alt=Schwarzweißfoto von Lamine Senghor, seitlich fotografiert, stehend als Redner|mini|hochkant|Lamine Senghor, Gründer und erster Generalsekretär der LDRN, 1927 Die Ligue de défense de la race nègre war eine frühe französische Bürgerrechtsorganisation schwarzer Menschen. Sie wurde 1927 aus der Vorgängerorganisation Comité de Défense de la Race Nègre heraus gegründet, deren Wurzeln wiederum bis 1924 zurückreichen. Ihr Sitz war in Paris.
Die Ligue vertrat dezidiert antikolonialistische und antirassistische Positionen und bot dabei sowohl panafrikanistischen wie afro-nationalistischen Vorstellungen Raum. Die engen Verknüpfungen mit kommunistischen Ideen und Organisationen waren in der Gruppe immer wieder umstritten und führten 1931 zur Spaltung, nach der die kommunistischen Mitglieder die Union des travailleurs nègres gründeten. Danach vertrat die Ligue ein antikolonialistisches und panafrikanistisches, aber antikommunistisches Weltbild. 1937 wurde sie von den französischen Behörden verboten.
Unter dem Namen Liga zur Verteidigung der Negerrasse gab es in Berlin von 1929 bis 1935 auch eine deutsche Sektion der Ligue. Gegründet von Aktivisten kamerunischer Herkunft, war sie antikolonialistisch und panafrikanistisch ausgerichtet, international mit anderen aktivistischen Organisationen schwarzer Menschen vernetzt und kooperierte eng mit kommunistischen Vorfeldorganisationen. Sie unterstützte unter anderem verbotene politische Aktivitäten in Kamerun, dem Herkunftsland zahlreicher Mitglieder.
Die französische Gruppe Gründung – das Comité de défense de la race nègre 1926 Im März 1926 wurde das Comité de Défense de la Race Nègre (CDRN) in Paris von Lamine Senghor und Joseph Gothon-Lunion gegründet. Viele Mitglieder waren bereits zuvor Mitglied der ersten Sammelorganisation schwarzer Menschen in Frankreich gewesen, der Ligue universelle de défense de la race noire. Die Gründung einer eigenständigen Organisation wurde vor allem als notwendig erachtet, da die Mitarbeit in der einzigen antikolonialistischen Organisation der Zeit, der Union Intercoloniale der Kommunistischen Partei Frankreichs, sich als unzulänglich erwies. Das Comité begann mit der Herausgabe einer Zeitschrift La Voix des Negres und durch den Einsatz Senghors, der durch französische Hafenstädte reiste und vor Arbeitern Reden hielt, gründeten sich dort wie sogar in Westafrika Ableger des Comité de Défense. 1926 hatte das Comité rund 1000 Mitglieder, in Marseille 250, in Bordeaux 150, in Le Havre 300 und in Paris 200. Die Zahlen zur Präsenz schwarzer Menschen aus den Kolonien im damaligen Frankreich schwanken je nach Definition stark, Quellen geben für 1926 2.680 in ganz Frankreich bzw. 10 bis 15.000 allein in Paris an (letztere schloss jedoch vermutlich einen großen Anteil von Personen aus Nordafrika ein), Murphy spricht von weniger als 20.000 schwarzen Menschen in Frankreich.
Flügelstreit und Spaltung 1927 Das Comité bot einem breiten Spektrum von Positionen Raum, neben den Antikolonialisten, die für die Unabhängigkeit der Kolonien stand, auch den Assimilationisten, die das Bürgerrecht der Kolonialisierten und ihre Gleichbehandlung als Franzosen forderten. Daneben ging es auch um die Frage, ob der Begriff nègre oder der Begriff noir als Selbstbezeichner dienen sollte – die Beibehaltung des Begriffs nègre war Senghor wichtig, er wollte es als Geusenwort nutzen und „dieses Wort aus dem Schlamm ziehen, durch den sie es ziehen, um es zu einem Symbol zu machen“. Der Begriff nègre symbolisiere demnach afrikanische Herkunft und politische Radikalität, wohingegen Noir mit nur kolonialreformerischen politischen Vorstellungen assoziiert würde.
