Neurasthenie (Nervenschwäche; von „Nerv“ und „schwach“) ist eine in der ICD-10 enthaltene psychische Störung. Sie wird nur noch selten diagnostiziert und spielt in der psychotherapeutischen sowie psychiatrischen Praxis kaum noch eine Rolle, da inzwischen andere Krankheitsbilder (u. a. Depression und Burn-out) beschrieben wurden, welche die Symptome der Neurasthenie umfassen. Die aus den USA als Krankheitskonzept übernommene Befindlichkeitsstörung wird im Deutschen häufig als „reizbare Schwäche“ bezeichnet.Hans Dieter Mennel: Psychopathologie und Zeitanalyse in Thomas Manns Roman „Zauberberg“. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 199–220, hier: S. 209. Neurasthenie gehörte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den Modekrankheiten einer gehobenen Gesellschaftsschicht. Eine Abwechslung verheißende und anregende Behandlung im Kurverfahren erfolgte seinerzeit nach den Prinzipien des Brownianismus.Thomas Dixon Savill: Clinical Lectures on Neurasthenia. H.J. Glaisher, 1908.
In China (dort genannt) und Japan () wird sie häufig diagnostiziert, vor allem da mit ihr nicht das Stigma einer psychischen Störung einhergeht, so dass damit bisweilen Erkrankungen wie Schizophrenie kaschiert werden. In Japan wird die Morita-Therapie zur Behandlung eingesetzt.
Symptome Hauptsymptom der Neurasthenie ist die Erschöpfung und Ermüdung, die entweder durch eine zu geringe Belastbarkeit durch äußere Reize und Anstrengungen oder auch durch zu geringe oder zu monotone Reize selbst verursacht sein kann (Boreout-Syndrom). Neben Ermüdung, Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Impotenz bei Männern und Frigidität bei Frauen, Neuralgie, Konzentrationsstörungen, Freudlosigkeit und Melancholie sind daher auch Unfähigkeit zu entspannen, Spannungskopfschmerz und erhöhte Reizbarkeit zu nennen. Die Symptomatik ist als variabel zu bezeichnen. Es besteht eine kulturelle und gesellschaftliche Eigenart von Symptomen.H. Dilling u. a. (Hrsg.), Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. 2. Auflage. ICD-10 Kapitel V (F). Hans Huber Verlag, Göttingen 1993, ISBN 3-456-82424-6, S. 192 f.
Geschichte der Therapie In der Gründerzeit wurde die Neurasthenie mittels Kurverfahren nach den Prinzipien des Brownianismus behandelt. Sie wurde von den Betroffenen vielfach als Angelegenheit vitalisierender, rein äußerlicher Anwendungen und Therapieverfahren und nicht als einer persönlichen, inneren Veränderung angesehen.Adrien Proust: The Treatment of neurasthenia. E.R. Pelton, 1903. Damit war die Beliebtheit der sich rasch verbreitenden Bezeichnung vorgegeben. In dieser Hinsicht ist es bedeutsam, dass die anfänglichen Vorstellungen der Behandlung gerade von Beard, einem New Yorker Neurologen und Elektrotherapeuten, ausgingen, auch wenn es sich hier ursprünglich nur um einfache Reizstromanwendungen einer somatischen Behandlungsform handelte (Somatotherapie).
Psychodynamisch betrachtet, unterschied sich die Neurasthenie von irreversiblen durch körperliche Entartung und Endogenität bedingten seelischen Störungen (siehe auch den medizingeschichtlichen Begriff der endogenen Psychose). Eigene psychische Beteiligung wurde somit durch die Betonung des organischen Aspekts der Nervenschwäche als Folge von Erschöpfung ausgeschlossen. Allerdings wurden gesellschaftliche Probleme zunehmend mit in die therapeutischen Betrachtungen einbezogen. Die sich hieraus ergebenden therapeutischen Konsequenzen waren auf Erholung des Nervensystems und Veränderung der Arbeitsbedingungen gerichtet.
