mini|Hauptorgel auf der Westempore (Walcker-Zeilhuber-Lenter 1865/1940/2020) mini|Grundriss von St. Lorenz; links das Langhaus mit der Westempore, rechts das Oktogon, Standort von Marienorgel und Laurentiusorgel Die katholische Stadtpfarrkirche und Basilika St. Lorenz, Pfarrei in Kempten im Bistum Augsburg, verfügt über vier Orgeln und ein transportables Positiv.
Die Hauptorgel auf der Westempore (III/P/64) geht auf ein Instrument von Eberhard Friedrich Walcker aus dem Jahr 1866 zurück, das 1938 bis 1940 von Josef Zeilhuber erweitert und von 2018 bis 2020 von der Firma Lenter umgebaut und neu intoniert wurde. Die 2021 eingeweihten Chororgeln befinden sich auf den Musikemporen im Oktogon hinter spiegelbildlichen Gehäusen aus den 1730er Jahren: Nördlich die klassizistische Marienorgel (Orgelbau Lenter, II/P/18), südlich die Laurentius-Orgel (Orgelbau Rowan West, I/P/13) mit hochbarockem Charakter. Die Krypta-Orgel, eine ehemalige Hausorgel, stammt aus der Werkstatt von Klaus Grüble (Kerpen). Zudem besitzt die Basilika eine Truhenorgel der Firma Plum (Marbach/Neckar).
Baugeschichte
Neubau der Chororgeln zwischen 1730 und 1740 Nach dem von 1651 bis 1670 dauernden Wiederaufbau von Kloster und Kirche durch die Architekten Michael Beer und Johann Serro († um 1670) wurden 1681 die ursprünglich nicht geplanten Musikemporen im Chorraum eingezogen. Sie wurden zwischen 1730 und 1740 von einem unbekannten Meister mit zwei Orgeln versehen, deren spiegelbildliche Gehäuse bis heute erhalten sind.
Evangelienseite – Nordorgel Manual C–c3Principal 8′Gedackt 8′Gamba 8′Octav 4′Flöte 4′Superoktav 2′Waldflöte 2′Quint ′MixturZimbelPedal C–?Subbass 16′Octavbass 8′Violonbass 8′Quintbass 6′
Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur Stimmung im „Chorton“
Epistelorgel – Südorgel
Manual C–c3Principal 8′Copel 8′Gamba 8′Quintatön 8′Octav 4′Flauto 4′Superoktav 2′Quint ′MixturZimbelPedal C–?Subbass 16′Octavbass 8′
Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur Stimmung in „Normaltonhöhe“
1855 stellte die Kirchenverwaltung einen Antrag auf Finanzierung eines Orgelneubaus an die Regierung von Schwaben und Neuburg. Das von der Pfarrei mit einem Kostenvoranschlag des Ludwigsburger Orgelbauers Eberhard Friedrich Walcker, einem ProspektentwurfProspektentwurf, Abbildung Walcker, abgerufen am 31. Januar 2022. und einen Finanzierungsplan für die Gesamtkosten von 9155 Gulden vorgelegte Gutachten ignorierten die Behörden. Sie ließen ihrerseits ein Gutachten von Chorregent Seitz aus St. Mang, Kempten, über den gegenwärtigen Zustand der Chororgeln erstellen. Seitz sah einen Neubau als unumgänglich: Die Evangelienorgel war schon länger unbrauchbar, an der Epistelorgel zu spielen war laut Seitz, statt in einer Kirche „in einem Eisenhammer“ zu sein. Wenn ein Neubau in Frage kommen sollte, dann wäre der sinnvollste Platz auf einer neu zu errichtenden Westempore. Bis zur Säkularisation hatten die Chororgeln vornehmlich die Aufgabe, die Gottesdienste der Chorherren zu begleiten. Für die Begleitung einer außerhalb des oktogonalen Kuppelraums singenden Gemeinde war ihr Klang im Hauptschiff zu wenig präsent. So genehmigte die Regierung 1864 den Orgelneubau für 9000 Gulden, steuerte 4000 Gulden staatliche Zuschüsse bei und übernahm die Kosten von 2400 Gulden für den Bau einer Westempore.
