Sicherheitserziehung ist die pädagogische Einflussnahme auf das Gefährdungsbewusstsein eines Edukanden und die Förderung seiner Risikokompetenz mit der Absicht, ihn in die Lage zu versetzen, mögliche Schädigungen an Leib, Leben oder Eigentum vorhersehen und selbstständig in Grenzen halten zu können.
Begriff Sicherheitserziehung ist eine wesentliche Komponente in dem Komplex von Maßnahmen, welche die Unversehrtheit und das Wohlbefinden eines Individuums gewährleisten sollen. Sie basiert auf den Erkenntnissen der verschiedene Disziplinen übergreifenden Risikoforschung.Petra Badke-Schaub, Gesine Hofinger, Kristina Lauche (Hrsg.): Human Factors. Psychologie des sicheren Handelns in Risikobranchen. Springer. Heidelberg 2008. Dabei ist zwischen äußerer und innerer, passiver und aktiver Sicherheit zu unterscheiden. Während die äußere Sicherheit vor allem die körperliche Unversehrtheit, das Vermeiden von Unfällen, betrifft, zielt die innere Sicherheitsfindung mehr auf das psychische und subjektive Sicherheitsempfinden ab. Beide werden in Form eines Kompetenzgewinns mit der Sicherheitserziehung angestrebt. Passive Sicherung wird Bedrohten durch von anderen erbrachte Schutzvorkehrungen zur Verfügung gestellt, etwa durch Baumaßnahmen und Regelvorgaben. Sie sollen Gefahrensituationen entschärfen und besser bewältigen helfen. Das sind im öffentlichen Bereich beispielsweise Abgrenzungen und Warnhinweise an Starkstromstellen und Bahnübergängen oder Zebrastreifen, Ampeln und Fußgängerbrücken im Straßenverkehr. Es sind Hilfen zur Selbsthilfe. Aktive Sicherung bezeichnet hingegen die reine Eigenleistung in Form einer Selbstsicherung. Sie bedarf des persönlichen Zutuns und steht als bedeutendste Komponente im Zentrum aller Bemühungen der Sicherheitserziehung. Es handelt sich um den Erwerb eines selbstbestimmten Sicherheits- und Risikomanagements. Dieses umfasst sämtliche Maßnahmen zur systematischen Erkennung, Analyse, Bewertung, Überwachung und Kontrolle von Risiken und muss gelernt werden.Siegbert A. Warwitz: Verkehr als Gefährdungsraum. In: Ders: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage. Baltmannsweiler 2009, S. 10–21.Felix v. Cube: Gefährliche Sicherheit. Verhaltensbiologie des Risikos. 2. Auflage. Stuttgart 1995.
Wie schon der Begriff ‚Sicherheit’ angesichts der risikotypischen zahlreichen Unwägbarkeiten und Fehlbarkeiten nur einen relativen Zustand der Gefahrenfreiheit markiert und keinen absoluten Schutz bedeuten kann, so ist auch ‚Sicherheits-Erziehung’, wie jede Form der Erziehung, nur als Hilfe zur Reduzierung von Gefährdungen und Lebensrisiken zu verstehen.Felix v. Cube: Gefährliche Sicherheit. Verhaltensbiologie des Risikos. 2. Auflage. Stuttgart 1995.
Entwicklungsbedingte Voraussetzungen Ausgangspunkt für jede Sicherheitserziehung ist das Faktum von Gefährdungen und die Erfahrung, dass das Bereitstellen passiver Sicherungsmaßnahmen in vielen Situationen des Alltags nicht ausreicht, den gewünschten Schutz zu gewährleisten. Es muss die Kenntnis dieser Sicherungsangebote vorhanden, ihre sinnvolle Nutzung begriffen und ein sicherheitsbewusstes Verhalten trainiert werden. Dies erfolgt in einem allmählichen Lern- und Erfahrungsprozess, der sich nur bedingt mit dem steigenden Lebensalter parallelisieren lässt, da weitere Komponenten wie Lernfreude, Intelligenz und eine professionelle Sicherheitserziehung die Entwicklung zu einem funktionierenden Umgang mit Gefahrenmomenten entweder bremsen oder aber befördern können. Das Wachsen des Gefahrenbewusstseins hängt entscheidend von den Erfahrungsmöglichkeiten des Kindes und einer kompetenten Wagniserziehung ab. Die Entwicklungspsychologie liefert dazu lediglich Richtwerte:Jane Loevinger: Stages of Personality Development. In: Robert Hogan u. a.: Handbook of Personality Psychology, Academic Press, San Diego 1997, S. 199–208.Wolfgang Schneider, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 7. Auflage, Beltz, Weinheim/Basel 2012.Günter Krampen, Werner Greve: Persönlichkeits- und Selbstkonzeptentwicklung über die Lebensspanne. In: Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 6. Auflage, Beltz, Weinheim/Basel 2008, S. 652–687.