Von der durch George Cheyne (1671–1743) beschriebenen „English Malady“ hin zu der von George Miller Beard (1839–1883), der 1869 das moderne Krankheitsbild der Neurasthenie beschrieben hat,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 48. beschriebenen „American Nervousness“ war kein weiter Schritt. Diese Entwicklungstendenz kann auch weiter beobachtet werden bis hin zum Erscheinen arbeitsmedizinischer Schriften, in denen die Neurasthenie – besonders bei Frauen – als Folge einer Wirtschaftspolitik erscheint, die den Konkurrenzdruck zwischen den Unternehmen verschärft und zu fortschreitender Mechanisierung führt. Folgt man diesen Schriften, so sind diese Änderungen nicht ohne Auswirkung auf die Arbeitsbedingungen und damit auch auf die psychische Gesundheit einschließlich der Ausbildung von Organneurosen.Franz Koelsch: Lehrbuch der Arbeitsmedizin. Band 1, 4. Auflage. Enke, Stuttgart 1963, S. 161. (Lehrbuch der Arbeitshygiene. Enke, Stuttgart 1937) 1913 erschien das Sammelwerk „Krankheit und soziale Lage“ zur ›Hochzeit‹ der Sozialhygiene im Deutschen Reich.M. Mosse, G. Tugendreich (Hrsg.): Krankheit und soziale Lage. J. F. Lehmanns Verlag, München 1913.Thure von Uexküll (Hrsg. u. a.): Psychosomatische Medizin. 3. Auflage. Urban & Schwarzenberg, München 1986, ISBN 3-541-08843-5, S. 1108.
Freud war ursprünglich auch Anwender der Reizstrombehandlung (siehe auch den unten genannten Fall der Elisabeth von R). Er grenzte jedoch entsprechend der allgemeinen Auffassung seiner Zeit die Neurasthenie aus seinem späteren Konzept der Neurosen und der bei der Angstneurose wirksamen Signalangst von der Neurasthenie ab. Die Neurasthenie rechnete er zu den Aktualneurosen. Die therapeutischen Konsequenzen folgten einer bei dieser Krankheitsgruppe besonders verbreiteten Einstellung des sozial orientierten Krankheitsgewinns und waren auf die Veränderung äußerer Bedingungen abgestimmt.
Historisches Es gibt seit der Antike Beschreibungen, welche die genannten Symptome unter Melancholie und Hypochondrie zusammenfassten. Das Phänomen des „Nervösen“ war erst im Zeitalter der Empfindsamkeit durch die physiologische Literatur des 18. Jahrhunderts und die darauf folgenden Auseinandersetzungen zwischen Psychikern und Somatikern in die wissenschaftliche Diskussion zusammen mit der moralischen Behandlung eingeführt worden. Auch hier wurde die bereits auf die später von George Miller Beard favorisierte soziologische Betrachtung von Krankheiten erstmals hingewiesen, so z. B. von George Cheyne (1671–1743), der die Engländer als besonders „nervös“ ansah und daher von „English Malady“ sprach.George Cheyne: The English Malady; or, A Treatise of Nervous Diseases of All Kinds, as Spleen, Vapours, Lowness of Spirits, Hypochondriacal and Hysterical Distempers. Dublin 1733. (Facsimile: Scholars’ Facsimiles & Reprints, 1976, ISBN 0-8201-1281-X) Insbesondere der Brownianismus hatte die krankheitsauslösende Bedeutung von zu schwachen und zu starken nervösen Reizen betont (Gegensätzlichkeit von Sthenie und Asthenie).Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. Fischer Taschenbuch, Bücher des Wissens, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-436-02101-6, S. 64.