Der Entwurf des neuen Instruments wurde von den Münchner Professoren Carl Emil von Schafhäutl (Gutachter für die Regierung von Oberbayern von 1851 bis 1887) und Andreas Michael Wohlmuth abgesegnet, mit der spitzen Bemerkung, dass ein bayerischer Orgelbauer dieselbe Orgel hätte beträchtlich billiger bauen können. Zudem rügten sie, dass die Stimmung der Orgel auf Orchestertonhöhe liegen sollte.
Neubau der Hauptorgel durch Walcker 1866 Die Empore war im Herbst 1865 vollendet, während eine Aufstellung der Orgel sich wegen Erkrankung Walckers bis Februar 1866 verzögerte. Zur selben Zeit baute die Firma Steinmeyer aus Oettingen in der evangelischen St. Mang-Kirche ebenfalls ein neues Instrument (II/28). Im Abnahmebericht vom 8. März 1866 bezeichneten die beiden Gutachter Johann Gualbert Wälder, Langerringen, und der Augsburger Domkapellmeister Karl Kempter den Neubau in St. Lorenz als „höchst gelungenes, durchaus gediegenes Meisterwerk“. Einziger Tadel: Die Empore sei zu hoch angesetzt, weswegen der Orgelklang zu indirekt in den Raum ströme.Franz Lehrndorfer: Über Orgelbau in der Stifts- und Pfarrkirche St. Lorenz in Kempten. In: Allgäuer Geschichtsfreund. 49, 1942, S. 47.
I Manual C–f3Principal 16′Principal 8′Gamba 8′Flöte 8′Gedeckt 8′Dolce 8′Quinte ′Oktave 4′Rohrflöte 4′Gemshorn 4′Quinte ′Oktav 2′Mixtur V ′Scharf III ′Trompete 8′II Manual C–f3Bourdun 16′Principal 8′Gedeckt 8′Salicional 8′Aeoline 8′Traversflöte 4′Kleingedeckt 4′Spitzflöte 4′Nasard ′Flautino 2′Cornett VFagott 8′Pedal C–d1Principal 16′Subbass 16′Violonbass 16′Quintbass ′Oktavbass 8′Violoncello 8′Flötenbass 4′Posaune 16′Fagottbass 8′
Koppeln: II/I, I/P, II/P, III/P Spielhilfen: Feste Kombinationen: Piano, Mezzoforte, Tutti Kegelladen, mechanische Spiel- und Registertraktur
1888 reinigte der Kemptener Orgelbauer Josef Fritz die Orgel. Die Gebrüder Hindelang aus Ebenhofen besorgten 1897 eine größere Reparatur, versetzten 1904 das ganze Instrument an die Westwand und bauten ein elektrisches Gebläse ein. Dasselbe Unternehmen reinigte 1911 und reparierte 1916 erneut, wobei die Trompete 8′ im Hauptwerk ausgetauscht wurde. 1917 wurden die Prospektpfeifen zu Kriegszwecken abgeliefert und durch Hindelang ersetzt. Orgelbauer Zitzmann, Kempten, reinigte das Instrument 1925.
