Bleidenstadt, in der lokalen Mundart Bleischt, ist der größte Stadtteil von Taunusstein im südhessischen Rheingau-Taunus-Kreis.

Geographie Geografische Lage

Bleidenstadt liegt im westlichen Hintertaunus, im Südwesten der Stadt Taunusstein am Oberlauf der Aar, die hier nördlich parallel zum Taunushauptkamm westwärts fließt. Der größte Teil des Siedlungsgebietes liegt südlich der Aar, zieht sich von dort aus an der Nordabdachung des Taunushauptkammes hinauf und endet an dessen Bewaldungsgrenze in etwa Höhe. Im Westen bildet der Taleinschnitt des Aar-Zuflusses Roßbach eine natürliche Grenze, nach Osten schließt sich nahtlos der Stadtteil Hahn an. Höchster Punkt der Gemarkung ist die Hohe Wurzel (). Nach dem Ort benannt ist der Bleidenstadter Kopf () südöstlich des Taunusübergangs Eiserne Hand.

Nachbarorte

Angrenzende Orte sind Hahn, Watzhahn, Seitzenhahn (alle Taunusstein), Hohenstein und Wiesbaden.

Geschichte Die Geschichte Bleidenstadts lässt sich in mehrere große Abschnitte gliedern. Sie beginnt um das Jahr 800 mit etwa 700 Jahren Klosterzeit. Nach der Umwandlung des Klosters in ein weltliches Ritterstift im Jahr 1495 folgten zweimal 150 Jahre Stiftszeit: von 1495 bis in den Dreißigjährigen Krieg und von 1650 bis zur Säkularisation. Dann folgten 150 Jahre Herzogtum Nassau und Preußen. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gehört Bleidenstadt zu Hessen.

Historische Namensformen Dokumentierte Erwähnungen des Ortes sind (in Klammern jeweils das Jahr der Erwähnung): Blidenstat (812) Bleidinstat (995) Blidenstat (1000, auch 812?) Blijdenstad (1184) Blidenstath (1189) Blidenstad (1213?, 1251) Blidinstad (1235) Blydinstat (1261) Blidinstat (1269) Bleydenstat (1516)

Klosterzeit Im Jahre 812 wurde Bleidenstadt zum ersten Mal in einer Urkunde zur Weihe des Benediktinerklosters durch Erzbischof RichulfArchivalien zum Kloster St. Ferrutius Bleidenstadt im Hessischen Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden. erwähnt. Kaiser Karl der Große übertrug dem Erzbistum Mainz das Gebiet ungefähr zwischen dem Taunushauptkamm, der Lahn, der Hohen Straße (der heutigen Bäderstraße) und der Hühnerstraße zur Verwaltung. Die Verbindung nach Mainz über den Taunuskamm gewährleistete der Alte Mainzer Weg und der Rast- und Lagerplatz An der Unner nahe dem Seitzenhahner Quellgebiet. Zudem wird auch eine Niederlassung des Klosters in der heutigen Klarastraße in Mainz erwähnt. Um das Jahr 1000 wurde als Westgrenze des Pfarrsprengels die Aar bestimmt und die Abtei neu besetzt, vermutlich mit Mönchen aus St. Alban zu Mainz sowie aus Seligenstadt. Die von Gorze ausgehende Klosterreform vermittelte neue Impulse. Mitte des 12. Jahrhunderts fiel die Vogtei über Bleidenstadt an die Grafen von Nassau. Im Sinne der Hirsauer Reform versuchte die Abtei, sich vom Einfluss des Erzbischofs von Mainz zu lösen, ohne jedoch die alte Rechtsstellung aufheben zu können. Ähnliche Anstrengungen im 14. Jahrhundert kamen ebenfalls nicht zum Ziel.Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Hessen. 3., überarbeitete Auflage, S. 55. Im Jahre 1389 wurde der Osttrakt des Klosters durch Brandstiftung zerstört.

Stiftszeit 1495 wurde das Kloster in ein weltliches Ritterstift umgewandelt. Während des Dreißigjährigen Krieges verließ 1631 die Dienerschaft das Stift St. Ferrutius und zog sich ins Mutterstift St. Alban nach Mainz zurück. Erst nach dem Krieg wurde das Stift Bleidenstadt wiederbelebt und bestand bis zur Säkularisation. Das Stiftsterritorium unterstand der Regierung des Fürsterzbischofs von Mainz. Einige Häuser des Dorfes Bleidenstadt (das Dorf gehörte zur Grafschaft Wehen), die den Dreißigjährigen Krieg überstanden hatten, gruppierten sich an der Ostgrenze des Stifts (heute „Bleischter Eck“). Das Dorf dehnte sich in der Folgezeit bis zur so genannten Hellers Mühle (Bleidenstadter Dorfmühle) aus.