Das Kleinkind verfügt bis zum Alter von etwa 4 Jahren noch über kein Gefahrenbewusstsein. Es vertraut meist grenzenlos und hat einen hohen passiven Schutzbedarf.
Vorschulkinder und Schulanfänger im Alter von 4 bis 6 Jahren erkennen bereits bedingt Gefahren und werden sich der eigenen Verletzbarkeit zunehmend bewusster. Neugier und Entdeckerdrang als naturgegebene Entwicklungsimpulse halten aber oft nicht Schritt mit einem sicherheitsorientierten Verhalten. So steigen wagemutige Kinder bisweilen immer höher in die Äste eines Baumes, verzagen aber anschließend angesichts des Blicks in die Tiefe vor dem Abstieg.
Im Stadium der Vollkindheit zwischen dem 7. und 13. Lebensjahr gelingt es nach entsprechenden Eigenerfahrungen und einer wirksamen Sicherheitserziehung zunehmend, vorausschauend Gefahren zu erkennen und Vorkehrungen zu treffen, diese zu vermeiden oder zumindest abzumildern. Aufgrund der noch instabilen Eigenorientierung kann es jedoch passieren, dass die sozial-emotionalen Kräfte die kognitiven überspielen und beispielsweise im verführerischen Mitzieheffekt einer Peergroup eine rote Ampel überquert oder der Aufstieg auf das Dreimeterbrett gewagt wird, für den man eigentlich noch nicht genügend vorbereitet ist.
In der Phase der Spätkindheit und des beginnenden Jugendlichenalters von 14 bis 16 Jahren sollten das Gefahrenbewusstsein und die Risikokompetenz dann so weit entwickelt sein, dass zumindest im normalen Lebensumfeld bereits selbstverantwortlich risikobewusst entschieden und gehandelt werden kann.Jürgen Raithel: Mutproben im Übergang vom Kindes- ins Jugendalter. Befunde zu Verbreitung, Formen und Motiven. In: Zeitschrift für Pädagogik, 49 (2003), S. 657–674. Doch auch in diesem und den nächsten Altersabschnitten können immer wieder temporäre Störfaktoren wie ein übermütiges Abenteuerbedürfnis, Selbstüberschätzung, Spaß an der Geschwindigkeit oder Lust, über die Kraft eines motorisierten Fahrzeugs zu verfügen, kontraproduktiv auf die Risikoeinschätzung einwirken. Im Zuge solcher Lustgefühle oder durch gruppendynamische Prozesse provozierte übertriebene Mutproben kann es angesichts des noch wenig fundierten Wagnismanagements zum Ausblenden der eigenen Verletzlichkeit, zur Fehleinschätzung der eigenen Grenzen und einer daraus resultierenden fehlerhaften Risikoabwägung mit fatalen Folgen kommen.Siegbert A. Warwitz: Jugendliche Mutproben. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2021, S. 121–126, 145–169.
Ziele und Lehrinhalte Gefahrenbewusstsein zur vorausschauenden Risikominimierung ist nicht angeboren, sondern braucht entsprechende Erfahrungen. Diese wachsen mit zunehmendem Alter allmählich, wobei eine sachgerechte Unterstützung von Vorteil ist. Sicherheitserziehung versteht sich als Erziehung zur Eigenverantwortung:Siegbert A. Warwitz: Wachsen im Wagnis. Vom Beitrag zur eigenen Entwicklung. In: Sache-Wort-Zahl 93 (2008). S. 25–37.Maria Limbourg: Mutproben im Kindes- und Jugendalter. In: Sache-Wort-Zahl 107 (2010), S. 35–42. Sicherheitserziehung dient der Befähigung zu einer aktiven Vermeidung von Unfällen und der Festigung eines entsprechenden Selbstbewusstseins auf der Basis von Kompetenzgewinn und reflektiertem Verhalten. Sie versetzt in die Lage, risikohaltige Situationen zu erkennen, zu analysieren und zu beurteilen und vermittelt dazu entsprechende sicherheitstechnische Maßnahmen, um dem Gefahrenpotenzial erfolgreich begegnen zu können, beispielsweise auf dem Weg zur Schule.M. A. Haller: Verkehrserziehung im Vorschulalter als Vorbereitung auf den Schulweg nach dem Karlsruher 12-Schritte-Programm. Wissenschaftliche Staatsexamensarbeit GHS, Karlsruhe 2001.