Umbau und Erweiterung der Hauptorgel durch Zeilhuber 1938 bis 1940 mini|Prospekt der Hauptorgel (Aufnahme 2016) Chordirektor Franz Xaver Lehrndorfer befand die Orgel bereits in den 1930er Jahren in schlechtem Zustand: „Während der Heizperiode waren oft von den 36 Registern nur mehr 5 halbwegs verwendbar. Im Frühjahr erholte sich zwar das Werk immer wieder, aber die ganze Mechanik hatte mit der Zeit doch so Schaden gelitten, daß sie nie mehr normal funktionierte.“ Der um ein Gutachten gebetene Augsburger Domkapellmeister Cassian Reiser sprach bei seiner Besichtigung von einer „Leichenschau“. Hinzu kamen zeitbedingte Wünsche nach einer Veränderung des Klangbilds, zu mehr „Klangdifferenzierung, wie sie das Ideal einer Barockorgel war und in unserer Zeit wieder von einem selbständigen Orgelwerk verlangt wird“. Die alte Orgel besitze „zu wenig Spielhilfen“ und konnte „den Ansprüchen moderner Orgelkompositionen nicht annähernd gerecht werden“.Franz Lehrndorfer: Über Orgelbau in der Stifts- und Pfarrkirche St. Lorenz in Kempten. In: Allgäuer Geschichtsfreund. 49, 1942, S. 48.
In einem von Lehrndorfer angeregten Gutachten beschreibt Josef Zeilhuber die Walcker-Orgel als „vor Jahrzehnten gewiss ... ganz bedeutendes“ Orgelwerk, das „heute noch brauchbare Kegelwindladen und zum grössten Teil gut erhaltenes Pfeifenwerk aufweist“. Als Gründe für den Umbau führt er an, der Platz für Pfeifen und Windladen wäre „an und für sich sehr beschränkt“, und „die komplizierte Mechanik“ trage dazu bei, dass es unmöglich sei, an viele Teile der Orgel zu gelangen, weshalb auch die Stimmung sehr schwierig sei. Wie Lehrndorfer sah Zeilhuber vor allem die Heizung als Verursacher der gravierenden technischen Probleme und empfahl neben der Vergrößerung den Umbau auf Pneumatik, da diese nicht nur leichtere Spielart und alle neuzeitlichen Spielhilfen biete, sondern auch weitaus weniger klimaempfindlich sei.Josef Zeilhuber: Beschreibung, Disposition und Berechnung über den Umbau und Vergrößerung der Orgel in der Katholischen Stadtpfarrkirche in Kempten (Allgäu). 1. März 1932.
Der spätere Anschluss einer Chororgel, auch als „Fernwerk“ bezeichnet, wurde ebenfalls vorbereitet. Hierfür waren im neuen Spieltisch der Hauptorgel „18 Drücker für Chororgel und Fernwerk“ vorgesehen, und im ausführlichen Werkverzeichnis des Zeilhuber-Archivs findet sich für das Jahr 1941 [sic] ein offenbar der Zeit vorauseilender Eintrag:Neubau der zwei Chororgeln der St. Lorenz Kirche in Kempten/Allgäu. Die Chororgeln besitzen 2 Manuale und 1 Pedal mit 27 klingenden Registern. Elektrische Traktur mit zwei elektrischen Gebläsen. Die Verbindung von der Hauptorgel aus ist vorgesehen. Ebenso soll das Plenum der Hauptorgel von den Chororgeln aus gespielt werden können. Die Chororgeln werden in die zwei oben erwähnten [?] Gehäuse eingebaut. Das erste Manual und das Pedal kommen auf die Epistelseite und das zweite Manual als Schwellwerk auf die Evangelienseite zu stehen. Hier wird auch der bereits angelieferte Spieltisch aufgestellt.Firmenarchiv Zeilhuber, Akte Kempten St. Lorenz.
