mini|General Juan Velasco Alvarado, Initiator der Peruanischen Landreform von 1969 mini|Peruanische Briefmarke von 1969, Bild von Carlos Zeiter: „Das Land für den, der es bebaut“
Die Landreform in Peru war ein Prozess der Landverteilung, der in den 1960er Jahren mit Kämpfen von Bauern um ihr Land in der Region Cusco begann und durch drei Landreformgesetze legalisiert wurde. Von diesen drei Gesetzen hatte das von General Juan Velasco Alvarado 1969 erlassene Landreformgesetz die weitaus größten Folgen für das Land und gilt als die tiefgreifendste Landreform Lateinamerikas mit Ausnahme von Kuba. Eine von Haciendas dominierte halbfeudale Agrarstruktur, in der die Peones – mehrheitlich indigene Bauern – für ihre Patrones, die Hacendados, arbeiteten, wurde in große landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften überführt, die aber selbst keinen langen Bestand hatten und schließlich an von der Regierung anerkannte indigene Dorfgemeinschaften (comunidades campesinas) und die nunmehr als Kleinbauern tätigen Mitglieder verteilt wurden. Im Gegensatz zu anderen Ländern Lateinamerikas verschwand somit die alte Klasse der Großgrundbesitzer zugunsten kleinbäuerlicher Strukturen.
Agrargesellschaft in Peru vor 1969 mini|Hacendado von Chacchan (Distrikt Pariacoto, Provinz Huaraz), 1922 mini|Zuckerrohrplantage, Hacienda Larco, La Libertad, Anfang 20. Jh. Die riesigen Haciendas in Peru waren die Folge einer Landkonzentration zunächst in Zeiten der spanischen Kolonialherrschaft, als spanische Grundbesitzer Landstücke erhielten, auf denen vorher Indigene gelebt und gewirtschaftet hatten. Nach der Unabhängigkeit Perus wurden Einschränkungen für Landbesitzer zum Schutz der Indigenen (indios) fallen gelassen, wodurch sich die Situation für die Indigenen verschärfte und die Haciendas auf Kosten der indigenen Dorfgemeinschaften massiv expandierten.Román Robles Mendoza: Legislación peruana sobre comunidades campesinas. Universidad Nacional Mayor de San Marcos (UNMSM), Lima 2002, pp. 61–68.
In den Jahren zwischen 1900 und 1918 wurden die Zuckerrohr-Haciendas im Tal des Río Chicama in der Region La Libertad von drei agroindustriellen Giganten aufgekauft: den Brüdern Larco (verwandt mit José A. Larco), Graham Rowe and Co (britisches Exportunternehmen) sowie der Familie Gildemeister (ursprünglich aus Bremen).Peter F. Klaren: Formación de las haciendas azucareras y orígenes del APRA. 2ª ed., Lima 1976, S. 14, 45, 46.Ein Bremer in Peru. Kreiszeitung, 19. Dezember 2011.Jean Piel. Capitalismo agrario en el Perú. Universidad Nacional de Salta, 2014, S. 388. Die im Besitz von Gildemeister befindliche Hacienda Casa Grande besaß vor der Landreform 107.717 Hektar Land an der Küste und 75.086 Hektar in den Anden.Historia – Los inicios de un gran sueño. Corporación Azucarera del Perú (COAZUCAR), abgerufen am 14. Februar 2022. In den Departements Pasco und Junín besaß die Sociedad Ganadera de Junín, Eigentum des US-amerikanischen Unternehmens Cerro de Pasco Copper Corporation, 1944 etwa 15.000 Rinder und 85.000 Schafe.Perú en cifras. Lima 1944, p. 224. Im Jahre 1962 besaß sie Haciendas mit einer Gesamtfläche von 230.256,62 Hektar.Carlos Contreras: Estado y mercado en la historia del Perú. Pontificia Universidad Católica del Perú, Fondo Editorial, Lima 2002, S. 279. Insgesamt besaß im Jahre 1957 die Cerro de Pasco Copper Corporation 233.000 Schafe; im Jahre 1964 waren es 204.000 Schafe – die Anzahl wurde in einem Programm zur Verbesserung der Qualität reduziert.Enrique Mayer: Ugly Stories of the Peruvian Agrarian Reform. Duke University Press, Durham and London 2009, p. 185.
