Die karachanidische LiteraturAuch Qarachanidische Literatur, Karakhanidische Literatur usw. ist die Literatur, die ausgehend vom Reich der Karachaniden im 11. und 12. Jahrhundert in Zentralasien in einer dem Alttürkischen nahe stehenden Sprache entstanden ist. Die türkische Sprache dieser Literaturzeugnisse wird als Karachanidisch bezeichnet. Als die damalige gemeinsame Schriftsprache der islamisch-türkischen Welt hat das Karachanidische eine Vielzahl von Dokumenten hinterlassen und die gemeinsame Schriftsprache späterer Turksprachen nachhaltig beeinflusst. Die erhaltenen Sprachdenkmäler sind sehr wichtig in Bezug auf die türkische Sprach- und Literaturgeschichte, da die Werke aus dieser Zeit Auskunft über den historischen Entwicklungsprozess des Türkischen sowie über den seinerzeit erfolgten türkischen Kulturwandel hin zum Islam geben. thumb|Karte des Karachanidenstaates in den Grenzen von 1006 (nach: The Historical Atlas of China von Tan Qixiang) – mit den Orten (alphabetisch): Balasagun, Barchuk, Barskoon, Bukhara, Denau (Chekyana), Ferghana, Ichiwooq, Illiq, Ishtihan, Jizzax, Keriya, Kheti, Khotan, Khujand, Nakshab (Qarshi), Nurota (Nur), Osh, Otrar, Pugnahi, Qarqan, Samarkand, Sayram (Baishui), Shahrisabz, Shule, Talas, Tashkent (Chachi), Termiz, Uzgen, Yarkant; umgeben von den Staaten bzw. Gebieten (im Uhrzeigersinn) der Seldschuken, Kimek, Liao, Xizhou-Uiguren (Xizhou Huigu), Gelbkopf-Uiguren (Huangtou Huihe), Chiang-Tung, Guge, Maryul, Ladakh, Pursapura, Ghaznawiden und nicht unmittelbar angrenzend im Südwesten: Kaschmir und Zanskar. (Das Khanat der Karachaniden war seit ungefähr den 1040er Jahren in ein Östliches Khanat und ein Westliches Khanat gespalten.)
Geschichte Ab dem 11. Jahrhundert begannen im Karachanidenstaat Autoren mit der schriftlichen Wiedergabe der zuvor nur mündlich tradierten Literatur in der dort verwendeten türkischen Sprache. Die karachanidische Sprache des 11. und 12. Jahrhunderts ist eine Frühstufe der islamischen mitteltürkischen Literatursprache Mittelasiens. Die Islamisierung der Karachaniden und ihrer türkischen Untertanen spielte eine große Rolle bei der kulturellen Entwicklung der türkischen Kultur. Im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert wurden zum ersten Mal in der Geschichte der Turkvölker die Tafsīre, die Kommentare zum Koran, in die türkische Sprache übersetzt.vgl. А. К. Боровков: Лексика среднеазиатского тефсира: XII—XIII вв. [Der Wortschatz der zentralasiatischen Tafsīre: 12.–13. Jahrhundert]. Moskau 1963 Zu dieser Zeit erschienen in Zentralasien wichtige literarische Werke in türkischer Sprache, an erster Stelle der Fürstenspiegel Das glückliche Wissenvgl. den Artikel von Bedriye Atsiz zum Werk, in: KLL 18 (dtv), S. 7962–4. (Kutadgu bilig) von Yusuf Balasaguni aus dem Jahr 1069Mecdut Mansuroğlu: Das Karakhanidische in: Jean Deny et al. (Hrsg.): Philologiae Turcicae Fundamenta: Tomus Primus [Turksprachen]. Steiner, Wiesbaden 1959, S. 87–112, 88 (das erste schriftliche osttürkische Werk gilt als erstes islamisches Literaturwerk auf Türkisch, es ist in der poetischen Form masnawī verfasst, einer Versform der iranischen Literatur), der (ihm zugeschriebenevgl. Michal Biran: Ilak-Khanis - iranicaonline.org („the Divān-e ḥekmat, attributed to the Sufi shaikh Aḥmad Yasawi, is almost certainly a later forgery“)) Diwan von Ahmed Yesevi (einem bedeutenden Vertreter der islamischen Mystik auf den die sufistische Lehre des Yesevi-Sufiordens zurückgeht), Einweihung in die Wahrheit von Ahmad Yunaki (worin Fragen der Ethik und der Religion behandelt werden). Der Gelehrte Mahmud al-Kaschgari aus dem 11. Jahrhundert legte den Grundstein für die türkische Linguistik. Er führte die Namen vieler Turkstämme Zentralasiens auf. Sein Wörterbuch der türkischen Dialekte (Dīwān lughāt at-turk) wurde von ihm in den Jahren 1072–1074 zusammengestellt. Darin präsentierte er die wichtigsten Gattungen der türkischen Folklore, rituelle und lyrische Lieder, Auszüge aus heroischen Epen, historische Erzählungen und Legenden (über den Feldzug Alexanders des Großen in der Region der Tschigil-Türken), mehr als 400 Sprichwörter, Redensarten und mündliche Aussprüche. mini|Al-Kāschgharīs nach Osten ausgerichtete Weltkarte aus seinem Dīwān lughāt at-turk zeigt rund um die karachanidische Residenzstadt Balasagun als Mittelpunkt eine Auswahl von Ländern, Städten und Völkern, Bergen, Flüssen und Seen der ihm bekannten, von einem Ozean kreisförmig umschlossenen Welt, wobei „das Gebiet der beiden Irak“ () im unteren Bereich oberhalb des Hedschas eingezeichnet ist. thumb|Yusuf Balasaguni (11. Jhd.) auf einer kirgisischen 1000-Som-Banknote Aus einigen literarischen Werken ist ersichtlich, dass die morphologischen Merkmale der arabischen und persischen Literatur verwendet werden.
