mini|Ferdinand Georg Waldmüller: Adalbert Stifter (1830) Zwei Schwestern ist der Titel einer Erzählung von Adalbert Stifter. Die erste Fassung Die Schwestern erschien 1845,in: Iris. Taschenbuch für das Jahr 1846. Hrsg.: Johann Graf Mailáth. 7. Jg. Verlag Heckenast, Pesth. S. 335–444. Werkverzeichnis. http://adalbertstifter.at/Werke.html die zweite erweiterte 1850.in: Studien Bd. 6. Werkverzeichnis. Erzählt wird die Begegnung des Protagonisten Otto Falkhaus mit zwei unterschiedlichen Schwestern, der Künstlerin Camilla und der Landwirtin Maria, und seine Suche nach einem die Antithetik von Kunst und natürlichem kultivierten Landleben verbindenden vernünftigen Lebensweg.

Inhalt Überblick Der Erzähler stellt sich in der Einleitung als Freund Otto Falkhaus‘ vor, dessen Geschichte er nacherzählt und herausgegeben hat.Adalbert Stifter: Studien II. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg 1956, S. 419–574. Im Mittelpunkt steht der Besuch des Protagonisten bei der Familie seines Freundes Franz Rikar auf seinem kleinen Landgut im an den Gardasee grenzenden Gebirge (3. Kapitel Reisebesuch). Das zweite Kapitel Reisefreunde erzählt die Vorgeschichte: Die Entstehung der Freundschaft der beiden Männer in Wien und ihr gemeinsamer Besuch eines Violinkonzerts der Schwestern Milanollo. Beide Männer stehen an einem Wendepunkt ihres Lebens. Falkhaus bewirbt sich nach dem Tod der Eltern und nach dem Schwund seines Erbes um eine Anstellung, Rikar führt einen Vermögensprozess. Beide haben, wie im 3. Kapitel deutlich wird, keinen Erfolg und müssen sich neu orientieren: Rikar zieht sich mit seiner Familie von Meran auf einen heruntergekommenen Berghof am Gardasee zurück. Seine Tochter Maria kann durch Neuerungen in der Landwirtschaft die finanzielle Situation verbessern und den Betrieb ausbauen. Falkhaus arbeitet sich erfolgreich in Handelsgeschäfte ein und erbt von einer Tante den Gutshof „Treulust“. Nachdem er nun reich geworden ist, leistet er sich eine Pause für die ersehnte Italienreise.

Auf dem Weg in den Süden besucht Falkhaus seinen Freund Rikar an seinem neuen einsamen Wohnort in einem Hochgebirgstal. Dessen beide Töchter, die zarte Violinistin Camilla und die bodenständige Landwirtin Maria, verkörpern für ihn den ihm bekannten Kontrast zweier Lebensweisen. Er bleibt einige Zeit Gast des „Haidehauses“, wandert mit der Familie im Gebirge, informiert sich über Marias Methoden der Bodenverbesserung, des Gemüse- und Obstanbaus und des Verkaufs der Früchte in die Region, wodurch sie das Leben finanziert und das einfache Bauernhaus ausbaut und ausstattet. Unterstützt wurde Maria durch den Nachbarn, den Reformbauern Alfred Mussar, der während Falkhausens Aufenthalt von einer Reise zurückkehrt und ihm seine Muster-Landwirtschaft zeigt. Als er bei den Eltern um Maria wirbt und diese ablehnt, wird die Freundschaft der Personen auf die Probe gestellt. Maria weiß nämlich, dass ihre Schwester Mussar insgeheim liebt und an der Zurücksetzung zerbrechen würde.