In der 1920 unter Augusto Leguía y Salcedo beschlossenen Verfassung wurden indigene Gemeinden (comunidades indígenas) erstmals in der Geschichte der Republik Peru als Rechtssubjekte anerkannt, wodurch sie ein Recht auf Eigentum an Land erhielten und rechtlichen Schutz gegen Enteignung durch die Haciendas hatten. Die bereits bestehende ungleiche Landverteilung änderte sich dadurch jedoch nicht, und in den 1920er Jahren gab es einen Aufstand von Quechua-Bauern in der Provinz Anta gegen die Großgrundbesitzer, der von Sicherheitskräften niedergeschlagen wurde und auf beiden Seiten viele Opfer forderte. 1936 wurden die Rechte der indigenen Gemeinden auch im Zivilgesetzbuch (Código Civil) festgeschrieben. Die indigenen Gemeinden, die ihre historische Existenz nachweisen konnten, erhielten als Rechtssubjekte Landtitel, die sie gegen die weitere Expansion der Haciendas schützten. Bis zum Jahr 2000 wurden 5660 indigene Dorfgemeinschaften (ab 1969 als comunidades campesinas bezeichnet) anerkannt.
1969 waren in Peru etwa 76 % der landwirtschaftlichen Flächen Betriebe mit über 100 ha im Besitz von 2 % der Landeigentümer, während sich 89 % der Landbesitzer 10 % des Bodens teilten.Eleonore von Oertzen, Ulrich Goedeking: Peru. Beck, München 2004. S. 89.
Landreformgesetze in Peru vor 1969 mini|Feldarbeiten in den Anden Perus (1940). Im November 1962 erließ die Militärregierung von Ricardo Pérez Godoy das Landreformgesetz Decreto Ley N° 14328. In dieser Zeit wuchs die Bauernbewegung in der Region Cusco zu einer der größten in Lateinamerika heran. Indigene Bauern, organisiert im linken Bauernverband Perus (Confederación Campesina del Perú, CCP), besetzten unter Führung von Hugo Blanco Galdós Haciendas und vertrieben im Zuge einer selbst organisierten Landreform die Hacendados. In Reaktion darauf wurde 1963 vom Militärherrscher Nicolás Lindley das Landreformgesetz Decreto Ley N° 14444 erlassen, mit dem das Institut für Landreform und Kolonisation (IRAC, Instituto de Reforma Agraria y Colonización) geschaffen wurde und in den von den Landbesetzungen betroffenen Gebieten La Convención und Lares in der Region Cusco die Landnahmen der Bauern legalisiert wurden, während anderenorts Proteste niedergeschlagen wurden. Ein drittes Landreformgesetz wurde 1964 vom Parlament unter Präsident Fernando Belaúnde Terry von der Acción Popular beschlossen (Ley de Reforma Agraria N° 15037). Von dieser Reform waren die großen Güter an der nördlichen Küste nicht betroffen, und seine Anwendung wurde von einer Oppositionsmehrheit im Parlament aus APRA und Konservativen der Unión Nacional Odriista von Manuel Odría blockiert.Román Robles Mendoza: Legislación peruana sobre comunidades campesinas. Universidad Nacional Mayor de San Marcos (UNMSM), Lima 2002, S. 64–65. Zu den indigenen Bauerngemeinschaften, die in dieser Zeit bereits ihre geraubten Ländereien durch Enteignung der Hacendados mit Unterstützung des Cuscoer Anthropologen Óscar Núñez del Prado Castro zurückerhielten, gehörten die Quechua-Gemeinden Q'ero (1963) und Kuyo Chico (1965).Juan Núñez del Prado Béjar: Presentación, abril de 1984. En: Jorge A. Flores Ochoa, Víctor Juan Núñez del Prado Béjar, Manuel Castillo Farfán (eds.), Luis Barreda Murillo: Q'ero, el último ayllu inka. Homenaje a Óscar Núñez del Prado y a la expedición científica de la UNSAAC a la nación Q'ero en 1955. Lima: Fondo Editorial de la Facultad de Ciencias Sociales, UNMSM; Cusco: Instituto Nacional de Cultura, Dirección Regional de Cultura de Cusco, 2005, S. 17–23, hier S. 18. Bis zu 300.000 Bauern in den Anden marschierten aus Protest für eine wirkliche Landreform, was sie zur größten Bauernbewegung des Kontinents machte.Enrique Mayer: Ugly Stories of the Peruvian Agrarian Reform. Duke University Press, Durham and London 2009, S. 17.
