mini|Marine-Öllager Farge, Bauplan vom 15.12.1938 mini|Die Baustelle im US-Luftbild vom 29. Juli 1943. Ausschnitt Das Marine-Öllager Farge (auch Kriegsmarine-Öllager Farge oder Kriegsmarinetanklager Farge) war ein umfangreiches militärisches Bauprojekt der NS-Kriegsmarine an der Unterweser, das 1939 begonnen und nicht zu Ende geführt wurde (nicht zu verwechseln mit dem Wifo-Tanklager Farge). Die Infrastruktur dieser Kriegsmarinebaustelle wurde ab 1943 von der Organisation Todt für den Bau des nahegelegenen U-Boot-Bunkers Valentin, und vom Konzentrationslager Neuengamme zur Einrichtung eines Außenlagers (KZ Farge) genutzt.

Baugeschichte Das NS-Regime plante 1938/39 zur Versorgung seiner Kriegsmarine mit Treibstoffen (Schwerölen) ein großes Vorratslager im damaligen Farge (Ortsteil Rekum), das Marine-Öllager Farge. Es sollte wesentlich größer werden als die seit dem Ersten Weltkrieg genutzten Öllager (auch Ölhöfe genannt) in Bleckede an der Elbe und Achim an der Weser. Direkt neben dem Gelände des Wifo-Tanklagers für Benzin sollten auf einer Fläche von 350 ha insgesamt 16 Öl-Behälter mit je 10.000 m³ und 70 Behälter mit je 20.000 m³ Fassungsvermögen gebaut werden. Die halb-unterirdischen bunkerartigen Öltanks sollten aus Beton bestehen, wie die in Achim und Bleckede. Unter Leitung von Marinebaurat W. Bosselmann wurden von Frühjahr 1939 bis Sommer 1941 die meisten der kleineren Tanks fertiggestellt, aufrechte zylindrische Stahlbeton-Kessel mit einem Durchmesser von 48 m, einer Höhe von ca. 7 m und einer von 67 Säulen gestützten Betondecke. Sie waren metertief im Boden eingelassen. Nachdem festgestellt worden war, dass die britische Luftwaffe die sandigen Flächen der Baustelle als Orientierungsmarke nutzte, sollten diese zur Tarnung mit Erde überdeckt und bepflanzt werden. Dafür beantragte das Hafenbauressort der Kriegsmarine am 26. Juli 1941 – wegen eines Mangels an Arbeitskräften (Zivilarbeiter, Kriegsgefangene) – die „Zurverfügungstellung von 300 Konzentrationslager-Gefangenen“.Bauakte Marinebauamt Achim S. 218, in: Rudolf Dämmer: Planung, Entwicklung und Durchführung der Ölbevorratung der Kriegsmarine am Beispiel des Marinetanklagers Farge 1938–1945. Diplomarbeit im Fachbereich Betriebswirtschaft der Universität der Bundeswehr, München, 1992 (Typoskript, unpubliziert), S. 110 Bis auf diese Tarnungsarbeiten wurde alle Bautätigkeit zugunsten anderer militärischer Bauprojekte am 3. Juli 1941 eingestellt. Die Behälter wurden nie mit Öl befüllt und 1945 von der britischen Besatzungsmacht gesprengt.

Bis 1941 wurden außerdem noch folgende Infrastrukturen geschaffen:

6 km Zuführungsstraßen (u. a. die damals sogenannte Lagerstraße, heißt seit Juni 1951 Hospitalstraße) 6 km Normalspurgleis zur Baustelle (parallel zur Hospitalstraße) 9 km Rohrkanal aus Beton, ca. 1,5 × 2 m, beheizbar, für ca. 30 cm weite Ölrohrleitung (u. a. der Rohrkanal zum Weserufer, der die Rekumer Straße bei Haus-Nr. 70 unterquert. Darin verläuft seit ca. 1970 die Nato-Pipeline vom Wifo-Tanklager über Oldenburg nach Wilhelmshaven.) 1 Pumpenhaus an der Weser (von privat 1947 erworben und umgebaut, 1998 abgerissen) 1 Transformatorenhaus an der Weser auf dem Gelände des Rohrkanals (jetzige Trafostation 989 an der Straße Unterm Berg) 1 Feuerlöschhaus (Farger Straße 134, 2019–2020 durch Neubau ersetzt) 1 Ölumschlagsbrücke an der Weser (Öl-Pier, 2018–2020 abgerissen) 6 Doppelwohnhäuser mit Dienstwohnungen (sogenannte Marinehäuser, Straße Unterm Berg Nr. 61/63, 65/67, 69/71, 75/77, 79/81, 83/85, gebaut 1939/40) 1 Arbeiterunterkunft aus einfachen Steinbaracken (Marine-Gemeinschaftslager)

