mini|hochkant=1.3|Kategorien werden gebraucht, um die Welt zu ordnen und zu verstehen; sie sind fundamental – aber bedenklich, wenn sie Abgrenzungen vorspiegeln, die so nicht existieren (etwa „Menschenrassen“), oder wenn sie falsche Vorstellungen bewirken (etwa „Naturvölker“)

Kategorisierung oder kategoriales Denken bezeichnet die kognitive Fähigkeit, unterschiedliche Entitäten (Gegenstände, Lebewesen, Vorgänge, Abstrakta) intuitiv zu sortieren und entsprechenden Sammelbegriffen (Kategorien) unterzuordnen. Diese Kategorien basieren auf bestimmten Ähnlichkeiten oder auf dem Abgleich mit dem theoretischen Vorwissen. Die Kategorienbildung ist ein fundamentaler Vorgang bei der Interpretation und Bewertung von Wahrnehmungsinhalten, dem Verständnis von Konzepten und Objekten, bei Entscheidungsprozessen und bei allen Arten der Interaktion mit der Umwelt.M. I. Jordan, S. Russel: Categorization. In: The MIT Encyclopedia of the Cognitive Sciences. MIT Press, Cambridge 1999, S. 104–106 (englisch). Demzufolge sind Kategorien die „Grundbegriffe unseres Denkens“.Franz Austeda: Kategorien. In: Lexikon der Philosophie. 6., erweiterte Auflage. Hollinek, Wien 1989, S. 184.

Die Bezeichnungen Kategorisierung und Klassifizierung werden häufig in gleicher Bedeutung benutzt – Klassifizierung steht jedoch im engeren Sinne eher für die bewusst geplante Ordnung von Wissen im Rahmen einer konkreten Betrachtung nach objektivierbaren, einheitlichen Kriterien (häufig in Mathematik, Naturwissenschaft und Technik).Hans Uszkoreit, Brigitte Jörg: Informationswissenschaft und Informationssysteme. Vorlesungsskript, Fachrichtung Allgemeine Linguistik, Universität des Saarlandes (PDF auf uni-saarland.de). Demgegenüber bezeichnet Kategorisierung eher den unbewussten, intuitiven oder tradierten Vorgang der Klassenbildung für beliebige Objekte oder Ereignisse der alltäglichen Wahrnehmung (siehe auch Mustererkennung). Diese universelle Fähigkeit wird in Philosophie, Psychologie, Ethnologie und anderen anthropologischen Wissenschaften als wesentliche Grundlage der menschlichen Kulturentwicklung betrachtet.Roland Posner: Kultur als Zeichensystem: Zur semiotischen Explikation kulturwissenschaftlicher Grundbegriffe. In: Aleida Assmann, Dietrich Harth (Hrsg.): Kultur als Lebenswelt und Monument. Fischer, Frankfurt am Main 1991, S. 37–74.Stephan Bühnen: Kultur und Kulturen. In: Ulrich Veit, Tobias L. Kienlin, Christoph Kümmel (Hrsg.): Spuren und Botschaften. Waxmann, Münster 2003, ISBN 3-8309-1229-3, S. 494–497.Johannes Dölling: Semantik und Pragmatik. Vorlesungsskript. Institut für Linguistik, Universität Leipzig (PDF auf uni-leipzig.de).

Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Klassen sind Alltagskategorien voller Ausnahmen: So müssen nicht alle Merkmale zutreffen, die eine Kategorie bestimmen, sondern nur eine hinreichend große Zahl (etwa: Strauße und Nandus können nicht fliegen, dennoch ordnen auch Kinder sie spontan den Vögeln zu).

Ein anschauliches Beispiel für den gezielten Einsatz der Kategorisierungsfähigkeit ist die Organisationsmethode des Mindmappings („Gedanken-Landkarte“).

Kategorie und Chaos mini|Leicht lassen sich Bäume den Kategorien „Laubbaum“ oder „Nadelbaum“ zuordnen – dagegen gehört ein „Palmenbaum“ offensichtlich in eine andere Kategorie mini|Im Mittelalter gehörten Fledermäuse als fliegende Tiere zur Kategorie „Vögel“

Die Fähigkeit der Kategorisierung – für die verschiedene Erklärungsmodelle existieren – setzt immer Abstraktion (Begriffsbildung) voraus. Jeder Mensch ordnet unwillkürlich jegliche Objekte der Wahrnehmung in bekannte Kategorien ein. Er kann dadurch adäquat auf eine Situation reagieren, sich produktiv mit seiner Umwelt auseinandersetzen und effizienter kommunizieren: Solche Kategorien ermöglichen uns unter anderem, potentielle Gefahren schnell zu erkennen (z. B. die Kategorien: „Schlangen“, „Raubtiere“, „Waffen“) und anderen Menschen etwas über unsere eigene Wahrnehmung mitzuteilen.