Revolutionäre Regierung der Streitkräfte mini|Peruanische Briefmarke, Landreform (1969). mini|Peruanische Briefmarke, Landreform (1969). mini|„Symbole der Revolution“: Erdölarbeiter, Revolutionär Tupaq Amaru, indigener Landarbeiter mit Machete mini|Ocra (Distrikt Chinchaypujio): Auch hier wurden unter Velasco die Hacendados vertrieben. Heute ist die Arbeits- und Lebensrealität eine gänzlich andere (hier: Abrissarbeiten, 2019). mini|Viel Handarbeit ist aber auch ohne Patrón geblieben (hier: Vorbereitung eines Strohdachs, Ocra 2019). Belaúnde wurde am 3. Oktober 1968, kurz vor Ablauf seiner Amtszeit, nach öffentlich gewordenen Geheimabsprachen mit der US-amerikanischen International Petroleum Company (IPC) von einer Junta unter General Juan Velasco Alvarado gestürzt. Die unter Velasco gebildete Revolutionäre Regierung der Streitkräfte verkündete wenige Monate später, am 24. Juni 1969, ein neues, von ihr erlassenes Landreformgesetz (Decreto Ley N° 17716 de Ley de Reforma Agraria). Die Regierung erklärte folgende Ziele der Landreform:. Ministerio de Agricultura y Riego. Beseitigung des Großgrundbesitzes (Haciendas: latifundios) und der Kleinbetriebe (minifundios) Schaffung von Produktionsgenossenschaften im Besitz der Bauern Restrukturierung der traditionellen bäuerlichen Dorfgemeinschaften Schaffung einer Landwirtschaft, die auf der gemeinschaftlichen Arbeit der Bauern beruht Schaffung neuer Märkte durch gerechte Verteilung des Zugangs, wodurch die Kaufkraft marginalisierter Bevölkerungsteile verbessert wird Parallele Entwicklung angeschlossener Industriebetriebe
Die unter Belaúnde ausdrücklich ausgenommenen agroindustriellen Komplexe an der nördlichen Küste wurden als erste enteignet. Am 26. Juni 1969, nur zwei Tage nach Verkündung des Gesetzes, besetzten bewaffnete Soldaten die Zucker-Haciendas, um die Einrichtungen zu übernehmen und die Eigentümer vor die Tür zu setzen.Enrique Mayer: Cuentos feos de la reforma agraria peruana. Instituto de Estudios Peruanos, 2018. Second, extended edition of the Spanish translation of: Enrique Mayer: Ugly Stories of the Peruvian Agrarian Reform. Duke University Press, Durham and London 2009, S. 344–345. Dos días después de su discurso del 24 de junio de 1969 en el que lanzó la Ley n.° 17716 de la Reforma Agraria donde declaraba la radicalización de la reforma, tanques, jeeps y camiones llenos de soldados armados ingresaron a las azucareras de la costa norte para tomar las instalaciones y propiciar la salida de sus propietarios. Dieser Abschnitt ist nicht in der originalen Ausgabe auf Englisch.
Durch das Landreformgesetz wurde privater Grundbesitz an der Küste auf 150 ha und in den Anden anfangs auf 60 ha, später auf nur noch 30 bis 35 ha begrenzt. Allerdings sah die Reform keine Verteilung des Grundbesitzes vor, sondern die Schaffung großer Genossenschaftsbetriebe. Diese wurden allerdings mit einer Agrarschuld gegenüber dem Staat belastet, der diese wiederum zur Entschädigung der ehemaligen Großgrundbesitzer benötigte.
Im Gegensatz zu Belaúndes Reform war es nicht vorgesehen, wirtschaftlich starke private Großbetriebe von der Enteignung auszunehmen. Zwischen Juni 1969 und Juni 1979 wurden mehr als 9 Millionen Hektar Land auf 15.826 Grundstücken enteignet, wovon etwa 370.000 Familien profitierten, weit mehr als die etwa 1 Million Hektar von 546 Haciendas in der Zeit von Belaúndes Regierung. Zu Beginn der Reform wurden den gesetzten Zielen entsprechend keine enteigneten Ländereien verteilt, sondern als Ganzes belassen, konzentriert und kollektiviert. 15.000 enteignete Betriebe wurden zu 1708 Genossenschaften zusammengelegt.Enrique Mayer: Ugly Stories of the Peruvian Agrarian Reform. Duke University Press, Durham and London 2009, S. 19.Matos Mar, José and Mejía, J. M. La reforma agraria en el Perú. Instituto de Estudios Peruanos. Lima, 1980. S. 171. Die enteigneten Landbesitzer mussten staatliche Agrar-Anleihen akzeptieren, die ihnen als Entschädigung innerhalb von 20 bis 30 Jahren bei Zinsen von 4 bis 6 % p. a. zurückzuzahlen waren.¿Quiénes son los propietarios de los bonos de la reforma agraria? La República, 21. Juli 2013. Waren sie bereit, das Geld sofort in Industrieunternehmen zu investieren, erhielten sie es auch sofort ausgezahlt.Ein für allemal. Der Spiegel, 24. August 1969 (35/1969).