Rasch entwickelten sich in der Führung des Comité daraus inhaltliche Dispute, in deren Zentrum die Frage nach der politischen Radikalität der Gruppe stand. Der assimilationistische Teil des Komitees zeigte sich besorgt über die dezidiert antikolonialen sowie stärker an der Arbeiterklasse und daraus folgend kommunistisch ausgerichteten Vorstellungen der Fraktion um Senghor und deren Bereitschaft, die französische Regierung offen zu kritisieren, was als antifranzösisch ausgelegt werden könnte. Diese Dispute führten 1927 zur Übernahme der CDRN durch die moderate Fraktion unter afro-karibischer Führung, sie benannte es um in Comité de défense de la race noire.
Internationaler Erfolg und Neugründung als Ligue de Défense de la Race Nègre Inmitten des internen Konflikts reiste Senghor im Februar 1927 zum Kongress der Liga gegen Imperialismus und für die nationale Unabhängigkeit in Brüssel, der von Willi Münzenberg organisiert worden war und ein breites Spektrum antikonialistischer Kräfte versammelte. Senghor hielt bei der Eröffnung eine Rede, die nicht nur vor Ort Begeisterung auslöste, sondern auch darüber hinaus große Beachtung fand, so wurde sie ins Englische übersetzt und in US-amerikanischen Zeitschriften abgedruckt. Roger Nash Baldwin, Mitgründer der ACLU, nannte Senghor daraufhin „einen der bedeutendsten der hommes sans patrie“ und Senghor wurde noch auf dem Kongress zum Leiter der Arbeitsgruppe ernannt, die eine Resolution zur Negerfrage entwarf, deren Text deutlich von ihm geprägt ist.
Als Resultat der Übernahme der CDRN gründeten nach seiner Rückkehr Senghor, Tiemoko Garan Kouyaté und der Postangestellte Camille Sainte-Rose aus Martinique im Mai 1927 die Ligue de Défense de la Race Nègre, anfangs noch geführt von Senghor. Ab Juni erschien als Organ der Gruppe die Monatszeitschrift La Race Nègre mit einer Auflage zwischen 2.000 bis 3.000 Exemplaren.
Nunmehr ohne Einschränkungen durch die kolonialreformerischen und assimilationistischen Mitglieder formulierte die Liga antikolonialistische Positionen wie die Forderung nach Unabhängigkeit der Kolonien aus und verknüpfte sie mit kommunistischen Ideen. Sie besaß in allen bedeutenden Hafenstädten Frankreichs aktive Gruppen mit insgesamt rund 1000 Mitgliedern. Von den Behörden wurde die LDRN wie ihre Vorgänger- und Nachfolgeorganisation überwacht, von den rund 50 ausspionierten Mitgliedern in Paris waren rund die Hälfte als Dienstleister oder Arbeiter tätig, sieben Studenten und fünf Rechtsanwälte, der Rest waren mehrheitlich kleine Angestellte.
Führungswechsel – Die Ligue als kommunistische Vorfeldorganisation 1927–1930 Während man sich im antikolonialen Grundprinzip einig war, waren die genauen Forderungen in der Gruppe recht variabel. Während einige Mitglieder nationalistische Gedanken staatlicher Unabhängigkeit artikulierten, vertraten andere panafrikanistische Ideen. Wenngleich eine wie auch immer geartete Unabhängigkeit der Kolonien unbestritten gemeinsames Ziel war, kämpfte die Gruppe auch für Verbesserungen des alltäglichen status quo afrikanischstämmiger Franzosen.
Noch 1927 starb Senghor an einer Lungenentzündung, Spätfolge einer Kriegsverletzung durch Gas in Verdun. Sein Nachfolger wurde Tiemoko Garan Kouyaté, der in den folgenden Jahren ein internationales Netzwerk aufbaute, darunter zu einer kongolesischen Gruppe in Brüssel, einer kurzlebigen Gruppe um Jomo Kenyatta in London, zu amerikanischen Aktivisten wie W. E. B. Du Bois und in den französischen Kolonien wie Senegal und Kamerun, kurzfristig gab es auch einen direkten Ableger der Liga in Kribi. Nach Kamerun schmuggelte Kouyaté auch Propagandamaterial ein. Die Aktivitäten der LDRN in Frankreich und den französischen Kolonien in Westafrika beunruhigten die französischen Behörden sehr, die die LDRN bereits überwachten und als antifranzösische kommunistische Frontorganisation betrachteten. Anfangs näherte sich Kouyaté den Assimilationisten an und versuchte, die beiden Lager wieder zu vereinen. Aus Geldmangel wandte er sich davon aber ab und näherte die Liga wieder der Kommunistischen Partei Frankreichs an. Um 1929 wurde die Ligue wesentlich von der PCF finanziert und war eng mit den Strukturen der Kommunistischen Internationale verbunden.