Verhaltensbiologen gehen heute davon aus, dass auch Tiere wie beispielsweise Menschenaffen,R. Leakey, R. Lewin: Der Ursprung des Menschen. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 303–304. PferdeE. B. Hanggi, J. F. Ingersoll: Long-term memory for categories and concepts in horses (Equus caballus). In: Animal Cognition. 12(3) 2009, S. 451–462. oder gar TaubenPerspektiven: Tauben als Kunstkenner: Monet oder Picasso? In: FOCUS Magazin. Nr. 18, 29. April 1995. bereits mentale Kategorien bilden können.

Alltagskategorien bringen Ordnung in das Chaos und reduzieren die Unendlichkeit der Welt auf ein fassbares Maß. Dabei ist es unerheblich, ob diese gedachte Ordnung tatsächlich der Realität entspricht (wie z. B. die jahrhundertelange Zuordnung der Fledermäuse zu den Vögeln);Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg: Nachtschwärmer – Fledermausschutz in Brandenburg. Potsdam 2008. entscheidend ist ihre Tauglichkeit für das Überleben. Die Gesamtheit unserer Kategorien bildet ein stark vereinfachtes, wohl geordnetes Modell der Wirklichkeit: Das gilt für das hochkomplexe Theoriengebäude der modernen Wissenschaft, für die „Daumenregeln des Alltags“Expertenentscheidungen: Gekonnt einfach! Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, 31. Juli 2013, abgerufen am 10. September 2014. und ebenso für das mythisch-magische Denken traditioneller, indigener Kulturen.Claude Lévi-Strauss: La pensée sauvage. 1962. (Deutsche Ausgabe: Das wilde Denken. Übersetzung von Hans Naumann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968).

Mentale Kategorien existieren häufig in Form von komplementären Begriffspaaren (Dichotomien), die je nach kulturellem Hintergrund als unvereinbare Gegensätze oder als sich gegenseitig bedingende „Gegenspieler“ bzw. wechselnde Zustände aufgefasst werden.Hanna Rheinz: Die manipulierte Seele. Thieme, Stuttgart 1995, S. 90, 107. Durch die Allgegenwart solcher Dichotomien (wahr ↔ falsch, lebendig ↔ tot, alt ↔ jung, schwarz ↔ weiß, Nord ↔ Süd, Mensch ↔ Tier, Diesseits ↔ Jenseits, Natur ↔ Kultur usw.) in den unterschiedlichsten Kulturen bezeichnete sie der Ethnologe Claude Lévi-Strauss als Grundmuster jeglicher Kategorisierung. Dass dabei eine Vielzahl von Gegensätzen einer logischen Prüfung nicht standhalten und lediglich „Gegenworte“ (Antonyme) ohne realen Hintergrund sind (wie Hund/Katze oder Hemd/Hose), spielt dabei keine Rolle, sondern bekräftigt eher die Vorstellung eines beim Menschen „angeborenen Dualismus´“.Richard Dawkins: Der Gotteswahn. 10. Auflage. Ullstein, Berlin 2011, S. 250. In vielen philosophischen Schulen der Antike (z. B. bei Heraklit und Parmenides),Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. dtv, München 1994, S. 26. der Neuzeit (Descartes, Schelling, Jaspers, Heidegger, Sartre, Popper u. a.) und vor allem in den fernöstlichen Weltanschauungen (z. B. Yin und Yang im Daoismus,Alan Watts: Der Lauf des Wassers. 1. Auflage. Suhrkamp, München 1983, S. 43–44, 51–52, 63. Hinduismus oder Buddhismus) spielen dichotome Leitkategorien eine herausragende Rolle.

Arten von Kategorien In der Psychologie werden nach der Art und Weise der Zuordnung verschiedene Systeme von intuitiven Kategorien unterschieden. Eine wichtige Unterscheidung wird dabei zwischen Kategorien für Lebewesen und für tote Gegenstände gemacht. Die Zuordnung zu Lebewesen basiert vor allem auf nicht-sichtbaren Merkmalen (dem angenommenen inneren Wesen), weniger auf der äußeren Erscheinung. Dies wird insbesondere bei der Zuordnung von Menschen zu bestimmten Kategorien wie z. B. „Christen“ oder „Studenten“ deutlich. Leblose Objekte – insbesondere kulturelle Artefakte – werden hingegen ausschließlich nach äußerlichen- und funktionalen Merkmalen einsortiert.

