mini|Adalbert Stifter. Porträt von Ferdinand Georg Waldmüller (1830) Der Condor ist der Titel der ersten, 1840 publiziertenin der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, Wien 1840. Stifter – Werkverzeichnis http://adalbertstifter.at/Werke.html und 1844 im 1. Band der „Studien“ veröffentlichten Erzählung Adalbert Stifters. Sie erzählt von der Liebe des jungen Wiener Malers Gustav zu der um Emanzipation bemühten Cornelia und thematisiert den Konflikt zwischen früher Bindung und künstlerischer bzw. persönlicher Reifung.
Überblick Der junge, unbekannte Maler Gustav ist vom Land nach Wien gezogen und verdient seinen Lebensunterhalt mit Zeichenunterricht. Er verliebt sich in seine gleichaltrige Schülerin Cornelia, die er in ihrem großbürgerlichen Landhaus unterrichtet. Zu Spannungen zwischen ihnen kommt es, als er ihr von einem Ballonflug über die Alpen abrät, den die junge Frau unternehmen will, um ihre Emanzipation zu beweisen. Als der Termin gekommen ist, beobachtet Gustav in einer Mondnacht ängstlich den Himmel und sieht für einen Augenblick die vorbeischwebende Kugel (Kap. 1). Der Flug über den Wolken ist für Cornelia ein desillusionierendes Erlebnis und muss vom englischen Piloten wegen ihrer Ohnmacht abgebrochen werden (Kap. 2). Nach ihrer Erholung nimmt sie den Kontakt zum Maler wieder auf (Kap. 3). Sie gesteht ihm ihre Fehleinschätzung und er erklärt ihr seine Liebe, die sie erwidert. Doch das Glück hält nur einen Augenblick an. Gustav ist unsicher, ob seine Gefühle andauern werden. Er ist inzwischen in einem Entwicklungssprung zum selbstbewussten Mann geworden, der auf Reisen gehen und sich als Künstler entfalten will. Cornelia, deren Flugversuch gescheitert und die ins häusliche Leben zurückgekehrt ist, hat sein Genie erkannt und versteht ihn. Sie legt ein Gelübde ab, ihn immer zu lieben, und hofft auf seine Reifung zum großen Künstler. Sie hält ihren Schwur und betrachtet viele Jahre später (Kap. 4) in einer Ausstellung in Paris zwei seiner Bilder, die Mondnächte aus der Boden- und der Flugperspektive darstellen. Zu dieser Zeit sucht der Maler „fern, fern von ihr in den Urgebirgen der Cordilleren […] neue Himmel für sein wallendes, schaffendes, dürstendes, schuldlos gebliebenes Herz“.zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg, 1956, S. 32.
Inhalt
Die Erzählung ist in drei zeitliche Abschnitte unterteilt: Der Ballonflug Cornelias mit der „Condor“ aus den Perspektiven des Malers und Cornelias (Kap. 1 und 2). Die komplizierte Liebesbeziehung Gustavs und Cornelias (Kap. 3). Die Ausstellung von zwei Bildern Gustavs in einem Atelier Paris (Kap. 4).
1. Nachtstück In einer Junimondnacht beobachtet der 22-jährige, aber noch wie ein kaum 18-jähriger Knabe aussehende, aus ärmlichen ländlichen Verhältnissen in die Großstadt zugezogene Maler Gustav R. aus seiner Wiener Dachstube den Himmel und wartet auf einen vorbeifliegenden Ballon. Im stummen Gespräch mit dem Kater Hinze seiner Mietsfrau beschreibt er in der „Nachtstille“ das Firmament und die Wanderung des Mondes und der Wolken über den Türmen und Dachspitzen der Stadt. Erst in der Morgendämmerung sieht er mit seinem Fernrohr für wenige Augenblicke eine dunkle Kugel mit dem an unsichtbaren Fäden hängenden Schiffchen vorbeischweben. Sein Ausruf: „Cornelia, armes verblendetes Kind! Möge Gott dich retten und schirmen! […] lebe wohl, du mein Herz, - dann kanntest du und liebtest du das schönste, großherzigste, leichtsinnigste Weib!!“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 12 ff. deutet seine Beziehungssituation zur Luft-Passagierin an.
