mini|hochkant=2.5|Das Altstadtrathaus (Südostansicht), rechts der Altstadtmarktbrunnen, dahinter das Stechinelli-Haus. Bei den Herrscherskulpturen am Altstadtrathaus in Braunschweig handelt es sich um 17 lebensgroße Kalksteinstatuen, die zwischen 1455 und 1468Städtisches Museum Braunschweig (Hrsg.): Die Ausstellung „Geschichte der Stadt Braunschweig“ im Altstadtrathaus. Teil 1, S. 103. an neun Pfeilern der West- und Nordfassade des oberen Laubenganges des unter Denkmalschutz stehenden Altstadtrathauses in Braunschweig aufgestellt wurden. Die Männer- und Frauenfiguren stellen ottonische und welfische Herrscher und deren Ehefrauen dar. Sämtliche Standbilder wurden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von nur einem einzigen Bildhauer, nämlich Hans Hesse dem Jüngeren, geschaffen.Johannes Zahlten: Hans Hesse (d.J.). In:
Geschichte Altstadtrathaus Das Altstadtrathaus im historischen Weichbild Altstadt, befindet sich an der Nordwestecke des Altstadtmarktes. Seine Nordseite liegt direkt gegenüber der Martinikirche, der Westseite gegenüber liegt das Stechinelli-Haus. Das Rathaus wurde Mitte des 13. Jahrhunderts im Stil der Gotik errichtet und zählt heute zu den ältesten erhaltenen Rathäusern Deutschlands. Es blieb jahrhundertelang baulich größtenteils unverändert. Durch alliierte Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges wurde zwar das Dach zerstört und das Gebäude brannte aus, blieb aber – ebenso wie die 17 Standbilder – in seiner Grundsubstanz erhalten und konnte wieder nutzbar gemacht werden.
Entstehung Es existieren mehrere Rechnungen aus dem Zeitraum 1455 bis 1468, die die Herstellung und Teil-Vergoldung der Statuen betreffen.Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 122–123. Die älteste erhaltene Mitteilung ist eine Rechnung der Altstadt aus dem Jahr 1455: Ein Maler namens CordPaul Jonas Meier, Karl Steinacker: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Braunschweig. 2., erweiterte Auflage. Braunschweig 1926, S. 44. erhielt 5 ft, vor de belde to stofferen unde vergulden, und ½ M vor de schilde to malen. 1460 fielen erneut Ausgaben für Vergoldungen an. Aus dem Zeitraum 1456 bis 1462 sind mehrere Rechnungen für Material (die zu behauenden Steine) und dessen Transport in die Werkstatt des Bildhauers sowie für bildhauerische Arbeiten an sich erhalten.Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 122.
Hans Hesse erhielt für eine Statue je 4½ ft. Für die Jahre 1456 bis 1462 sind Zahlungen an ihn für insgesamt 14 Statuen nachgewiesen. Eine Rechnung von 1462 hat allerdings den Text 9 ft […] vor 2 belde, 1 hertoge unde 1 hertogynnen, Hanse dem moller. (9 Gulden […] für 2 [Stand-]Bildnisse, 1 Herzog und 1 Herzogin, Hans, dem Müller.). Dies nahm unter anderem Wolfgang Scheffler in seiner Dissertation von 1925 (s. u.) zum Anlass, zu vermuten, dass es mindestens zwei Bildhauer gab, die Statuen für das Rathaus schufen: Hans Hesse d. J. und Hans Müller. Scheffler folgte damit z. B. dem französischen Architekten Aymar Pierre Verdier und dem französische Arzt und Archäologen François Cattois. Beide vertraten 1855 im ersten Band ihres Werkes Architecture civile et domestique au Moyen âge et à la RenaissanceVerdier, Cattois: Architecture civile et domestique au Moyen âge et à la RenaissanceBand 1, Paris 1855, S. 136–142. die Ansicht, dass es neben Hesse mindestens einen weiteren Bildhauer gegeben habe. Carl Schiller hatte diese Auffassung bereits 1852 vertreten, später auch Wilhelm Mithoff, Gottfried Kiesow und Harmen Thies.Harmen Thies: Mittelalterliche Architektur. In: Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 123, FN 797. Ohm schließt dies angesichts von erhaltenen Rechnungen für allein 14 Figuren, die von Hesse geschaffen wurden ausMatthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 122, FN 794., räumt jedoch ein, dass wie Annette Boldt-Stülzebach oder Matthias Puhle, nicht vollkommen ausgeschlossen werde könne, dass ein namentlich nicht bekannter zweiter Bildhauer tätig war.