Bei der Erziehung zu einem risikobewussten Verhalten handelt es sich um eine Querschnittsaufgabe öffentlicher Bildung, die den Heranwachsenden durch alle Erziehungsinstanzen, von der frühen Kindheit bis zum selbstbestimmten Erwachsenenalter, begleiten sollte.Hermann Röhrs (Hrsg.): Bildung als Wagnis und Bewährung. Heidelberg 1966. Sie erhält je nach Risikopotenzial in den unterschiedlichen Lebensbereichen und Fachdisziplinen eine unterschiedliche Bedeutung und ein anderes Anspruchsprofil. So sind beispielsweise der Sport, der Verkehr oder die Technik besonders gefahrenträchtige Bereiche mit jeweils eigenen fachspezifischen Sicherungsmaßnahmen, die es anzueignen gilt.Petra Badke-Schaub, Gesine Hofinger, Kristina Lauche (Hrsg.): Human Factors. Psychologie des sicheren Handelns in Risikobranchen. Springer. Heidelberg 2008.
Beispielbereiche Alltagserziehung Menschen werden in den verschiedensten Lebensbereichen ihres Alltags mit Gefahren konfrontiert. Sie begegnen im Haushalt, in der Werkstatt, im Verkehr, im Sport. Das spezielle Gefahrenpotenzial muss entsprechend erkannt und der sichere Umgang damit möglichst früh und schädigungsfrei gelernt werden.Inge Seiffge-Krenke: Gesundheit als aktiver Gestaltungsprozess im menschlichen Lebenslauf. In: Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Kapitel 27. 4. Auflage. PVU. Weinheim, Basel, Berlin 1998. Dazu lassen sich zahlreiche Beispiele aufführen: Umgang mit Geräten und Einrichtungen in Haushalt und Werkstatt Schädigungsmöglichkeiten ergeben sich aus einer ungeschickten Handhabung von spitzen und scharfen Gegenständen und Instrumenten wie Messern oder Scheren. Sie erwachsen aus einem unbedachten Umgang mit Feuer oder elektrischen Stromanschlüssen, aus Kabelfallen, instabil aufgestellten Leitern oder scharfkantigem Mobiliar. Umgang mit Tieren wie Katzen, Hunden oder Pferden Auch von vertrauten Haustieren können bestimmte Risiken ausgehen, wenn man sie falsch behandelt. Sie bleiben unberechenbar, wenn man sie ärgert, beim Fressen stört, erschreckt oder ihre Jungen berührt. Es muss gelernt werden, ihre Körpersprache zu verstehen, ihren Jagdinstinkt nicht zu reizen, den Drang zur Revierverteidigung zu respektieren. Verhalten in Auto, Verkehr und öffentlichen Verkehrsmitteln Es gilt zu lernen, im Verkehrsleben bestimmte Sicherheitsregeln zu kennen und einzuhalten, wie sich beim Autofahren anzuschnallen, beim Radfahren einen Helm zu tragen, als Fußgänger Verkehrshilfen wie Zebrastreifen und Fußgängerbrücken zu benutzen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln einen sicheren Stand einzunehmen. Verhalten am Wasser Frühzeitiges Schwimmenlernen ist die beste Voraussetzung, sich im Bereich von Gewässern und im Wasser sicher bewegen zu können. Die angebotenen Kurse von Schulen, DLRG und anderen Institutionen bieten dabei die Gelegenheit, sich gleichzeitig mit den unverzichtbaren Baderegeln vertraut zu machen, wie etwa, nur nach vorheriger Abkühlung in ein Gewässer zu springen und sich zunächst über die ausreichende Wassertiefe zu informieren. Umgang mit Krankheitserregern Im täglichen Leben lassen sich Verletzungen aufgrund einer Unachtsamkeit oder eines Missgeschicks nicht immer vermeiden. Sie sollten angemessen behandelt werden. Dazu zählt vor allem der richtige Umgang mit offenen Wunden. Aber auch das Anfassen von Tieren oder das Berühren von verschmutzten Materialien und Gegenständen bedarf, vor allem im Hinblick auf anschließende Kontakte mit sensiblen Körperstellen, geeigneter Hygienemaßnahmen.Andreas Schwarzkopf: Einführung in die praktische Hygiene. In: Hygiene, Infektiologie, Mikrobiologie. Thieme, Stuttgart 2018.
Erlebnispädagogik