Die Bezeichnung Neurasthenie wurde von Miller Beard 1869 zwar nicht geprägt, aber sie fand durch ihn und seine ab diesem Zeitpunkt erscheinenden Schriften eine äußerst weite inneramerikanische und internationale Verbreitung.George Miller Beard: Neurasthenia, or nervous exhaustion. In: The Boston Medical and Surgical Journal. Band 80, 1869, S. 217–221. Dem geschichtlichen Trend seiner Zeit folgend führte Beard die Symptome nervöser Erschöpfung auf Mangel an bestimmten chemischen Elementen zurück wie z. B. Phosphor und begünstigte damit den in dieser Zeit eifrig aufgegriffenen Gedanken der medizinischen Kurbehandlung einschließlich der Anwendung von Diät.George Miller Beard: A practical treatise on Nervous Exhaustion (Neurasthenia). 1880.Edward Shorter A historical Dictionary of Psychiatry. 1. Auflage. Oxford University Press, New York 2005, ISBN 0-19-517668-5, S. 29, 38, 187 f. Beard leitete aber auch ein weiteres Umdenken insofern ein, indem er die Krankheit mit dem „Amerikanischen Lebensstil“ in Zusammenhang brachte und somit dem Gedanken einer soziologischen Betrachtungsweise von Krankheit weitere Beachtung verschaffte.George Miller Beard: American nervousness, with its causes and consequences. A Supplement to Nervous Exhaustion (Neurasthenia). 1881. (dt. von Neisser 1881)
Auch der später u. a. von Sigmund Freud und Richard von Krafft-Ebing aufgegriffene Gesichtspunkt der Sexualmoral wurde von Beard in einer eigenen Schrift abgehandelt.George Miller Beard: Sexual Neurasthenia. 1884. Zu dieser Zeit wurden psychische Störungen von Neurologen wie z. B. Dubois-Reymond, Remak, Waller und Magendie überwiegend als körperlich verursacht interpretiert. Freud grenzte 1895 von der Neurasthenie die Angstneurose ab, siehe den folgenden Abschnitt Freuds Erklärung der Neurasthenie. Zeitgleich mit ihm legte Krafft-Ebing auch soziologischen Aspekten eine wichtige Bedeutung bei.Richard von Krafft-Ebing: Nervosität und neurasthenische Zustände. 1895. siehe dort das ätiologische Kapitel „Sociologische oder allgemein prädisponierende Ursachen“ Weitere Theorien über Ursachen, Verlauf und Behandlungen der Nervenschwäche entwickelte der französische Medizinprofessor Adrien Proust, Chefarzt des Hôtel-Dieu de Paris, 1897 in seinem Standardwerk L’hygiène du neurasthénique („Die Behandlung des Neurasthenikers“); es wird vielfach angenommen, dass seine Theorien inspiriert worden waren durch seinen von Geburt an kränkelnden Sohn Marcel Proust.Bernard Straus: Maladies of Marcel Proust. Doctors and Disease in His Life and Work, New York 1980.
Heute wird die Neurasthenie z. T. als neurotisch, funktionell oder psychosomatisch mitverursacht beschrieben.Erwin H. Ackerknecht: Kurze Geschichte der Psychiatrie. 3. Auflage. Enke Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-432-80043-6. (a) zu Kap. „Therapie“ - Stw. „Zeitgeist der Sprechstundenpsychiatrie“, S. 30; (b) zu Stw. "Freud als ursprünglicher Elektrotherapeut", S. 91; (c) zu Kap. „Geschichte“ - Gesamtübersicht, S. 30, 67 (reizbare Schwäche), 81 f., 99; Hinweis auf die heute polyätiologische Einordnung der Neurasthenie, S. 81. Der Niedergang der Bezeichnung Neurasthenie hängt mit deren zunehmender Psychiatrisierung zusammen, ähnlich der Bezeichnung Neurose, die ursprünglich ein somatischer Kampfbegriff gegen die von Psychikern vertretene moralisierende Betrachtungsweise darstellte. Vielfach kam anstelle der Bezeichnung Neurasthenie die Bezeichnung Psychasthenie auf.Pierre Janet: Les obsessions et la psychasthénie. 2. Auflage. Paris 1908.
Freuds Erklärung der Neurasthenie