2. Tagstück Am Morgen nach der durchwachten Nacht sinnt Gustav über seine Leidenschaft zu Cornelia nach: „Die Liebe ist ein schöner Engel, aber oft ein schöner Todesengel für das gläubige, betrogne Herz.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 14. Zu dieser Zeit reist die „kühne Cornelia“, in Pelze eingehüllt, mit dem jungen Piloten Richard, einem englischen Lord, und seinem ergrauten wissenschaftlichen Famulus Coloman den Wolken entgegen, die hier oben weißschimmernden Eisländern gleichen. Mit diesem Flug über die Alpen in Richtung Mittelmeer will Cornelia „erhaben sein […] über ihr Geschlecht, und gleich den heldenmütigen Söhnen derselben den Versuch wagen, ob man nicht die Bande der Unterdrückung sprengen möge“. Zumindest will sie ein „Beispiel aufstellen […], dass auch ein Weib sich frei erklären könne von den willkürlichen Grenzen, die der harte Mann seit Jahrtausenden um sie gezogen hatte – frei, ohne doch an Tugend und Weiblichkeit etwas zu verlieren.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 15. Doch nach einer halben Stunde des Flugs wird alles anders, als sie sich gedacht hat: „Der Begriff des Raumes [fängt] an mit seiner Urgewalt zu wirken.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 16. Für Cornelia ist alles fremd und „die vertraute Wohnlichkeit“ kleiner Fleckchen der Erde, die „wir Heimat nennen“ nicht mehr sichtbar. Um das Schiff wallen weithin „weiße, dünne sich dehnende und regende Leichentücher- von der Erde gesehen - Silberschäfchen des Himmels. Zu diesem Himmel [flieht] nun ihr Blick – aber siehe, er [ist] gar nicht da: das ganze Himmelsgewölbe, die schöne blaue Glocke unserer Erde, [ist] ein ganz schwarzer Abgrund geworden, ohne Maß und Grenze in die Tiefe gehend – jenes Labsal, das wir unten so gedankenlos genießen, [ist] hier oben völlig verschwunden, die Fülle und Flut des Lichts auf der schönen Erde.“ Und die Sonne „glotzt[-] mit vernichtendem Glanze aus dem Schlunde.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 19. Man fliegt „mit fürchterlicher Geschwindigkeit“ im Passatstrom, wodurch das Schiff schief hängt und rüttelt. Außer der Sonne „[ist] nichts da, als die entsetzlichen Sterne, wie Geister, die bei Tage umgehen.“ Die Männer nehmen, unbeeinflusst von Cornelias kosmischem Schock, mit ihren Instrumenten Luftproben und messen Elektrizität, Windgeschwindigkeit und Flughöhe usw. Der „junge, schöne, furchtbare Mann, deucht[-] es ihr, [schießt] zuweilen einen majestätischen Blick in die großartige Finsternis und spielt[-] dichterisch mit Gefahr und Größe.“ Cornelia wird schwindelig und sie schaut mit wahnsinnigen Augen um sich. Als Blut aus ihrer Nase tropft und sie ohnmächtig wird, entschließt sich der Pilot, umzukehren und die Flughöhe zu verringern. Coloman reagiert auf den Abbruch der teuren Unternehmung mit einem „Blick voll strahlenden Zornes“ und ruft, er habe es ja gleich gewusst: „[D]as Weib erträgt den Himmel nicht.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 20.
3. Blumenstück Einige Zeit nach der Luftfahrt wird der Künstler wieder von seiner Malschülerin in ihr großzügiges Landhaus gerufen. Die Amme warnt ihn bei seinem Eintreten: „Sie muss fürchterliche Dinge gesehen haben, sie muss sehr weit, sehr weit gewesen sein, denn drei Tage und Nächte dauerte die Rückreise. Die Reise hat sie verändert: sie ist jetzt sehr gut und sanft.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 22. Cornelia begrüßt ihn freundlich in einem weißen Atlaskleid und erklärt die lange Unterbrechung der Besuche mit ihrer Krankheit. Sie ist nicht zum Malen gekleidet und hat offenbar Schuldgefühle, ihn verletzt zu haben. Doch er sieht nicht, dass „ein leises Ding von Demütigung oder Krankheit in ihrem Wesen zitterte – sein Herz [liegt] gebannt in der Vergangenheit, sein Auge [ist] gedrückt und trotzend.“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 23. Sie versucht die Anspannung zu überbrücken, indem sie ihn an ihre gemeinsamen Studien erinnert, und erwartet von ihm eine Zuwendung. Aber er reagiert weiterhin verletzt und meint, symbolträchtig, inzwischen seien auf ihrem Bild die Farben verdorrt. Darauf fordert sie ihn mit einem „tiefen Unmutsblitz“ auf: „Malen wir“. Es entwickelt sich eine wortkarge Unterrichtsstunde. Er korrigiert sie kühl und ruhig. Sie malt immer weiter und sieht nicht seinen „leisen heißen Schmerz“.