Falkhaus beendet nun seinen langen Aufenthalt bei den Freunden und reist durch Italien. Doch seine hohen Erwartungen an das Reiseerlebnis erfüllen sich nicht, denn er muss immer an Maria denken und beschleunigt die Rückkehr nach „Treulust“. Nach zwei Jahren besucht er erneut die Familie Rikar. Mussar hat inzwischen, von Maria geleitet, Camilla geheiratet. Falkhaus getraut sich nicht, Maria gegenüber seine Zuneigung zur Sprache zu bringen, denn er vermutet, dass das charakterlich starke Mädchen nicht ihn liebt, sondern „ein anderes Bild in sich“ trägtzitiert nach: Adalbert Stifter: Studien II. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg 1956, S. 573. und durch ihre Aufgaben in der Landwirtschaft mit dem Leben allein zurechtkommt. So reist er ab und will, trotz ihrer Einladung, nicht mehr in den Haidehof zurückkehren. Er hatte offenbar nur die Möglichkeit einer harmonischen Beziehung sehen dürfen: „Ich sollte nur erkennen, was einzig schön und göttlich ist, um es dann auf ewig ferne zu haben.“zitiert nach: Adalbert Stifter: Studien II. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg 1956, S. 574.

Im kurzen Nachwort berichtet der Erzähler von Falkhaus‘ Meinungsänderung. Er hat jetzt die Hoffnung, dass Maria seine Frau wird und sie zahlreiche Kinder haben werden. Der Erzähler ist zuversichtlich: „[S]ie werden ein festes, reines, schönes Glück genießen.“

1. Vorwort Der Erzähler hat als Freund der Hauptfigur Otto Falkhaus dessen Geschichte mit ihren vielen Zufällen nacherzählt und herausgegeben, um „Seelen- und Menschenforscher[n]“ zu zeigen, wie sein Freund, der selber „in seiner Jugend eine einseitige Bildung seiner Geisteskräfte erhalten hatte“, von der Familie Rikar und „der großen innern Grundverschiedenheit“ ihrer Töchter „eine Umdüsterung seiner Seele fort trug, die er wohl durch die Stärke und Heiterkeit seines Geistes, welche er sich in späteren Jahren erwarb, überwunden haben wird.“zitiert nach: Adalbert Stifter: Studien II. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg 1956, S. 419.

2. Reisefreunde Der Erzähler beginnt mit der Bekanntschaft des jungen Otto Falkhaus mit dem älteren, meist trübsinnigen Franz Rikar in einer Reisekutsche, in der auch die Schwestern Milanollo sitzen.

Nach einiger Zeit treffen sich die beiden wieder in Wien und leben für drei Wochen im Gasthof zur Dreifaltigkeit in zwei benachbarten Zimmern. Wegen seines Aussehens und seines schwarzen Frackes wird Rikar Paganini genannt. Später erfährt Falkhaus, dass Rikar sich seit dem Tod seines 20-jährigen Sohnes schwarz kleidet und dass seine Tochter Camilla eine begabte Violinistin ist. Die Freundschaft der beiden Männer entsteht durch einen gemeinsamen, zufälligen, Besuch eines Violinkonzerts der als Wunderkinder bekannten Theresa und Maria Milanollo im Josephstädter Theater. Vor allem das gefühlvolle Spiel der ca. 14-jährigen Theresa beeindruckt die Zuschauer und Rikar ist zu Tränen gerührten und sagt mehrmals: „Ach, du unglücklicher Vater“. Falkhaus ist zu rücksichtsvoll, um nach dem Zusammenhang zu fragen, und erfährt deshalb die Hintergründe der Familiengeschichte erst nach und nach.

Beide Männer stehen in Wien an einem Wendepunkt ihres Lebens: Ottos Sozialisation ereignete sich im Spannungsfeld zwischen der von seiner Mutter geförderten „Einbildungskraft“ und dem Pragmatismus seines Vaters und des Oheims, eines Kaufmanns. Otto erhielt z. B. Zeichen- und Geigenunterricht. Nach dem Tod der Eltern setzte sich die Kreativität einseitig durch, der Kompromiss gelang nicht und Otto verlebte das kleine ererbte Vermögen und muss sich nun in Wien um eine Anstellung bemühen. Auch Rikars Finanzen sind gefährdet. Seine Südtiroler Eltern betrieben in Mailand Seidenhandel. Dort wuchs Franz auf, heiratete Victoria und erzog mit ihr drei Kinder. Nachdem seine Eltern gestorben waren, musste er einen kostspieligen Vermögensstreit mit Verwandten führen und mit der Familie nach Meran umziehen. Nun wird der Prozess in Wien entschieden. Beide haben keinen Erfolg und müssen sich neu orientieren.

