mini|hochkant=1.5|Nach dem Brand des hölzernen Vorgängerbaus wurde das neue Goetheanum in Dornach 1925 bis 1928 aus Sichtbeton neu errichtet. mini|hochkant=1.5|Das im Inneren und Äußeren überwiegend aus Sichtbeton errichtete phæno in Wolfsburg (Einweihung 2005)

Sichtbeton ist Beton, der nicht verputzt oder verblendet wird und nach Fertigstellung gewissen ästhetischen Anforderungen genügen soll. Sichtbeton wird insbesondere im Brutalismus häufig als dominierendes gestalterisches Merkmal eingesetzt. Der im Französischen und Englischen verwendete Begriff für Sichtbeton, Béton brut, wird oft als namensgebend für den Brutalismus angesehen.

mini|Treppenhaus Bahnhof Zürich Altstetten, erbaut 1966 mini|Komplexe Formen: Hochhaus zur Palme, Zürich, fertiggestellt 1964 mini|Im Garden of Fine Art (Kyoto) von Tadao Andō mini|Sichtbeton-Holzbauweise bei einem Einfamilienhaus mini|hochkant|Sandgestrahlter Sichtbeton an der Fassade der Chapel of the Holy Cross in Sedona (Arizona), erbaut 1955 bis 1957

Geschichte Der Bauforscher und Denkmalpfleger Hartwig Schmidt sieht in der historischen Entwicklung des Bauens mit Stahlbeton vier Phasen: Stahlbeton wurde zuerst als Tragkonstruktion im Inneren eingesetzt, für die Fassaden weiterhin Ziegel, Naturstein oder Putz. Dann in den 1920er Jahren galt Stahlbeton als das moderne Baumaterial für den industrialisierten Massenwohnungsbau, die schalungsrauen Oberflächen wurden verputzt und gestrichen. Dritte Phase war die Nachkriegsarchitektur mit rohem, von der Schalung geprägten „beton brut“, dessen häufige Verwendung an wenig attraktiven öffentlichen Bauten dem Sichtbeton schließlich einen schlechten Ruf einbrachte. In der letzten Phase entdeckten Architekten laut Schmidt das Material in neuer Form wieder. Statt des groben „beton brut“ wurden seit den 1990er Jahren glatte, sorgfältig geschalte Oberflächen des Architekturbetons zum ästhetischen Ziel.

Nach der Einführung des Stahlbetons Ende des 19. Jahrhunderts war es üblich, die rohen Betonoberflächen entweder zu verputzen oder zu verkleiden, um eine ästhetisch ansprechende Oberfläche zu erhalten. Die Betonoberfläche ist nach Abnahme der Schalung jedoch oft nicht porös und saugfähig genug, um eine zuverlässige Anhaftung von Mörtel zu ermöglichen und muss daher zunächst aufgeraut werden. Die manuelle Bearbeitung der Betonoberfläche ist relativ aufwändig, wenn der Beton eine im Hochbau übliche Festigkeitsklasse erreicht.

Oft wurden Betonoberflächen auch von Steinmetzen etwa durch Scharrieren und Stocken bearbeitet, um dem Bauteil ein dem Werkstein ähnliches Aussehen zu geben. Durch den grauen Farbton des Zements lassen sich dem Muschelkalk ähnliche Oberfläche herstellen. Dies setzt allerdings die Verwendung weicher, einfach zu bearbeitenden Gesteinskörnung voraus, die sich schlecht zur ökonomischen Herstellung tragender Betonbauteile eignet. Flußkiesel sind aufgrund ihrer Härte und abgerundeten Form ideal als Zuschlag zur Fertigung von Stahlbetonbauteilen geeignet, zerplatzen aber bei der Bearbeitung mit Meißel oder Spitzeisen und heben sich auch optisch deutlich vom umgebenden Zementmörtel ab. Es ergibt sich eine zerklüftete, unruhige Oberfläche, die heute oft an Infrastrukturbauten wie Brücken eingesetzt wird. Zur Anwendung an Gebäuden wird sie meist als zu grob empfunden.

Es wurde darum bereits zur Jahrhundertwende versucht, attraktive Betonoberflächen herzustellen, ohne den Beton hierzu steinmetzmäßig bearbeiten zu müssen. Wird die Beton-Schalung bald nach dem Guss des Betons entfernt, kann die äußerste Mörtelschicht abgewaschen oder abgebürstet werden. Dabei werden die mineralischen Zuschläge freigelegt, die in der Regel eine ansprechendere Oberfläche ergeben, als der graue Zementmörtel selbst (→ Waschbeton). An der durch den Abtrag strukturierten Oberfläche haften auch Putz- und Ansetzmörtel besser, als an unbehandeltem Beton.