Marine-Gemeinschaftslager mini|Marine-Gemeinschaftslager Bremen-Farge. US-Luftbild vom 29. Juli 1943. Ausschnitt Ca. 800 in- und ausländische Arbeitskräfte verschiedener Bauunternehmen (u. a. Firma Carl Brandt, Hoch- und Tiefbau; Firma Wallrabe und Budelmann aus Blumenthal, Firma Carl Duve aus Bremen) wurden ab 1939 in einem eigenen Arbeiterwohnlager, dem Marine-Gemeinschaftslager Bremen-Farge (Bezeichnung ab 1943: Marinelager Neuenkirchen) untergebracht, bestehend aus 21 Wohnbaracken sowie „Kaufhaus“, Sanitätsabteilung mit Krankenrevier und Behandlungsräumen, Wirtschaftsbereich mit Küche, Speisesaal und Vorratsräumen und einem Sportplatz (siehe Abbildung). Dieses Wohnlager am Rande der Baustelle entsprach damals modernsten Standards und wurde als „Musterlager der Deutschen Arbeitsfront“ ausgezeichnet.Meldung im Osterholzer Kreisblatt 1940 (zitiert nach Gabriele Jannowitz-Heumann: „NS-Musterstätten – NS Musterlandschaft 1933–1945“. Eine Bestandsaufnahme im Landkreis Osterholz. Archiv-Nachrichten Niedersachsen Band 14,2010; S.51-62): „Besuch im Marinebaulager Neuenkirchen. Vorbildliche soziale Betreuung. Es wird alles getan, den Aufenthalt im Lager so angenehm wie möglich zu machen. Gepflegte Grünanlagen vor der Sommerterrasse im Marinebaulager Neuenkirchen. Unterhaltungsmusik aus den Lautsprechern, ein gutes Buch und Sonnenschein, was braucht man mehr?... Auf Einladung der DAF fand kürzlich eine Besichtigung des Marinebaulagers Neuenkirchen statt, auf der wir uns persönlich von den mustergültigen Einrichtungen überzeugen konnten, um für die, die hier schaffen, ihr Heim zu ersetzen. [Dann] hatten wir eine kurze Unterredung mit dem Lagerführer, dem Vater des Betriebes, der uns mit knappen Worten den Aufbau des Lagers, die vorbildliche soziale Betreuung der Lagerinsassen und die Aufgaben des Lagerführers umriss. Nicht nur der äußere Mensch wird versorgt durch Kleidung und Arbeitszeug, auch der innere Mensch durch kulturelle Bildung und Lagergemeinschaft. Das Beste ist für den deutschen Arbeiter gerade gut genug.“ Auch Einwohner von Farge und Blumenthal arbeiteten dort, u. a. als Verwaltungsangestellte (Schreibkräfte oder Buchhalter). Lokale Betriebe (u. a. Bäcker, Klempner und Dachdecker aus Farge, Rekum und Neuenkirchen) waren an der Versorgung des Lagers beteiligt.

Im nahegelegenen Schwanewede wurden von 1940 bis 1943 die Arbeiterlager Heidkamp I und II errichtet, als Erweiterung des Marine-Gemeinschaftslagers.

Flugabwehrkanonen-Stellung Quetschenberg Etwa 500 m nördlich der Baustelle befand sich am Rand der Zufahrtsstraße (heutige Hospitalstraße) eine Flakstellung mit 18 Kanonen, wie alliierte Luftbilder vom 24. Februar 1944 zeigen. Dort waren stationiert die 1. Batterie der Flakabteilung 182 (1941), die 2. und 6. Batterie der Flakabteilung 390 (1943–44) und die 1. Batterie der Flakabteilung 390 (1944). Die Stellung lag inmitten von Feldern, die von den einheimischen Bauern fortlaufend beackert wurden. Mehrmals wurden 1944 alliierte Bombenflugzeuge abgeschossen, so am 29. März, 1. August und 31. Dezember.