1713 stellte Pfarrer Brühl eine Personenliste seines evangelischen Kirchspiels auf. Das Dorf Bleidenstadt hatte 57 Personen; davon 12 mit katholischer Konfession. Zu diesem Zeitpunkt zählte das Stift St. Ferrutius in Bleidenstadt etwa 200 Personen. Nach langen Verhandlungen zwischen dem nassauischen Amt Wehen und dem Stift Bleidenstadt wurde 1776 auf dem Territorium des Stifts, direkt neben der Pfarrkirche St. Ferrutius, eine fiskalische (staatliche) Schule erbaut, das heutige katholische Pfarrhaus. Erst 100 Jahre später, im Jahr 1879, wurde eine weitere Schule im „Bleischter Eck“ erbaut.

Säkularisation Am 20. Dezember 1802 wurde die Säkularisation des Stiftes St. Ferrutius durch Nassau-Usingen vollzogen. Zusammen mit Bleidenstadt gehörte es zur Zeit des Herzogtums Nassau zum Amt Wehen. Nach der Annexion des Herzogtums durch Preußen nach dem verlorenen Preußisch-Österreichischen Krieg wurde der Ort 1867 dem neu errichteten Untertaunuskreis im Regierungsbezirk Wiesbaden zugeordnet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mini|Eine neu errichtete Wohnsiedlung für Heimatvertriebene in Bleidenstadt, 1952

Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte Bleidenstadt um die 900 Einwohner. Innerhalb von zehn Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl und verdoppelte sich in den nächsten zehn Jahren noch einmal. 1970 hatte der Ort 5487 Einwohner.

Hessische Gebietsreform (1970–1977)

Zum 1. Oktober 1971 fusionierte die bis dahin selbständige Gemeinde Bleidenstadt im Zuge der Gebietsreform in Hessen mit fünf Nachbarorten freiwillig zur neuen Stadt Taunusstein. Somit wurde Bleidenstadt ein Stadtteil von Taunusstein. Für alle nach Taunusstein eingegliederten Gemeinden wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher gebildet.

Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Bleidenstadt angehört(e):

1444: Heiliges Römisches Reich, Haus Nassau, Amt Wehen ab 1738: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Nassau-Usingen (Teilbesitz), Amt Wehen 1787: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Nassau-Usingen, Amt Wehen (nassauischer Teil; reichsunmittelbarer Teil: Ritterstift St. Ferrutius zu Bleidenstadt) ab 1806: Herzogtum Nassau (Mediatisierung), Amt Wehen ab 1812: Herzogtum Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Amt Wehen ab 1816: Herzogtum NassauDas Herzogtum Nassau war von 1815 bis 1866 Mitglied des Deutschen Bundes. Ein Staatenbund ehemaliger Territorien des Heiligen Römischen Reichs. Er gilt als Vorläufer des Deutschen Reichs., Amt Wehen ab 1849: Herzogtum Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreisamt Langen-SchwalbachAbtrennung der Justiz Justizamt Wehen bis 1854. ab 1854: Herzogtum Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Amt Wehen ab 1867: Norddeutscher BundDer Norddeutsche Bund war der erste deutsche Bundesstaat unter der Führung Preußens. Er war die geschichtliche Vorstufe des Deutschen Reichs., Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, UntertaunuskreisEndgültige Trennung zwischen Justiz (Amtsgericht Wehen) und Verwaltung. ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Untertaunuskreis ab 1918: Deutsches Reich (Weimarer Republik), Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Untertaunuskreis ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Nassau, Untertaunuskreis ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Untertaunuskreis ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Land Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Untertaunuskreis ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Untertaunuskreis ab 1968: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Untertaunuskreis ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Untertaunuskreis, Stadt TaunussteinAm 1. Oktober 1971 als Ortsbezirk zur Stadt Taunusstein. ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Rheingau-Taunus-Kreis, Stadt Taunusstein

Bevölkerung Einwohnerentwicklung

 Quelle: Historisches Ortslexikon 1593: 33 Haushaltungen 1615: 38 Haushaltungen 1629: 30 Haushaltungen 1717: 25 Wohnhäuser

Religionszugehörigkeit • 1885: 325 evangelische (= 46,16 %), 370 katholische (= 52,56 %), 9 jüdische (= 1,28 %) Einwohner • 1961: 1213 evangelische (= 44,68 %), 1426 katholische (= 52,52 %) Einwohner

Politik Ortsbeirat Für Bleidenstadt besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Bleidenstadt) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus neun Mitgliedern. Seit den Kommunalwahlen 2021 gehören ihm zwei Mitglieder der SPD, drei der CDU, zwei der FWG und zwei Mitglieder des Bündnis 90/Die Grünen an. Ortsvorsteher ist Michael Türckheim (CDU).