Um die Stabilität des noch unvollständig erhärteten Betons nicht zu gefährden, darf die Schalung tragender Betonbauteile jedoch oft erst dann entfernt werden, wenn das Abwaschen der Oberflächenschicht bereits kaum mehr möglich ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden darum in Amerika Abbindeverzögerer entwickelt, die auf die Betonschalung aufgestrichen werden können und das Erstarren der anliegenden Mörtelschicht ausreichend lange unterbinden. Abgeleitet von englisch concrete-texture (dt. Beton-Struktur)vgl. Geraldine Buchenau: Beton und seine wachsende Rolle in der Denkmalpflege. Teil 3: Über 100 Jahre Sichtbeton im Hochbau in Baden-Württemberg, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 46.2017/4, S. 310. wurde das Verfahren früher auch als Contex bezeichnet.Reg.-Baumeister. a. D. Meisenhelder: Das Contex-Verfahren zur Behandlung von Betonflächen (PDF-Datei), Deutsche Bauzeitung, Nr. 63; 61. Jahrgang, Berlin, 6. August 1927, Nr. 16. In: delibra.bg.polsl.pl

In den 1960er und 1970er Jahren verbreitete sich der Einsatz von Waschbetonfertigteilen im Hochbau.

Sichtbeton-Bauten der 20er und 30er Jahre Als Stahlbetonbau mit Sichtbetonfassade wurde 1925 bis 1928 in Dornach das zweite Goetheanum errichtet.Hans Hasler: Das Goetheanum. Eine Führung durch den Bau, seine Umgebung und seine Geschichte. Verlag am Goetheanum, Dornach 2005, ISBN 3-7235-1258-5. Ernst Otto Oßwalds 1928 fertiggestellter Stuttgarter Tagblatt-Turm markiert einen technologischen Übergang, bei dem die ursprüngliche Sichtbetonfassade noch von Steinmetzen nachbearbeitet wurde.Almut Escher: Ortstermin. Baulücke legt bauzeitliche Oberfläche frei. Einblicke in die Herstellungstechnologie des Stuttgarter Tagblattturms. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 50. Jg., 2021, S. 55–56 (PDF; 0,2 MB)

Weitere Beispiele für Sichtbetonflächen der 1920er und 1930er Jahre finden sich an Michael Rosenauers Dorotheum-Fünfhaus in Wien und Hermann Reinhard Alkers Altes Stadion in Karlsruhe.

Sichtbeton im Kirchenbau Im Kirchenbau kam erstmals in großem Maßstab Stahlbeton als Sichtbeton in den Jahren 1908 bis 1910 in der Lutherkirche in Bad Steben und der Ulmer Pauluskirche zur Anwendung.Günther Döring: Die Lutherkirche in Bad Steben. In: Der Präsidialbau der Regierung von Oberfranken und seine Epoche. Hanns Michael Scholler, Bayreuth 2006, ISBN 3-00-017544-X Das Freiburger Bauunternehmen Brenzinger & Cie. errichtete ab 1929 unter dem Architekten Carl Anton Meckel die Kirche St. Konrad als eine der ersten mit einer Fassade aus Sichtbeton.Werner Wolf-Holzäpfel: Der Architekt Max Meckel 1847–1910. Studien zur Architektur und zum Kirchenbau des Historismus in Deutschland. Josef Fink, Lindenberg 2000, ISBN 3-933784-62-X, S. 257 f. Die Basler Antoniuskirche wurde zwischen 1925 und 1927 als erste reine Betonkirche der Schweiz vom Zürcher Architekturprofessor Karl Moser und der Baufirma G. Doppler und Sohn in schalungsrohem Sichtbeton erbaut. Der Bau steht seit 1987 unter Denkmalschutz und musste wegen Verwitterungsschäden zwischen 1981 und 1991 aufwendig restauriert werden. Kunsthistorischer Rundgang in der Basler Antoniuskirche.

Le Corbusiers berühmte Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp wurde 1955 in Sichtbeton erstellt und ist heute auch ein Pilgerort für Kunsthistoriker und Architekturstudenten. Die bekannteste Sichtbetonkirche in Deutschland ist der 1966 von Gottfried Böhm errichtete Nevigeser Wallfahrtsdom.

In Deutschland wurde Gottfried Böhm für seine Sichtbetonkirchen der 1970er und 1980er Jahre bekannt.

Architekturbeton Unter Architekturbeton werden Bauteile aus Sichtbeton verstanden, an deren Erscheinungsbild besondere ästhetische Anforderungen gestellt werden. Gegenüber Beton mit überwiegend konstruktiver Funktion erfordert die Ausführung des sogenannten Architekturbeton einen erhöhten Planungs- und Koordinierungsaufwand. Diese begriffliche Unterscheidung zu Sichtbeton unterstreicht den Umstand, dass sichtbarbleibende Betonflächen Ausdruck des individuellen Gestaltungswillen des Planers sind und dessen ästhetischen Vorstellungen hinsichtlich der Oberflächenbeschaffenheit unterliegen.