Objekte, die sich augenscheinlich nicht in eine Kategorie einordnen lassen, galten in sehr vielen Kulturen als Manifestationen des Bösen, des unberechenbaren Chaos. Zu dieser „Kategorie der Nichtkategorie“ gehören beispielsweise Tiere wie die Schlange, der Drache oder das Krokodil in ihrer mythologischen Symbolik.

Kategorien, die weitreichende Teile der Welt in einem Begriff zusammenfassen, nennt man Leit- oder Metakategorien. Sie sind noch weit stärker als einfache Begriffe Indikatoren für die typischen Denkstrukturen in einer Kultur. Leitkategorien in Industriegesellschaften sind beispielsweise die Dichotomien „Ordnung ↔ Chaos“, „Kultur ↔ Natur“; sowie die Begriffe „Fortschritt“, „Vernunft“, „Kontingenz (Alles ist möglich)“Max Fuchs: Pädagogik und Moderne: Studien zu kulturellen Grundlagen der Erziehungswissenschaft. Herbert Utz Verlag, München 2013, S. 210. oder „Abfall“ (im Sinne von nutzlosen Objekten oder Menschen)Matthias Junge, Thomas Kron (Hrsg.): Zygmunt Bauman: Soziologie zwischen Postmoderne, Ethik und Gegenwartsdiagnose. 3. Auflage. Springer, Wiesbaden 2014, S. 5.

Kategorienwandel mini|Eine Leitkategorie der Postmoderne ist der „Abfall“: bezogen auf Güter und Verpackungen, aber auch auf gescheiterte Menschen. Er steht für die Dinge, die sich nicht mehr ins System integrieren lassen, für die Kehrseite des Wohlstandes

Da Kategorien nur ein Modell der Wirklichkeit darstellen, ist es unvermeidlich, dass sich Zuordnungen aufgrund neuer Erkenntnisse wandeln (Beispiel: Fledermaus und Biber werden heute nicht mehr den Vögeln bzw. Fischen zusortiert, sondern den Säugetieren).

Veränderungen bei den Leitkategorien spiegeln zudem den mehr oder weniger schnellen Kulturwandel jeder Sozietät wider (siehe auch Soziokulturelle Evolution). So wird die Kategorie „Fortschritt“ seit dem Übergang von der Moderne zur Postmoderne zunehmend kritisch gesehen. Ein weiteres Beispiel – das für viele Diskussionen gesorgt hat – ist der Wandel der Sammelbezeichnung „Naturvölker“: Diese wissenschaftliche Klasse des 19. Jahrhunderts wurde als Gegenbegriff zu den sogenannten „Kulturvölkern“ gesehen und beruhten auf der (falschen) Vorstellung, die Europäer würden im Gegensatz zu anderen Völkern die Natur beherrschen. Mit der veränderten Bedeutung des Kulturbegriffes im 20. Jahrhundert wurde die Klasse „Naturvölker“ in der Wissenschaft aufgegeben. Im allgemeinen Sprachgebrauch existiert die Bezeichnung jedoch als konventionelle Kategorie weiter, die heute nicht mehr mit einer (negativ konnotierten) angeblichen Kulturlosigkeit in Verbindung gebracht wird, sondern mit der (positiv konnotierten) naturverbundenen Lebensweise der so genannten Menschengruppen.

Erklärungsansätze

Die Klassische Ansicht Die klassische Aristotelische Ansicht ist die, dass Kategorien diskrete Entitäten sind, die durch eine Menge an Eigenschaften charakterisiert werden, die all ihren Elementen gemeinsam sind. Es wird angenommen, dass dies die Bedingungen bilden, die sowohl notwendig als auch hinreichend für die Erfassung von Bedeutung sind.

Kognitionswissenschaftliche Perspektive In den 1970er Jahren wurde durch die Forschung von Eleanor Rosch und George Lakoff die Idee verbreitet, dass Kategorisierung als ein Prozess angesehen werden kann, der auf Prototypen basiert. Die Prototypensemantik geht davon aus, dass die idealen Kategorisierungen nie exakt stattfinden, sondern sich nur einem abstrakten Prototypen graduell annähern können.

Hierarchische Ordnung mini|Die Kategorien der obersten Abstraktionsebene im chinesischen Yin-Yang-Symbol: Die Welt erscheint uns durch und durch zweigeteilt, komplementär, gegensätzlich