Das wissenschaftliche und literarische Zentrum von Mawara’annahr wurde am Hof der Karachaniden in Samarkand gegründet. Quellen über die Geschichte des Karachanidenstaates sind größtenteils nicht erhalten geblieben. Es sind nur einige Titel dieser historischen Werke bekannt. Die Informationen darüber haben uns nur in den Werken arabischer und persischer Autoren erreicht, die außerhalb des Khanats schrieben. Das Werk Tarich-i Kaschgarvgl. O. F. Akimushkin, ed., Tarikh-i Kashgar. Anonimnaya tyurkskaya khronika vladeteleĭ Vostochnogo Turkestana po konets XVII veka (Tāriḵ-e Kāšḡar). von einem der Historiker der Karachanidenzeit ist nur in kleinen Fragmenten von Dschamal Karschi (13. Jahrhundert) bekannt.
thumb| Mazār-Grabmal des Satoq Bugra Khan in Artux
Einer der berühmtesten Gelehrten war der Historiker Madschid ad-Din as-Surchakati, der in Samarkand eine Geschichte Turkestans verfasste, in der die Geschichte der Karachaniden-Dynastie dargelegt wurde.vgl. Introduction to The Jawami u’l-hikayat wa Lawami’ur-riwayat of Sadidu’u-din Muhammad al-Awfi by Muhammad Nizamu’d-din. London: Luzac & Co, 1929
Zitat Dem Autor Alimschan Tiliwaldi zufolge stellt die karachanidische Literatur
Literatur
Alessio Bombaci: La letteratura turca – con un profilo della letteratura mongola. Nuovo edizione aggiornata. Sansoni-Accademia, Florenz/Mailand 1969 (Parte terza: La letteratura turca islamica d’Asia centrale; Capitolo settimo: Dagli inizi alla invasione mongola (XI–XIII secolo) W. Barthold: Turkestan down to the Mongol Invasion. Reprint 2007 (Digitalisat der Ausgabe 1928) Jean Deny et al. (Hrsg.): Philologiae Turcicae Fundamenta: Tomus Primus [Turksprachen]. Steiner, Wiesbaden 1959, daraus namentlich: Mecdut Mansuroğlu: Das Karakhanidische, S. 87–112. Liu Bin: Kalahanchao shiqi de wenxue: Jiu shiji zhi shisan shiji [Literatur in der Karachanidenzeit: 9.–13. Jahrhundert]. Xinjiang Volksverlag, Ürümqi 1995 (Weiwu'erzu gudian wenxue daxi, Bd. 2) Benedek Péri: Karakhanid literature (in Teilansicht) / Vollansicht) Robert Dankoff: Qarakhanid literature and the beginning of Turco-Islamic culture, in Hasan B. Paksoy (ed.): Central Asian monuments. Istanbul 1992, S. 73–80 – Text abrufbar unter vlib.iue.it Mehmed Fuad Köprülü: Early mystics in Turkish literature. Abingdon 2006 Aysu Ata: Türkçe ilk Kur'an tercümesi (Rylands nüshası): Karahanlı Türkçesi: giriş, metin, notlar, dizin [Die erste türkische Übersetzung des Korans (Rylands-Manuskript): Karachanidisch: Einleitung, Text, Anmerkungen, Index]. Ankara: Türk Dil Kurumu, 2004 (Türk Dil Kurumu yayınları, 854) (Karachanidische Interlinearübersetzung des Korans aus dem 10./11. Jhd.)
Weblinks Karakhanid Khanate (Michal Biran) Karahanlılarda Türkçe İslam ve Türkçe İlk Kur’an
Einzelnachweise und Fußnoten
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