Eine aktuelle Definition aus dem Jahr 2009 beschreibt Architekturbeton als „hochwertige und anspruchsvolle Ausführungen [...] mit ausgeprägter architektonischer Gestaltungsabsicht“, mit einer möglichst perfekten, einheitlichen Oberfläche und Farbe.

Überwiegend werden Fassaden sowie gestalterische Elemente in Innenbereichen und in der Außenraumgestaltung von größeren repräsentativen Gebäuden als Architekturbeton bezeichnet, teilweise werden auch Gegenstände aus Beton wie Skulpturen, Blumenkübel und Sitzbänke hinzugezählt. Häufig werden vorgefertigte Betonelemente verwendet, da sich viele Oberflächenstrukturen im Fertigteilwerk zuverlässiger umsetzen lassen als beim Gießen von Ortbeton auf der Baustelle.

Zu den Merkmalen von Architekturbeton gehören insbesondere hochwertige und besonders strukturierte Oberflächen. Möglich ist beispielsweise: die Strukturierung der Oberfläche etwa durch Muster, Texturen, Reliefs, Schattenfugen oder Absätze durch entsprechend geformte oder ausgekleidete Schalung oder durch Bearbeitung nach der Entschalung, die Oberflächenbehandlungen durch Schleifen, Polieren oder Freilegen der Gesteinskörnungen (Waschbeton) durch teilweises Entfernen der Oberfläche, die Färbung durch Zugabe von Pigmenten zur Betonmischung oder durch Auftrag einer Lasur.

Begriffsgeschichte mini|hochkant=1.3|Meridian Hill Park

John Joseph Earley (1881–1945), amerikanischer Architekt und Entwickler des im Meridian Hill Park verwendeten Betons, der für die Wände, Bänke, Urnen, Obelisken und Geländer im Park verwendet wurde, bezeichnete diesen als „architectural concrete“, was auf Deutsch mit Architekturbeton zu übersetzen wäre.

Heute bezeichnet der Begriff „architectural concrete“ im amerikanischen Sprachgebrauch meist einen brettgeschalten, strukturierten, manchmal auch eingefärbter Beton, der eine lebhafte und präzise wirkende Holzmaserung aufweist. mini|Lorado Taft „Fountain of Time“ mit lebensgroßen Betonfiguren Friedrich Baravalle-Brackenburg (1905–1978) besprach in den 1930ern in seinem Aufsatz „Neues aus der amerikanischen Betonforschung“ den „Architektur-Beton mit bloßgelegten Zuschlagsstoffen“, dabei war der Autor der Auffassung, dass mit Beton „jede architektonische Forderung erfüllt werden kann“ (als Beispiel Lorado Tafts Brunnen der Zeit, bei dem Beton nicht wie sonst in Formen gegossen, sondern zwischen einer Form und einem aus Gips überzogenen Kern eingestampft wurde. Dieser Kern entzog dem Beton alles noch überflüssige Wasser, so dass dieser in scharfen Konturen erhärtete).

Als 1998 mit der Erweiterung des Deutschen Historischen Museums in Berlin – dem Pei-Bau – begonnen wurde, war die Ausführung in Architekturbeton noch ein Novum in Deutschland, keine Rohbaufirma hatte bis dahin Erfahrung damit und keiner der Begriffe Sichtbeton und Architekturbeton war eindeutig definiert. Wie schon beim berühmten Architekten Le Corbusier wurde mit brettgeschaltem Beton gestaltet, mit der Betonrezeptur sollte jedoch eine farbliche Annäherung an den beige-honigfarbenen französischen Kalkstein erreicht werden. Beim Pei-Bau wurden dann auch „die tragenden Geschossdecken aus so genanntem Architekturbeton, einem speziell eingefärbten Beton gefertigt, dessen Struktur durch eine fein gemaserte Holzschalung aus Oregon Pine herausgearbeitet wurde.“

Ende der 2000er gehen Richtlinien und Merkblätter des Deutschen Beton- und Bautechnik-Vereins und Österreichischen Beton- und Bautechnikvereins auf den Begriff Architekturbeton ein.

Da Architekturbeton einen erhöhten Anspruch an das Erscheinungsbild ganz allgemein beinhaltet, der sich nicht auf konkret zu bezeichnende Eigenschaften festlegen lässt, gibt es im Gegensatz zum Sichtbeton keine Regelwerke, welche etwa die Gestaltungsmöglichkeiten des Architekturbetons oder zu berücksichtigende Einflussfaktoren definieren.

Weitere Ausführungsbeispiele