemann der Anna Scheidemantel; man fand ein Messer, versteckt in seiner Schuhsohle03Rudolf SchermerAscherslebenein „armer Drescher“ von Beruf; man fand bei ihm ein Messer04Jobst MullerSchönau bei Wiesenburgverheiratet mit Ursula Widekind; man fand bei ihm ein Messer in den Schuhen05Lorenz PetzschEmseloh bei Sangerhausenman fand bei ihm ein Messer06Peter RollenpergerOberbucka bei Monich Bernßdorfein Leineweber von Beruf07Herman GerewmeWalterßhawsen (heute Landkreis Gotha)von Beruf ein Köhler, wohnte in Kleinschmalkalden, war verheiratet08Jobst MewrerHaer (Ortsteil der Stadt Wilkau-Haßlau im Landkreis Zwickau)war verheiratet und Vater eines Kindes09Heinrich MullerSchönau bei Wiesenburgvon Beruf Müller und Futterschneider; war verheiratet mit Anna Widekindts (=Widekind?) Drawlick und Vater eines Kindes10Heinz Kraut (Krawt, Heintz Craut)Esperstatt bei Frankenhausenvon Beruf ein Schneider, war verheiratet; seine Frau befand sich wegen ihres Glaubens im Gefängnis in Donna (heute im Landkreis Gotha gelegen); Kraut war unter den Gefangenen der einzige Schreibkundige11Merten KolbeDobersdorf bei Sangerhausenvon Beruf ein Schäfer; war verheiratet, von Heinz Kraut mit den Täufern bekannt gemacht worden; befand sich im Besitz einer größeren Geldsumme (2 Schock Geldes)12Anna Widekindts (=Widekindes?) DrawlickSchönau bei Wiesenburgwar verheiratet mit Heinrich Müller13Anna ScheidemantelsEmseloh (heute Ortsteil der Stadt Allstedt im Landkreis Mansfeld-Südharz)verheiratet mit Jorge Knoblauch; schwanger; gab über ihre empfangene Taufe nähere Auskunft.14Margarethe (Marta?) PeißkerMühle bei KleineutersdorfTochter Hans Peißkers; war zur Zeit der Festnahme 16 Jahre alt; nannte ihren Vater „Bruder“ und wurde von ihrem Vater „Schwester“ genannt15Ursula Widekindes (=Widekindts?)Schönau bei Wiesenburgwar verheiratet mit Jobst Muller; „getraut von Gott“ (ohne Hinzuziehung eines Geistlichen)16Ursula MewrersSchönau bei Wiesenburgwar die unverheiratete Tochter des Jacoff Mewrers und eine leibliche Schwester Jobst Mewrers; hoffte, dass auch ihr Vater sich den Täufern anschließt
Verhöre und Verurteilung Auf der Leuchtenburg angekommen, trennte man die Gruppe der Verhafteten aus Sicherheitsgründen. Während 12 Gefangene, darunter die Frauen, im Burgverlies verblieben, wurden Hans Peißker, Heintz Crautauch Heinz Kraut geschrieben, Jo(b)st Muller sowie Lorenz Petzsch nach Jena verbracht. Letzterer erklärte, dass er noch nicht getauft sei, auch sonst in der täuferischen Lehre nicht sehr bewandert wäre. Er könne sich durchaus vorstellen, nach einem gewissen theologischen Unterricht seine bisherigen Auffassungen zu widerrufen. Das Verfahren gegen Petzsch wurde deshalb abgetrennt.