Nachnutzung von Gelände und Gebäuden Das Marine-Gemeinschaftslager wurde von 1943 bis 1945 für die Unterbringung von Beschäftigten beim Bau des U-Boot-Bunkers Valentin genutzt. Am 24. April 1945 wurden ca. 10 Krankenbaracken samt Personal von Marinebaurat Bosselmann als „Marine-Hospital“ an den Landkreis Osterholz (vertreten durch NSDAP-Landrat Becker) übergeben. Am 20. Mai 1945 übernahm die US-Besatzungsmacht die Verwaltungsaufsicht über die gesamte intakte Anlage mit 30 Unterkunfts- und Funktionsbaracken (sie war nicht bombardiert worden), die alsdann als „Evangelisches Hospital Neuenkirchen“ betrieben wurde.

Die Bundeswehr nutzte ab 1958 das Baustellengelände als militärisches Sperrgebiet (Truppenübungsplatz), und ab 1. April 1961 das ehemalige Evangelische Hospital Neuenkirchen als Weser-Geest-Kaserne. Nur wenige Lager-Baracken sind bis heute (Stand 2022) erhalten geblieben, darunter die heutigen Gedenkstätten Baracke Wilhelmine und Baracke 27.

Die Baracken der Flakstellung am Quetschenberg wurden nach Kriegsende bis in die 1950er Jahre als Behelfsheime für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten genutzt.Heimatarchiv, Heimatfreunde Neuenkirchen e.V. (Dezember 2023)

Historische Bedeutung Bedeutung erlangte die Großbaustelle des Marine-Öllagers als Standort des Gestapo-Arbeitserziehungslagers Farge (AEL, von Herbst 1941 bis Mitte 1943 innerhalb des Marine-Gemeinschaftslagers, und dann außerhalb, auf dem Baustellengelände „Rekumer Heide“ bis Kriegsende 1945), und als Standort eines Außenlagers des KZ Neuengamme (KZ-Arbeitslager Bremen-Farge, vom 1. Juli 1943 bis 8. April 1945,KZ Bremen-Farge, vom 1.7.1943 bis 8.4.1945 lt. Nr. 179 Verzeichnis der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos gemäß § 42 Abs.2 BEG, Bundesgesetzblatt 1; 1967, 234–254 untergebracht in umgebauten Ölbehältern).

Oberirdisch neben den Dächern dieser mit Erde überschütteten Ölbehälter wurden Baracken für Küche, Abort, Krankenrevier, Verwaltung etc. errichtet.

Im November 1943 brachte die SS die ersten von ca. 2000–3000 Häftlingen vom KZ Neuengamme in das KZ Bremen-Farge, um sie unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit am Bau des U-Boot-Bunkers Valentin zu zwingen, auf Anforderung der Organisation Todt (ab dem 2. September 1943 geführt von Albert Speer). Das KZ Bremen-Farge war am 25. März 1945 mit 2092 männlichen Häftlingen belegt.

Außerdem existierten seit 1943 auf dem Baustellengelände zwei große Barackenkomplexe, das sogenannte Russenlager und das Lager Heidkamp. Dort waren bis zum Kriegsende im Mai 1945 tausende Menschen untergebracht, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter (Männer und Frauen) aus verschiedenen Ländern.

Literatur Rudolf Dämmer: Planung, Entwicklung und Durchführung der Ölbevorratung der Kriegsmarine am Beispiel des Marinetanklagers Farge 1938–1945. Diplomarbeit im Fachbereich Betriebswirtschaft der Universität der Bundeswehr, München, 1992 (Typoskript, unpubliziert). Heinz Kuhlmann: Das Öllager Achim. In: Achimer Geschichtshefte, Nr.21 (2016), S. 31–44 Heinz Kuhlmann: Das Öllager Achim ab 1933. In: Achimer Geschichtshefte, Nr.22 (2017) S. 37–55 Peter-Michael Meiners. Die Lager der U-Bootbunkerwerft Valentin. In: Rüstung und Zwangsarbeit.Ergebnisse einer Spurensuche. Farge-Rekum-Neuenkirchen-Schwanewede. Eigendruck im Selbstverlag.Ritterhude 2017

Weblinks H. Bendler. Der Ölhof Bleckede, private Website zum Öllager Kriegsmarinetanklager Farge (Schwanewede)

Einzelnachweise

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