Eine letzte erhaltene Rechnung stammt von 1468, sie bezieht sich wieder auf Vergoldungsarbeiten an den Figuren, die wieder von mester Corde ausgeführt wurden.Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 123.
Intention, Motivation und Deutung Was Intention und Motivation des oder der Auftraggeber(s) betrifft, existieren unterschiedliche Hypothesen. Sofern es sich um eine politische Aussage handelt, sei diese (nach Ohm) jedoch nicht einfach sichtbar bzw. zu deuten.Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 123–124.
Bernd Schneidmüller wies darauf hin, dass der Braunschweiger Chronist Hermann Bote in seiner zwischen 1493 und 1502 entstandenen Braunschweigischen Weltchronik darlegte, dass die fünf Weichbilde (Altewiek, Altstadt, Hagen, Neustadt und Sack), aus denen sich die Stadt Braunschweig zusammensetzt, von ottonischen Herrschern gegründet worden seien und wichtige Kirchen von ihnen gestiftet.Nach Schneidmüller soll die Altstadt von Otto dem Erlauchten gegründet worden sein und er habe zudem die Jakobskirche, dem, der Legende nach ältesten Kirchenbau der Stadt, gestiftet haben. Heinrich I. soll die Neustadt gegründet und die Andreaskirche gestiftet haben, Otto der Große schließlich soll die Kirche St. Ulrici gestiftet haben. Braunschweig sei also dadurch „in die Geschichte sächsischer Kaiser, Könige und Herzöge“ sowie in das „Gefüge des Reiches“ eingeordnet.Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 126. Dies gehe aus den Standbildern hervor, die „in den liudolfingischen Herrschern bis Otto III. Braunschweiger Stadtherren erblickte, deren Herrschaft über die Brunonen und schließlich Kaiser Lothar an die Welfen gelangte“.zitiert nach: Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 127.
mini|hochkant|Statuen am Rathaus von Brügge, zwischen 1376 und 1380 entstanden Scheffler vermutete 1925 in seiner Dissertation, es handele sich womöglich um „niederländische Gepflogenheiten“ (s. z. B. das zwischen 1376 und 1380 entstandene Figurenprogramm am Rathaus von Brügge), dass also Kaufleute aus der Hansestadt Braunschweig das Rathaus des Hansekontors Brügge gekannt haben könnten.Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. S. 124. Auch könnten die Figurengruppen des 1396 erbauten Schönen Brunnens in Nürnberg Vorlage für Braunschweig gewesen sein, so wie zum Beispiel für den 1408 fertiggestellten Altstadtmarktbrunnen, der sich nur einige Meter direkt gegenüber dem Altstadtrathaus befindet.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. (= Braunschweiger Werkstücke Band 70. Braunschweig 1988, S. 36.) Ebenso könnte das zwischen 1405 und 1410 entstandene Bremer Rathaus als Vorlage gedient haben.
In ihrer Dissertation von 1960 verglich Gisela Goldberg die Statuen mit jenen der Königsgalerien französischer Kathedralen wie Chartres, Paris und Reims, deren Zweck es war, „eine möglichst weit zurückliegende Ahnenfolge“ darzustellen, „aus der sich des augenblicklichen Herrschers Regierungsanspruch begründet“.zitiert nach: Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. FN 812 S. 125. Armin Wolf setzte das Figurenprogramm in Braunschweig mit dem der Wittelsbacher am Ständehaus in Landshut sowie den Figuren am Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses gleich.zitiert nach: Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. FN 811 S. 125.