Wappen Das Wappen wurde am 25. Juni 1955 durch das Hessische Innenministerium genehmigt.

Kultur und Sehenswürdigkeiten Bauwerke Eine Aufstellung der Kulturdenkmäler in Bleidenstadt findet sich in der Liste der Kulturdenkmäler in Taunusstein#Bleidenstadt.

Die katholische Pfarrkirche St. Ferrutius Die katholische Kirche St. Ferrutius ist eine der ältesten Kirchen östlich des Rheins. Erstmals erwähnt wurde sie vor rund 1200 Jahren. Der heutige Kirchenbau wurde von 1685 bis 1718 errichtet, über dem Hauptportal prangt die Statue des heiligen Ferrutius aus dem 17. Jahrhundert. Im Gebäude befinden sich ein im Chor eingebauter hochgotischer Wandtabernakel aus Sandstein, ein Taufstein von 1696, eine spätbarocke Madonnenfigur und eine mit barockem Prospekt versehene Orgel.

Die evangelische Kirche St. Peter auf dem Berg

Die evangelische Kirche beinhaltet das älteste Steindenkmal des Stadtteils, eine Grabplatte des 1363 verstorbenen Pfarrers Johannes von Spangenberg. Der Turm ist im unteren Teil romanischen Ursprungs. An der Ostseite der Kirche über dem Eingangsportal befinden sich Ornamente in einem Rosenfenster aus Sandstein. Ursprünglich war St. Peter auf dem Berg die katholische Pfarrkirche der Dorfbevölkerung. Nach der Reformation wurde sie zur evangelischen Kirche umgewidmet, die katholische Gemeinde nutzt seitdem die ehemalige Stiftskirche St. Ferrutius.

St. Peter steht auf einem Hangvorsprung südlich der Aar und damit von St. Ferrutius aus gesehen „auf dem Berg“. Dennoch liegt die Kirche niedriger als der Großteil des heutigen Bleidenstadt, dessen Wohngebiet sich seitdem beträchtlich nach Süden hangaufwärts erweitert hat.

Das Pfortenhaus des Klosters und Stiftes Das Pfortenhaus in der Stiftstraße 15 gilt als ältestes Steinhaus von Bleidenstadt. Bleidenstadt (Kloster und Stift) hatte Zehntrechte, einen eigenen Markt und Gerichtsbarkeit.

Der Erbleihhof des Ritterstifts St. Ferrutius in Bleidenstadt Der Erbleihhof des Ritterstifts St. Ferrutius in Bleidenstadt gehörte zum Gesamtgebäudekomplex des Klosters und späteren Stifts. 1803 wurde es im Rahmen der Säkularisation vom Herzogtum Nassau vereinnahmt. Schon während der Abwesenheit der Dienerschaft des Ritterstiftes St. Ferrutius, die 1631 ins Mutterstift St. Alban in Mainz geflüchtet war, wurden die Anwesen des Stifts in Bleidenstadt, der Erbleihhof in der Stiftstraße und der Schafhof, von der Familie Halm versorgt.

Am 23. Juni 1669 erhielt Peter Halm aus dem Stift Bleidenstadt (um 1620 geboren) den Erbleihhof auf Lebenszeit, sein Bruder Jakob die Erbleihe des Schafhofes. Jakob war verheiratet mit Gertrud Pump, der Schwester der Stiftsmüllerin Agnes Schuck. Sie hatten 10 Kinder. Peter Halm heiratete um 1662 Anna Maria Lufft († 28. Dezember 1689), sie hatten sieben Kinder. Als Peter Halm am 29. Januar 1696 starb, stand keiner seiner Söhne für die Erbleihe zur Verfügung. Die Erbleihe ging an seinen Schwiegersohn Sebastian Ring, der die älteste Tochter Anna Catharina (* 7. Februar 1664) am 16. Januar 1685 geheiratet hatte.