3. Reisebesuch Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Otto Falkhaus ist durch Handel nach dem Vorbild seines Onkels zu Wohlstand gekommen. Nachdem ihm seine Tante ihr Gut „Treulust“ vererbt hat, kann er es sich erlauben, aus dem gleichförmigen Arbeitsalltag für eine gewisse Zeit auszusteigen und seine lange geplante Italienreise zu verwirklichen. In Meran will er seinen Freund „Paganini“, von dem er lange nichts mehr gehört hat, besuchen, doch man teilt ihm mit, er sei in die Nähe von Riva am Gardasee gezogen. Falkhaus ändert daraufhin seinen Reiseplan. Auf seiner Fahrt hat das Erlebnis der Gebirgsnatur einen „wohltätigen Einfluss“ auf ihn, er vergisst das „gleichmäßige Einerlei“ der Landwirtschaft und das „ewige Betrachten des Getreidewachsens“. Auch macht er sich Gedanken über die Menschen, die über Einzelheiten das Wesentliche vergessen, während doch das Gegenwärtige, wie die Weltgeschichte zeige, das Vorübergehende sei.zitiert nach: Adalbert Stifter: Studien II. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg 1956, S. 444 ff. Da in Riva der Name Rikar unbekannt ist, sucht Falkhaus die Umgebung ab. Er heuert den Fährmann Gerardo an und sucht die Siedlungen am Seeufer ab. Schließlich erkennt ein Hirtenjunge nach der Personenbeschreibung den Freund und zeigt ihm den Weg durch eine Schlucht zum Berghaus des Hieronimus Rüdheim, anschließend führt der Steig zur Hochfläche und dann in ein Tal, in dem das einsame Landgut Rikars liegt. Falkhaus wird freundlich aufgenommen und zu einem langen Aufenthalt eingeladen.

Das Haidehaus Nach und nach erfährt Falkhaus das Schicksal der Familie. Nach dem Verlust des Vermögens blieb Rikar nur die Zuflucht zum heruntergekommenen Berghof des Großvaters. Da er zu krank war, um arbeiten zu können, musste er, um das Leben bestreiten zu können, alle Wertgegenstände verkaufen. Seine Frau Victoria versuchte die begabte Geigenspielerin Camilla zu überreden, Konzerte zu geben, aber das introvertierte, nur für sich selbst spielende Mädchen hatte Hemmungen, öffentlich aufzutreten. In dieser Situation rettete die tatkräftige Tochter Maria die Familie. Sie verwandelte mit Unterstützung des in modernen Anbaumethoden erfahrenen Nachbarn Alfred Mussar das kleine Landgut in eine Pflanzenwirtschaft: Bodenverbesserung, Gewächshäuser, Gemüse-, Wein- und Obstanbau, Veredelung, Blumenzucht. Mit Maultieren transportierte man die Früchte, Setzlinge und Samen in das Umland und verkaufte sie. Rikar wurde wieder gesund und konnte mitarbeiten. Da sich die gute Qualität herumsprach, kam die Familie allmählich in den letzten sechs Jahren zu Wohlstand und renovierte, erweiterte und verschönerte das Haus und die Gartenanlage.

Falkhaus ist von dieser großen Gärtnerei und dem Pioniergeist Marias beeindruckt Auf Wanderungen mit der Familie durchs kahle Gebirge wird ihm deren Ausnahmesituation am Rand der Gesellschaft bewusst: „Welche Einsamkeit! Wie eine Insel lag das weiße übertünchte Haus mit dem Grün seiner Bäume und Gemüse in dem allgemein grau blau und violett duftenden Grunde […] Und über das Ganze war ein so tiefes Schweigen ausgebreitet, dass gerade die Feierlichkeit der Öde durch dieses menschliche Haus eher vermehrt, als vermindert wurde.“zitiert nach: Adalbert Stifter: Studien II. Hrsg.: Max Stefl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963. Nachdruck der Ausgabe des Adam Kraft Verlags Augsburg 1956, S. 497 ff.

Die Schwestern