Bereits Ende der 1970er Jahre hatte Manfred R. W. Garzmann darauf hingewiesen, dass das stark befestigte Braunschweig reich und Mitglied der wirtschaftlich mächtigen und politisch einflussreichen Hanse war. Die Stadt bestand auf Eigenverwaltung und Herrschaft und opponierte damit zunehmend gegen die Welfen. Braunschweig leitete diesen eigenen Herrschaftsanspruch unter anderem aus dem Stadtrecht ab, dass ihr von Heinrich dem Löwen verliehen worden und von dessen Enkel, Otto, dem Kind 1227 bestätigt worden war (siehe: Ottonianum).Manfred R. W. Garzmann: Das Ottonianum und die Jura Indaginis. (= Braunschweiger Werkstücke Band 59), Waisenhaus-Buchdruckerei, Braunschweig 1978, S. 9–23.Manfred R. W. Garzmann: 750 Jahre Stadtrechte für Altstadt und Hagen. (= Kleine Schriften Heft 1) Stadtarchiv und Stadtbibliothek Braunschweig, Braunschweig 1977. Das Figurenprogramm am Rathaus der Altstadt sollte also diesen Anspruch auf Eigenständigkeit untermauern und auch als reichsrechtlich legitimiert dokumentieren.
Ohm weist darauf hin, dass es in Braunschweig im 15. Jahrhundert, als sich die Stadt auf dem Höhepunkt ihrer Macht befand, keine Bestrebungen gab, Reichsstadt zu werden. Eine Reichsunmittelbarkeit wurde erst Ende des 16. Jahrhunderts zum Ziel, als Braunschweig sich bereits erhöhtem Druck seitens der Welfen in Wolfenbüttel ausgesetzt sah. So sollte das Figurenprogramm am Rathaus weder die Herrschaft der Welfen über die Stadt rechtfertigen, noch die vollkommene Unabhängigkeit der Stadt. Vielmehr ging es darum, die Freiheitsrechte Braunschweigs gegenüber den Herzögen hervorzuheben. Der Figurenschmuck wäre demnach Ausdruck des Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins der Hansestadt Braunschweig, insbesondere deren Oberschicht, bestehend aus Händlern und Kaufleuten. So sollen die Statuen die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Stadt von den welfischen Fürsten, den Defacto-Herrschern, hervorheben.
Die Statuen entstanden kurz nach der Verlegung der Residenz der Welfenherzöge aus der Stadt Braunschweig heraus in das 15 km südlich gelegene Wolfenbüttel. Die Welfenherzöge hatte ihre Herrschaftsrechte zu Beginn des 15. Jahrhunderts größtenteils durch Verkauf und Verpfändung an die Stadt abgetreten. Ihren innerstädtischen Herrschaftssitz, die Burg Dankwarderode, in der sie Jahrhunderte residiert hatten, hatten sie für Wolfenbüttel aufgegeben. Nach Ohm lag den Braunschweiger Bürgern in diesem Moment also nichts ferner, als die Macht der Welfen künstlerisch darzustellen. Auch dass es dabei um die Versinnbildlichung des Anspruchs auf den Rang einer Reichsstadt ging, hält Ohm für wenig überzeugend. Zwar hatte Richard Moderhack 1997 in seiner Stadtgeschichte darauf hingewiesen, dass Braunschweig um 1400 „ganz offensichtlich die Stellung einer reichsfreien Stadt“ anstrebteRichard Moderhack: Braunschweiger Stadtgeschichte mit Zeittafel und Bibliographie. Waisenhaus-Druckerei, Braunschweig 1997, ISBN 3-87884-050-0, S. 58., doch hatte Garzmann zwei Jahre zuvor die Meinung vertreten, die Braunschweiger Ratsherren hätten sich nicht „mit letzter Konsequenz um den Rang einer Reichsstadt bemüht“, weil ihnen – wie zum Beispiel auch zur gleichen Zeit, dem 100 km südlich gelegenen Göttingen – bewusst war, mit welchen finanziellen Belastungen in diesem Fall zu rechnen war. Die gleiche Ansicht wird auch von Schneidmüller vertreten.zitiert nach: Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. FN 815 S. 125.