I Manual C–a3Principal 8′Gamba 8′Koppel 8′Quintatön 8′Flauto dolce 8′Oktave 4′Flöte 4′Superoktav 2′Cornett-Mixtur IV–V ′Cimbalo ′II Manual C–a3Liebl. Gedeckt 16′Hohlflöte 8′Gemshorn 8′Dulciana 8′Principal 4′Rohrgedeckt 4′Rauschquinte ′Nachthorn 2′Mixtur 1′Vox humana (schwellbar) 8′TremulantPedal C–f1Principal 16′Subbass 16′Zartbass 16′Oktav 8′Choralbass 4′Pedalmixtur IV–V 2′
Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P Spielhilfen: Freie Kombination, Registerschweller, Pedalpiano II. Man., Crescendo ab, Handregister an Crescendo, Vox humana ab, Tutti Chororgel, Tutti Hauptorgel Kegelladen, elektrische Spiel- und Registertraktur
Die Chororgel sollte ein auf Epistel- und Evangelienseite verteiltes Ensemble und in sich eine Kombination von Barockorgel und schwellbarem Fernwerk ergeben. Die Gehäuse sollten denkmalpflegerisch konserviert werden. Mit dem Ausbau der Chororgeln wäre zudem ein liturgisch-praktisches Problem beseitigt worden, das sich durch die besondere Architektur des Kirchenraums von St. Lorenz ergibt: Die Hauptorgel auf der Westempore vermag zwar den Langhausraum bis zur Chorschranke zu füllen, die Verengung zwischen Langhaus und Chor-Oktogon behindert jedoch eine Klangausbreitung erheblich. In der Zeit vor dem II. Vatikanischen Konzil wurden die Gottesdienste am Hochaltar zelebriert, der sich an der Ostwand des Chor-Oktogons befindet. Die mitfeiernde Gemeinde nahm dabei auch im Chorraum Platz und hörte dort die Westorgel nur sehr indirekt. Die wieder aktivierten Chororgeln hätten diesen akustischen Nachteil ausgleichen und im gemeinsamen Spiel mit der Hauptorgel die im Chorraum singende Gemeinde gut erreichen können. Das Projekt blieb kriegsbedingt unvollendet.
Die Hauptorgel wies nach dem Umbau folgende Gestalt auf:
I Hauptwerk C–a3Principal 16′Prinzipal 8′Gedeckt 8′Gamba 8′Schweizerpfeife 8′Dolce 8′Oktave 4′Rohrflöte 4′Spitzflöte 4′Quinte 8′Oktave 2′Mixtur V ′Scharf IV ′Trompete 8′Clairon 4′II Nebenwerk C–a3Bordun 16′Principal 8′Gedeckt 8′Flöte 8′Unda maris 8′Salicional 8′Quintatön 8′Prinzipal 4′Traversflöte 4′Zartflöte 4′Nasard ′Flautino 2′Terz ′Mixtur IV 2′Cimbel IV 1′Rankett 16′Oboe 8′Regal 4′III Schwellwerk C–a3Oberoktav ausgebautNachthorn 16′Geigenprinzipal 8′Soloflöte 8′Fernflöte 8′Gemshorn 8′Vox coelestis 8′Prinzipal 4′Bachflöte 4′Kleingedeckt 4′Quinte ′Flachflöte 2′Terz ′Septime ′Sifflöte 1′Kornett III–V Gruppenzug 4′Cimbel IV ′Fagott 16′Horn 8′Clarine 4′Rohrschalmey 4′Pedal C–f1Principal 16′Violonbass 16′Subbass 16′Zartbass 16′Quintbass ′Oktavbass 8′Gedecktbass 8′Violoncellobass 8′Flötenbass 4′Prinzipalbass 2′Pedalmixtur VI Posaunenbass 16′Trompetenbass 8′
Koppeln: II/I, III/I, III/II, Oberoktav III/I, Unteroktav III/I, I/P, II/P, III/P Spielhilfen: Zwei freie Kombinationen als Tästchen über der Handregistratur, Registertasten mit Nummern versehen. Jedes Manual und Pedal eigens zum Einschalten mit Druckknöpfen, dazu Generalkombination I und II. Registerschweller als Walze mit Anzeiger, Schwelltritt für III. Manual, Schwelltritt für Schwellwerk Chororgel. Zungeneinzelabsteller. Druckknöpfe für: Crescendo ab, Tutti, Pedalpiano (für II. und III. Manual, kann im Spieltisch eingestellt werden), Handregister aus Crescendo. Tritte für Normalkoppeln, freie Kombinationen, Chororgel an, I. Man. ab