Bruch mit dem Kommunismus – 1931 bis 1937 alt=Rechteckiges Plakat im Querformat mit französischer Beschriftung, vergilbt.|mini|Plakat der LDRN vom August 1931, das über Schüsse auf Demonstrantinnen in Douala, Kamerun, berichtet. Die vor allem von der Führung um Kouyaté kultivierte enge Verbindung zu kommunistischen Organisationen stieß in Teilen der Gruppe immer wieder auf Bedenken, weil dadurch zwar antiimperialistisch gesinnte, aber nicht kommunistische mögliche Mitglieder der Gruppe fernbleiben würden. Ludovic Lacombe, ein haitianisches Mitglied der Gruppe, formulierte es mit den Worten, er sei ein „nationalistischer, aber antikommunistischer Neger, der keinen Herrn wolle, sei er weiß oder rot“.
1931 begann ein Disput um die Führung der Gruppe zwischen dem kommunistischen Flügel um Kouyaté und einem „nur“ antiimperialistischen Flügel um Émile Faure. Dies führte dazu, dass vorübergehend zwei verschiedene Gruppen als LDRN auftraten. Nachdem Faure bei der Polizei Anzeige gegen Kouyaté erstattet hatte, folgten zahlreiche Durchsuchungen, Verhaftungen und Schikanen bei Mitgliedern durch die Polizeikräfte. Im April 1931 dann erschienen zeitgleich zwei verschiedene Ausgaben von La Race Nègre, eine von Émile Faure, André Béton und Ludovic Lacombe, die andere von Kouyaté. Die Frage des Eigentums an der Bezeichnung Ligue de Défense de la Race Nègre und der Zeitschrift La Race Nègre wurde vor Gericht zwischen Faure und Kouyaté ausgefochten, und 1932 entschied das Gericht, dass sie Faure gehörten. Im August 1931 hatte Kouyaté den Titel seiner Zeitschrift jedoch bereits in Le Cri des Nègres geändert. 1932 wurde dann die Union des travailleurs nègres (UTN) als Nachfolgeorganisation der Ligue gegründet, die aber Kouyaté bald ausschloss. Im Jahr 1939 löste sich die UTN auf.
Nach der Spaltung blieb die nun geschwächte LDRN bis 1934 inaktiv, als sie anlässlich des Todes von Blaise Diagne wiederauflebte. Unter der Leitung von Émile Faure als Präsident vertrat sie nun eine entschieden panafrikanische und antikolonialistische Position und griff sowohl Assimilationisten als auch kommunistische Antikolonialisten und die Vertreter der Négritude an. Die La Race Nègre wurde bis zu ihrer Einstellung im Jahr 1936 sporadisch weiter veröffentlicht. Die LDRN wurde schließlich 1937 von den französischen Behörden verboten, Faure wurde verhaftet und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sahara verbannt.
Die deutsche Sektion – Liga zur Verteidigung der Negerrasse
Gründung mini|hochkant|Louis Brody, Mitgründer und Vorstandsmitglied der LzVNIn Berlin gründeten am 17. September 1929 Joseph Bilé, Louis Brody, Richard Dinn, Thomas Ngambi ul Kuo, Victor Bell, Thomas Manga Akwa und Manfred Kotto Priso, alle aus Douala in Kamerun, die Liga zur Verteidigung der Negerrasse (LzVN). Mit diesem Schritt wandten sie sich gegen die sich für sie extrem verschärfenden ökonomischen Schwierigkeiten und rassistischen Vorurteile gegenüber schwarzen Menschen in Deutschland; sie wollten eine politische Organisation sowie ein Netzwerk zur gegenseitigen moralischen und finanziellen Unterstützung aufbauen. Zu dieser Zeit lebten rund 1.000 schwarze Menschen im Deutschen Reich, meist aus den ehemaligen Kolonien in Kamerun, Togo oder Ostafrika, vereinzelt auch aus Deutsch-Südwestafrika.
Die Gründung der deutschen Sektion der LDRN wurde von Willi Münzenberg, Gründer der Liga gegen Imperialismus unterstützt, der bereits seit 1926 wichtige Personen der afrikanischen Gemeinde in Berlin aus antikolonialistischen Motiven zusammenbrachte. Er stellte auch den Kontakt zu Tiemoko Garan Kouyaté her, der bei der Gründungsversammlung anwesend war. Bereits einige Monate zuvor hatte Kouyaté über Münzenberg Exemplare des La Race Nègre in Berlin verteilen lassen.