Der Erzähler analysiert den Beziehungsverlauf: Der „Geist des Zwiespalts […] anfangs als ein so kleines, wesenloses Ding, dass sie es nicht sehen […] wie es dann heimlich wächst und endlich als unangreifbarer Riese wolkig, dunkel zwischen ihnen steht: so wars auch hier“ ist zwischen ihnen. Anfangs träumte er, „als zittere auch in ihr der Anfang jenes heißen Wesens, das dunkel über seiner Seele lag […] aber dann war ihr Stolz wieder da, ihr Freiheitsstreben, ihr Wagen – alles, alles so ganz anders, als ihm sein schüchtern wachsendes, schwellendes Herz sagte, dass es sein solle.“ Und nun stand er da, als „Einer, der verachtet […] und er dachte, er hasse dieses Weib recht inbrünstiglich!“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 25.
Plötzlich hört Cornelia auf zu malen und fängt an zu weinen und Gustav wendet sich ihr liebevoll zu. Daraufhin spricht sie den Konflikt zwischen ihnen an und erinnert ihn an ihr Gespräch über ihr, „den Männern nachgebildetes Leben“. Er erwidert, sein damaliger Freundesrat sei „Torheit, Anmaßung“ gewesen. Doch sie erklärt ihm, alles werde anders werden, sie sei „doch nur ein armes, schwaches Weib“, dem man gesagt habe, „sie [ertrage] den Himmel nicht.“ Jetzt erst entdeckt sie seine Wandlung: es schaut[-] sie nicht mehr ein Knabengesicht, sondern ein gespanntes, ernstes Männerantlitz an, „schimmernd in dem fremden Glanze des tiefsten Fühlens“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 26.. Auch sie ist verändert. Ein Blick der tiefen Demut „hingegeben, hilflos, willenlos.“ Sie küssen sich und „[d]er seligste Augenblick zweier Menschenleben [ist] gekommen, und – vorüber“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 27. Gustav kann an das neue Glück nicht glauben, vielleicht sei es nur ein Moment, ein Blitz, und er entschließt sich „wie ein starker Mann“, sogleich seine vorgenommene Reise anzutreten. Draußen wäre „eine andere Welt, andere Bäume, andere Lüfte – und [er] ein anderer Mensch“. Er würde ihr gerne sagen, „welch ein wundervoller Sternenhimmel in [seinem] Herzen ist, so selig, leuchtend, glänzend, als sollt [er] ihn in Schöpfungen ausströmen, so groß, als das Universum selbst“, und „wie grenzenlos, wie unaussprechlich, und wie ewig“ er sie liebt, aber er kann es nicht.zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 28.
Cornelia versteht Gustav. Zwar im gleichen Alter wie er, erkennt sie ihre unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Er steht erst, im Gegensatz zu ihr, am Anfang eines Reifungsprozesses als Mensch und als Künstler. Sie hatte die Liebe „vorzeitig aus ihm gelockt“. Sie sieht ihn „schimmernd schon von künftigem Geistesleben und künftiger Geistesgröße, und doch […] unbewusst der göttlichen Flamme, Genie, die um seine Scheitel spielt[-]“zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 28. und „sie meint[-] zu arm zu sein, um dieses Herz lohnen zu können“.zitiert nach: Adalbert Stifter: „Studien II“. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 29. Als er sich verabschiedet, hat sie nicht den Mut, ihn zu bitten, die Reise zu verschieben, und er hat nicht den Mut, zu bekennen, dass er lieber hier bliebe.